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Der Israelit · 1935-03-28 · Heft 13 (28.3.1935) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 13 (28.3.1935)
Date
1935-03-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 13 Sinne widmen. Sie nimmt neben anderen diesem Ziele dienenden Programmpunkten auch Verhandlungen mit den Regierungen, dem Völkerbunde und anderen Stellen in Aussicht mit dem Ziele, Erleichterungen für jüdische Auswanderung und Kolonisation zu erzielen. Wir sind der Meinung, daß die Bildung dieser neuen Gesellschaft zwar guten Willen verrät, aber höchst unzweckmäßig ist. Es fehlt auch heute schon keineswegs an Instanzen und Einzelorganisationen, die sich mit dem Studium der Wanderungs- und Siedlungsfrage beschäftigen. Worauf es ankäme, wäre nicht die Gründung neuer Gesellschaften, um dem Ehrgeize dieser oder jener wohlmeinenden Persönlichkeiten zu dienen, sonderndieendliche Zusammenfassung der heillos zersplitterten Bestrebungen und die Schaffung eines vereinigten Komitees sämtlicher größerer jüdischer Organisationen behufs durchdachter, einheitlicher Arbeit. Dabei vertreten wir grundsätzlich den Standpunkt, daß zwar Erez Jisroel leider in absehbarer Zeit gewiß nicht in der Lage sein wird, den gesamten Einwanderungsstrom, der auf Verpflanzung wartet und angewiesen ist, aufzunehmen, daß aber, bevor die jüdische Diaspora noch weiter verstärkt wird, das Hauptaugenmerk vor allen Dingen den Erez Jisroel benachbarten Ländern zugewendet werden müßte. In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, daß der französische Kommissar für Alexandrette, Durieux, in dieser Woche mitteilt, es sei wahrscheinlich, daß einer jüdischen Gruppe, die sich um eine Konzession zur Entsumpfung der Alomex- Ebene in Syrien beworben hat, die Genehmigung erteilt werde. Der französische Oberkommissar hat schon im September vorigen Jahres erklärt, er sei mit der Zulassung von 10.000 jüdischen Einwanderern nach Syrien einverstanden. Voraussetzung ist die Bildung einer entsprechenden Siedlungsorganisation. Immer wieder wird auch das ostsibirische Biro-Bidschan -Gebiet in die Debatte geworfen und erstaunlicherweise stehen maßgebende jüdische Kreise Amerikas, die dem Joint nahestehen, diesen Plänen sympathisch gegenüber und erklären sich immer wieder bereit, die Kräfte des sogenannten „Agro-Joint" in den Dienst dieser Bestrebungen zu stellen. Nach allem, was über die Lage der Juden in Sowjetrußland und auch über die Zustände in Biro-Bidschan selbst in den letzten Jahren in die Oeffentlichkeit gedrungen ist, scheint es uns unverantwortlich, jüdische Gruppen, auch wenn ihnen Autonomie verheißen wird, in die furchtbare russische Hölle hineinzubringen. Für Menschen, insbesondere in denen noch ein Funke religiöser Sehnsucht und religiöser Verbundenheit mit G'tt und seinem Gesetze wohnt, ist die Einwanderung nach Sowjetrußland sicherlich undiskutabel, solange nicht eine grundlegende Aenderung der Einstellung der russischen Regierung zur religiösen Gewissensfreiheit in die Erscheinung tritt. t;i. •.<>. Alles in allem:" die öffentliche Meinung der Judenheit sollte in diesen kritischen Zeitläuften nicht aufhören, laut und energisch die Bildung der wiederholt yon uns vorgeschlagenen Zentralstelle für jüdische Wanderungs- und Siedlungsfragen zu fordern und den führenden Notabein klarzumachen, daß sie sich an der Zukunft der jüdischen Gesamtheit schwer versündigen, wenn sie ihre bisherige Politik der. Isolierungt ja man möchte schon fast .sagen, des Organisationsprestiges fortsetzen. Auch ein Jubiläum. Zur gleichen Zeit, fast am gleichen Tage, da die Welt den 800jährigen Geburtstag von