Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1935)
- Date
- 1935-10-24
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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ololloll o—o |o|o|o M IfM I I I Erziehung und Lehre Pädagogische Heilage zum „Israelit" Organ dies Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands H o o o o—o o oio Verantwortliche Schriftleitung s L. Kaufmann, Sprendlingen (Kreis Offenbach) Jüdische Jugendbewegung und junge Lehrergeneration Von Herbert Sohn in Halberstadt. a) Allgemeine Jugendbewegung. Die allgemeine Bewegung der Jugend, die um die Jahrhundertwende entstand, fand ihre tragenden Ideen in der Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen der Zeit. Die Abwendung von der Erwachsenenwelt, die Ablehnung aller von der älteren Generation anerkannten Formen des „zwischenmenschlichen" Lebens lals inhaltsleerer, sinnloser Gesten charakterisieren diese „negative Phase" der Jugendbewegung. Später wurde ihre Stellung schärfer, positiver formuliert. Selbstbestimmung, eigene - Verantwortung, Kampf gegen die Konvention, Neubau, der Kultur aus der Persönlichkeit usw. Das' sind "einige Begriffe aus dem wortreichen Vokabularium der Jugendbewegung. Im ersten Jahrzehnt ihrer Existenz haben die Jugendbewegten die Umreißung eines festgefügten Programmes abgelehnt. Sie sahen ihre Stärke in ihrer Programmlosigkeit. Diese Haltung, die im Zeichen der Hohen Meißner Formel (1913) stand, hat im Laufe der Entwicklung der Jugendbewegung eine deutlich erkennbare Wandlung erfahren. Nach einem Jah'rizehnt (1923) erklärte ein Führer der allgemeinen Jugendbewegung: „Jugendbewegung ist kein letzter Wert, sondern etwas, was üiberwunden werden muß, damit das Größere, die gewachsene Kultureinheit, entstehe." Es spricht aus dieser Erklärung die «Erkenntnis, daß die Bewegung der Jugend keinen Anspruch auf eine in sich ruhende Existenz hat; ihr Wart liegt , in der impulsiven Kraft, die sie zur Neugestaltung des ¥ kulturellen Lebens beisteuert. Die Geschichte der Jugendbewegung zeigt uns, daß sie über eine Sehnsucht nach neuem Leben nicht hinausgekommen ist. Spranger nannte sie eine „Erweckungsphase". Ihr war „die Sehnsucht nach neuem Menschentum und Seelentum eigen." Die Gleichheit dieses Gefühls schloß die jungen Menschen zusammen. Mit gewaltigem, echt jugendlichem Pathos wurde die ältere Generation beurteilt, öfter verurteilt. Alle Lebensgebiete und -inhalte wurden in den Kreis der Diskussionen einbezogen. Auf allen Gebieten des geistigen Lebens sollte der jugendbewegte Mensch seine eigengewachsene Meinung vertreten. Dies geschah jedoch nicht in der tätigen Auseinandersetzung mit dem Leben, sondern in der Gruppengemeinschaft, abseits vom Löben. In der Jugendgemeinschaft erblickte der Jugendbewegte seinen Lebensraum. Der Alltag lag weit entfernt. So wurde die Gemeinschaft das Zenträlerlebnis der Jugendbewegten; hier vollzog er eine -freie Bindung. Zweifellos hat die Haltung der Gemeinschaft dem einzelnen Glied einen Halt gegeben und auch sein Verhalten grundlegend bestimmt. Der im Bund aufgewachsene Mensch sollte sein bündisches Lebensgefühl immer und überall bewähren. Aloys Fischer hat einmal darauf hingewiesen, daß „die Menschen, die unter den bestehenden sozialen