Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1935)
- Date
- 1935-11-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 45 1935 Die unbezahlte Rechnung- Novelle von Alice Landsberg in Wiesbaden. Sorglich ließ er den Deckel der Tefila zuklappen, küßte das Buch und legte es in den gewohnten Winkel zurück, Sein Morgengebet war beendet. Er legte die heiligen Zeichen seiner Religion ab und war wieder, nachdem er eine Viertelstunde frommer Jude und geachteter Mann vor G'tt gewesen, der fahrende Händler Moses., der Moische genannt. Es war, als falle erst jetzt, nicht wie vorher beim Gebet, die Gestalt wieder in sich zusammen, denn die Demut im frommen Hingeben der Gedanken glich mit nichts jenem fast hündisch gekrümmen Rücken, der scheinbar stündlich, ja minütlich einen Schlag erwartete. Der älteste Sohn, Mischa, drückte sich im Zimmer herum, schaute dem Vater zu, wie er Vorbereitungen zu einem Ausgang betrieb und krampfte die Hände zusammen, als litte es ihn nicht in der erzwungenen Ruhe seiner nunmehr vierzehn Jahre. Sein Geist war erweckter wie der eines Erwachsenen, deshalb tummelte er sich nicht mit den Brüdern draußen im Freien, sondern hockte in der Stube und beobachtete den Vater. Endlich, als jener nach dem sauberen, aber sehr alten Hut griff, trat Mascha neben den Vater und legte die Hand auf dessen Arm. ,,Du gehst hin?" „Ja," sagte Moische erstaunt, musterte aber mit gewissem Stolz die Züge des Jungen. „Hast du das Geld?" spottete die junge Stimme und Moische wurde rot wie ein Mädel. Er brauste aber nicht auf, sondern wischte nur die Hand von seinem Aermel, als hindere sie ihn am Weggehen. Mischa aber stand fragend weiter neben ihm und langsam drehte er daher den Kopf nach dem Jungen. „Bist du recht gescheit? Woher soll ich das Geld" haben, wie es auftreiben? Hingehen werde ich ..." - ,,Und wie ein Hund winseln . . ." Nun brach der Zorn aus dem geduldigen Mann, aber nur, weil er die Wahrheit dessen einsah, was der Junge laut sagte und in ihm heimlieh mahnte. ,,So benimmt sich ein Junge gegen seinen alten Vater, schämen würde ich mich . . ." Aber Mischa blieb ungerührt. Er beugte das Knie vor der unscheinbaren Gestalt des Händlers und küßte dessen Rocksaum, wie er es bei seinen russischen Kameraden gesehen hatte, kam ein hoher Herr ins Dorf. ,,Wenn dir das Aeußerliche mehr beweisen soll, daß ich dich ehre, Vater, so will ich es tun — aber —" er stand auf vor dem wie entsetzt vor seinem Tun zurückweichender], Vater und seine Augen flammten erneut wie Kohlen im Feuer: ,, ... aber daß du vor -diesem Menschen stehen willst, um zu bitten, was er dir doch nicht gewährt, das ist fatal ..." Sehr still stand der Händler vor seinem Jungen. Dann kam er auf ihn^ zu und packte seinen Arm. Er führte ihn förmlich zwingend durch den kleinen Raum und deutete wähl- und ziellos auf diesen und jenen Gegenstand, ihn stumm erklärend. „Das bedeutet eine Welt, die unendlich viel Mühe und Not gekostet hat, bis sie zusammen war um euch Kinder und deine Mutter. Du bist noch zu jung, um zu schätzen, was dies für mich bedeutet. Alles Glück und jene unbeschreibliche Wonne ... ach, Junge, du begreifst es ja doch nicht. Und das soll ich umgehend verlassen, einfach aufgeben, weil ich dem Pachtherrn . . „ . . . den wucherischen Zins nicht bezahlen kannst . . ." schrie der Junge schmerzlich auf. „Du bist still," mahnte Moische und strich dem Buben über die Backen, auf denen es feucht lag wie Angstschweiß und Tränen. „Der Herr des Gutes belieh das Haus, das mein Vorgänger verschuldet hinterließ. Ich wußte davon nichts bis vor vier Wochen. Aber er ist der Herr dieses Bezirkes —" . . . „und ein Gauner, der nun dich auf dem Strich hat, wie er immer einen aussaugen wird." Darauf fand Moische keine Antwort. Der Junge glaubte, ihn weich gestimmt zu haben. „Vater," flehte er, „packen'wir alles zusammen und wandern wir weg. Weg von hier — irgend wohin, nur fort aus Rußland ..." •Lächelnd sah der Mann seinen Jungen an. Er war ein Kind in allem trotz seiner Altklugheit. Weg von hier? „Wohin, Junge, nur die Menschen und das Land wechseln, nicht aber deren Gesinnung uns Juden gegenüber . . ." nUns Juden ^— wir sind für all die Menschen hier da, um bei Gelegenheit gemetzelt, beschmutzt und verjagt zu werden , . ." tobte der Junge weinend Und ballte die Hand, als wüßte er nicht, was er mehr haßte, den Zustand, gejagter Jude zu sein, oder den Verfolger selbst. Moische nickte. Gejagt, geplagt — Worte, die zusammengehörten, wenn sie einen Juden betrafen, wo immer er in der Welt auch weilte. Gewiß, hier im kleinen Dorf im tiefen Rußland, war die Gefahr immer näher," eines Tages aus dem friedlichen Heim gerissen zu werden, zerfleischt von fanatischen Händen und räuberischen Begierden. Worauf er vorhin liebevoll deutete, jene