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Der Israelit · 1935-08-22 · Heft 34 (22.8.1935) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 34 (22.8.1935)
Date
1935-08-22
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
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Femlletön- Beilage Der Israelit Nummer 34 1935 m Wilnaer Geschichten. Von der Goluswanderung des Gaon, Wie bekannt, hatte der Wilnaer Gaon, Rabbi Elijah, wie viele andere Fromme, in jungen Jahren das Los der Verbannung, der Goluswanderung auf sich genommen/ Er ging einige 'Jahre hindurch von Ort zu Ort, ohne sieh zu erkennen zu geben und nahm als einfacher Wanderbettler alle denkbaren Leiden, Entbehrungen und Demütigungen auf sich. Wurde er aber irgendwo erkannt, und schickten sich die Leute an, ihn nach Gebühr zu ehren, verschwand er alsogleich, ohne daß man das Ziel seiner Reise erfuhr. Ueber seine Erlebnisse auf seinen Wanderungen kursieren in Wilna wundersame Geschichten, von denen wir hier einige kurz skizzieren: Einmal' ging der Gaon mit Wanderstecken und Schultersack am Hofe eines polnischen Adelmannes vorbei. Der Pan stand vor der Türe, war sehr gut aufgelegt und wollte mit dem armen Betteljuden seinen Spaß haben. So schickte er seine Trabanten aus^ Um den Juden hereinzuholen. Als der Wanderer seinen Mantel ablegte, sah der Pole, daß der sonderbare Mann Tallith und an der Stirn auch die Gebetriemen (der Gaon trug den ganzen Tag Tallith und Tefillin) an hatte. Das ergötzte den Hofherrn noch mehr und er befahl dem Juden, vor ihm zu tanzen und „Mah Jofith" (ein Smirothgesang, den früher der Hofjude zur Belustigung des Poritz, des polnischen Adelmanns, oft vorzusingen hatte) zu singen. Der Gaon verfügte über keine große Stimme und das Singen lag ihm nicht. Aber da geschah etwas Seltsames. Kaum hatte der Wanderer mit seinem leisen Gesang begonnen, als der Edelmann sich aufstellte, den ganzen Körper wie im Krämpfe bewegte und dann in einen wilden Tanz hineingeriet, bis er ohnmächtig zu Boden fiel. Nachdem der Pole von seinen Dienern wieder ins Leben gerufen war, schaute er in das leuchtende Gesicht ' des Wanderarmen und erschrak wiederum. Er merkte, daß er es mit keinem gewöhnlichen Sterblichen zu tun hatte und flehte ihn um Verzeihung an. Der Gaon willigte ein, bat sich aber „Wiedergutmachung" aus. Nicht an ihm selbst, sondern an all den Juden seines Gebietes, die als Pächter und Hofhändler ihm unterworfen waren.^ In Wilna und Umgegend wird der Name des polnischen Magnaten genannt, der von diesem Momente an keine Gelegenheit -versäumte, Juden Gutes zu erweisen und auch seinen Kindern 4fnd Kindeskiridern letztwillig und urkundlich den Befehl gab, wohlwollend und liebevoll ihre Juden zu behandeln. . * Ein ähnliches Erlebnis mit einem hochadeligen Polen hatte der Gaon ein anderes Mal. Er kehrte auf seinen Wanderungen in eine Landherberge ein, wo der Herbergsbesitzer, ein frommer Jude, ihn gleich erkannte. Er durfte es nicht verraten, um den hohen Gast aus seinem Hause nicht zu verscheuchen, räumte ihm aber das beste Zimmer seines Hauses, das sogenannte „Herrengemach", dasvfür den adeligen Großgutsbesifzer -— den Herrn des Gebietes — reserviert war, ein. Ein unglücklicher Zufall wollte es haben, daß bald darauf der allmächtige „Poritz", von dem der Jude auch die Herberge in Pacht hatte, mit Roß und Wagen