Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1935)
- Date
- 1935-10-24
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 18 Nr. 43 Der Israelit -24. Oktober 1935 i Gemeinschaft erforderlich ist. Ebenso wie die Ju gendbewegung selbst sich weiter entwickelt hat, muß auch die junge Lehrergeneration das geistige Erbe der Jugendbewegung 'fortbilden. Während in der Jugendbewegung, das gilt auch für die heutige chaluzische Bewegung, die Jugendlichen sich zum Führer des Bundes bewegten, muß jetzt der Weg über ihn hinausführen zu den objektiven Werten jüdischen Geistes die Thora in ihrer "Ganzheit repräsentiert den objektiven Geist des jüdischen Volkes. Die Beziehung zwi sehen dem Objekt und dem auf dieses bezogenen Subjekt muß geschaffen werden. Diese Vermittlung stellen der Führer in der Gruppe, der Lehrer in der Schule, die Eltern im Hause her, Nur im Individuum wird der Geist blutvoll. Das ist der Sinn des Wortes „des Wissens Blüte sei das Leben", mit dem S. R Hirsch seinen „Choreb" beginnt. Die jungen Lehrer müssen den Sinn wachhalten für die Originalität der geistigen Arbeit. Man schreibt heute viel über Geschriebenes; die Sache selbst muß in Angriff genommen werden. Nur wer den Mut hat, bis zur letzten Schicht der Sache vorzudringen, wird das Schlagwort vermeiden können, Das alte jüdische Lebensgefühl kann nur im Lernen erwachsen, Dazu rechne ich auch die intensive Beschäftigung mit den weltanschaulichen Fragen des jüdischen Lebens. Nur die Kenntnis der jüdischen Geschichte mit ihrer weitverzweigten Problematik läßt in uns das Gefühl der Geschichtlichkeit unserer Situation reifen. Die bün dische Jugend, die chaluzische Jugend braucht den jungen Lehrer, weil er berufen ist, die ewige Substanz der Thora weiterzugeben als Gestalterin des jüdischen Alltagslebens. Das ist wahre jüdische Renaissance. Das Gefühl, Glied in der großen jü dischen Geschichtskette zu sein, muß immer stärker werden. Dabei wollen wir uns klar sein, daß wir uns dem Geistesschicksal, unter dem wir stehen, nicht entziehen können. Die ewigen Werte der Umweltskultur, die wir in unserer eigenen Erziehung in Bund, Schule und Elternhaus erfahren haben, sollen, auch in Zukunft uns erhalten bleiben. Die. Aufgabe, den Problemen der Thora im Derech-erez unsere Kraft zu widmen, bleibt bestehen. Auch in der Auseinandersetzung zwischen den einzelnen Gruppen der zeitgenössischen Judenheit hat die junge jüdische' Lehrergeneration ein gewichtiges Wort zu sprechen. Das Erlebnis der Jugendbewegung hat „das Zwischenmenschliche" besonders stark in unser Bewußtsein treten lassen. Fanatiker und Schlagwortakrobaten müssen mit der Macht der sachlichen Argumente ausgerottet werden. Die chaluzische Jugend sieht nicht im Kampf gegen irgendwen ihr Ideal, sondern in der Setzung einer positiven Leistung, Die Erkenntnis dieser Aufgabe erfordert gemeinsame, klare Aussprache. Diese Forderung richtet sich zunächst an die jungen Lehrer. Es gibt jedoch eine Kunst, alt zu werden, ohne zu altern. Die erfahrenen Männer der Theorie und Schulpraxis sollen uns Helfer sein. Diese Aufgabe kann durch Veranstaltung von Zusammenkünften ihrer Lösung nähergebracht werden. Der Weg der Jugendbewegung führte von der Einsamkeit der Freizeiterfüllung zum Alltag des im Chaluziuth nach neuen Daseinsformen ringenden jüdischen Menschen. Wir werden die bündische und Schularbeit nur in der Arbeit an der Praxis, i n der Praxis, für die Praxis lernen. Für „den Königsweg nach Erez Israel" müssen wir uns rüsten. Die Vorbereitung soll bei uns beginnen für die Gemeinschaft. Wir werden nur dann unseren 'gesinnungsverwandten Bünden helfen können, wenn wir selbst arbeiten und um die jüdische Form ringen. „Schon im Beginnen liegt Vollendung" (Ben Chorin). So wird der junge Lehrer der Mittler werden, der die Spannung von Bund, Schule und Elternhaus fruchtbar gestalten wird. Seine innere Dynamik wird den Chaluz umfassen, der in stiller Arbeit seinen Weg geht, er wird den Eltern das harte Los tragen helfen und wird die Schule zu einer Stätte jüdischer Geistesblüte emporentwickeln. Auch hier wünschen wir: .