Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1935)
- Date
- 1935-09-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Feuilleton' Beilage S"B* Cft EL Nummer 38 1935 Wilnaer Geschichten. V. Alles nur leihweise . . 7 Der Gaon klagte einmal dem Dubner: „Es ist so schwfer, sich vor Hochmut und Ueberheblichkeit'zu schützen. Gelingt einem einmal ein guter Einfall, öffnet einem: G'tt die Augen, etwas in den Tiefen der Schrift, zu sehen, was Andere nicht sehen, so überkommt -den Beschenkten leicht der Gedanke, er sei besonders begnadet und es regen sich bei ihm Gefühle der Ueberheblichkeit,x die;«o schwer'Hu. unterdrücken sind. Helfet mir, großer Maggidt mit, eurem Moschol und::Mussar, diese häßlichen Regungen zu überwinden!" Darauf der Dubner Maggid; Wir. lesen im Königskapitel der Thora: „E)aß er t1der König — sich 'nicht überhebe über seine Brüder und nicht weiche von den Geboten, weder rechts noch links." Was hat die Warnung vor Ueberheblichkeit, die doch eine rein menschliche Angelegenheit istV mit den Geboten der: "Ihorii zu tun,**!die;den Weg zu G ' 11 weisen?■ Es erklärt sich aber dieser Zusammenhang durch folgendes Gleichnis:;;, , Es fuhren einmal von der Xeipziger Messe viele Kaufleute nach Hause, große und kleine. Einer hätte eine ganze große. Anzahl von Fuhren, .-vollbeladen mit allerhand kostbaren Waren. Daneben trappelte ein kleiner Händler mit seinem Wägelchen die Straße hinan. Spricht der Großkaufmann zu dem kleinen Mänr±: „Wie kannst du es wagen, mit deinem Karren mir, dem Besitzer der reichen Warenlager, in den Weg zu kommen und mit mir Schritt halten zu wollen, als wärest du meinesgleichen?" ' ' Antwortet der kleine Mann sanft und ergeben: „Du hättest, Bruder, allen Grund, dich über mich zu erheben,- wem* alt deine Ware b e z-a h 11 wäre. Wir haben aber beide auf Kredit.leingekauft. Habe ich wenig W a r e , so werde, ich wen ig zu zahlen haben, hast du viel, so wirst du eben dementsprechend große Summen zurückzahlen müssen. Waswäre dann der Unterschied zwischen mir und dir? Am Ende muß dich die Schuld mehr drücken, als mich." In diesem Sinne wird dem König gesagt: „Dijrnke dich nicht höher als. deine Brüder und lass&die Ueberheblichkeif,! denn duTdarfst 'ja nicht weichen vom Wege der- Gebote, weder rechts noch links. Will> .sagen: Du^ wirst 1 entsprechend deiner hohen Stellung zahlen und, leisrten müssen*.:Alle irdischen oder geistigen Güter sind, uns nurrjjre r-;l:i e h e n ■;• auf Widerruf! Je mehr uns von^^^esen.(.Q^b^nl lUfld jGittern^ zuteil wir(d, um so größer unsere Verpflichtung gegen G'tt und Menr sehen, um so drückender die von uns abzutragend« Schuld. Woher und wozu dann die Ueberheblichkeit? ikese Mussarrede des-Maggid gefiel dem Gaon so gut, daß er deren Gedankenkern' später in senfein Schriften in seiner tfe'fen Art-wiederholt',' zum^Ausdruck -brachte;: - - V.-...'' ': r;"w;"v7'."' 1' :A " - I, ' ■'' ''"':!.