Maimonides begeht, feiert die Reformgemeinde in Berlin ihr 90jähriges Bestehen. Ihr erster Aufruf wurde im April 1845 Der Israelit unter dem Leitsatze erlassen: „Wir wollen Glaube, wir wollen positive Religion, wir wollen Judentum!" Dieses J'ökö '28 der Berliner Reformgemeinde unterscheidet sich sehr wesentlich vom „Ich glaube!" des vor 800 Jahren in Cordova geborenen Meisters, auch von den drei Thesen, die Rabbi Joseph A1 b o den dreizehn des Rambam entgegensetzt. Ob wir den Glaubensgehalt des Judentums auf drei oder dreizehn Thesen bringen, die G'ttlichkeit und Unwandelbarkeit der offenbarten und durch Moses und die Propheten uns überlieferten Lehre ist und bleibt integrierender Teil der Dogmatik. Das Fehlen gerade dieses Glaubens und die Auslieferung der Synagoge und des jüdischen Hauses an die wechselnde Geschmacksrichtung der Zeit kennzeichnete die Reformbewegung in der ihr von der Braunschweiger Synode gegebenen Prägung vom ersten Tage an. Im Organ des palästinensischen Misrachi, „Hator", veröffentlicht Rabbiner J. S. Sevin einen instruktiven Aufsatz über die derzeitige Lage des religiösen Judentums in Sowjetrußland, der offenbar auf sehr genauen Informationen beruht, sich von allen Uebertreibungen fernhält und darum in der europäisch - amerikanischen Oeffentlichkeit ernste Beachtung finden sollte. Der Artikel schweigt vollkommen von der Hungertragödie der vielen Tausende von unglücklichen Menschen, die in Rußland als Deklassierte kein Recht auf Lebensexistenz besitzen und unter denen die Rabbinen und Thoragelehrten, die ehemaligen Lehrer und Träger des Kultus, die bejammernswertesten-Opfer sind. Vielmehr konzentriert der Verfasser seine Aufmerksamkeit auf die spezifisch religiösen Angelegenheiten, bei denen vielleicht eines Tages irgend eine Hoffnung besteht, durch vernünftige Verhandlung mit der Sowjetregierung eine Besserung der Verhältnisse oder wenigstens eine Milderung der schlimmsten Härten zu erzielen. Sevin schreibt: Seitdem die Räterepublik in den Völkerbund eingetreten ist, hören die Gerüchte nicht auf über eine Aenderung der Einstellung, der roten Regierung hinsichtlich der Bürger des Landes im allgemeinen und der Juden insbesondere. Die Aenderung des Namens der inneren Verwaltung, die Aufhebung der Brotkarten, die Erweiterung des Wahlrechts, die Verordnung über geheime Abstimmung bei den Wahlen, alles Tatsachen, die nach dem Eintritt Rußlands in den Völkerbund in die Erscheinung traten, schienen die erwähnten Gerüchte zu bestätigen und ihnen eine reale Grundlage zu geben. Die fürchtbare Abschlachtung aber, die die rote Regierung im Zusammenhang mit der Ermordung Kieroffs vorgenommen hat, ließ an der Richtigkeit der Meldung wiederum zweifeln.. Auf .alle Fälle ake%bestßhen ''gewisse Anzeichen auf eine Aenderung in der Haltung der Regierung im allgemeinen. Auch in der jüdischen Presse des Auslandes und in der hebräischen Presse Erez Jisroels sind in der-Jetzten 'Zeit mancherlei Gerüchte darüber veröffentlicht worden, daß der Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika mit Litwinow in Verhandlung stehe wegen der Wiederherstellung der Religionsfreiheit in Sowjetrußland. Es heißt, die Regierung; werde^mit dem Zionismus ihren Frieden schließen, jüdische Notabi-, litäten seien mit Bevollmächtigten' der "Regierung wegen des Schicksals des Religiösen Judentums in Rußland in Verhandlung1 getreten und ähnliches. " ' _ Wir wissen aus Erfahrung, daß derartigen Zeitungsnachrichten in Bezug auf Rußland kein Wert beizumessen ist. EY sind solche Nachrichten auch früher schon wiederholt veröffentlicht worden und immer; hat sich 'dasJGanze als Bluff ■__28. März 1935 Die