Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1935)
- Date
- 1935-06-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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<#A Frankfurt a. M. 20. Juni 1935 19. Siwan 5695 Nummer 25 rungsregelting Berlin, 20. Juni. Auf der gestern hier abgehaltenen Jahresversammlung des Hilfsvereins der deutschen Juden kam in erster Reihe zum Ausdruck, daß der Hilfsverein, der früher hauptsächlich den Juden im Auslande beistand, heute mehr in Deuts c h 1 and selbst arbeite, und zwar in Harmonie mit dem Palästina- Amt. Die Arbeitsteilung sei so getroffen, daß das Palästina-Amt all diejenigen betreut, die nach Palästina auswandern wollen, während der Hilfsverein sich der Auswanderung von deutschen Juden nach anderen Ländern der Welt zuwendet. Herr Max Warburg als Leiter der Versammlung bedauert in seiner Rede, daß selbst eine solche Zeit schwerster Erprobung die deutschen Juden nicht mit Selbstverständlichkeit zu einer Aufgäbe zusammenschließe und daß immer noch Leiter von Gruppen über dem von ihnen stark verteidigten Dogma das Ziel aus den Augen ließen; Zu wünschen wäre, daß die Einwanderer in Palästina sich mehr der landwirtschaftlichen Arbeit und weniger dem Handel in den Städten zuwenden. Der Palästinaauswanderung. müsse eine entsprechend seelische und technische Vorbereitung vorangehen. Man müsse den Mut haben, von solchen Elementen abzurücken, die in Palästina rücksichtslos nur ihren eigenen Vorteil suchen und in dem uns allen heiligen Boden nur ein Spekulationsobjekt sehen. Mit Palästina allein könne das Auswanderungs- Pröblem nicht gelöst werden* Der Hilfsverein stehe mit ungefähr 400 Korrespondenten in allen Ländern der Welt in Verbindung, die ihm Informationen über die Einwanderungsmöglichkeiten liefern, nur so könnten Fehlleitungen in Bezug auf <lie Auswanderung vermieden werden. Phantastische Projekte mußten nach gewissenhafter PriK fung auch auf die Gefähr hin abgelehnt werden, als rückständig zu gelten. Oft mußte der; Hilfsverein statt Beratungsstelle Abrafungss teile sein. ^Vielen Familien konnte man zu einer Heimat verhelfen, viele Pläne seien noch in Bearbeitung. lieber die Arbeit im Einzelnen referierte Dr. Mark W i s chnit z e r. 110,000 Menschen hätten bisher die Hilfe des Vereins in Anspruch genommen. Die größten Schwierigkeiten seien zum Teile überwunden. Als 1933 der große Strom der Auswanderung aus Deutschland einsetzte, waren die Türen der meisten Einwanderungsländer vollständig verschlossen, es fehlte auch an Informationen über Aus wand erungs- und Niederlässungsmöglichkeiten- und den Auswanderern selbst an den Stützpunkten in den überseeischen Ländern, wie sie die Ostjuden in großem Maße hatten, zumeist auch an der Anpassungsfähigkeit. Es habe sich in jeder Beziehung seitdem gebessert, nicht zuletzt auch mit Hilfe der Behörden, der Reichsvertretung und der verschiedenen Wohlfahrtsstellen. Schätzungsweise seien im Jahre 1934 mindestens 4000 Personen durch Vermittlung des HilfsVereins in etwa 30 überseeische Länder gegangen. Weitere zwei- bis dreitausend jüdische Menschen fanden den Weg dahin ohne den Hilfsverein. Der Auswanderungswille habe sich inzwischen noch verstärkt. Zu verzeichnen sei auch, daß im letzten Jahre in manchen südamerikanischen Staaten kräftige Stützpunkte für eine weitere jüdische Auswanderung aus Deutschland geschaffen werden konnten. Auch hätten die jetzigen Auswanderer eine viel bessere Vorbereitung und Eignung für die neuen Verhältnisse im fremden Lahde aufzuweisen. In einem