■ ' : Derj4 Maggid als Popularisator. < Sehr oft hatte der Dubner Maggid die Aufgabe, tiefe ^orte des Gaon...durch 'seine he.rrlichen Gleichnisse -oder A'hekdöten zu' popularisieren. :'»*' tM : Als sie einmal im Kreise der Jünger die Mischnahstelle in Aboth durchnahmen nDK "M na nriK D^sni VI? „Und wisse* daß du wider deinen Willen lebstj wider deinen Willen stirbst und wider deinen Willen wirst Rechenschaft ablegen müssen vor G'tt, dem König aller! Könige," fragte einer der Schüler, mit welchem.; Rechte der Schöpfer Rechenschaft vom Menschen fordern könne, wenn der Mensch gewissermaßen gewaltsam in Welt und Leben gestellt worden ist? Der Gaon verwies in seiner kurzen knappen Art auf eine Talmudstelle in Baba Kamah,Män las nach und fand dort die Frage erörtert, ob und in welchem Maße jemand zu den Kosten eines Zaunes herangezogen werden kann, den der Nachbar in seinem eigenen Interesse gezogen. „Hat Reuben Schimeons Feld von drei Seiten eingezäunt 'und die vierte blieb offen/ so kann Schimeon an. den Kosten nicht beteiligt werden. Kam aber dann Schimeon und ergänzte von sich aus die Einfriedung auch nach der vierten Seite, so hat er die .drfei Wände mit zu bezahlen, da er mit seiner Tat dokumentierte, daß des Nachbars Arbeit ihm recht und nützlich war." Das und nichts anderes stand an der Stelle, ifnd man wußte nicht, was sie mit jener Frage zu tun hätte. Erzählte der Dubner Maggid: Es gab einmal einen Blinden, der nie das Licht gesehen hatte und sich in seinem Innern ein eigenes ganz herrliches Weltbild gemacht; hatte. Er glaubte> die Welt sei von lauter Schönheiten angefüllt und er selbst von glorreichen Dingen umgeben, denn er sah das Trübe und Häßliche nicht und in seiner Vorstellung saß nur das Schöne und das Gute. Da kam ein .Wunderdoktor in die;Stadt, der alle Gebrechen heilen konnte. Auch der Blinde kam zu ihm und erlangte das' Augenlicht. 0, welches Glück, das Licht zu sehen, in die Sonne schauen zu dürfen. Nun aber stellte sich auch die bittere Enttäuschung ein. Er sah auf Schritt und Tritt so viel Häßliches, so viel Unerfreuliches, das er; mit seinen erloschenen Augen nie ahnte. Nein, die Welt war nicht von Schönheit angefüllt und er nicht-von'lauter Herrlichkeiten umgeben. So widerwärtig warep ifcuweilen die Dinge um ihn herum,- daß er freiwillig die Augen schloß. Der; Mann, der ein geruhiges abgeschlossenes Welt- .bild in^sich trug und alle Zeit »glücklich war, warjetzt ganz unglücklich, aus allen Himmeln gerissen. Man sah ihn weniger lachen als damals, da er hilflos keinen Schritt allein gehen-konnte. Als ihm gar der Doktor die Rechnung stellte,, weigerte sich der Geheilte* zu zahlen^ ,,Du hast mich um mein Glück gebracht und willst noch Lohn?" sprach ei. Der Richter hatte zu urteilen.. Dieser sprach: ,;Du kannst deinen Qualen; leicht ein Ende machen; der Wunderdoktor, der Blinde sehend machen konnte, kann ganz gewiß Sehende > erst recht wieder, blind machen.; r So -gehe zu ihm, und du hast dein altes, stilles, inneres Glück wieder." '! „Nein," schr;ie aber der Angeredete auf. „.Wer einmal 'das Licht gesehen, in die Sonne geblickt hat, der will dieses Licht bei allem und allem nicht mehr entbehren. Ich bediene mich meiner Sehkraft zu meinem Nutzen, wenn ich auch hie und da von der einen und anderen. Erscheinung die Augen abwenden muß." . . - „Wenn dem so ist," entschied der Richter, „so mußt du auch die Arztrechnung bezahlen." Ist es nicht, fing der Maggid an, der gleiche Gedanke, der jener talmudiicfieri Hälächa zugrunde liegt? Schimeon sieht sein Feld umzäunt von drei Seiten. Interessiert^ihn nicliti solange er von sich aus nichts dazu tut. Ergänzt er aber :den Zaun unter Ausnutzung der, ihm vom Nach- : bar