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Der Israelit · 1935-11-21 · Heft 47 (21.11.1935) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 47 (21.11.1935)
Date
1935-11-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 47 1935 Die unbezahlte Rechnung* Novelle von Alice Landsberg in Wiesbaden» (Fortsetzung.) Moische drehte sich um nach der Türe und blieb dort vor dem starren Holz stehen, das ihm nachgiebiger schien als dieser Mensch dort hinten. Als er sich nochmals umwandte, begegnete er dem neugierigen Blick des Mannes, und das Blut strömte in einem Augenblick gegen seine Stirne, die sich purpurn färbte. „Seien Sie versichert, mein Herr, Ihre Rechnung werde ich bezahlen, wie ich nie eine unbezahlte Rechnung unbeglichen lasse . . ." Erst jetzt verließ er ganz den Raum und wartete draußen vor der Türe, daß der Herr ihm nachstürzte und ihn wegen der versteckten Drohung mißhandelte. Doch blieb alles still, und langsam ging auch Moische aus dem Haus ... Er hatte recht. Hierzulande wohnten nur arme Juden. Als er mit einem Tagespäckchen beladen zu seinen Glaubensgenossen kam, empfingen sie ihn gedrückt und müde. Er 'hockte an ihren Tischen, betete mit ihnen und sprach über die Zeiten, aber nicht von seiner großen Sorge. Geld fand er nirgends im Ueberfluß. Not zur Genüge und hierzu noch den Kummer einer Absage an den frommen Moische zu laden, fiel ihm schwer. Deshalb wanderte er weiter. Seine Füße wurden bleiern und sein Kopf gebeugter. Jeder Schritt war 'hart und 'beschwerlich, weil er einen - Bittgang und eine Kette endloser Sorgen bedeutete. Denn die bezahlte Schuld zog eine unbezahlte nach sich. Mußte er sich doch das Geld leihen, abbezahlen mit großen Zinsen, ewig daran tragen im Leben! Er kam endlich in eine Stadt, von der er wußte, daß hier ein reicher jüdischer Kaufmann wohnte, der Geld verlieh. Unverzüglich suchte er ihn auf und fand seinen reichen Glaubensgenossen ähnlich wie jenen grausamen Gutsherrn hinterm Schreibtisch sitzend. Kaum daß man ihm einen Stuhl anbot. Ein unangenehmes Gefühl durchzuckte ihn, als er in das unedle Gesicht des Mannes schaute, der eine dicke Zigarre rauchte und neben sich ein Tablett mit Erfrischungen stehen hatte, von dem er von Zeit zu Zeit irgend was hervorklaubte und aß. Schmatzend bewegten sich auch die Lippen, als er nach Moisches Begehr fragte. Der schreckte aus einem geistigen Bild auf, das ihm eine Stunde zeigte, in der jener von vielen Gehaßte in einer Stunde der Zerstörung so am Boden lag, wie jetzt er, der Händler Moische, der keinem Menschen Böses tun und sagen mochte. Sein Begehr wurde laut, der Mann hinterm Schreibtisch schnaufte ein paarmal, machte nicht viel Umstände, ließ sich die geforderten Sicherheiten geben, einen Bürgen sozusagen nennen, gab aber auch, obne dessen Solvenz zu prüfen, schließlich nach, indem er den üblichen Zinssatz nannte. Denn aus den Papieren erfuhr er, daß dieser Jude Moische ein fleißiger Mann sei, der ehrlich alles bezahlte, was er anderen schuldete. Das Geld dürfe er sich in drei Tagein bolen.. In der Zeit, in der er in der Stadt weilte, wurde Moische in einen Kreis gezogen, der ihn vergessen ließ, daß er Sorge und Kummer trug. Einen Bekannten traf er, der ihn in das Gebetsbaus der Stadt mitnahm und in dem einfachen Mann eine Reihe Entzückungen erregte. Er versank ins Gebet und erst