Verhältnissen leiden und um eine Neugestaltung derselben miteinander ringen, selten einen vollständigen Ueberblick über die ganze soziale Wirklichkeit besitzen". Dies gilt in erhöhtem Maße für die Jugend in allen ihren Erscheinungsformen. Jugend denkt nicht in Sachen, Sie sieht zunächst auf die Menschen. Ihr Blick umspannt nicht die - objektiven Kulturgüter, sondern ihr Weg geht über die „Persönengememschaft" hin zur „Lebensgemeinschaft", Das Gemeinschaftsgefühl der Jugendbewegung baut sich auf diesen Faktoren auf;' Das gemeinsame geistige Interesse gründet sich auf der Gesinnungseinheit der in der Gruppe gesammelten Menschen. iDarum ist der Bund für den Jugendlichen eine Wesensgemeirischaft; denn in' ihr sieht er alle im Leben vorhandenen Wertgebiete und Wertinhalte aktualisiert. Hier findet er <ja auch in einem überpersöhlichen Gebilde die Voraussetzungen zur Verwirklichung seines eigenen Lebensgefühls, Die großen Begriffe wie Volk, Menschheit und dergL sind geeignet, den Blick für die großen Lebenszusammenhänge zu1 öffnen. Aber sehr oft verbarg sich hinter diesem Wol-. len die Unfähigkeit1 eines' tieferen Erfassens. ' Die Pflicht der Entsagung, wie sie uns Goethe im „Wilhelm Meister" kündet, wurde in der Jugendbewegung als romantisch verklärte Liebhaberei betrachtet. So erklären sich viele Auswüchse dieser Bewegung aus der Jugendlichkeit ihrer Träger. Trotz dieser sichtbaren Mängel hat die allgemeine Jugendbewegung zwei für ,die Entwicklung der pädagogischen Bewegung außerordentlich bedeutsame Ergebnisse gehabt. Sie hat das Erlebnis der Gemeinschaft vermittelt und das Gefühl für echte, innerlich beglaubigte Autorität durch die Bindung an den Führer in der bündischen Gruppe geformt. Die Jugendbewegung ist nicht „tot". Sie wirkt weiter — darin ruht ihre schöpferische Kraft — in der allgemeinen Kultur, wenn sie auch nicht mehr als selbständige Bewegung lebendig ist. (Curt Bondy.Ji b) Jüdische Jugendbewegung. Von diesen Ideen der allgemeinen Jugendbewegung -wurde auch die jüdische Jugendbewegung geformt. Ihr kritischer Blick — das gilt insbesondere für die gesetzestreue jüdische Jugendbewegung — richtete sich besonders auf die jüdische Lebenspraxis der Erwachsenen. Das Streben der jüdischen Jugendbewegten war von dem Wunsch nach der Unmittelbarkeit jüdischen Erlebens beherrscht. Während die ■allgemeine Jugendbewegung die bestehende Kultur negierte und Neues schaffen wollte, anerkannte die jüdische Jugendbewegung den objektiven Wert und die verpflichtende Kraft des Judentums, Ihr Weg führte jedoch auch abseits von der gegenwartgestaltenden Generation. Auch hier .sollte in der umgrenzten Sphäre des Bundes eine dynamische Jüdischkeit den Jugendlichen an die ewige Kraft des Thorajudentums ketten.--Die zionistischen Bünde fanden verhältnismäßig früh den Anschluß an die große zionistische Bewegung (vgl. die wertvolle Darstellung von Harry Abt: Jüdische Jugendbewegung im Nachalath Zwi 1932). Die erzieherischen Werte jugendbewegter Bundesarbeit wunden dem großen Erziehungsziel, der Schaffung einer in sich geschlossenen jüdischen Persönlichkeit untergeordnet. Die jüdische Jugendbewegung erhielt ihren Sinn in der Anerkennung der objektiven Werte, die als Pflichten das jüdische Einzel- und Gemeinschaftsleben