Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1935)
- Date
- 1935-05-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 21 1935 Flucht in die Heimat. Eine Erzählung aus unseren Tagen. (Fortsetzung.) Kurz vor der Mittagsstunde waren Herr und Frau Wilde mit allen Anderen aus dem Hause Rosinenwein auf dem Schiff. Nicht alle hatten es so leicht und bequem wie das Ehepaar Wilde, dessen Gepäck vom Hotelportier auf das Schiff und in die hübsche obere Zweitklaßkabine mit den zwei Betten geschafft wurde. Bei den Mitreisenden, die zur dritten Klasse oder auf Zwir schendeck gehörten, ging die Einordnung nicht ohne Störungen und Zwischenfälle, auch" ergötzliche Verwechselungen vdr sich. Und als sich alles eingerenkt und eingelenkt hatte, ratterten bereits die Maschinen, waren die Türme von Triest außer Sicht und am fernen linken Ufer die dalmatischen Gestade aufgetaucht. Es war ein klarer Frühlmgsnachmittag und gegen Abend spiegelte sich die mählich sinkende Sohne im tiefblauen Wässer, in das der weiße Gischt wie ein Silberström zischte.' .Herr und Frau Wilde streckten sich auf den gemieteten Liegestühlen auf dem wenig belebten Deck der . zweiten Klasse" und sahen in die endlose Weite und. seitlich nach den fernen blühenden Ufern. „Wie ruhig diese See, wie prachtvoll diese endlose Wasserebene!" entrang es sich der Frau Ida aus befreitem dankbarem Herzen, „Ich fürchtete so sehr die Seereise, man sprach von Stürmen auf der Adria. Nun schaue, Norbert, diese himmlische Ruhe um uns herum!" „Kommt noch," tröstete Heinrich, der aalglatte, schnurbartlose Steward, der, weil der einzige deutschsprechende, gleich der Freund aller deutschen Passagiere wurde. „Kommt noch. Sie sollten mal sehen, wenn der Sirökko so von unten her kommt, die Tische wackeln und die Menschen an die Reeling laufen, um das Beste aus Küche und Keller an die Fische weiterzugeben . Herr Wilde wehrte mit einer Handbewegung ab. Heinrich "war "gerade im Zuge, auch manche Sterbeszene auf Deck und eine fei'erliehe Wellenbeerdigung mit einer ungesunden Mischung von südländischer Phantasie und deutscher Sprachgewandtheit in allen - Einzelheiten zu schildern. Die Prophezeiung Heinrichs traf zum Glücke nicht ein. Auf eine ruhige Nacht, in der man, wie in vordenklichen Zeiten von Mutter in den Schlaf gewiegt und gesungen wunde, folgte ein herrlicher Tag, dessen Sonne die Meeresfläche stellenweise ganz vergoldete. Und gegen Abend des zweiten Reisetages hielt das Schiff nach dreißigstündiger Fahrt am Ausgang der Adria, den man in der Karte immer als den Stiefelabsatz sah. Eine südliche Stadt wuchs wie eine Fata Morgana aus dem Meere heraus. Fast mitten durch die Stadt floß die Wasserrinne, wo der Dampfer anlegte, vor hohen Häuserfassaden, Hotels und Geschaftspalästen. Es wimmelte von Menschen im Hafen. Alle Heinzelmännchen im Märchentraume waren erwacht und in emsiger (Tätigkeit. Zweirädrige Wägelchen waren mit Mauleseln bespannt/ und ihre Führer luden mit ohrenbetäubendem Geschrei etwas auf oder ab. Zeitungsverkäufer, Ansichtskartenhändler, fliegende Krämer, mischten sich ins Gewühle. Alles war geschäftig und betriebsam, schrie und tobte um die Wette, Die Hüter der Ordnung standen in ihren glänzenden Uniformen und ihrer würdevollen Ruhe mitten in,der Schaf der kleinen zerlumpten Gestalten wie ragende Marmorsäulen. Ein Bild, das man aus dem Kino kannte, bewegt sich in lebendigem Leben. Von der Höhe rechts brachte der Wind niegekannte