nachher, als alle Gläubigen das kleine Haus verlassen hatten, schaute er von seinem Platze in dem Räum umher. Hunderte von Jahren war das Häuslein alt, ob es immer zu jüdischen Zwecken gedient hatte, blieb Frage, aber es schien dem entzückten Mann, als stände er hier nicht auf russischem, sondern auf jüdischem Boden, der alle Heiligkeit in sich trüge. In diese Gedanken — als er gerade das Allerheiligste des Raumes anstarrte — trat die ibrutale Gestalt des Gutsherrn — geistig zwar nur, doch mit einer Wucht, die den Sinnenden erschreckte. Wie gelbannt trat er vor und stand in einem Sonnenschein wie einer, der seinen G'tt um etwas anfleht. Moisohe flehte wirklich um etwas. „Laß* mich diese Rechnung bezahlen in meinem Sinne, der der Deine ist, G'tt, mein Herr . . ." sagte er und seine Stimme nahm alle Innigkeit an, deren er fähig war, Er wankte nicht, als er diese fordernde und aufdringliche Bitte aussprach. Denn er sah seinen Knaben vor sich, dem er den Vorwurf der Feigheit nicht ganz hatte widerlegen können. Und mit einem Ruck drehte er sich um, da es ihm im Innern mahnte und brannte, und verließ festen Schrittes das G'tteshaus . . . Er zog heimwärts mit dem Geld, Noch heute mußte er es zahlen, wenn er nicht morgen wandern wollte. Seine Augen hatte er gesenkt und sie folgten mehr den Steinen auf dem Weg, als den Menschen, die ihm begegneten. Als er die Stadt verließ, schrieen wüste Stirn men hinter ihm. Tumult war überall, aber er dachte sich: es ist Krieg, irgendwo und irgendwann und dachte an sein unbehütetes Haus . . . Deshalb eilte er und sah nicht die Menschen auf dem Weg, sondern die Steine und den Staub, die ihn hinderten, zu schnell zu gehen, Horden von Menschen begegneten ihm, und zu seinem großen Staunen sah er neben zerlumpten christlichen Menschen auch ijüdische in gleicher Armut und gleichem Mut Sie hatten die gedemütigten Köpfe erhoben und fuchtelten furchtlos mit Waffen in den Händen. Da Moische arm und schlicht gekleidet war, hielt man ihn nicht an, sondern rief ihm zu, Worte, die er nicht verstand, weil sie nicht Schimpfworte, sondern Aufmunterung bedeuteten. Einen Juden bielt er fest, in plötzlicher Sorge: „Was ist geschehen? —" „Freiheit," schrie ihm der Mann entgegen. — „los von allem . . „Von was?" fragte Moische erschüttert und ließ des Mannes Arm fahren. „Von allem, was hindert . . ," schrie der Mann und zog weiter. Sinnend eilte Moische seinen Weg weiter, ihn trieb es nach Hause, doch nahm er erst den kürzeren und wichtigeren Weg zum Gutshaus. Er starrte zum Horizont, der ihm rötlich erschien, wenngleich die Sonne noch nicht untergegangen war. Eine Hast überfiel ihn, als er, die Hand an die Stelle des Rockes pressend, wo das Geld sich befand, Schreie hörte und sich, erschreckend, einen anderen Wegsuchte, der einsamer war, als die Landstraße. Je weiter er kam, desto mehr verdichtete sich sein Verdacht, daß es auf dem Gutshofe brannte. Und es brannte wirklach. Als er um die Ecke bog, sah er Menschenhaufen sich triumphierend zusammenballen, tobendes Kreischen von Männer- und Frauenlippen, und er sah, daß die Knechte die Herren geworden waren. Als er sich näherte und von einer gewissen Ferne zuschaute, was vor sich ging, mußte er den Tod eines der Verwalter mit ansehen, der die Menschen, die ihm unterstanden, stets anstatt mit Worten mit der Peitsche antrieb und das