Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1935)
- Date
- 1935-10-03
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 Nr. 40 Der Israelit 3. Oktober 1935 Den Abschluß der Fibel bildet das Märchen „Rotkäppchen", in knapper Form und kurzen, klaren Sätzchen. Ein schöner Midrasch, einer Midrasc'hsammlung von Goltschalk, Kuttner oder Bin Gorion entnommen, soweit es nicht der Fall ist, in eine gute Form und in eine gut deutsche, kindgerechte Satzbildüng gebracht, könnte an dessen Stelle oder dem zur Seite stehen. Um nicht mißverständen au werden, erkläre ich nochmals; Stoffe, wie „Drachensteigen", „Ferien" oder dergl. sollen nicht aus der Lektüre des Kindes gestrichen werden, durchaus nicht. Sie sind dem Interesse und dem Lebenskreis des Kindes ebenso, nahe, wie Stoffe jüdischen Inhalts. Aber, wenn schon Stoffe aus dem Alltag des Kindes,, dann hat das jüdische Kind mindestens ebenso Anrecht auf Stoffe jüdischen Inhalts, die sein Leben erfüllen. Diese Forderung besteht heute und bestand immer. Die drei Teile des „Bunter Kranz" sind ihrem Aufbau nach gleich gestaltet. Zur Hälfte sind sie von kleinen Gedichten erfüllt, die nach Inhalt und Form dem Verständnis der jeweiligen Altersstufe angepaßt sind; zur anderen Hälfte sind es Märchen und kleine Tiergeschichten. Den Stoff zu den Gedichten liefern die Jahres- und Tageszeiten*, die Tiere, die der Be1 griffsweit des Kindes nahestehen; Feste — insbesondere Weihnachten und Ostern, die Familie und schließlich die die Freizeit des Kindes diesen Alters ausfüllenden Spiele. Ja, das sind nun einmal die Dinge, welche die kindliche Phantasie im Alter von - 7—10 Jahren beschäftigen. Diese Stoffe aus dem Lesebuch zu bannen, hieße dem kindlichen Begriffsvermögen und der kindlichen Phantasie Gewalt antun. Aber, so frage ich, erfüllen denn unsere Jungen Stoffe, den Vorgängen des G'ttesdienstes entnommen, „Chanukkah", die „Barmizwah" mit ihren Vorberei-; tungen und Festlichkeiten usw. nicht ebensosehr? Würde sich ein Mädel nicht von einem Gedichtchen begeistern können, das die Geschäftigkeit der Mutter am Freitag, das Lichtzünden für nat» und dergl. schildert? Kindertümliche, leichtfaßliche Gedichte, die Stoffe aus dem Erlebniskreis des jüdischen Kindes schildern, gibt es allerdings wenige. Im „Jüdischen Kinderkalender", in den Kinder-Beilagen der jüdischen Zeitschriften und hier und da in Gedichtsammlungen findet man etwas — oft recht Brauchbares. Solange wir nichts Gleichwertiges den Gedichten unserer Lesebücher gegenüber oder zur Seite stellen können, sollten wir uns mit dem Poesieteil der Lesebücher begnügen. Ganz anders, wenn wir jüdisch-deutsche Lektüre suchen, die der zweiten Hälfte der drei Teile des „Bunter Kranz" — ich nenne ihn einmal den Märchen- und Sagen-Teil — adäquat ist. Da ist so reichlich Stoff vorhanden, daß wir Auswahl treffen können. Ich denke zunächst wieder an die bereits genannten Midraschsammlungen von bin Gorion, Kuttner und Gottschalk und' an die Uebersetzungen von Herder. Wenn ich einmal an die fünf Bände der Gottschalk'schen Agada-Sammlung denke, so muß ich sagen, daß die Sprache eine sehr kindgerechte ist, daß diese Midraschim der Denkart und Phantasiebegabung der Kinder dieses Alters sehr nahe kommen und daß sich Gottschalk einer gut deutschen, knappen Satzbildung befleißigt. Gewiß, es lassen sich gewisse Wendungen der „Midraschsprache" — wenn man so sagen darf — für einen guten deutschen Aufsatzstil 'nicht empfehlen, aber auch. das Märchen spricht oft eine Sprache, die weder mit unserer Umgangssprache, noch mit der guten Schriftsprache etwas zu tun hat« Wenn z.. B, die Köchin in „Fundevogel" sagt: Ihr Einfaltspinsel, ihr hättet das Rosenstöckchen sollen entzweischneiden , . . oder wenn der Hund in den „Bremer Stadtmusikanten" sagt: „Weil ich alt bin und auf der Jagd nicht mehr fort kann, hat mich