Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1935)
- Date
- 1935-07-25
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton- Der Israelit Nummer 30 1935 Flucht in die Heimat« Eine Erzählung aus unseren Tagen. (Fortsetzung.) Keiner hörte auf den Alten hin. Außer Herrn Wilde selbst, dem auf einmal das Zusammentreffen so einfach, so natürlich und selbstverständlich erschien, daß er sich beinahe wunderte, sich nur einen Augenblick darüber gewundert zu haben. Er hatte wieder seine volle Ruhe gewonnen. „Und nun gehen wir doch ins Hotel, um von der Straße wegzukommen und richtig, für uns allein, Wiedersehen zu feiern," mahnte er. „Sobald ich meine Zeitungen verkauft habe," behärrte Jakob. „Wir haben nicht alle Tage solche Konjunktur." „Ich denke, du wirst es nicht mehr nötig haben, nachdem wir nun beisammen sind." „Warum denn, nicht?"; wunderte sich der Sohn. „Das Zeitungsverkaufen ist hier ein ehrbares und einbringliches Gewerbe, und ich habe es auch ein wenig lieb gewonnen." Aber sie. begaben sich dennoch ins Hotel, von Vielen gefolgt. Da ein Auto durch die abgesperrten Straßen nicht durchkam, mußten sie den Weg zu Fuß zurücklegen, was Jakob sehr zustatten kam, da er unterwegs noch einige deutsche Zeitungen losschlagen konnte ..." Vier und doch wenig hatte Jakob im Hotel von seinen Wanderungen zu erzählen. Er hatte es überall mit allem versucht und war überall gescheitert. Hier verdiente er sein Brot, ein karges Brot, aber es sättigte. Nun, da er ungeahnt mit Vater und Mutter zusammentraf, hatte er vorerst keine Wünsche . . . Von Baruchs Anwesenheit im Lande wußte er nichts. Frau Ida hörte kaum auf die Einzelheiten. Das Ganze war das große Wunder im Lande der tausend Wunder, das nach jener Nachtstunde im ZeHe von Mutter Rahel nicht ausbleiben korinte. XVI. Unter dem breiten Eukalyptus vor der großen Baracke saßen sie alle um einen langen Tisch' herum und genossen den reinen galiläischen Abend, in den die Höhenketten des Ka/mel und des Tabor die würzigsten Düfte und Lüfte hinuntersandten. Die Jtlngen und Mädels, müde von der Arbeit des Tages und dennoch in der kühlen samtweichen Luft frisch, angeregt, abgespannt und entspannt zugleich, streckten sich - auf den Boden um den Brunnen Jierum, der jetzt schon so viel Wasser hatte, daß er den zu diesem Zwecke angelegten Graben bis zum Rande füllte und ihn in einen schmalen Bach verwandelte. Die Wiese jenseits des Grabens zeigte bereits lange grüne Streifen und im Garten hinter der Reihe junger Öelbäume hob sich das erste Rübenkraut empor und standen die Zwiebelröhren in Reih und Glied,. eine ganze lange grüne Front. Zuweilen muhte die Kuh aus dem Stalle und weckte die Hühner im :Lul zu einem kurzen, abgehackten Gegacker. Die Jungen sprachen von -der Arbeit, die Mädels machten mit - hellem Lachen die Musik dazu, und Hannah, geschäftig wie immer, trug das Beste; aus der Milchkammer auf, für die Alten unter dem Baume. James-Jakob war schon seit mehreren Tagen in der Niederlassung in der .Nähe seines Bruders Baruch. Hier spielte sich das: Wiedersehen viel weniger dramatisch ab, als mit den Eltern auf der Freilichtbühne zu Tel Awiw- Barueh freute sich aufrichtig über das Auftauchen des Verschollenen, zeigte sich aber nicht im geringsten überrascht. Als wußte er, daß es eines Tages so kommen mußte. Hier