Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1935)
- Date
- 1935-08-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2450858-2450890--81484-2539380- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Feuilleton- Der Israelit Nummer 33 1935 Shylock, Skizze von Saly Geis, Mit hastigem Druck sprang die Bürotür auf. Zwanzig Hände hielten in der Arbeit inne, zwanzig Augenpaare blickten auf, und zwanzig Gehirne dachten: ,,Ein seltener Besuch, der Sohn des Chefs." So schnell wie diese Unterbrechung war der Vierzehnjährige durch den Raum gestürmt und hatte die Tür, vor der sonst, ein behutsames Klopfen auf das „Herein" wartete, gleichfalls heftig geöffnet und geschlossen. Der Vollbeschäftigte blickte auf. Wer wagte diese- Störung? Doch seine Züge verwandelten sofort ihren Unwillen in Erstaunen und Erwartung. „Hans, was geht vor? Du Idealist erscheinst doch sonst nicht an der Stätte des Verdienens!" * Hans war sichtbar sehr erregt. Er rang nach Worten, konnte sie aber nicht gleich finden. Aber dann stieß sein Mund in einem einzigen Ausbruch die Frage hervor: „Ist unser G'ttesbegriff mit der Rache verbunden?" Der Vater antwortete nicht „Ja" und nicht „Nein". Er erfaßte sogleich die Situation und rief mit Erleichterung: „Daher pfeift der Wind! Ruhig Blut, mein Sohn! Setze dich, komme zu dir, und dann erzähle! Inzwischen werde ich meinen Brief beenden," Hinausschieben bedeutet mitunter Pädagogik; aber Hansens Vater wollte nur Zeit gewinnen. Er, der Vorsteher einer jüdischen Gemeinde, stand dem jüdischen Wissensgebiete fern. Wenn ein Geschäftsmann seinen Beruf zu einer Tretmühle werden läßt, deren Esel er ist, dann bleibt ihm nicht einmal genug Zeit für seine Familie, Das Ueberfliegen der Zeitung und ein Stündchen für ein Ehrenamt dünken schon abgeknappte Zeit. Na, es wird schon gehen! Er ist nicht umsonst ein geschickter Debatter. „Also, Hans, erzähle!" „In der letzten Stunde besprach der Lehrer den „Kaufmann von Venedig". Zu Shylocks Forderung sagte er, das.Verlangen sei nur bei einem Juden mit seiner grausamen alttestamentarischen G'ttesauffassung zu verstehen. Die ganze Klasse blickte nach mir, ich hätte in den Boden sinken mögen; da — zu meinem Glück — ertönte die Glocke, Papa, was ist an dieser Behauptung?" Der Briefbeschwerer spielte einige Male hin und her. Dann folgte leichthin die Frage: „Wann lebte Shakespeare?" „Im sechzehnten Jahrhundert." Ein Glück, daß er nicht hundert Jahre später geboren wurde! Es ist doch gut, auch mal Zeit zum Besuche eines Vortrags zu finden und das Gehörte nicht zu vergessen! So konnte er, ohne sie zu besitzen, eine gute literarische Bildung zeigen. „Shakespeare sah nie einen Juden. Erst Mitte des siebzehnten Jahrhunderts hat der Gelehrte Menas„seh ben Israel in Amsterdam auf den englischen Staatsmann Cromwell eingewirkt, das Verbot des Wohnens von Juden in England aufzuheben. Shylock ist künstlich konstruiert, so eine Art Homunculus. Seinen Namen hat auch^ noch nie ein Jude geführt. Auch sein Charakter ist nicht jüdisch. Uebrigens muß dem objektiven Urteil Shylock eher zusagen als sein Gegner." Hans'sah seinen Vater mit unverhohlener Bewunderung an. „Papa, das hast du fein ausgeführt." „Du siehst, dein Vater versteht nicht nur, Ware zu verkaufen," „Das weiß ich," nickte anerkennend der Junge, fügte aber dann hinzu: „Doch wie steht es mit der Behauptung von der jüdischen