mein Herr wollen totschlagen . . .", so wird deshalb noch keinem Kind einfallen, diese Sprache für einen Aufsatz zu verwenden. Als weitere Prosastücke für den Märehenteil denke ich an die verschiedenen Erzählungen von Heinrich Einstädter, z. B. an die Sammlungen: „Aus jüdischem Hause" und „Sabbatlichter" — ich denke an „Kinderträume" von Hermann Schwab, an „Sabbatgeist" von Seckbach, an die Geschichtensammlung von Eugenie Werthauer „Freitag-Abend", an bin Gorions „Vor dem Sturm" (für das fünfte Schuljahr) und vor allem an die vier Bände ,Born Judas" von bin Gorion. Ich nenne auch die Sagen der Prager Juden aus „Sippurim" — ohne an die großen Erzählungen dieser Sammlung zu denken — und ich nenne das „Maasebuch". Es liegt mir fern, irgend eine Geschichte aus den genannten Sammlungen wahllos herauszugreifen und diese dann für ein Leseheft zu empfehlen. Es bedarf wohl keiner besonderen Erklärung, daß ich an eine vorsichtige Auswahl nach Form, Inhalt und Sprache denke. Von - 'Ausgesprochen jüdischen Märchensammiungen empfehle ich „Das verschlossene Buch" von Irma Singer. Märchen, die nicht gedichtet, die gesammelt sind; Märchen, die nicht von einer Schriftstellerin, die von einer Pädagogin erzählt sind — Märchen von einet herrlichen Sprache. Zu guten jüdischen Märchen kann man schließlich noch „Jüdische Kindermärchen' — (Geschichten um Mendele Rosenbusch) — von Ilse Härlinger rechnen. Soweit das Märchen-Sagen-Element, Und nun noch ein kurzes Wort zu humoristischen Erzählungen, die das Kind besonders liebt und die auch in ^unseren Lesebüchern nicht vergessen sind,. „Das lustige Buch fürs jüdische Kind", von Siegfried Abeles liefert da reichlich Stoff, Ich nenne nur einmal ein paar Titel solcher Erzählungen, die schon verraten, daß der Dichter Pädagoge ist und weiß, was das ■• Kind lachen machen kann: „Die Katze auf der Sukkoh", „Das Trendel mit Kopf und Fuß", „Hamantaschen", „Salomon König und König Salomon" usw. Ich denke sogar, daß man für dieses Gebiet ein paar Geschichten aus „Rabbinischer Humor" oder aus „Jüdische Schwanke" nehmen kann. Unser Lehrplän verlangt: „Vom, zweiten Schuljahr sind neben dem Lesebuch kleine. Ganzbücher , aus billigen Sammlungen zu lesen." Auch da haben wir Schriftchen, die diesen Anforderungen entsprechen und ganz billig zu haben sind. Ich denke zunächst an die Heftchen der Jüdischen Jugendbücherei, z. B. an „Joab, ein JKeldenleben" von Elias Auerbach; „Der Soldat des Zaren" von Jehuda Stednberg: „Elias und Jonadab" von Glanz-Sohar. Und wenn der Lehrplan fürs vierte -Schuljahr als Lektürebändchen „Von Schelmen und Narren" oder „Die Schildbürger" vorschreibt, können wir da nicht das getreue Spiegelbild der Schildbürger „Die Chelmer" nehmen? Es sind dieselben Narreteien und doch wirkt es ganz anders auf das jüdische Kind, wenn sich die Streiche auf jüdischem Boden abspielen, wenn anstatt das Rathaus die Synagoge gebaut, mit Licht gefüllt und verschoben wird. Erschöpfend läßt sich der Stoff für das Gebiet, das ich das Märchen-Sagen-Element nannte, im Rahnren eines Vortrages nicht nennen. Ich wollte auch nur die Möglichkeit eines gangbaren Weges zeigen, ohne Anspruch auf Endgültiges und Abgeschlossenes zu machen. Für die Klassen 4—1 lesen wir die Gedichtsammlung „Der Blütenbaum". Das sind lyrische und epische Gedichte usw. Da Adäquates in der jüdischen Literatur zu finden, dürfte nicht schwer sein. Ich denke an die Gedichtsammlung „Diwan" von Halevi, an moderne jüdische Balladen von Else Lasker-Schüler— etwa an „Abraham und Isak", „Hagar und Ismael", — an wertvolle Balladen von Stefan Zweig — etwa „Der Sucher", „Biblische Ballade" usw., ich nenne Bialik, Perez, Arno Nadel, Leopold Kompert, Karl Wolfskehl, Edmond Fleg, Löwenberg u. a. Man könnte sogar einige Psalmen in guter Uebersetzung in eine solche Gedichtsammlung aufnehmen, vielleicht auch