-]bi waprai la'isaa Nachwort der ,Schriftleitung: Der Verfasser vorstehenden Aufsatzes erwartet, daß seine Arbeit eine rege Aussprache im Kreise interessierter Kollegen und über diesen Kreis hinaus zur Folge haben wird. Wir schließen uns dieser Erwartung an und stellen unser Blatt zur Verfügung- Wissen oder Bildung? Von Rabbiner Dr. Michalski in Karlsruhe. Die Gleichsetzung von Wissen und Bildung ist nach moderner pädagogischer Erkenntnis der Schule zum Verhängnis geworden. Aus der Reihe der Seelenkräfte hat sich der Verstand in den Vordergrund gedrängt; nicht mehr Erlebnis wird die Welt dem Menschen. Das Intellektgedächtnis ist stärker als das Erlebnisgedächtnis; als Wissen tritt es der Welt gegenüber. Doch nur der Wissenschaft des Forschens dient das Wissen, nicht in der Bildung ist es Selbstzweck. Die Schule soll Bildung vermitteln, soll bildende Eindrücke gewinnen lassen. Alle Seelenkräfte, nicht nur die des Verstandes und die des Wissens, soll die Schule erfassen, sie soll formend auf das Seelenleben des Schülers wirken. Nur für das Wissen ist, so meint Franz Seitz in der Zeitschrift-, Freie deutsche Schule 1928-,*ü die Gliederung des Unterrichtsstoffes in Fächer zweckmäßig, um dem Erforschen, dem logischen Denken einen Weg zu bahnen, Dem vorlogischen Denken des Kindes vor der Pubertätsreife ist Wissen nur (Begleit)-Zutat zum Seelischen und Sinnlichen. Die Fülle des Stoffes, die for men und bilden sollte, darf nicht nach den Gesetzen des Wissens in Fächer gegliedert sein. Wie es für die Anfängerstufe angeordnet ist, sollte auch in Mittel und Oberstufe der Unterricht zwar auch Wissen ver mittein, aber nicht die Beziehungen zueinander, das volle, ganze Gleichnis des Lebens in Fächern erstarren lassen. In erhöhtem Maße sollte jetzt die jüdischen Leh rer die Frage beschäftigen, ob Wissen oder Bildung das Ziel des jüdischen Religionsunterrichtes ist? Aussprüche unserer Weisen b"tu wie "V? «man xb nwan k^k. „nicht das Forschen ist die Hauptsache, sondern die Tat," undfiwa »r* K'aan rmbn J>"m „groß ist dasjenige Lernen, das zur Tat führt," lassen der Bildung den Vorzug geben, Sie lassen uns die Frage zur Diskussion stellen, ob die übliche Gliederung in die Fächer: Pentateuch, Gebete, Geschichte, Religionsunterricht, nicht eher den Gesetzen des Wissens als denen der Bildung entspricht? Wäre es nicht viel leicht möglich, nach dem Grundsatz na na fsn (matt >piQ V, 25), nur von der nun her die Bildung an den Schüler heranzutragen und sie nicht nur als Pen tateuchunterricht ein Fach unter Fächern, sondern die Zentralkraft der Bildung werden zu lassen. Dann könnte vielleicht erreicht werden, daß der Religionsunterricht die Kenntnis der ganzen mm und des 1*an vermittelt, wie es bisher nur in den wenigsten Schulen der Fall ist. Der biblische Geschichtsunterricht wäre dann als Wiederholungsunterricht der entsprechenden Teile in Y^> aus den Fesseln des Begrifflichen befreit zur Höhe des Bildhaften, zum Entdecken des Seelischen, zum Anregen innerer seelischer Schwingungen und Beziehungen zu führen. Nicht trockene Wissensvermittlung, nicht tote Stoffübertragung, so fordert Hanns Belstler in der Zeitschrift ,,Scholle" vom 5. III. 25,*$ darf der Unterricht sein. Das Wesen des Kindes ist mehr zur Erlebnisempfänglichkeit veranlagt, 