Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1935)
- Date
- 1935-12-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 49 1935 Die unbezahlte Rechnung, Novelle von Alice Landsberg in Wiesbaden. (Fortsetzung.) Moisehe sprach aufgeregt, stotternd: „Man hat ihn totgeschlagen wie einen Hund — niemand ist mehr von den Seihen am Leben — ich hab es zurückgeben wollen -— ehrlich wie immer — weil doch der Herr dieses Hofes auch fort ist und; ich ihm die Rechnung nicht bezahlen kann. Was soll ich tun? —" Er erzählte, was vorgefallen war, Frau und Kinder lauschten. Die Frau sohrie-geradezu auf yor Freude und*' hielt sich: den Mund zu. . n'G-'tt straf mich, wenn ich sündig rede, asber ich kann nicht anders -—. er hat es verdient wie hat er dichz-geschumden, wie wollte er dich betrügen, es geschieht ihm recht, wenn sie ihn packen und totschlagen. Noch/'vorgestern schlug er den Mischa blutig, "als der übern Wieg ging und sich der Herr darüber ärgerte, daß ihm ein Jude begegnete ..." So ging es weiter, wie toll war die Frau, denn sie zählte immer wieder das Geld. „Nun' sind wir reich — reich"" —" das Haus gehört uns---nicht wahr.';. es . gehört uns . . Sie bekam keine Antwort, die Kinder Schrieen ein bißchen, weil sie die stets ernste: Mutter so lustig sahen und deren geplagtes Gemüt zum erstenmal Fremde empfmclen konnte-, in reinster •- Art. 'ir . r'V •': Es polterte an der Türe.'Mischa stürzte herein.' Er hatte wohl vor, Wie schon öfters, Neuigkeiten henzuibringen, um - dann wieder in den Sturm der Aufregungen zu stürzen. Er erstarrte förmlich, äls er seinen Vater'gewahrte. ' „Schließ' die Türe iund..konyn hier," forderte Moisehe den Jungen,, auf, der, Ahm, wild und ver - ändert vorkam. Seine gewohnten ^Kleider ihatte er von sich geworfen und "nur" Rock und Jacke an, in denen er im Feld arbeitete. Er War stattlich und hochgewachsen, den Kopf stolz erhöben, so stand er vorm Vater. „Wo treibst du dich herum?" fragte Moisehe unerbittlich, denn ihm war, als nähere sich ihm eine viel größere Gefahr, als jene, der er entronnen war. Den Jungen kannte er 'durch undi durch, jedoch der fremde Blick seiner- Augen war ihm neu. „Vater, ich kämpfe für 'die Freiheit . . ." Moisehe verkniff sich Jede spöttische weitere Friage. Er forschte:; nursachte naoh\.in,/dicierh aufrührerischen Juragenherzen. .-. t,., ^u^i j „Was verstehst -dudarunter?" j ^^JVßsÄ-'stand^iirelitlös :vor : dein * Alteft .iöii , sah ihm Ins' GesiohtT nLös*?vöh allem Althergej- •bräcKtenV nihetn! in^ die Freiheit idern waheen [ 'Menschlichkeit!" \ '';!^fer sa^i^aasT*! „Alle, mit denen ich gehe —" „Und sie wissen, daß du Jude bist?" „Ich bin ein Freiheitskämpfer und Religion und Freiheit sind Begriffe, die sich nicht ver- - „Mischa —" schrieen .-Vater und .Mutter zugleich,' während."" die anderen Bubenbegeistert •auf den Bruder schauten. „Ja," schrie der Junge weiter. „Ich will nicht Jude mehr sein, iclh fein ein Mensch, freigeboren wie alle anderen, wie sie will ich leben, ungebunden, nur als Mensch , , ," Moisehe sah die leuchtenden Augen seiner Kinder, das stille Weinen der Frau /drang an seha s-Qhr ..und' er sägte sieh: das ist die Rechnung, die;:auch, nicht aufx 'itvv--«m Nur ruhig, mahnte er sich selbst, ehe er sprach. ^; Mischa hatten sie den Buben genannt, alle anderen hatten hebräische Namen, nur ihn nannte man nach einem