einzelne in gediegen künstlerischer Form wiedergegebene Piutim, Die Verfasser des „Blütenbaum" sagen einleitend:. „Diese Gedichtsammlung wird ergänzt zu einem vollständigen LeseWerk für das 5. bis 8. Jahr der Volksschule durch Quellenschriften für Geschichte, Erdkunde und Naturkunde, sowie durch billige Einzel1 Schriften" — gemeint ist da belletristische Literatur, Um mit dem letztgenannten zuerst zu beginnen: Es handelt sich hierbei um Prosaschriftchen und Dramen. Gewiß, auch für diese Klassen lassen sich noch Midraschim tiefergehenden Inhalts, lassen sich insbesondere große Erzählungen, wie sie z. B, die schon genannte Sammlung „Sippurim" bringt, verwerten; ich denke an die Geschichte „Joker-daj", Sagen über Mose ben Maimon", „Sagen über Raschi", „Baalschem-Geschichten" usw. —- gewiß, man kann „Rabbi Josselmann", man kann vielleicht auch den „Rabbi von Bacharach" und ähnliches lesen, aber man hätte den Jungen und Mädels das Schönste der jüdischen Belletristik vorenthalten, wollte man, wie es Rektor Dr. Stern verlangt — aus Gründen, die "ach nicht bejahe— die ostjüdischen Schriftsteller ausschalten, Geschichten von Perez — wenn ich da nur an die eine Geschichte „Wenn nicht noch höher" denke — Geschichten von Bergelsohn, Scholom Asch^ Scholom Alechem, Mendele Moicher Seforim, Eliasberg , und viele andere sind wahre Perlen der jüdischen schöngeistigen Literatur. Beinahe vergessen hätte ich von Martin Buber vor allem seine „Ghassidischen Geschichten" zu nennen. Wenn ich noch an kleine Schriftchen der neuhebräischen Literatur denke, die in gutes Deutsch" übertragen, eine wertvolle Bereicherung dieses Stoffgebietes bilden könnten (Agnon usw)., so haben wir Stoff en masse. Als Dramen empfehle ich von Hoffmann „Jakobs Traum", von Scholom Alechem „Der Schatz", von Amski den ,Dybuk", den „Jeremia", von Stefan Zweig und „Die- Sendung Semaels", Gerade das letztgenannte Drama liegt einem 13—-14jährigen Jungen mindestens ebenso nahe, wie z. B. „Wilhelm Teil", der für die Oberklasse der Volksschule als Lektüre vorgeschrieben ist. Nun ein kurzes Wort zur Ergänzungsliteratur auf geschichtlichem und erdkundlichem Gebiet. Für Geschichte empfehle ich „Biographische Charakterbilder" von Katz und von allen Dingen die Quellenbücher von Höxter. In ehrlicher, mühsamer Arbeit ist hier eine Quellengeschichte geschrieben, die nach meiner Meinung geradezu unentbehrlich für jede jüdische Schule sein sollte. Auf erdkundlichem Gebiete kommen vor allem Beschreibungen von „Erez Israel" in Frage, Da ist in den letzten Jahren eine so große Literatur entstanden, von der ich nicht in der Lage bin, etwas Spezielles zu empfehlen. Es kommen aber auch Beschreibungen jüdischer Siedlungen und jüdischer Lebensverhältnisse in anderen Ländern in Betracht. Es würde zu weit, führen, wollte ich noch davon sprechen, daß es eine "hohe und pädagogisch wertvolle Aufgabe ist, das" Laienspiel zu pflegen. Dieses Gebiet streift aber nur die Peripherie Unseres Themas. Es verlohnte sich, darüber gesondert zu sprechen. Eines aber will ich noch, bevor ich zum Schluß komme, nicht unerwähnt lassen* ich meine die Zeitungslektüre. Die jüdische Zeitung . hat, bevor wir Pädagogen, das müssen wir zu unserer Schande'gestehen, daran dachten, jüdische Stoffe in deutscher Sprache unseren Kindern näher zu bringen} sei es in ihren Kinderbeilagen oder wo sonst, des Kindes gedacht-. Der „Israelit", die „Rundschau", das „Familienblatt", neuerdings sogar das „Frankfurter Gemeindeblatt'.' -bringen Erzählungen,. Legenden, Schilderungen und Gedichte usw. für das jüdische Kind. Gewiß, alle diese Kinderbeilagen lassen eine kundige pädagogische Hand vermissen — sollte es aber irgend möglich sein,' daß einem auf diesem -Gebiete fähigen Pädagogen die Leitung dieser Beilage überantwortet würde, dann wäre eine solche Beilage eine große Stutze für den