Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1935)
- Date
- 1935-08-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 32 1935 Man sieht es!,.. Von B, Sußmann, In meinem kleinen Geburtsstädtchen lebte ein armer Jude, Flickschneider von Beruf, dem man „Sandel den Sehenden" nannte« Eigentlich hieß er mit Familiennamen Krochmal, aber er verdiente sich den Namen des „Sehenden", was so viel bedeutete wie der Hellsehende; der Allsehende. An Sorgen und Plagen fehlte es unserem Schneiderlein nicht. Im Städtchen sah man ihn die ganze Woche nicht. Kaum hatte er Sonntag morgen etwas zu sich genommen, als er nach Stock und Sack griff und aufs Land hinausging, von Dorf zu Dorf, wo er für die Bauern aus ihrem« selbstgewebten groben Stoff die Joppen, nähte und alle Kleidungsstücke zusammenflickte. Feine Stoffe und auch feinere Fäden kamen nie in seine Hand, die Nähmaschine war für ihn noch nicht erfunden. Er liebte überhaupt die Maschine auf keinem Gebiete. Sie war für ihn die grimmigste Feindin aller menschlichen. Arbeit. „Es steckt kein „Sechel" {Verstand oder Sinn) in der Arbeit einer Maschine. Was ein Mensch macht, ist mit der Neschomo gemacht und das hat einen Sinn.'' Was aber Faden und Zwirn betrifft, so blieb er immer bei .der einen Sorte, schon um dem Schaatnesyerbot in weitestem Bogen aus dem Wege zu gehen. Die tägliche Nährung Sandels bestand in trockenem Brote, das er vom Hause mitgenommen hatte, und in Erdäpfeln, die er von den Bauern geschenkt bekam und sich selber im Ofen, nachdem er ihn gründlich gereinigt hatte, in der Schale briet. Warmes Essen pflegte ihm von Sonntag früh bis Freitag Abend nicht in den Mund zu kommen." Sein hartes Nachtlager fand er auf dem Dachboden oder in der Scheune eines Bauernhauses. ' - Die Bauern liebten „ihren Juden", ihren Sandel, über alle Maßen und nannten ihn ihren Friedensengel. Das hing mit der Eigenschaft des Schneiders zusammen, keinen Streit zu dulden. Hatten zwei_ Bauernburschen Händel miteinander und standen sich "schon mit geballten Fäusten gegenüber, so trat Sandel dazwischen, sah mit traurig flehenden Augen die beiden Gegner an und blickte dann hinauf zum Himmel, wohin ihm auch der Anderen Blicke unwillkürlich folgen mußten. „Warum zankt ihr "-.euch;, Kinder?" flehte er. „Seht hinauf zum Himmel, dort sitzt einer, der alles weiß und alles sieht . . ." War jemand in der Stadt oder auf dem Dorfe im Begriffe, ein Unrecht zu tun, so wuchs Sandel wie aus dem Boden hervor,, stand vor ihm und rief flehend; „Rettung, Hilfe! Hab Mitleid mit dir selbst! Der da oben sieht alles . . .!" Am Freitag nachmittag, eine Stunde vor Sabbat, pflegte Sandel mit größter Pünktlichkeit im Städtchen aufzutauchen. Nachdem er sich^ in seiner Kellerwohnung ordentlich gesäubert und seinen Sabbatrock angezogen hatte, ging er sofort in die kleine Schul, wo er hinter dem Ofen unweit der Türe seinen Platz hatte. Da fing er in seinem lieblichen Singsang mit dem Vortrag von „Schir Haschirim", dem Hohenliede an. Wir Kinder, die um diese'Zeit für alle möglichen Streiche/aufgelegt" waren, wagten ihn nicht zu stören. Wir standen hinter ihm und horchten. Nach dem G'ttesdienst pflegten wir alle in corpore auf ihn zuzutreten, ihm di? Hand zu reichen und Gut Schabbos zu wünschen. Dann begleiteten wir ihn bis zu seiner kleinen Wohnung. Wir hatten uns die ganze Woche über förmlich nach ihm gesehnt. Er verabschiedete sich Yon uns mit den Worten; „Also, Kinderchen, morgen, wenn G'tt will, nach dem Mittagessen um ein Uhr vor der Schul!" - " Am Sabbat mittag zur bestimmten Stunde fehlte keiner. Unser Sandel war der „General") der natürlich ebenfalls mit militärischer Pünktlichkeit am Platze war. Wir