christlichen Wohltäter. Vielleicht daß der- Käme die Schuld daran trug, daß er seinem Glauben den Rücken kehrte . . . Aber wenn man die anderen Buben anschaute, die Frau neben sich, die zwar weinte, aber nicht wie sonst, hilflos klagend, sondern mit einem Hoffnungsklang in der Kehle, als sei es mehr Gewohnheit als Leid, das ihr Tränen erpreßte. Was in Gefahr stand, war sein Familienleben. Seine Buben würden albfallen vom Glauben wie der Mischa, der sich innerlich scheinbar schon zu trennen fest entschlossen hatte; die Frau schwankte schwach zwischen ihm und den Kindern — das sollte die Zukunft sein? Sein irr suchender Blick traf das Geld auf dem Tisch. Wie mit einem neuen Geist belebt, trat er vor den Jungen und hielt ihn fest. Jetzt nur klug sein und Zeit gewinnen. . ,,Junge," sagte er ruhiger, als .es ihm eigentlich innerlich zumute war. „Du bleibst im Haus. Hast du nicht vor Jahresfrist deinem G'tt zugesagt, daß du Jude bist und »bleiben wirst . . ." . Mischa wand sich in der Hand des Vaters. Alle Zweifel, die dennoch in ihm ruhten, packten ihn ,init der milden Stimme seines Erzeugers. -Er wollte sich losreißen i— o, die Kraft dazu hatte er.,: denn Vater war ibei weitem nicht so stark wie er — aber warum konnte er die Männerhand nicht abschütteln und wieder hinauseilen zu den Kameraden? ... „Mischa, hör, du bist Jude, du wirst Jude bleiben, auch wenn du deine Religion wie einen Rock von dir wirfst. G'tt ihat das so bestimmt und er würde dich zerschmettern, wenn du es wagtest,- seinem Willen zu widerstreben . . ." Moisehe zog ihn an den Tisch. „Schau, Mischa, dies sollte eine Rechnung begleichen, die nicht meine. Schuld;^war. Der G'tt, an den du glauben mußt, hat eseingerichtet, daß das Geld mein Geld würde. Es soll uns helfen, in einem anderen Land unser Glück zu suchen. Verstehst du, du hast mich immer gebeten, es zu tun, auszuwandern, nun werden wir es endlich unternehmen." Finster sah Mischa auf das Geld. „Noch heute Morgen Käst du gesagt, iii einem anderen Lahde wechselten nur die Gesichter; nicht aber, die Meinung und der Haßgegen die Juden!" Maische nickte zustimmend. „Das halbe ich gesagt. Das halte ich auch fest. Aber gibt es nicht ein Land, das uns Juden gehörte und gejhören wird in Zukunft — Palästina? Noch liegt alles wirr und unklar in den Verhältnisse^; aiber eine/Ahnung sagt mir, einimal wird es ini Mittelpunkt.; des] ijüdischeh 'Geistes .stehen . ' , Der Junge;.starrte den, Vaier an.:;iPalästina, d^j.Lanid, ,.,yp«. d)em; er t. wie.^oft träumte, das Miloh .fln-d •••Ho^dg-; j§ßb> iefem,: 4er. fleißig war, in dem; jüdischies - Sein•i"war:,> die Heimstätte allej" Juden ^'P.. ,;: r \ Vater ^''^'ei£^'"il^*;^ttt;Erast ist^.'V;'/'' Er paokte den Alten und preßte ihn an sich. „Wann, Vater, wann? . . ." „Wir müssen es heimlich machen -— bald, Junge, schweig still vor jedem . . ." Mischa sah sich um. Dann ^urde er verlegen. „Väterlich habe versprochenj gleiph wieder zu kommienj ich "muß mein Versprechen dort halten, aber ich'komme wieder — bestimmt, ich komme wieder —;-. wenn es nach. Palästina geht";". ." Da reichte der Mann dem Jungen die Hand wie zum 'Schwur und es hob ein Atemzug des Kindes Brüät/ . ' '\ > „Dort, ajerdings kann man 'Jude bleiben '. . sagte er und riß sich los, als habe er'damit gegenein hufttes Bild ein schlichtes, ..