Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1935)
- Date
- 1935-12-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein Centraiorgan für das orthodoxe Judentum / Begründet von Dr. Lehmann in Maine Frankfurt a- M- 5. Dezember 1935 9. Kislew 5696 Nummer 49 Dem Leiter des Londoner ITA-Hauptbüros ^gegenüber äußerte sioh J. G. Maodomald dahin, daß das Problem der Massenwanderungen nur vom Völkerbund allein und direkt geregelt werden könne. Daß er, Maodonald, seine Aufgabe .gelöst hätte, wolle er nicht behaupten. Mindestens 30.000 Menschen leben zur Zeit in europäischen Ländern lediglich auf Grund zeitbeding-' ier' Aufenthaltserlaubnisse und ohne Recht auf Aiibedt Eine weitere halfbe 'Million Menschen befinden sich unterwegs oder rüsten sich zur Auswanderung. Diese Dinge' seien stärker als eine autonome Agentur, iwie sie das dem Völkenbund nicht direkt unterstehende Oberkommissariat darstellte. Eine Persönlichkeit von der Autorität, wie sie etwa Fridtjof N a n s e n besessen hat, müßte im Auftrage des Völkerbundes eingreifen, um jene Länder, in denen Ausgewanderte leben, zu einer liberalen Haltung den Emigranten gegenüber zu veranlassen und die Regierungen solcher Länder, für die eine Einwanderung tragbar sei, zu einer Milderung der Einwanderungsibe- ..stimmungen zu bewegen. Also sei ein Zwiefaches nötig;' ein direktes und unmittelbares Vorgehen des 'Völkerbundrates und die Ernenntüig einer -führendenPersönlichkeit, die die Direktive aus der Hand des Völkerbundes erhält. Ob diese letzten-Wünsche und Anregungen des "bisherigen Oberkornimissars beachtet werden? Inzwischen ist in Genf am 28, November die Expertenkommission des Völkerb u n de s f ü r Au s wand erung sf ra g e n ^zusammengetreten, die die Berichte der verfehl ©denen Organisationen enitgegeniziunehmen hat, um dann dem im Januar zusammentretenden V ö 1 k e r b u n d s r a t e ihrerseits Bericht über den Stand und die weitere Regelung der Auswanderung zu erstatten. Es sind in der Kommission vertreten der Norweger (Michael Ha nsson, der Italiener (Senator D. M i c h a e 1 i s:, Marcel?R o 11 and aus 'Frankreich u. v. m. Auch die großen jüdischen Organisationen sind eingeladen, der Kommission ihre Gutachten einzureichen, und Tinter den Vertretern derselben befindet sich m. a. auch Dr. Arthur-R up p i n , der zu den "besten Kennern Erez Israels und des jüdischen Auswanderungspröblems gehört. Die «jüdischen Organisationen treten außerdem noch unier sioh zu einer * (Konferenz in Genf zusauunen.;an der sich I C A und E m i gd i r e c t nicht beteiligen, woraus hervorgeht, daß eine Einhedtsland'e in der Arbeit der (jüdischen Sachverständigen in Genf nicht erzielt ist. Man sieht alber aus alldem, daß mit dem Rücktritt des High Commissioner für Auswanderumgswesen, (dieses selbst niiclht liquidiert ist, vielmehr nach wie vor die führenden Geister beschäftigt. Möge es diesen gelingen, mit mehr Glück als bisher Wege zur Lösung zu finden. (Siehe auch Wochenrundschau lind Korrespönden'zenteil.) der jüdischen Auswanderung. Mischlinge und Mischehe. Ein Runderlaß des Reichsinnenministers Dr. Frick. Der R e i c h s - und preußische Innenminister hat in einem Runderlaß an die Länderregierungen Anweisungen über die v e r - w a 11 u n(g s m ä' ß i g e >D <u r c h f ü -lirun g des N ü r n b e r g g e s e t z e s vom 15. September zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre gegeben. Durch 'dieses Gesetz und seine Ausführungsbestimmungen sei eindeutig und endgültig klargestellt worden, in welchem Umfang im