erfüllen. Auch die älteren Pädagogen erkannten die große Bedeutung der Jugendbewegung als eines hervorragenden Erziehungsmittels. So schrieb Dir. Dr. Elias in einem Aufsatz: „Väter und Söhne": „Wenn die in der Entwicklung begriffenen, vom Zeitgeist beeinflußten und durch die wirtschaftlichen und geistigen Nöte hindurchgehenden Jugendlichen dem gesetzestreuen Judentum erhalten bleiben sollen, so bedürfen sie einer Massenjugendbewegung, die .aktivistisch, geistig und gesellig der Seele jüdischer Jugend die notwendige Nahrung, der jüdischen Schule und dem jüdischen Haus eine nicht zu unterschätzende. Hilfe gewährt." Aus diesen Sätzen spricht gleichzeitig die Kritik, die man an der Jugendbewegung üben zu müssen glaubt«. Gewiß war der Lebensweg der jüdischen Jugendbewegung einsam. Die Pflege' der persönlichen Charaktereigenschaften ließ eine solche „Einsamkeit" wertvoll erscheinen. Im kleinen Jugendkreis entwickelte sich oft ein so dynamisch bewegtes jüdisches Leben, daß dieser „Anschauungsunterricht" das Wesen-- der jungen jüdischen Menschen prägte. Die Gefahren liegen zwar auch klar vor uns. Aber sie waren bei der gesetzestreuen Jugendbewegung nicht so groß, wie man befürchtete. Im Gegenteil.' Die Praxis hat. gezeigt, daß die Jugendbewegten ihr tiefes Gemeinschaftsgefühl und ihre ehrliche Kritik nur zum Guten des Klall anwandten, wenn wir von einigen Schwächen absehen wollen. Es ist immer gefahrvoll, wenn ijunge jüdische Menschen zu früh sich ln die Gemeinschaft der Erwachsenen begeben; denn es gehört zur Teilnahme am Klall-Leben ein gerüttelt Maß tiefen Wissens, Erfahrung und die Kunst der Menschenbehandlung. Sicherlich hat man sich oft im Kreise jüdischer Jugendbewegung mit pädagogischem Ethos begnügt. Man mag berechtigten Anstoß an der Tatsache nehmen, daß nicht selten -zu junge Menschen mit der Leitung einer Gruppe betraut werden. Aber oft wächst der Mensch mit seinen höheren Zwecken. Mit der Verantwortung übernimmt der jugendliche Gruppenleiter einen Ernst, der für seine Entwicklung von außerordentlichem Wert ist. Er gewinnt eine größere Ehrfurcht vorden Menschen,1 die «er erzieherisch leiten soll Die ältere Generation konnte sich nicht genug tun mit Vorwürfen und Ironie. Ihr Interesse ging oft nicht über ein „Bewitzeln" hinaus. Und doch haben ernste Pädagogen die Jugendbewegung als wertvollen Erziehungsfaktor betrachtet. Dir. Elias schrieb in dem oben erwähnten Aufsatz: „Jugendbewegung und Schule vertreten zwei Generationen; sie können sich nicht ersetzen, aber sie müssen sich ergänzen." Die Konsequenz aus diesen Sätzen hat die jüdische Lehrerschaft leider vermissen lassen. Die Träger der Jugendbewegung sind auf die Jeschiwoth gegangen. Sie haben ohne programmatischen Aufruf die „Lernbewegung" inauguriert. Diese Tatsache allein schon ist Legitimation genug. Die Eigenart der gesetzestreuen jüdischen Jugendbewegung liegt in der Unbedingtheit, mit der sie die thoragemäße Lebensform schaffen wollte. Ihre Entwicklung vollzog sich organisch. Die Mehrheit der Pädagogen erkannten dies nicht. Sie haben sich bestenfalls auf Lehrerkonferenzen mit der Jugendbewegung auseinandergesetzt. Dadurch fehlte dieser die Verbindung mit der Gemeinde. Die bündische Jugend dachte auch nicht allzu hoch von dem