Schätze eines armen Haushaltes, lockten vielleicht jetzt schon innerlich eine ganze Menge Dorfgenossen, die ihm heute noch freundlich die Hand drückten, um ihn morgen schon zu überfallen. Dazu war noch Krieg, irgendwo an einer Grenze tobte er und 'wollte schier kein Ende nehmen. Unheimlich war es auch im Lande selbst, ein Druck, eine Last lag über allem, die nicht zu beschreiben war und wegen ihrer Heimlichkeit und Stille um so gefährlicher schien. Was jedoch nicht ausschloß, daß diese Verborgenheit zum Ende seines bisher unangetasteten Friedens führte. Aber diese leise Ahnung verfolgte ihn weniger als die unbezahlte Rechnung seines Vorgängers, die er zu begleichen hatte. Gewiß, sein Junge hatte recht, gemein handelte der Gutsherr an seinem Pächter. Er hatte ihm, als er vor Jahr und Tag mit der Familie hier einzog, verschwiegen, daß der Vorgänger Morsches betrügerischerweise das Haus schuldenbeladen verließ. Durch ein Gesetz, das der Gutsherr nach Willkür aussprach, blieb die Schuld auf dem Haus lasten und übertrug sich auf seinen jetzigen Besitzer. Nun griff der Mann zu, da ihm das Geld knapp wurde und er den Moische als duldsamen Menschen kannte. Diese Willkür bedeutete, daß Hab und Gut des armen Juden zuschanden ging, wenn er das Geld nicht zusammenbrachte. Prügel stellte der Gutsherr ihm in Aussicht, alle Strafen, doch keine schreckte den Mann mehr, als daß er eine Schuld tragen sollte, die in tausende von Rubeln gehen mußte. Wie erschlagen war er zuerst. Als frommer Mensch, der jedem das Seine gönnte, hatte er nie einen Pfennig unrechtmäßig genommen, geschweige denn je einen abgeborgt. Drum traf es ihn doppelt, als ein Verwalter des Gutes zu ihm kam, einen Wisch präsentierte und mit der genannten Drohung wieder verschwand. In vier Wochen sollte gezahlt sein. Heute war der letzte Tag dieser vier Wochen. Geld hatte er keines. Er wollte hingehen zu dem Mann, sich — wie der Junge sagte — demütigen wie ein Hund, um weitere vier Wochen Frist zu erhalten. Deshalb richtete er sich jetzt ein wenig auf und schüttelte den Kopf, als wundere er sich, daß er sich so lange aufgehalten habe. „Bleib bei der Mutter, geht nicht so weit vom Haus weg, hörst du . . ." mahnte er, während er die Hand auf die Türklinke legte. Ein unterdrückter Schrei riß ihn nochmals zurück und erschreckt sah er auf den Jungen, der schneebleich an seiner Seite stand. „Sind wir Juden denn zur Feigheit geboren?" Aller Schrecken wich aus dem Männergesicht. „Warum nennst du uns feig?" „Du trägst auch noch. Kein Volk ist so nachgiebig den Launen der anderen gegenüber als wir Juden. Wir lassen uns treten und stoßen und lächeln noch. Ist das nicht Feigheit?" Eine schwierige Frage, die aus dem Mund eines Kindes kam, doch verlor sich das Lächeln nicht aus dem Gesicht des Moische. „Nein, um uns mit Händen und Füßen zu wehren, dazu sind wir zu wenig, aber mit dem Geist pflegen sich die Juden zu wehren. Den Geist lassen wir zu G'tt wandern, der uns sagt, daß er uns straft, aber dennoch begnadet zum Judesein, Es muß ein eherner Wille in dieser Bestimmung sein, die uns zerstreut hat durch die Lande, in denen keiner von uns Juden ganz heimisch werden wird, weil man — nicht unsere Fäuste — nein, unseren Geist scheut, der gestählt durch Verachtung und langes Martyrium ist. Und was du Feigheit nennst, ist ein Sichbeugen vor dem überlegenen Sinn G'ttes, dem du deine junge Seele jeden Tag zum Gebet eröffnest." Unwillkürlich trat der Junge einen Schritt zurück, denn der stets so gebeugte Mann hatte sich bei diesen Worten förmlich erhoben zu einer fast überirdischen Größe. Darüber lächelte Moische freundlich und meinte ein bißchen verlegen: „Mein Vater selig hat gesagt: eine Rechnung, wenn sie dir präsentiert wird, muß bezahlt werden! Und mir ist sie vorgezeigt worden . . ." Damit ging er zur Türe hinaus und dem Weg entlang, der zum Gutshof führte. Er kannte ihn genau, denn an der einen Ecke des Weges kam eine Kreuzung. Sonst ging er nur einmal im Monat diesen Weg, zur Rechten, der zum Gutshof führte, um den Pachtzins zu bringen. Meist verfolgte er den Weg zur Linken, in die Dörfer führend, wo er seine Ware abzusetzen pflegte. Obwohl er heute los und ledig jeder Last war, dünkte ihm das Bündel, das er sonst auf dem Rücken trug, eine Feder gegen die Angst in seinem Herzen. Wenn er nicht gewußt hätte, daß der Mensch roh und gewalttätig war, gemein — wie der Bub sagte — dann — ja, was dann? Die Rechnung mußte er bezahlen, Münze auf Münze legen und bezahlen . . . (Fortsetzung folgt.) Wochenkalender. Von. 9. — 16. November 1935 / Vom 13. — 20. Marcheschwan 5696 »81» 11 Samstag 9 13 'na sar . ttf> 1>-T* Sonntag 10 14 V? Montag 11 15 rpp Dienstag 12 16 tt»f? Mittwoch Nov. 13 pwn» 17 3? Donnerstag 14 18 K3J> Freitag 15 19 33p Samstag 16 20 »P a^ru jman