'die in lebensdurchhauchten Bildern Lebenszweck ahnen und später zum Bewußtsein kommen läßt. Der nachbiblische Geschichtsunterricht wäre als Realisierung der Prophezeiungen zu den D">SYinK awaa in Beziehung zu setzen. Daß die „Religionslehre" der ira'i, auch im Tn» ]T\bv Tixp' in nvivm und Sltti im Anschluß an die nix» in. der HIV)» der Grammatikunterricht im Anschluß an die Sprachformen gelehrt werden kann, liegt nahe. Aber auch der Gebetunterricht kann jeweils zu entsprechenden Teilen der mm in Beziehung gebracht werden. Nach der Durchnahme der Schöpfungsgeschichte können im Hinblick auf "Dl rw,VPi die mala: nnisnn und n'ans? a-nvan und der na» bv mip behandelt werden. Da vav mnj? schon zeitig verstanden werden soll, kann die Mahnung zur Treue und die Warnung vor dem Verlust des Landes als Folge der Untreue wirksam an die Durchnahme der Vertreibung aus dem Paradies angeschlossen werden, vigl. die Gleichsetzung im »na zum Worte na'S« Bei der na miD kann der entsprechende Teil in niaiiar besprochen werden. Der Satz ni^an UWi man gibt ohnehin die Möglichkeit, während der Durchnahme des mtfma nso die rvfrsn zu. übersetzen. Es wären bei prinzipieller Anerkennung dieses Standpunktes in jeder Unterrichtsstunde zuerst einige o>j?iea aus der mm zu behandeln und dazu die anderen Hilfsfächer in Beziehung zu setzen. Der Entwurf eines Lehrplanes, der z. B. zu k*pi nims — im Hinblick auf den w*na — auf fitan na*ia. zu «S'i niins auf bv v-p oan» izu w rums auf wa^a und »vnaw verweisen würde, wäre nicht schwer. Das Wissen ist sachlich, unpersönlich. Bildung wendet sich an das Persönliche, Seelische, Sinnliche des Kindes- Freude am Suchen und Finden, am Produktiven, nicht am Rezeptiven, das nur zu reproduzieren ist, ist eine der psychologischen' Voraussetzungen der Bildung. Diese Freude erst schafft die Liebe zur Bildung. Wie kann sie im Religionsunterricht geweckt werden? Kein Mittel darf gering geachtet werden, das dieser Empfänglichkeit des Kindes Rechnung trägt. Ein Mittel hierzu scheint uns z. B, die Aufgabe, Worte suchen und finden zu lassen, die den gleichen Anfangs-, Mittel- oder Endbuchstaben haben, oder Worte, die vorwärts und rückwärts gelesen, die gleichen Buchstaben zeigen. Auch weniger geweckte Kinder beweisen hierbei großen Eifer. Aus der Fülle der Worte, die in einer Klasse die Schüler mir nannten, nur einige Beispiele: >w» /B»3'B 'flihw ,ana .\u »warti /B»»>» ,ianai. /»V» ,«V»Vft Besonderen Reiz bietet das Finden magischer Quadrate, die senkrecht und wagerecht gelesen, den gleichen Sinn ergaben: KT '3K. ma nap jpr- Das bei Kindern unter dem Namen „Teekessel" bekannte *) Abgedruckt in: „Erziehungsprpbleme der Gegenwart". Von Wilhelm Albert, Verlag Albert Langen, München, Bücher der Bildung, Bd. 30. Suchen gleichklingender Worte mit verschiedener Bedeutung ergab Beispiele, wie Qia - mn;p — in anv — mo \byp - bi jtnrnp 0">snip — tpsnis Ist der Zahlenwert der Buchstaben gelehrt worden, so überboten sich die Schüler in der Lösung der Aufgabe, Worte zu suchen, in denen die Summe des Zahlenwertes des einen Teils der Buchstaben gleich der Summe des Zahlenwerts der anderen ist: , •D'iwn >pb /ams tfis ,->vv Eine andere Aufgabe: die Zahlen als Telefonnummern bezeichneten die Branche des Inhabers: 10, 10 50? t»5 Weinhandlung; 2, 3, 4? Kleidung 153! 