gebotenen. Chance, dann feeigt'~-:&r damit, wie recht ihm jenefr Zaun -war, und er muß zahlen. Wir wissen nun, warum der Gaon uns auf diese Halacha verwies, denn in dieser Mischnä von Aboth wird ja auch nichts Anderes gesagt: Wider deinen Willen lebst du," aber ,,gegen deinen Will e.n'.t rittst du denT od an." Du willst leben, du hast Freude am Leben, klammerst dich mit aller Kraft ans Leben bis zum letzten Atemzuge, gestaltest dein Leben nach Lust und Liebe, also bist du mit verantwortlich für dieses Leben, und darum jit>*> ITiV nfiK 3*373 ]3tPm ]*H wirst du auch zahlen, d. h. für deine Lebensführung Rechenschaft ablegen müssen vor dem König aller Könige, der dir das Leben geschenkt hat. Auf das „Wie" kommt es an. Ein kleiner Rabbi in einem Städtchen bei Wilna war etwas neidisch auf den jungen Rühm des Gaon. „Gewiß," sagte er in einem Gespräche mit dem Dubner, ,iist er ein großer Gelehrter, aber schließlich können, auch wir lernen, und die Welt spricht nicht so viel davon." Der Dubner, den diese Aeußerung kränkte, beschloß, dem Rabbi, der so geringschätzig von dem Gaon sprach, auf seine witzige. . Art eine Lektion zu erteilen, und sagte: „Die Größe des Gaon liegt weniger in dem, was er kann, sondern in der Art, wie er die an ihn gestellten Fragen beantwortet." „Verstehe ich nicht," sagte der Andere, „erklärt es mir." ' „Will ich euch erklären," willigte der Dubner ein. „Angenommen man würde euch folgende Frage stellen: Ueberall, wenn die Mischna gewisse Termine für eine Handlung angibt, wie beispielsweise für das Vorlesen der Estherrollg, heißt es zum Schluß: "inT> K^l mriD X^' „von diesem bis zu diesem Datum nicht früher und nicht später." Beim Darbringen der E f s 11 i n g £ - f r ü c h t e sind in der Mischna Bikkürim ebenfalls verschiedene Daten angegeben, von Schwuoth bis Sukkoth und noch weiter bis Chanukah. Warum heißt es nicht auch hier „nicht früher und nicht später?" Der Rabbi dachte eine Weile nach und gab eine langatmige und sehr komplizierte Erklärung für diese Abweichung, wie sie, seines Erachtens, auch;, der Gaon nicht besser und tiefer geben konnte.; „Ist wunderschön,", lobte der Dubner, „aber der Gadn würde anders antworten." „Nun, wie würde der Gaon antworten?" „Er würde einfach sagen: „In der Mischnä Bikkurim h e i ß t es ebenfalls, genau wie in Megillah inv S1?! mna \iib „nicht früher und nicht -später . . ." (Fortsetzung folgt.) Ein jüdischerWeltreisender des 12. Jahrhunderts. Von Saly Geis. (Schluß.) Endlich ist Benjamin in Jerusalem, wo damals in einem Winkel unterhalb des Davidturms nur 200 Juden als arme Färber wohnen. Er erzählt' eine Wundermär, die damals in Jerusalem umging. Zwei christliche Arheiter seien durch einen unterirdischen Gang zu einer kostbaren Halle mit den Grabmälern der Könige Judas und göldner Krone und Szepter aüi einem Tisch gekommen,; aber ein Sturm erhob sich plötzlich und schleuderte die Eindringlinge ins Freie," und dort lagen sie bewußtlos bis zum Abend, Auch die wenigen Juden in Bethlehem sind Färber. "In Chewron besucht Benjamin die Höhle Machpelah, Dürch zwei leere Höhlen tritt man in eine! dritte, in der sechs Gräber zu sehen sind. {•Es. wohne^ri' in Jaffa nur einer, in /Fjjberias. nur 50 Juden, dagegen in Askälon 200 Juden, 40 Karäer und- 300 Samaritaner. Ueberall betreiben die meisten