Tier besser hielt als die Knechte. Dafür bearbeiteten sie ihn so mit der eigenen Peitsche, bis er den letzten Aiemzttff verjiauchte. Seinen leblosen Körper warfen sie ins Feuer, das die Reste eines ausgeraubten Hauses aufzehrte ... Dann zogen die meisten weiter, denn es lebte von den Grausamen keiner mehr und es galt, den flüchtigen Gutsherrn zu fangen, an dessen Leiben so viel Gemeinheit hing, daß man ihn jagte wie ein wildes raubsüchtiges Tier . . . Nur noch wenige umstanden den Brand, um nicht eher zu weichen, bis der Alp ihres Lebens Asche verfiel. Ihnen näherte sich Moische, und da sie ihn kannten als den Rechtlichsten unter den Juden, nickten sie ihm zu und lachten, als er zu ihnen trat. „Schade, daß du zu spät kommst, Moische," sagten sie, „man hat dir mit Wucherzinsen stets viel genommen für das baufällige Haus, das nun dir allein gehört — hättest dich schadlos halten können am Eigentum des Gutsherrn . . ." Moische glaubte schlecht zu träumen, er j beugte den Kopf vor, als verstehe er nicht, aber sie schrieen ihm gern ins Ohr, was sie immer wieder selbst hören wollten: Freiheit zieht übers Land, aber diesmal nicht für Stunden, sondern auf ewig, deshalb fliegen die Köpfe aller Reichen zu Boden und ihr Heim wird dem Erdboden gleich gemacht ... Ein wenig verstört stand Moische vor den Jubelnden und konnte nicht einstimmen in ihre Schreie, aus denen er hörte, daß der Gutsherr einer der ersten war, dessen Heim in Flammen aufging, dessen Frau erschlagen wurde, weil sie nicht minder grausam war, wie man ihre Kinder gleichgültig niederschlug. Nur er, der Feige, hatte sie alle im Stich gelassen und war geflohen, irgend wohin — „Aber man wird ihn finden, gewiß, man wird ihn schinden wie den anderen vorhin . . ." Moische hörte nicht mehr. Er murmelte vor sich hin: „Die Rechnung ist unbezahlt — ich muß das Geld zurückbringen . . ." Und anstatt nach Hause zu gehen, wanderte er den Weg zurück mit müden Gliedern. Schritt um Schritt, zuweilen traf er auf Wagen, wo er sich hintenaufsetzen durfte. Feine Gutswagen waren es mit edlen Rennern, in ihnen saßen die Knechte, deren Herren ermordet waren. Neben sie durfte sich der arme Händlersjude Moische setzen und fand keine Genugtuung. Inmitten lauter Gespräche war er der Stille, der zuhörte, ohne zu begreifen. In ihm steckte neben ewig demütigem Beugen vor mächtigeren Menschen auch noch die stetig niederdrückende Last des Judeseins. Die Gefühle zusammen verstanden nicht, daß es auch so kommen konnte, daß Gedrückte stark und Starke gedrückt und verdammt wurden. Das Bild des gestürzten Verwalters, der noch vor Wochen zu ihm trat, die Reitpeitsche wippend in der Hand, bereit, loszuschlagen, wo* man nur Lust hatte, verging nicht ganz vor seinen Augen. Gar die gnädige Herrin tot — die man nur mit gebeugtem Gesicht entgegennehmen durfte, kam sie in ihrem Wagen rücksichtslos durchs Dorf . . . Die Kinder hatte man niedergeknallt - Grauen packte ihn. Er sah das Bild der f eingeputzten Knaben und Mädchen, fünf oder sechs waren vorhanden. Jedes einzelne hatte seinen Erzieher oder ein Fräulein zur Bewachung. Nun bekamen sie alle fünf und sechs einen einzigen Menschen, der sie mit der schlechten Flinte niederschoß wie junge Hunde . . . Er betete. G'tt schütze seine eigenen Kinder . . . (Fortsetzung folgt.)

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