nationalsozialistischen Staat Rassenmischehen im Interesse der Reinerhaltung des deutsahen Blutes verboten seien.. Eheschließungen, die in diesen Vorschriften nicht ausdrücklich untersagt würden,, seien zulässig. (Fortsetzung siehe Seite 2«) Aus dem Inhalt: Verband nationaldeutscher Juden . Seite 2 Zertifikate für Agudisten ..... Neue Ausschreitungen in Polen . . . . Seite 2 Völkerbund und Judenwanderung . Seite 3 Palästina in Bild und Film . . . . Der Wiikomirer Raw....... Ist der Keren Hajischuw eine separatistisch orthodoxe Angelegenheit? .... Seite 6 Zwei Arbeitsgerichtsurteile . . . . , Seite 8 Hausangestellte und die Nürnberger Gesetze Seite 8 Briet aus Ungarn......... Seite 10 Expertenkommission für Auswanderung Seite 10 Jerusalemer Brief ........ , Seite 13 Eine warnende Stimme, zur Lage unserer Jugend. Von Direktor Dr. M. Elias. Wir Juden verfallen von einem Extrem ins andere. Früher konnte nicht genug für die höhere Bildung geschwärmt werden. Verkopfung und Verschulung machte die Jugend beiderlei Geschlechts halb krank. Jungen und Mädchen, die sich absolut nicht zum Studieren eigneten, mußten partout, um des guten Tones und sozialen Prestiges, willen, das Abitur (machen und doctores wer'Ien. Heute müssen wir erstaunt und »>j? einigermaßen beschämt feststellen, wie wenig echt bei ihnen der Durst nach Bildung war, Eltern wetteifern mit den Kindern an Schulverdrossenheit und Schulmüdigkeit. Wir verstehen nur alizügut, daß der verstiegenen Biildungsibeflissenheit früherer Zeiten in der enttäuschten Elternschaft nur mit einer gewissen Verbitterung gedacht wird. Zu der natürlichen Reaktion auf frühere Ueberspannung des Bildungsprinzips5 kommt die äußere und innere Not, in die sich die Eltern verstrickt sehen. Die nervöse Unruihe;und Unsicherheit, die durch den Wegzug von Verwandten und Freuinden verstärkte Erschütterung des Vertrauens und die Schwächung des Willens zum Durchhalten teilen sich natürlich auch den Kindern mit, bei denen noch, jugendlicher Freiheitsdrang, Verlan - gen nach Neuem, Sehnsucht nach der Fremde mitspielt. Das alles ist verständlich. Aber es verpflichtet alle, die sioh um das Schicksal deutschjüdischer, vor allem gesetzestreuer Jugend Sorge machen, zu ernster Vorsicht- Die Not unserer Jugend ist nie so groß und darf hie als so groß empfunden werden, daß sie, um sich seib s t zu behaupten, zur Selbstenthauptung schreiten dürfte. Und ein Verzicht auf . eine gute, geistige Schulung ist Selbste ii i h a u p t u n g und verträgt sich nicht mit dem Verantwortungsgefühl jüdischer Eltern, die um eine gute Schulbildung und um eine im Geistigen ruhende Entwicklung ihrer Kinder die größten Opfer auf sich genommen haben. Der Wert der körperlichen Berufe, der ganz anders und weit mehr als bisher in die Erziehungs- und Lebenspläne für unsere Jugend in Rechnung gestellt werden muß, darf nicht dazu führen, daß die Gelegenheiten zu guter Schulbildung hier in Deutschland vernachlässigt und unsere Kinder für den Kampf um das Dasein ins Ausland geistig und seelisch ungenügend ausgerüstet weggeschickt werden. Die Arbeitsbedingungen ,und das Milieu, in das unsere Jugend in Erez Jiisrael wie anderwärts kommt, fordert eine gute jüdische, geistige und charakterliche Vorbereitung, zum mindesten eine gewisse Reife sowohl körperlicher, wie geistiger Art, wie sie sicher nicht vor dem 16. Jahr erreicht wird. Charakteristisch für die Lage solcher Jugend, die nicht früh genug aus der Schule und von hier fortkommen zu können glaubt, ist die Zuschrift, (Fortsetzung siehe Seite 3.)