Düfte heran. Es waren die Feigenhaine, die dort schon hinter hellgrauem, zackigem Gemäuer blühten. Herr Wilde griff nach seinem Photoapparat. Dieses große erste Erlebnis mußte festgehalten werden. Da traf ihn ein erschrockener und warnender Blick des treuen. Steward Heinrich. „Es ist verboten, hier zu photographieren, ist Kriegshafen. Sie scheinen das neue Italien nicht zu kennen. Gut, daß sie es unten noch nicht gemerkt haben." Und der redselige Heinrich war schon im Begriffe, alle Schrecken eines italienischen Militärgefängnisses mit einer zusätzlichen Füsilierung auszumalen. Aber Herr Wilde steckte rasch den Apparat ein und ergab sich dem stillen Genüsse des herrlichen südlichen Bildes bei untergehender italienischer Sonne. Man ging noch in Italien zu Bette und erwachte morgens in den griechischen Gewässern, vor den grauen Karsthöhen der Jonischen Inseln. Im luxuriösen Rauchsalon, der zwar noch zur zweiten Klasse gehörte, aber für die Gebetzeiten auch den Juden aus der dritten Klasse freigegeben war, waren sie alle zweimal täglich zum Gebete versammelt. Was gingen sie Sonne, Menschen, Bäume und Berge von Italien oder Griechenland an? Sie fuhren „nach Hause" und ein Morgen- oder Abendgebet auf hoher See war die richtige Rüstung für das neue Leben, Man traf sich gegen Abend schon eine Stunde früher in diesem Räume und blieb auch eine Stunde nach dem Gebete beisammen, bei beschaulichen und tiefen Reden, bei Studium und geselliger Unterhaltung. Herr Wilde weilte gern in diesem Räume, um an den Menschen, an die er gestoßen wurde, sein jüdisches Ich vollends auszubauen und zu befestigen. Es gab auch Andere in der driften Klasse und im Zwischendeck. Junge Chaluzim, die die G'ttesdienste mieden, den Tag mit gymnastischen Uebungen und Horratanz ausfüllten und für die Alten, die da beteten und lernten, nur ein spöttisches, herausforderndes Lächeln hatten. Es waren nur wenige, .die Großzahl auch der Chaluzim. benahm sich, auch wenn religiös desinteressiert, bescheiden und anständig und weigerte den Heimkehrern aus der , alten Schule ihre Achtung nicht. Kamen sie zuweilen in den Rauchsalon zu den Unterhaltungen vor und nach dem Gebete, so war bald eine stürmische Debatte über Palästina und Alijah, Histadruth und Revisionismus im Flusse. Wenn die Aussprache bis zur Siedehitze getrieben war und drohte, auch die Hände in Bewegung zu setzen, da trat Nachum Chabad in die Mitte und teilte die Hadernden mit seiner warmen ^herzgewinnenden Stimme; „Jungens, Jungens, ihr werdet Moschiach bringen, und auch"! hr. Wahrscheinlich auch wir, mit unserem Lernen und Beten . . , So lange ihr euch aber so zankt und herum-r schlagt, kommt er nicht. Er fürchtet nämlich, die Schläge von beiden Seiten zu bekommen, wie ich sie eben schon beinahe erwischt hätte . . ." Sie hätten auf beiden Seiten Nachum Chabad lieb gewonnen, wegen seiner Stimme, wegen seines chassidischen Temperamentes, wegen seiner warmen Sprache, die jedem die Wahrheit sagte, ohn zu verletzen. Und einmal wurde er sogar gezwungen, mit ihnen die Horra zu tanzen. Er tanzte besser wie sie alle. Am Freitag, kurz vor Sonnenuntergang, fuhren sie durch die ganz schmale Wasserrinne des Korinthischen Kanals. Hohe kahle und steile Sandbergwände von beiden Seiten. Die Schiffsmaschinen konnten sie zum Einsturz bringen, hätte man es nicht vorgezogen, sie zu stoppen und das Schiff wie eine leblose Riesenleiche durch einen Lootsen durch die enge Wasserstraße