ankanu und hier übernachten wollte. In tödlicher Verlegenheit und größter Angst trat der Wirt an seinen Herrn heran: „Hoher Herr und Gebieter! Ein heiliger Mann, wie es seinesgleichen auf Erden nicht gibt, ist bei mir eingekehrt und ich habe ihn ins Zimmer geführt, das dir vorbehalten bleiben sollte. Was soll ich jetzt tun?" Der Pole geriet in grenzenlose Wut und trumpfte auf: „Wie kannst du deinen Rabbi in das Zimmer lassen, das mir gehört? Sofort jagst du ihn auf die Straße." Sagte der unglückliche Wirt: „Gnade, Herr und Gebieter! Und wenn ich die Pacht verlieren sollte und wenn du mich auch mit allen Strafen der Welt belegen wolltest, ich brächte es nicht fertig, den heiligen Mann aus meinem Hause zu weisen." ,,Dann will ich es selber besorgen," schrie der Pole. „Ich werde schon mit deinem Rabbi fertig." Wütend riß der Edelmann die Türe zum Zimmer auf und sah in den Raum. Eine Weile stand er verblüfft da, dann schloß er langsam die Türe von außen und ging zum Pächter: . „Du hast recht. Es ist kein Mensch von dieser Erde, keiner von Fleisch und Blut. Ich sah ein Leuchten, als ich die Türe öffnete und ich wagte nicht, dem Manne ins Gesicht zu schauen, von dem das heilige Feuer ausging. Ich bin glücklich, daß mein Haus und mein Gemach durch die Anwesenheit des heiligen Mannes geweiht werden." Der Erlaß des Pachtgeldes für ein" ganzes Jahr war der Lohn des polnischen Adligen für die Weihung seiner Schlafstätte, Mit Wanderstab und Schultersack pilgerte der Wanderer über die staubige Straße. Ein Wagen holte ihn ein, auf dessen Bock ein jüdischer Fuhrmann die Zügel in der Hand hielt. „Wohin Reb Jüd?" fragte der Fuhrmann. „Ins nächste Städtchen," antwortete der Wanderer. „So setzt euch in meinen Wagen, da ich ja auch dahin fahre." Nach einer Stunde Fahrt sagte der Fuhrmann:' „Höret, Reb Jüd, ich bin die ganze Nacht hindurch gefahren und fühle, wie mich der Schlaf übermannt. Wir haben noch etliche gute Stunden zu fahren, der Weg ist eben und die Gäule kennen ihn von selbst, So setzt euch auf den Bock und nehmet Zügel und Peitsche in die Hand, indes ich hinten auf den Säcken mir ein Schläfchen gönne." Ohne ein Wort zu reden, bezog der Gaon seinen Posten auf dem hohen Bock, glücklich, einmal einem Juden auf diese ungewohnte Art, durch eigene -Arbeit, einen Liebesdienst zu erweisen. So fuhren sie in das Städtchen hinein und der übermüdete Fuhrmann schlief und schnarchte immer noch, ohne daß der Fahrgast ihn zu wecken wagte. Ein Bewohner des Städtchens, der sich öfters in Wilna aufhielt und den Gaon von Angesicht kannte, kam des. Weges. Eine Weile stand er stutzig da, dann schrie er ganz perplex: „Der Gaon! . .." In wenigen Minuten alarmierte er das ganze Städtchen, „Der Gaon fährt!" trug sich der Ruf von einer Ecke zur anderen. Auf dem Markte sah dann die Menge, wie der Wagen ankam. Auf dem Bocke, saß der Gaon in Talith gehüllt, in der Linken die Zügel, in der Rechten die Peitsche, und hinten lag der Fuhrmann und schlief den Schlaf des Gerechten. Vom Lärm der Menge erwachte nun der Fuhrmann und sah ein, was er angerichtet hatte. Eine Flut von Vorwürfen erhob sich aus der Menge gegen ihn. In der allgemeinen Aufregung gelang es aber dem Gaon, der sich erkannt sah, zu entschlüpfen und einen anderen Weg einzuschlagen, so daß die nun einsetzenden Huldigungen ihn nicht mehr erreichten. In Scholkowe, einem