4 3? At Flsohhandlung! Beim Erzählen ließ ich die Form des Monologs wählen. Die biblischen Gestalten durch die Schüler dargestellt, erzählen sich gegenseitig ihre Lebensschicksale auf Erden; oder eine andere From: die Schüler stellen die jüdischen Pflichten zusammen, die sie zu beobachten haben, wenn sie den Beruf eines Landmanns, Schneiders, Verkäufers, Kochs und dergl. ergreifen, der jeweils der Neigung des betreffenden Schülers entspricht. So kann der Religionsunterricht zur Bildung führen, die nach einem Worte Wilhelm v. Humboldts jene Sinnesart ist, „die sich aus der Erkenntnis und dem Gefühl des gesamten geistigen und sittlichen Strebens harmonich auf die Empfindung und den Charakter ergießt," in unserem Sinne zu n»-m smvnanH! Bücherbesprechungen, ,,Die hebräische Sprache und das gesetzestreue Judentum". Von Rinchas Wollmann. (Uebersetzung aus dem hebräischen Original) Frankfurts. M. 1 93 5. Verlag des Israelit und Hermon GmbH. 55 S. Preis Mk. 0.80. Neben dem Aufbau des heiligen Landesist auch der Aufbau unserer heiligen Sprache in den Mittelpunkt unseres jüdischen Lebens gerückt. Die Orthodoxie hat sich Jahrzehnte hindurch für beide Probleme nicht so sehr eingesetzt, da sie in der Pflege der Thora ihre Hauptaufgabe auch in '"X sah. Heute ist es anders geworden. Die Forderung, aus den Räumen des BH18J1 fl'a hinaus ins Leben zu treten, der Thora wirklich im praktischen Berufsleben Stätte zu bereiten, wird heute von vielen Kreisen der I'reim vertreten, die noch vor kurzer Zeit in dieser'Frage anders dachten. Eine umfassende Verwirklichung der Idee: Thora im Derech Erez bricht sich Bahn. Da gilt es nun, auch beim Aufbau der Sprache dies zu verwirklichen. So wie man die wissenschaftlichen Erkenntnisse ihrer unjüdischen Prägung, soweit sie solche an sich trugen, entkleidete und sie in den Rahmen religiösen Denkens einspannte, so muß man heute mit dem sog. Neuhebräisch verfahren. In der' vorliegenden Schrift, — die gegenüber ihrer Fassung;' in den „Israelif-Artikeln eine Erweiterung erfahren hat, — zeigt uns der Verf. den Weg. Er weist uns zunächst auf bekannte Sprüche unserer Weisen hin, die heilige Sprache zu pflegen, Aussprüche, die wir lange nicht mit dem nötigen Ernst, mit der nötigen Gewissenhaftigkeit auf uns haben wirken lassen. Er erinnert uns dann "weiter daran, wie die Neubelebung der Sprache durch areligiöse und irreligiöse Kreise die heilige Sprache mit Elementen durchsetzt hat, die nichtjüdischem Denken entstammen, und daß es daher unsere Aufgabe ist, durch eifrige Mitarbeit die Sprache zu ihrer alten Reinheit e m p o r z u if ü h r e n. Wer in der Ablehnung alles Irreligiösen sich bisher auch der Erlernung des sog. Neuhebräisch gegenüber ablehnend verhalten hat, weil es eben von areligiösen Menschen geschaffen und zu profanen Zwecken verwendet wurde, wird durch die Wollmann'sche Schrift überzeugt, daß ein solches Negieren des Neuen nicht zu verantworten ist, ja daß man schuldbewußt auf die bisherige Untätigkeit in dieser Frage zurückblickt. Es ist nicht möglich, die Fülle der Gedanken und Forderungen dieser wertvollen Broschüre auch nur annähernd hier wiederzugeben. Jeder Lehrer muß sie lesen und wird sich von ihr überzeugen lassen. Dann aber eifrig an die Arbeit, die hebräische Sprache zu erlernen. Münk. Heinrich Pesch. S. J.: Volkswirtschaftslehre in 5 Bänden. Herder u. Co. Freiburg. Peschs Lehrbuch ist so leichtfaßlich geschrieben daß es in der Oberstufe unserer höheren Lehranstalten, besonders aber in unsern Handelsschulen, mit bestem Erfolg Verwendung finden könnte. Der Geographieunterricht kann durch Peschs Werk nach der wirtschaftlichen Seite hin vorzüglich ausgestaltet werden. Da Pesch, als Begründer und Darleger des Solidarismus, für Beibehaltung des Prwatkapitalismus eintritt, müssen seine Darlegungen in streng religio-, sen Kreisen ohne irgendwelche Vorbehalte ,;aufgenommen werden. Dem Judentum läßt Pesch durchgängig Gerechtigkeit widerfahren. Ueber Einzelheiten mag man zur Kritik Anlaß iinden, in seiner Gesamtheit ist das Werk eine höchst bedeutsame Erscheinung. &