war ja das Land, wo man sich traf ... Mit Herrn und Frau Wilde war auch Herr Jackson aus Haifa mit hinüber gekommen. Seine kränkliche Frau hatte längst das niedliche Häuschen an den Warmen Quellen von Tiberias bezogen. James war ein Jakob geworden, aber kein Baruch, wie er selber lachend sagte. Der Düngerhaufen am Kuhstall war heute so wenig für seine feine Nase wie damals. Seine Träume von hellen Salons waren verflogen. Aber graben und misten und mit müden Gliedern auf hartem Stroh schlafen? Nein, da wollte er schon lieber bei seinen Zeitungen bleiben, die all diese Dinge so schön beschrieben, ihm selbst aber so viel brachten, daß er ein Stückchen Brot vom Bäckerladen essen und in einem richtigen Bette schlafen konnte, „Weißt du, Baruch, was noch das Beste bei euch ist und mir am meisten zusagt?" „Weiß ich ganz genau, für dich nämlich Hanna." Hanna stellte gerade eine Schüssel gelblich überzogener Dickmilch vor Mutter Wilde hin und summte mit ihrer glockenreinen Stimme ein Liedchen. „Was hältst du von Hanna?" fragte Jakob ganz ernst. „Nicht viel, haben Krach alle Tage. Aber als Schwägerin wäre sie mir schon recht — aber bilde dir, Lieber, nicht ein, sie geht mit dir in die Stadt und hilft dir den Bauchladen tragen. Sie gehört uns und bleibt bei uns. Wer sie wegzuholen versuchte, bekäme die Fäuste all unserer Dreißig zu spüren." „Ein ganzer Bauernkrieg," lachte Jakob, „na ich danke. Werde auf die Entführung aus dem Serail verzichten müssen." „Ich wüßte einen Weg," lenkte Baruch wieder ein. „Vorausgesetzt, daß sie etwas von dir wissen will. Halt, ich frage sie am liebsten gleich. Wir machen hier nicht viel Zeremonien." Jakob hielt ihm die Hand vor den Mund. Zugleich bekam Baruch auch einen sanften Rippenstoß von hinten. Natürlich hatte Hanna alles gehört und bestätigte ihm wieder einmal, daß er ein „Naval", ein Ekel, sei . . . r Am anderen Tischende meinte Herr Wilde, zu seiner Frau gewandt: „Na, Muttchen, wollen wir nicht endlich auch an die Heimfahrt denken? Waren länger im Lande, als wir wollten und — es hat gelohnt. Wollten doch zum Pessachfeste wieder zu Hause sein." Frau Ida klammerte sich an ihren Gatten. Heim? Was ist Heim? Sieh doch diesen klaren Himmel, und die Sonne morgens, und hier unsere Kinder . . . Was ist Heim?" „Ist das dein Ernst, liebe Ida?" Es: war ihr heiliger Ernst. Er hatte es schön längst geahnt und fand es jetzt in ihren bittenden Augen, in ihrem vibrierenden Tone bestätigt. Da zog sich Herr Wilde mit Mister Jackson in die große Baracke zurück, wo sie bei Petroleumlicht eine Stunde lang verhandelten, rechneten und notierten. Als sie endlich herauskamen, war das Geschäft abgeschlossen. Und Herr Wilde zeichnete seiner Frau die neue Situation mit folgenden Worten: „Ich bin nun Inhaber der Jackson-Bank im Einek Sebulun, unten am Hafen zu Jaffa. Aber erst in sechs bis acht Wochen etwa, wenn ich in der alten Heimat alles liquidiert und geordnet habe und wieder, hier bin. Es wird dir, liebe Ida, in der Nähe der Kinder das Warten auf meine Rückkehr nicht zu lang werden ..." ..Die Mitteilung wurde von allen wie eine höhere Botschaft stehend angehört. Hanna war die erste, die ein „Hedad" ausbrachte und Frau Wilde umarmte. „Ich glaube, das gilt schon der Schwiegermama," flüsterte Baruch seinem Bruder lachend ins Ohr. Es dauerte