ziehen zu lassen. Als auf der anderen Seite die Maschinen wieder ratterten und das Schiff wieder sein Leben bekam, leuchtete der Golf so klar und hellblau wie der geiechische Himmel oben. Die uralten Burgen der Stadt Korinth wurden am linken Ufer sichtbar. Was ist schon Korinth, was der Piräus, was Griechenland und die ganze alte hellenische Welt? Die Heimreisenden sammelten sich im Rauchsalon, alle sabbatlich gekleidet und aufgemacht, um den Sabbat auf hoher See zu empfangen. Nie klang die weiche Stimme Nachum Chabads schöner und herzergreifender, als hier, da er kosend über die Wellen den Ruf hinausschickte: „Komm Geliebter, der Sabbatbraut entgegen"; als er fast weinend vor Ergriffenhext über das große schäumende Wasser hinaus sang: „Aus den Stimmen des mächtigen Wassers, beim Brechen der Meeleswellen tönt mächtig die Stimme G/ttes in den Höhen . . ." Die Lichter von Athen wurden in dunkler Feme sichtbar. Nachum weihte den Sabbat mit hocherhobenem Kelch. Die Gemeinde rief „Omen!", Kinder tranken vom Weine. Ganz wie daheim, ganz wie im kleinen Bethaus im Ostviertel der deutschen Stadt, die vierzig Jahre Nachums zweite Heimat war. Am rituellen Tische im Speisesalon der zweiten Klasse saßen nur vier Gäste, neben Herrn und Frau Wilde ein schweigsames und nach außen abgeschlossenes Ehepaar aus Berlin. Der Dampfer schaukelte ein wenig gegen Abend und die Stimmung war nichts weniger denn sabbatlich weihevoll. Drüben an der großen reichgedeckten Tafel tranken sie Champagner, schluckten Austern, sangen und lachten. Hier am „Sabbattisehe" gab es heute, neben den unvermeidlichen Sardinen, am Rost gebratene Fische, Kompott und Früchte in reichster Fülle, guten Tee nach Herzenslust, Aber das Fleisch kam aus .Konservenbüchsen und war weder eine Augenweide noch besonderer Gaumenkitzel. Dieses Schiff hatte keine ausgesprochen jüdische Küche, nur „auf Wunsch rituelle Verpflegung", die mit der Verpflegung an der Haupttafel nur den hohen Preis gemein hatte. Herr Wilde hatte sogar einmal erwogen, ob man nicht am anderen Tische speisen könnte. Mari müßte ja nicht gerade Fleisch essen . . . „Wir fahren ja ins jüdische Land", wehrte stets Frau Ida leise ab, „Auf, Frau, wir gehen heute Abend aus," sagte Herr Wilde. Das junge Ehepaar lachte. Sollte wohl ein Witz sein! Ausgehen auf diesem Schiffe. Es war ein solider sauberer Dampfer, aber ein moderner Luxusdampfer mit Tanzsalon, Konzertsaal und Kino war er nicht. Nicht einmal eine Musikkapelle war da. — Wo wollten sie in diesem Kasten abends ausgehen? Herr Wilde nahm seine Frau an der Hand und führte sie zum Rauchsalon hinauf, von dort die Treppe hinunter zum Deck der dritten Klasse. Von der äußersten Ecke kam Gesang und helles Lachen. Sie gingen den Stimmen nach. Da schauten sie in einen Lichtraum hinunter. Sie stiegen die etwas steile Treppe hinab und nun entrollte sich ihren Augen ein hier nicht geahntes Bild. In dem langen Speiseraum der driften Klasse saßen mehrere hundert Menschen an einfachen, rohgezimmerten und spärlich gedeckten Tischen, Lichter brannten überall, weiße Stearinkerzen in Messmgleuchtern, in Lehmröhren, in Flaschen und Tintenfässer gesteckt, auf einfachen Brettchen befestigt. Ein ganzes Lichtermeer. Und die Menschen hatten alle gerötete Gesichter, waren angeregt und festgestimmt, sangen und sprachen durcheinander und hielten, jede Gruppe für sich und dann doch alle zusammen, Sabbat. Ihrer welche hatten sogar schwarze At- I!