G'ttesauffassung?" „Auch dafür gibt es eine befriedigende Antwort," lautete ohne Zögern die Antwort. „Als Kaufmann stütze ich mich auf praktische Erfahrungen, und diese haben mir folgende Tatsachen gezeigt: Gläubige der Religion der Liebe haben im Verlauf der Jahrhunderte unzählige Menschen nur deshalb getötet, weil sie nicht ihres Glaubens waren. Denke an die Kreuzzüge, an die Scheiterhaufen, denke an Chemielnizkis Scharen in Polen. Selbst die Neuzeit weist eine fürchterliche Statistik auf, so die Pogrome in Rußland und in Rumänien und gleich nach dem Weltkrieg die bald hundertfünfzigtausend hingemetzelten jüdischen Männer, Frauen und Kinder in der Ukraine." Während dieser Worte schwebte der Briefbeschwereu in der Gefahr des Zerbrechens. Doch die Gefahr ging vorüber, und dem Sturm der Erregung folgte ein befreiendes Aufatmen, als nun das Thema das Angesicht änderte. „Hans, wie sind wir trotz aller Verfolgungen, die uns das Leben verbittern und erschweren? Wem ist es so selbstverständlich, wie es uns ist, an allem, was Menschenantlitz trägt, Werke der Nächstenliebe zu üben? Wiederholt haben mir christliche Arme die größere Mildtätigkeit der Juden gerühmt. Wo gibt es mejbtr warmherzige ~ Idealisten, die sich selbstlos und aufopferungsvoll dem Menschen schlechthin zuwenden, als in unseren Reihen? Menschenliebe blüht im Volke der Bibel und nicht Rache; diese Tatsache läßt doch schon auf seine religiösen Begriffe schließen!" Der Vatei hatte geendet, aber der Sohn noch nicht. Ihn befiel jetzt ein Gefühl der Unruhe, als er plötzlich an den Augenblick dachte, - in dem er morgen das Klassenzimmer betreten werde. Er hörte schon Sticheleien ... „Papa, was wird sein, wenn ich morgen in die Schule komme?" Ein Schluchzen würgte ihn, nur mühsam hemmte er den Ausbruch. Der Vater wollte dieser Stimmung nicht nachgeben. „Wahre die Unbefangenheit, dann wird alles wie jeden Tag sein. Es denkt niemand mehr an die heutige' Stunde." „Der Lehrer kann aber noch einmal den gleichen Ausdruck gebrauchen. Auch möchte ich um meiner selber willen belehrt sein." „Besuche heute nachmittag unsern Rabbiner. Er wird dich aufklären. Doch nun nach Hause!". * Der Rabbiner wurde von seinen Schülern nicht verwöhnt. Die Religionsstunde galt als unwichtig, und der Gedanke an persönliche Beziehungen zu ihm lag den in Athen und in Rom, aber nicht in Jerusalem heimischen jungen Seelen fern. Auch Hans hatte sich nie anders als seine Kameraden gezeigt. Er wußte große Teile der Ilias und der Odyssee auswendig; hätte man ihn aber nach einem der G'tt verherrlichenden Lieder König Davids gefragt, dann hätte er schweigen müssen. Der Rabbiner hatte den sympathischen Jungen gern. Doch nie war es ihm gelungen, ihn für die Grundsätze des Judentums zu interessieren. Dreißig Stunden wöchentlich Erziehung in anderen Denkkreisen gegenüber den paar Stunden Religionsunterricht — war bei einem solchen Verhältnis das Resultat nicht schon bestimmt? Wie leichtfertig hatte man das Judentum preisgegeben! Als Hans jetzt vor ihm saß, war der Rabbiner geradezu beglückt, endlich einmal ein offenes Ohr zu finden, denn zum ersten Male-brachte der Junge wache Sinne und gespannte Aufmerksamkeit ihm entgegen. Der Rabbiner begann: „Die Lüge wandelt manchmal in wissenschaftlichem Gewände. Oberflächlichkeit, Unkenntnis oder die Entstellungen des bösen Willens sorgen schon für Tatsachenmaterial. Aus