Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1935)
- Date
- 1935-10-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein Centraiorgan für das orthodoxe Judentum / Begründet von Dr. Lehmann in Mainz Frankfurt a. M. 3, Oktober 1935 6. Tischri 5696 I Nummer 40 Die „Reichsvertretung der Juden in Deutschland" hat in der vorigen Woche durch die jüdische Presse eine Kundgebung veröffentlicht, - in der sie den Anspruch auf totale Führung der gesamten Judenheit Deutschlands erhebt und das Streben nach Schaffung einer einheitlichen, staatlich anerkannten Zwangsorganisation der jüdischen Gemeinschaft zum Ausdruck bringt. Hierzu erklären wir folgendes: 1. Die „Unabhängige jüdische Orthodoxie m Deutschland" umfaßt diejenigen Synagogengemeindeh, Organisationen und jüdischen Einzelnen, die nach dem Diktat ihres religiösen Gewissens auch vom jüdischen Gemeinschaftsleben verlangen, daß es in all seinen Betätigungen dem Gesetze der Thora entspreche. Für sie bedeutet es daher einen u n e r t r ä gl i c hen G ewissensdruck, zwangsweise _einer Gemeinschaft ■einverleibt zu werden, die die Gesetze der Thora nicht als oberste Norm ihrer Verfassung anerkennt. Auch können Träger diametral entgegengesetzter Weltanschauungen auf religiösem Gebiete nicht ohne schwerste Bedrohung der Gewissensfreiheit und nicht ohne Gefährdung des religiösen Pflichtenlebens in eine Einheitsorganisation gezwängt werden, Der Gewissensdruck wird dadurch nicht geringer, daß die Unabhängige jüdische Orthodoxie'Deutschlands im Verhältnis zur Gesamtzahl der Juden in Deutschland eine Minderheit bildet. Auch eine Minderheit hat Anspruch -auf Gewissensfreiheit und darf von der Majorität Achtung ihrer religiösen Ueberzeugung erwarten. * Die Unabhängige jüdische Orthodoxie in Deutschland kann sich nicht denken, daß die Mehrheit der Juden ihr diesen Anspruch und diese Achtung weniger zuerkennen wird, als dies der preußische Staat seit mehr als einem halben Jahrhundert getan hat, und daß sie insbesondere auf heilige religiöse Ueberzeugungen durch die Geltendmachung finanzieller'Druckmittel irgend welche Einwirkungen ausüben will. 2. Die Kundgebung der Reichs Vertretung trägt nicht nur dem religiösen Standpunkt der unabhängigen jüdischen Orthodoxie — mit der vor der Veröffentlichung -nicht einmal der Versuch, eine gemeinsame Plattform zu finden, unternommen wurde — keinerlei Rechnung, sondern sie verleugnet, darüber hinaus, die zentrale Stellung der jüdischen Religion als k onstitutive Grundbedingung allen jüdisch e n V o l k s t u m s. . . . 3. Die Unabhängige jüdische Orthodoxie in Deutschland muß daher für sich auf allen Gebieten des rel ig i ö se n und kulturellen Lebens volle Autonomie in Anspruch nehmen. Auf dem Gebiete der Wirt s c Ji a f t und der sozialen Hilfe, hält sie eine einheitliche Regelung unter gewissen Kautelen für möglich. 4. Die Vorbereitung zur Auswanderung nach Palästina und ihre Bewerkstelligung kann die Unabhängige jüdische OrihodoxW "in-'Deutschland, um des religiösen Aufbaus Palästinas willen* nur. 'Hand in Hand mit der agudistischen Organisation und; dem Keren Hajischuw vornehmen. . . v Wir geben uns der sicheren Erwartung hi»j daß bei allseitigem guten Willen, an dem es in dieser schweren Zeit nicht fehlen darfj ein Weg gefunden werde, der c-hne Gewissenskränkung den! inneren Frieden. unter den Juden in Deutschland gewährleistet, der für eine gedeihliche Zusammenarbeit die unerläßliche Voraussetzung bildet, und der der religiösen 'Aufgabe des Judentums gerecht wird. Die Vertretung der Unabhängigen jüdischen Orthodoxie in Deutschland. i. A.: Rabbiner-Dr, Esrd M u n k / Dr. Isaac B r e u e t" Vom Liebte zum Heile. ">9V>1 '118 'n .B»5!r>s '»»-»I n»ia •»im G'tt mein Licht und mein Heil (Psalm 27) Licht am Roschhaschanah und Heil am Jomkippur. (Midrasch.) Der Schofar des Roschhaschanah rief und führte uns zum Lichte. „G'tt, im Lichte deines Antlitzes laß uns wandeln!" ist Vorspiel, „Wirst ins belle Licht unser Urteil rücken" ist Finale -der Schofartklänge. <Es lichtet der Morgen mehr und mehr, es wachsen Heil und Helligkeit. Und nun ist es Tag; UV' Tag der doppelten Versöhnung tPIlD'Ön ÖV' mit G'tt und mit den Menschen. Aus alter Mussarschrift: Ich hatte mein Erlebnis am Meere und will es erzählen. Finstere Nacht, und ich wurde im tiefen Schlafe von einem Hornklang geweckt. Es tutete und tutete in kleinen Abständen, daß ich kein Auge mehr zutun konnte. Da ging ich in den. Hafen hinaus und fragte den Schiffer, was das dumpfe Getöne in der Nacht bedeute. Es sprach der"Seemann; ,,Es ist stockfinstere Nacht, dichter Nebel deckt den Himmel und das Wasser. Der Sturm peitscht die Wellen undgefährdet die Schiffe. Da tutet das Nebelhorn, um sie zu warnen." i.Und wenn sie gewarnt sind? Kann das Horn die Finsternis verjagen, den Nebel verscheuchen, den Wellengang beruhigen?" „Nein, das kann es nicht, aber hören die Schiffer auf das Signal -<und halten den Kurs in der Richtung der Töne ein.^gelangen sie an einen Leuchtturm; in dessen Licht sie in den ruhigen gesicherten Hafen einfahren können." Wir verstehen heute die Fabel recht gut. '" Auf sturmbewegter See schaukelt das Schifflein!unseres Lebens, und wie nie zuvor ist uns dieses Jahr die bange Frage unseres Schicksalsgebetes snj' '»öl m:P gegenwärtig. Es ist aber ein ü b 1 Hin DVi>da eine Welt sich in Wehen windet und um das Kommende bangt. Es ist mehr denn sonst uan Dl'b nü33' das Fest „d e s b e d e c k t e n Mondes". Zugedeckt und geheimnisvoll in der Zeiten dunklem Schöße ruhen die Geschicke der Welt. Auch für unser heiliges Land, das sich just vor unseren Augen wie ein Wunder aus dem Staube erhebt, und wiederum im Schnittpunkte der Weltgeschehnisse steht; Also spricht der Seemann: Nacht und Nebel ringsumher und der Sturm pfeift. Aber das Nebelhorn rief, stieß Signal auf Signal aus. Heil uns,, wenn wir als nsmn ■'»3nY» diese Rufzeichen verstanden und uns durch die wilden Wellen zum Leuchtturm durchwanden! Und nun ist es Tag, Tag der doppelten Versöhnung; von innen her, wo wir die Wege zu G'tt verspüren, und nach außen, von wo die Brücken zu den Menschen führen. Es hat sich in den Tagen, seitdem der Schofar verstummt ist und wir den Erneuerungsprozeß mehr nach innen verlegt haben, wenig um uns herum geändert. Aber an uns und in uns kann sich vielesr alles geändert haben. Wenn (Fortsetzung siehe Seite 3.)