formten uns zu einem Trupp und gingen unter Anführung von Sandel zum „Grünen Berg" vor der Stadt. Sandel ging vor uns her, das Gesicht uns zugewendet und kommandierte: „Eins, zwei, drei, . dem heiligen Schöpfer bleibe treu! Eins, zwei, drei, kein Ort ist von ihm frei! Eins, zwei, drei, stets gehörsam ihm sei! Man sieht, man sieht, man sieht . . ." Aus unserem Spaziergang wurde ein Marsch und aus diesen einfachen Versen mit stets neuen Varianten, immer um das Motiv „G'tt sieht", wurde ein Marschgesang, der das ganze Städtchen durchhallte und die braven Sabbatschläfer in ihrer Ruhe störte. Am „Grünen Berg" angelangt, ließ sich Sandel auf einem Stein nieder, das ganze Jungvolk um ihn herum, und er erzählte die wundersamsten Geschichten, aus Büchern und aus dem Leben, aus Talmud, alten Schriften wie aus seinen Erfahrungen, die alle auf den einen Ton abgestimmt waren: „Seid gut und fromm und gerecht und friedsam, Kinderchen, denn G'tt im Himmel sieht und weiß alles ..." Es war üblich bei uns, daß wir nach dieser Lehrstunde alle Streitfälle, die sich in der Woche zwischen uns Kindern angehäuft hatten, ihm vorbrachten. Er sprach das Recht, er zwang zum Nachgeben, zum Abbitten, er stiftete Frieden. Alle Streitigkeiten der Woche waren liquidiert. Darauf stimmten wir- „Jismach Moscheh" an und marschierten im Takte dieses Gesanges nach Schul, wo wir gerade zum Minchogebet ankamen. Es war an einem Freitagnachmittag, da sich Sandel auf dem großen Bauernwagen befand, der ihn. nach Hause brachte. Auf freiem Felde erblickte der Bauer einen riesigen Heuhaufen. Unser Bäuerlein überließ die Zügel seinem Fahrgast, sprang vom Wagen und war gerade im Begriff, einen Teil des schönen Heues nach seinem Wagen zu schleppen. Da ertönte, vom Wagen her wie eine Donnerstimme mitten in das eilige geschäftige Tun des Bauern: „Iwan, Vorsicht, man siehts, man siehts! ..." Zu Tode erschrocken, eilte der Bauer pfeilschnell mit leeren Händen zu seinem Wagen zurück, gab den Pferden die Peitsche und jagte in panischer Angst davon, in der Gewißheit, daß Polizei und Kosaken bereits hinter ihm her trabten. Da wagte der Bauer in einer kurzen Atempause einen Blick zurück und gewahrte zu seinem Erstaunen, daß weit, und breit kein Mensch, kein Tier, nicht einmal ein Vogel zu sehen war. Grimmiger' Zorn erfüllte ihn und er schrie Sandel an: „Du hast mich genarrt. Wer hat's gesehen, es ist ja kein Mensch weit und breit zu blicken!" •„Doch, doch, lieber Iwan, es hat es einer gesehen, und ich mußte dich warnen. G-'tt im Himmel hat es gesehen, er sieht alles . . ." Und Iwan fügte sich und dachte in seinem Innern: Am Ende hat doch der Jude recht . . . Zur Geschichte des Antisemitismus im Mittelalter, Wilhelm Grau hat den interessanten Versuch unternommen, geschichtliche Geschehnisse vergangener Jahrhunderte' aus Gefühlen und Anschauungen der Gegenwart zu erklären/) Der Verfasser bemüht sich, den Ausgang der mittelalterlichen Judengemeinde Regensburg aus Motiven unserer Zeit, dem Antisemitismus aus rassischer Verschiedenheit zu deuten. (S. S. 13 136 f. und S. 142). Das erschwert die Auseinandersetzung, denn die Diskussion geht hier nicht um unbestreitbare Tatsachen, sondern um ihre Atisdeutung, bei der natürlich die subjektive Haltung des jeweiligen Beschauers mitspricht. Das betont Verfasser selbst in der Einleitung S. VIII. Eine eingehende Besprechung des Buches würde daher der Herausgabe einer neuen Bearbeitung des Themas gleichkommen. Dies ist natürlich im Rahmen einer Besprechung unmöglich und auch unnötig, da wir uns größtenteils auf Straus, Die Judengemeinde Regensburg im ausgehenden ^Mittelalter {Heft 61 der Heidelberger Abhandlungen zur mittleren und