wesentlich länger, als Herr Wilde gedacht hätte. Ganze Monate vergingen, bis all die Kleinigkeiten in der Heimat, die sich unter der Hand zu Bergen auswuchsen, erledigt werden konnten. Um die Zeit des Schwuausfestes war Norbert Wilde wieder im Lande. Eine Hitzewelle empfing ihn unter einer blauen Himmelsglocke, wie er sie nie erlebt hatte. Aber der Heimkehrer kam glückhaft ausgeglichen, entspannt, wie ein Kind, das nach langen Irrfahrten zur Mutter zurückkehrt. Und nun kündete ein Schild an der inzwischen neu umgebauten Jackson-Bank unten im Hafen in hebräischer und englischer Sprache die neue jüdische Bank und Kreditanstalt, die Wilde-Bank, Jakob nahm djen alten Beruf mit einigem Widerwillen wieder auf. Aber es ging. Er hatte ja im Bankfach von der Picke auf gedient, wenn es auch hier sehr viel umzulernen gab. Den Jungchef zu spielen, hatte er verlernt, er hatte dafür Anderes zu lernen: die hebräische Sprache, die Gesetze und Gepflogenheiten des Landes. Es war nicht leicht, aber der gute Wille half über manche Schwierigkeiten hinweg". Dabei aber bedang er sich eines aus: Dem Zeitungsverkaufe, der ihm eine .Zeitlang das tägliche Brot gab, wollte er treu bleiben. Freilich lief er nicht mehr mit dem Bauchladen durch die Straßen, um Zeitungen auszubieten. Das taten jetzt Andere in seinem Auftrag. Er selbst hatte dem Bankhaus eine kleine Zeitungsagentur angegliedert, in der man besonders alle deutschen, aber auch englische und französische Zeitschriften haben korinte. Dieser kleine Zeitungsladen war bald Zentrum und Sammelpunkt der in und um Haifa wohnenden europäischen Intellektuellen. Ihrer manche waren nicht in der Lage, Zeitungen zu kaufen, so kamen sie und lasen die aufgelegten Journale an Ort und Stelle und verliehen so dem Hause den Charakter und den Glanz einer kleinen Lesebibliothek. Jakob Wilde war sehr stolz auch auf diese Kunden. Er war nicht mehr wie früher ,,der wilde Zeitungsverkäufer", sondern der Zeitungsagent Wilde. Hanna entfaltete in diesen Tagen und Wochen eine Arbeitskraft und eine vielseitige Begabung, die ans Phänomenale grenzte. Sie war „Mädchen für alles" im höheren Sinne. Drei Tage in der Woche weilte sie in der Stadt und arbeitete im Bankhause, wo sie alles auf den Kopf stellte, als gälte es wieder, ein jüdisches Pessachfest vorzubereiten. Dabei aber erfuhr sie zu ihrem eigenen Erstaunen, daß sie in den Geschäftsbüchern wie in allen Büroarbeiten, die ihre Jugendliebe waren, noch* glänzend Bescheid wußte und ihr Organisationstalent im Kuh- und . Hühnerstall nicht im geringsten gelitten hatte. Nebenbei aber kümmerte sie sich verstohlen auch um die Zeitungsagentur, ordnete die Auslagen, leitete den Verkauf und unterhielt die Lesegäste. Sah es doch so aus — es war hier nicht üblich, viel Gerede daraus zu machen, — als würde sich ihre nächste Zukunft zwischen der Zeitungsagentur in der Stadt und dem Lul auf dem Lande aufbauen ... Und eines Tages, es war kurz vor Beginn der Trauerwochen des Tamus, waren sie alle, ähnlich wie vor einem Jahr. im östlichen Lehrhause der deutschen Stadt, in der Niederlassung versammelt, um ein Hochzeitsfest ohne Pomp, aber mit einer seelischen Teilnahme zu feiern, wie das nur hier, wo es keine Galawagen und keine Seidenkleider noch sonstigen Tand gab, sondern nur Arbeit und Liebe und Hoffnung,