solchen Voraussetzungen heraus kann man auch in der Thora Stellen finden, die ich mißdeuten lassen, G'tt ahndet, also rächt, die Schuld der Väter, soll es nach einer solchen Behauptung heißen. Der Wortlaut der Bibel und die gesamte Tradition des Judentums wissen aber nichts von einem solchen Sinn. Es heißt nicht: ahnden oder rächen, sondern: gedenken. G'tt gedenkt der Schuld der Väter bei denen, die Ihn hassen, bis ins dritte und vierte Geschlecht und übt an seinen Treuen Liebe bis ins tausendste Geschlecht, steht geschrieben. Das bedeutet: G'ttes Vaterliebe ist übermäßig, doch Er muß auch Richter sein. Der freie Wille, der den Menschen zum Menschen macht, fordert die Verantwortlichkeit für die kommenden Geschlechter. Aber ruft die Thora nicht: Auge für Auge, Zahn für Zahn usw.? Tausende Male im heidnischen Altertum und im christlichen Mittelalter sind „von Rechts wegen" Menschen verstümmelt worden. Aber wann und wo ist solches unter dem Banner der Thora geschehen? Der Satz „Auge für Auge, Zahn für Zahn" steht unter ihren Zivilgesetzen und will nur genau nach der Schädigung die Ersatzansprüche festgestellt wissen, — nichts anderes und nicht mehr. Wo findet sich aber wie im Judentum allumfassende Menschenliebe? Ein Recht sei für dich und dem Fremden. Beuge nicht das Recht der Witwe, der Waise und des Fremden. Die Frommen aller Völker haben Anteil am künftigen Lebenf^Hmgegen galt bei den zivilisierten Völkern des Altertums, so bei Griechen und Römern, nur der Volksgenosse als vollwertig, aber selbst die Gegenwart kennt in allen Staaten nur eine Duldung, doch keine Gleichberechtigung für den Fremden. Soviel für heute. Nimm diese Bücher, und wenn du sie gelesen hast, dann komme wieder. Kennst du erst die Werte des Judentums, dann wird es dich nicht berühren, wenn man dir den Shylock anhängen will." Auch eine Reise- Erinnerung aus Amerika. Durch die jüngst veröffentlichte Erinnerung aus Canada angeregt, sendet uns ein Leser unseres Blattes die nachfolgende Reminiszenz aus seiner Reisemappe; sie ist nicht' etwa erdichtet, sondern erlebt. ^Ob es wohl heute für den orthodoxen Reisenden in den USA. leichter ist, als yor 30 Jahren? Ich glaube es kaum. Damals gab es keine zuverlässig rituelle Wurstlerei in den ganzen Staaten, und der jüdische Reisende mußte selbst sehen, wie er mit seiner Ernährung im Einklang mit dem G'ttesgesetz zuwege kam. Einmal aber wurde mir, gelegentlich eines Seder-Abends, von damals maßgebender Seite mitgeteilt, daß eine bestimmte Metzgerei in New York zuverlässige rituelle Wurst herstelle. Ich beauftragte daher meinen Freund 0., mir zu Schwuoth mal ein 10 Pfund- Paket Wurst in eine Stadt in den südlichen Staaten zu schicken, -wo ich Jomtow sein wollte. Inzwischen war die Omerzeit vorüber, und am Erew Schwuoth kam ich in jene Stadt. Ich dachte bei der Ankunft gar nicht mehr an meine Wurstbestellung, und kaufte mir, wie gewohnt, mein Menu auf dem Weg vom Bahnhof' zum Hotel ein: Obst, geräucherte Fische, Cornflakes (geröstete Maisflokcen), Schnaps und ein Stück Brot, das ich mir von der Frau des Schochels am letzten Aufenthaltsort backen ließ, bildeten den Speisezettel zu Jomtow. Als ich ins Hotel kam, teilte man mir mit, daß für mich ein Paket aus New York da sei. Als ich öffnete, fand ich zu meiner großen Ueb er raschung die Wurst. Ich packte sie sorgsam in meine Handtasche, für morgen; heute Abend wollte