Deutschunterricht der jüdischen Schule. Schon aus rein finanziellen Gründen wäre das zu begrüßen, weil wir nicht alles Wünschenswerte von unseren Schülern zum Lesen erwerben lassen können. Ich denke aber nicht allein an diie Kinderbeilage, wenn ich, von der Zeitungslektüre spreche. Weit entfernt bin ich davon, Artikel zu empfehlen, die auch nur eine Spur von Politik enthalten. Sei es aber, daß die Zeitung einen guten Artikel zum Geburtstage, zum Todestage (oder sonst einem Anlaß) einer berühmten Persönlichkeit auf literarischem, wissenschaftlichem oder religiösem Gebiet bringt, sei es ein Artikel, der irgend ein Problem oder Stoffgebiet behandelt, das gerade in einer Unterrichtsstunde besprochen wurde und nun ergänzend wirkt, oder seien es Artikel über „Erez" — alle können gute Dienste leisten. Sie nach jeder Hinsicht richtig auszuwählen, ist Sache des Taktes und-der pädagogischen Geschicklichkeit des einzelnen Lehrers. Es gehört vielleicht auch noch zum Thema, ein Wort über eine SchülerbiDllothek zu sagen. Daß eine Schülerbibliothek die letzte Krönung der Forderungen und Gedanken wäre, die ich glaube entwickelt zu haben, bedarf wohl keiner Erwähnung. Ihre Gründung ist nur eine organisatorisch ökonomische Frage, deren Behandlung nicht in diesen Rahmen paßt. Schlagen wir an unsere Brust und bekennen wir: jüdisch-deutsche Literatur haben wir unseren Kindern vorenthalten. In irgend einem Fach — in Religion, in Deutsch oder Geschichte — hätten wir Gelegenheit dazu gehabt, jüdische Literaturkunde und Literaturgeschichte zu treiben. Es war eine Unterlassungssünde, unsere Jugend ins Leben zu schicken, ohne ihr wenigstens ein Mindestmaß von Kenntnissen auf diesem Gebiete mit auf den Weg zu geben, Ich weiß, daß sich Schwierigkeiten dieser Arbeit in den Weg stellen ' werden; diese Schwierigkeiten dürfen aber unsere Kräfte nicht lähmen und uns nicht davor zurückschrecken, lassen, an der Lösung dieses Problems mitzuarbeiten, Ich sage mit Bedacht „mitzuarbeiten", denn nur durch Zusammenarbeit und keinesfalls durch Zersplitterung der- Kräfte läßt sich etwas Ersprießliches schaffen, : Meine Arbeit sollte die Problematik des Deutschunterrichts, 'insbesondere der Lektüre für jüdische Schulen aufzeichnen, Das glaube ich getan zu haben. Streiten kann'man über die Art der Lösung. Bücherbesprechung. Daniel, Dramatisches Spiel nach dem biblischen Buch gleichen Namens zusammengestellt von Direktor Dr. E l i a s , F ra n k f u r t a. M. Hermonverlag. . Preis einzeln 80 Pfg., bei Mehrbezug 60 Pfg. Vor mehreren Jahren brachten diese Blätter eine Arbeit von H. Mandelbaum, Hamburg „Hebräischer Unterricht und Theaterspielen", der der Verfasser ein kleines dramatisches Spiel j?ns* nnVin folgen ließ. Wir verweisen auf diese Arbeit, in welcher Herr Mandelbaum;,Das Theaterspielen in der Schule als Selbstzweck zur Entwicklung der schöpferischen Darstellungs- und Gestältungsfähigkeit des Kindes, zur Verfeinerung und Veredlung seines seelischen Einfühlungsvermögens, sowie als Mittel jzum Zwecke einer lebendigen, mit Lust und tätiger Anteilnahme^ erfolgenden Verarbeitung eines wertvollen Stoffes" behandelte. Der Verfasser des oben angezeigten dramatischen. Spiels, Herr 'Direktor Dr. Elias in Frankfurt, wählte als Stoff die Gestalt' des Propheten Daniel, dessen Leben in sechs Bildern an unserem Auge vorüberzieht. Das in leichtem Hebräisch geschriebene Spiel, wie auch sein stofflicher Inhalt machen es sehr geeignet, Darstellern und Zuhörern die Gestalt eines unsrer Großen aus der klassischen Vergangenheit des Judentums erstehen zu lassen, und ebenso ihnen die Sprache der Bibel zu verlebendigen und die Freude an ihrer Erlernung zu steigern.' Wir halten das dramatische Spiel von-Dr. Elias: für Aufführungsgelegenheiten sehr geeignet. An der Schule des Verfassers wurde „Daniel" bereits mit gutem Erfolge aufgeführt.