Schlußworte sprach Max Warburg den Dank an alle ausländischen Stellen, Juden und Nichtjuden, aus, für die hilfsbereite Mitwirkung bei der Ueberführung deutscher Juden nach überseeischen Ländern. Die Versammlung schloß mit der Wahl und Zusammensetzung des Geschäftsführenden Ausschusses und der anderen leitenden Körperschaften des Hilfsvereins. Aus dem Inhalt: Jüdische Handwerkerkurse iür Auswanderungswillige..... -. Seite 2 Die Zahl der Nichtarier in Deutschland Seite 2 Mischehe und Wehrgesetz .... . Seite 2 . Seite 3 Zur Frage der Berufsergreiiung . . . Seite 4 Kibbuz Choiez Chajim...... . Seite 4 Gedanken über unsere jüdische . Seite 6 Die Reichsvertretung und das . Seite 7 Weltkonferenz jüdischer Frontkämpier ........ . Seite 9 Die Unruhen in Grodno...... . Seite 9 Der Hochkommissar des Völkerbundes für Aus wanderungsf ragen, Mr. James Macdonald, ist, wie jüngst gemeldet, von einer längeren Informationsreise nach Südamerika zurückgekehrt und hat - .über die Ergebnisse dieser Reise in New York einen Bericht erstattet, der zwar zweifellos noch durch ausführlichere Mitteilungen ergänzt werden wird, der aber heute schon einige bedeutsame Momente zutage gefördert hat, die die jüdische Oeffentlichkeit nicht übersehen sollte. Macdonald stellt grundsätzlich fest, was ja auch schon vorher einigermaßen bekannt war, daß B r a s i 1 i e n und Argentinien diejenigen Länder sind, die noch am ehesten ein gewisses Maß von jüdischer Einwanderung aufnehmen können. Die Regierungen stehen dieser Einwanderung an sich günstig gegenüber, und die wirtschaftlichen Vorbedingungen sind entweder gegeben, oder lassen sich ohne Aufwendung phantastischer Summen doch schaffen. Um so erschreckender klingt die Meldung, .daß Macdonald sowohl in Brasilien, als in Argentinien eine Ausbreitung der faschistischen Bewegung konstatiert, die sich als Hindernis einer ausgedehnten Einwanderungsbewe'gung in den Weg stellt, und die in Argentinien sogar zu der, offenen Erklärung der, zuständigen Minister geführt hat, daß Sonderbestimmungen im Interesse der Einwanderung vori Juden nicht getroffen werden könnten, weil man dadurch dem Faschismus Waffen für antisemitische Propaganda liefern würde. Wenn solche Stimmungen schon in Ländern vorhanden sind, in denen unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten die Einwanderung intelligenter und arbeitsamer Elemente mit Jubel begrüßt werden müßte, und in denen das Argument der heimischen Arbeitslosigkeit keine Rolle spielt, wie pessimistisch muß man da erst die Aussichten für eine organisierte Einwanderung größerer Massen von Juden in andere Länder mit größerer Bevölkerungsdichte beurteilen. Im letzten Hefte der Zeitschrift „Jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik" beschäftigt sich Dr. Arthur Prinz auf Grund von Informationen des ,,HilfsVereins der deutschen Juden" eingehend mit dem Schicksal der bisherigen jüdischen Auswanderung aus Deutschland (abgesehen von der Palästina-Wanderung), wobei zunächst über die Emigration nach Frankreich, Belgien und den anderen europäischen Staaten außerordentlich betrübliche Mitteilungen gemacht werden. Das Ergebnis ist, daß innerhalb Europas heute Existenzmöglichkeiten fast nur noch für solche jüdische Auswanderer aus Deutschland bestehen, die nicht Arbeit suchen, sondern Arbeit schaffen — für Unternehmer mit. Kapital. Für das große Heer der Auswanderer jedoch, insbesondere für kaufmännische und industrielle Angestellte und für Intellektuelle ist die Lage in Europa fast aussichtslos. (Fortsetzung siehe Seite 3.)