^ber viel wertvolleres dafür .erhalten. ^;!.: Die Türe klappte zu und Mischas Schritte verhallten. Schwer sank Moisehe auf einen Sitz nieder. Seine Frau kam vorsichtig hinzu und schaute ihn fragend an. „War das dein Ernst? Wir wollen fliehen, jetzt fliehen, wo alles in Aufruhr ist — jetzt, wo wir nicht viel mehr zu befürchten haben? . . ." Mißtrauen war in ihr, und wenn es auch galt, die heiligen Stätten aufzusuchen, sie zweifelte, je das Ziel zu erreichen. Moisehe nickte. „Wir müssen fort. Oder ist dir jene Aussicht nicht genug, daß du deine Religion meiden mußt, daß wir noch nicht einmal — was wir im tiefsten Elend sein durften - Juden (bleiben können! Nein, das begreife ich nicht — Not und Verachtung, das war an der Tagesordnung, aber daß jene, wenn sie Glauben und Art ablegen, gleichberechtigt sein sollen mit allen anderen hier im . Lande — der Preis ist cbu teuer — für mich und die Meinen . . . und eines Tages wird die Rechnung zu bezahlen sein vor G'tt und ich stehe mit leeren Händen vor ihm. Nein," schrie er auf und stand mit einem Satz mitten in der Stube. „Geht, richtet alles, packt und noch heute oder morgen geht es los. Alles ist in Verwirrung, fällt es da auf. wenn ein armer Jude durchs Land wandert? . . ." Die Fraü schickte die Kinder hinaus und tat, blind im Gehorsam gegen Moisehe, wie er sie geheißen.; Sie; suchte das Haus jedoch wenigstens für eine Weile zu verlassen, um sich zu überzeugen, ob es wirklich Revolution im Lande gäbe ... Deshalb kam es, daß Moisehe allein im Haus war^-als ein gehetzter Mensch durchs Fenster in die Stühe sprang ... Der Mann unterdrückte einen Schrei. Was es ihn kostete, den Schrecken in sich zu behalten, wußte nur er. Totenstill war es im kleinen Raum. Ein trübes Licht, das durch die halbblinden Scheiben drang, die, nun wieder geschlossen, jeden Laut von draußen abdämpften, lag im Raum und auf den beiden Menschen, die sich anstarrten. ViDu wohnst hier —'* sagte "endlich der Mann, der einmal Gutsherr und halber Herrgott hier gewesen war und nun ärmer als der niedrigste seiner Knechte war. Die Kleider hingen ihm in Fetzen an den Gliedern und verrieten, daß er bei der Flucht mit fast übermenschlicher Kraft um sein Leben kämpfte. Wunden zeigten Gesicht und Hände, die aus ihrer bittend vorgereckten Lage nunmehr zögernd wieder mit den--Armen zu beiden Seiten niederglitten, als resignierten sie zum erstenmal bei dieser atemlosen Hßtze ums Leben. „Ich wöhne hier," rang es sich endlich aus des - Moisehe' Ke^le und mit diesen Worten fand er,: diekalte LRuJie - wieder. , j Er > spürte, die Zweifel, all dies';eindrihgiende tyetizrteifelii ,und wischte sie inhferlich und äfißeruGhiiyon sich mit einer Bewegung .auf den vor ihm-.stehenden Stuhl. .. .. , . < „Wollen Sie sich nicht setzen?" ■ Groß starrte der Mann ihn an, aiber. mit wankenden Knieen kam er auf den angebotenen Sitz zu, auf den er ächzend fiel. „Warum rufen Sie nicht alle zusammen?" sagte er leise und stöhnend, das Du vergessend, das er ehedem dem Juden kaum gönnte. "ti Kaum, daß es Moisehe; mefkte, Er richtete seine durchdringenden Augen, in denen wieder alle Ruhe des Abgeklärten lag, auf den gehetzten Mann, und es ward seltsam in ihm, wenn er an die g'ttliche Hand dachte, die es fügte, daß zw&i Menschen sich zweimal gegenüber stehen mußten, einmal der eine, das andere mal der andere als Retter und Wohltäter. (Fortsetzung folgt.)