neueren Geschichte, Heidelberg 1932) beziehen können, welches Werk auch von Grau benützt und wiederholt zitiert wird. Auch auf die Fülle von Einzelheiten, die zu berichtigen wären, soll nicht eingegangen werden. Diese Fehler rühren zumeist daher, daß dem' Verfasser die hebräischen Quellen im Urtext unzugänglich waren. Nqr einiges mag andeutungsweise erwähnt werden. Es ist z. B, falsch, zu schreiben, daß jüdische Begräbnisse in der Regel am Sabbat oder an jüdischen Festtagen stattfinden sollen (S. 8), da dieses ausdrücklich verboten bezw. an Festtagen nur unter Erschwerungen erlaubt ist. (Vgl. Schulchan Aruch, Hilchoth Aweluth.) Ebenso falsch sind die Angaben, die Verfasser über das Zinsnehmen u, ä. Nichtjuden gegenüber macht, wobei auch bezüglich der Quellenangabe ein Irrtum unterlaufen ist. Das gleiche gilt von dem, was Verfasser über das angeblich im Talmud begründete Hehlerprivileg schreibt (S. 36), ohne übrigens einen Beleg dafür anzugeben. Auf die ausführliche Beschreibung der Predigten yon Petrus Nigri. wollen wir nicht eingehen, denn die darin enthaltenen Unrichtigkeiten spiegeln nicht die Auffassung des Verfassers, sondern die des Petrus Nigri wieder. Auch Widersprüche finden sich in dem Werk, so Wenn z, B, S, 84 gesagt wird, daß der Bischof „diese antisemitische Fahne ohne persönlichen und materiellen Eigennutz getragen" habe, während Verfasser auf Seite 89 sagt: „Eine materialistische Gesinnung herrschte bis an die Stufen des Heiligen selbst hin." Aehnliches sagt Verfasser auch noch S. 93 und S. 94. Auf Seite 85 behauptet Verfasser zunächst, daß die Predigten gegen die Juden nicht zum Zwecke ihrer Austreibung gehalten wurden, um nach auf der gleichen Seite, im nächsten Abschnitt zu schreiben: „Der Dompredigef soll 1498 erklärt haben, die Juden müsse man vertreiben, am nächsten Sonntag wolle er sagen, wie das gemacht werden könne." Einen weiteren Teil bildet die Stellung Graues zu der den Juden zur Last gelegten Beschuldigung des Ritualmordes. Grau bemüht sich nachdrücklich um Objektivität-, die er übrigens auch, was ausdrücklich bemerkt werden soll, an anderen Stellenseines. Buches walten läßt. (S z. B. S. 53f. und S. 137.) Seinen Argumenten gegen die Existenz des Ritualmordes können wir zustimmen (S. 146fJ, nicht aber denen, mit denen er glaubt, die Möglichkeit des Ritualmordes nicht von der Hand weisen zu sollen. Wir schreiben das nicht nur, weil für uns der Gedanke eines Ritualmordes absurd ist, (vgl. hierzu Carlebach, Ritualmord?, Sonderbeilage zum Israelitischen Familienblatt Jahrg. 1934, Nr. 24), sondern weil die Beweisführung Grau's in dieser Sache jedem wenig stichhaltig erscheinen dürfte. Grau's Erwägung, daß trotz aller entgegenstehenden religiösen Gesetze vielleicht doch einnfal ein Jude einen Mord aus „rituellen" Gründen begangen haben könnte, kann nicht zur Annahme des Ritualmordes führen, denn ein solcher Mord, vereinzelt und entgegen den jüdischen Gesetzen, könnte nicht Ritualmord genannt werden in dem Sinne, den dieses Wort bekommen hat. Auch aus der Tatsache, daß manche auf der Folter „Geständnisse" gemacht, manche nicht geständen haben, kann nichts für die Möglichkeit des Ritualmordes gefolgert werden. Ob einer auf der Folter gesteht oder nicht gesteht, läßt keinen Schluß auf die Möglichkeit der Tat zu, sondern entspringt der Verschiedenheit der physischen und psychischen Stärke bei den einzelnen Menschen. Noch weiter geht der Verfasser bei der Frage,- ob die Juden Hostienschändungen begangen haben kön- *} Antisemitismus im späten Mittelalter, Das Ende der Regensburger Judengemeinde 1450—1519. Von Wilhelm Grau. München und Leipzig. 1934. Verlag Duncker u. Humblot. 200 Seiten.