Lossagung von der G'ttlichkeit der Thora fand aber ihren stärksten Niederschlag im Kulte der Sonntagsbeter in der Johannisstraße, deren „Glaube" sich lediglich im „Hut ab!" vor der Thora äußerte ... Es ist nicht die Zeit für polemische Auseinandersetzungen mit Glaubens- oder auch Unglaubensbrüdern. Aber es ist Zeit, alle Verblendeten zum Erwachen, zur Ernüchterung, zur Einkehr aufzurufen und aufzumuntern. Darum müßte unsere Mahnung an die Reformgemeinde ergehen, bei ihrer — nach ITA-Bericht — am 5. April stattfindenden Jubiläumsfeier offen und frei den neunzigjährigen Irrtum zu bekennen und neue Wege zu suchen „zum Glauben, zur positiven Religion, zum Judentum": Zum Glauben an G'tt, zur Religion der positiven Tat, zum Judentum der Thora! erwiesen. Immerhin: unsere Weisen sagen, man. solle nichts a limine für unmöglich halten. Vielleicht finden diesmal in der Tat ernsthafte Bemühungen statt wegen Verbesserung der Lage in Rußland. Auf alle Fälle aber ist es gut, daß wir selber uns darüber klar. werden, was von der russischen Regierung hinsichtlich des Judentums im Rahmen der nun einmal geltenden Gesetze gefordert werden kann. Deshalb möchte ich hier kurz auseinandersetzen, was fehlt und was im gegenwärtigen Augenblick in der sowjetrussischen Republik an der Lage des religiösen Judentums im Rahmen der nun einmal geltenden Gesetze gefordert werden kann. Absurd wäre es zur Zeit, an irgend welche Aenderungen in den Grundgesetzen der Rätekonstitution zu denken. Wir können nur soviel erreichen, daß wenigstens die Rechte des religiösen Judentums innerhalb der engen Grenzen nicht verkürzt werden, die ihnen die revolutionäre Gesetzgebung gezogen hat. Meine Ausführungen halten sich also innerhalb dieser Grenzen. 1. Der religiöse Unterricht. Kleine Kinder, die noch keine Ahnung von Hebräisch oder von Chumisch haben, sollten häufig von ihren Eltern, die daran mit ganzer Seele hängen, wenigstens in die Anfangsgründe der Religion eingeführt werden. Sie haben aber dazu keinerlei Möglichkeit wegen des schweren Verbotes, das sowohl im Prinzip dafür besteht, als in höherem Maße noch praktisch durchgeführt wird. Das Verbot ruht in seiner ganzen Schwere sowohl auf den Lehrern, als auch den Eltern. Das ist ein Zustand, der das Herz jedes Juden mit tiefem Schmerze erfüllen und die größte Empörung auslösen muß. Wo steckt hier auch nur der geringste Gegensatz zu den Grundgesezten der Konstitution? Wo. steht hier auch-nur der. Schatten gegen, die revolutionären Bestimmungen? Wir verklangen gar keine religiösen Schulen' für» die Kinder, etwas was gegen das Gesetz der Regierung»! verstoßen würde. Aber die Zusammenfassung der> Kinder einiger. Eltern zu einer kleinem.iGruppej--. die gemeinschaftlich bei einein. jLehrer lernt,, etwas was noch im Jahre 1923 erlaubtrwar, sobald. - die Gruppe nicht mehr als drei Schüler umfaßt, warum ist das jetzt praktisch unmöglich gemacht? Warum bestrafen die Behörden überall mit einer geradezu grausam zu nennenden Unerbittlichkeit diese schwere Sünde? Die Zentral-- regierung,. wenn: sie ein Interesse daran hat', die öffentliche jüdische Meinung auch nur im. gering- : sten zu beruhigen, müßte eine strenge-..Verord-.l nung erlassen, die die -religiöse Belehrung in häuslichen .Gruppen. als..erlaubt erklärt, und sdie allen ..Qrtsbehorden Bestrafung androht, die sich;,erlauben sollten, Schwierigkeiten zu machen;:-So-., länge eine solche Verordnung, nicht in klarer und .energischer Sprache veröffentlicht wird, nützen:- aEe Versicherungen nach außen und. alle; zwei- Zur gegenwärtigen Lage des religiösen Judentums in Sowjetrußland.

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