Parnes. Er war ihr der Ausdruck einer satten Bürgerlichkeit. Das Generationsproblem sollte auch die Existenz der Jugendbewegung erklären. Die kulturelle Grundlage dieser Erscheinung wurde nicht immer erkannt. Die Alfen verwiesen auf ihre eigene Jugend. Damals gab es das auch nicht. Erst später, im Laufe des Wachstums der Jugendbewegung, wurde das Problem vertieft. Das Generationsproblem wurde zum Kulturproblem. Die Jugend zeigte in dieser Frage eine andere Stellungnahme. Elie Münk hat gezeigt, welche drei Richtungen sich herausbildeten, die eine vertiertere jüdische Lebensform erstrebten. Die einen sahen in Erez Israel die Lösung, die zweite Gruppe wollte sich in den Jeschiwoth des Ostens ihre harmonische, jüdische Persönlichkeitsbildung sichern. Die dritte Gruppe versuchte in der Steigerung des jüdischen Gefühlslebens mit Seudoth Schiischith, Volkstänzen und chassidischen Liedern sich eine neue verinnerlichte jüdische Daseinsform zu .schaffen. Diese Differenzierung hat durch die Entwicklung der letzten Jahre ihre deutliche Ausprägung verloren. Die jüdische Jugendbewegung ist in die Zeit gegangen. Sie hat den Eintritt in die jüdische Geschichte vollzogen, Ihre Träger sind zum großen Teil in das Berufsleben eingetreten. Viele Jugendbewegte sind Rabbiner und Lehrer geworden. Ihr eigenes in der Jugendbewegung erworbenes Lebensgefühl blieb erhalten. Die bündische Jugendbewegung hat den Alltag zu gestalten unternommen. Sie ist zur chaluzischen Bewegung geworden. o) Ch alu zische Bewegung und die Aufgaben der j u n gen Lehrer, Die junge Lehrergeneration steht heute inmitten der chaluzischen Bewegung. Das Gemeinschaftserlebnis des Bundes und das Treueverhältnis zum Träger der Bundesidee hat ihr geistiges. Sein bestimmt. Während der junge Lehrer früher mit dem Eintritt in den Beruf sein bündisches Dasein mehr oder weniger aufgab, sieht er heute im Beruf die Fortsetzung dieser Arbeit, Seine Aufgabe besteht in der Anknüpfung geistig-freundschaftlicher Beziehungen zwischen Bund, Schule und -Elternhaus. Der jugendbewegte Lehrer muß auch im eigenen „Fachkreise" führen, wenn es gilt, sich auch in die pädagogische Sache zu begeben und aus der intensiven Kleinarbeit das Ethos zu begründen, das von der Jugendbewegung her ihn erfüllt. Chaluziuth bedeutet die Aufgabe, das Alltagsleben mit den höheren Ideen jüdischen Thorageistes zu durchdringen. Die Bünde ringen heute um ihren geistigen Bestand. Die bisherigen geistigen Führer sind in der Mehrzahl schon nach Erez Israel gegangen. Junge, noch unerfahrene Menschen müssen herangezogen werden. Diese bedürfen der Anleitung. Die Aufgabe der jungen Lehrergeneration ist es, hier zu helfen. Es wäre falsch, wollte man aus der Not eine Tugend machen und eine Senkung des Niveaus fördern. Es ist klar, daß die geistige Arbeit ihre Grundlage in den Menschen finden muß; man kann eine Durchschnittsbegabung nicht zu schöpferischer Genialität emporentwickeln. Aber die Maßstäbe für die Forderung müssen von oben genommen werden. Nicht der Am Haarez, sondern der Talmid Chacham ist der Maßstab. Dieser im umfassendsten Sinne genommen, wie er im westeuropäischen Räume geistig lebt. Nur solche Grundsätze erhalten und wecken die Spontaneität, die zur geistigen Erhaltung jeder volkhaften «