Städtchen Wesfcpolens, kam der wandernde Gaon zu Pessach an und war dort Gast des Ortsrabbiners. Am Pessachabend bat er sich das Recht aus, Seder für sich selbst zu geben. Sein Gastgeber beobachtete, wie der sonderbare Gast ganz eigene, dort nicht gekannte Bräuche anwandte. Das befremdete den Ortsrabbiner und verärgerte ihn. Als er morgens diese Wahrnehmungen den Gelehrten der Stadt mitteilte, wurde der Beschluß gefaßt, daß sich alle am Nachmittag im Rabbinerhause versammeln, bei welcher Gelegenheit der Rabbi eine tiefgehende halachische Auseinandersetzung halten sollte. Dabei würde sich zeigen, ob der Gast ein Gelehrter sei oder nicht. Konnte er mitgehen und mitreden und entpuppte er sich als Thorakundiger, so wollte man ihm seine Eigenbrödelei verzeihen, im anderen Falle verdiente er einen Verweis und müßte mit Schand und Spott aus der Stadt gewiesen werden. Bei der Droschoh des Raw ging es sehr lebhaft zu, alle Gelehrten fielen mit ihren Meinungen ein und diskutierten sehr angeregt: Nur der fremde Gast saß still und teilnahmslos da. So waren denn die Gelehrten von seiner Unwissenheit und Anmaßung überzeugt und nahe daran, ihr Verdikt zu sprechen. Der Rabbi, der aber seinem Gaste noch einige Rücksicht zu schulden glaubte, sagte gütig und einlenkend: „Ihr habt wohl meine Worte nicht ganz verstanden, das könnte auch an mir liegen, an meiner unklaren Ausdrucksweise. Ich will es euch wiederholen." „Nicht nötig," wehrte der Fremde ab. Und er wiederholte den ganzen Gedankengang, den mehrstündigen Vortrag in wenigen prägnanten klaren Sätzen zusammenfassend. Man hatte im Städtchen für den ersten Chol Hamoed-Tag einen Vortrag des großen fremden Gelehrten, dessen wahren Namen man immer noch nicht kannte," angesagt. Aber schon in der Nacht war der Gaon ohne Abschied verschwunden, nachdem er eine genaue Abrechnung mit der Vergütung für Speis und Trank auf den Tisch gelegt hatte. » Ein anderes Mal kehrte der Gaon in einer jüdischen Herberge ein, wo der Wirt ihn gleich erkannte. In großer Bestürzung war der einfache Dorfmann. Sein einziger Sohn war von dem polnischen Gutsherrn in seinen Hof gelockt und dort zur christlichen Kirche bekehrt worden. „Ein Meschumed", Es war das größte Unglück, das den armen Mann und die ganze Familie treffen konnte. „Rettet, heiliger Gaon!" flehte der Arme. „Kann ich den jungen Mann sehen und sprechen?" fragte der Rabbi. Nach einigem Widerstreben kam der Jüngling. Der Gaon reichte ihm einen mit Wein gefüllten Becher und sagte kurz: „Sage den Segensspruch, die Brochoh!" Weigerte sich der Jüngling: „Ich bin längst kein Jude mehr, was soll mir die Brochoh?" Schaute ihm aber der Gaon scharf ins Gesicht und sprach fast befehlend: „Du hast noch eine jüdische Neschomoh, sprich die Brochoh, sage ich!" Im Zwange dieser Worte sprach der Jüngling das vorgeschriebene Gebet, pries G'tt, den „König der Welt, den Schöpfer der Frucht des Weinstockes." Der Gaon rief: „Omen!" In einem solchen Tone, mit einer solchen Verzückung, daß der Jüngling am ganzen Körper erzitterte und dann in lautes Weinen ausbrach. In der gleichen Nacht verschwand der junge Mann aus dem Dorf. In einer entfernten Stadt führte er ein ruhiges frommes Leben und erzähltp oft, wie ihn das einzige Omen des Gaon wieder heimgeführt hatte ... (Fortsetzung folgt.

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