Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1935)
- Date
- 1935-02-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450858-2450866--81072-2538924- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
^^^^^^^^^^^^P^^^^^^^^^SS^^^^K ü^??3??S^^^^^?^^^^?^^ •■»r1-' •-■ ' er Israelit Ein Centraiorgan für das orthodoxe Judentum / Begründet von Dr. Lehmann in Mainz Frankfurt a. M* 21, Februar 1935 18. Adar I 5695 Nummer 8 rerfürsoroe - Sache des Völkerbunds. London, 13, Februar. Die Aufgaben des Völkerbundes in Bezug auf <lie' Probleme der Äuswandererfürsorge bildeten den Gegenstand der Beratung auf einer soeben in London abgehaltenen Tagung des Ständigen Komitees beim Oberkommissariat des Völkerbundes. Der Vertreter Frankreichs und Oberkommissar James G. MacDonald schlössen sich nachdrücklichst der von Viscount Cecil of C h e 1wood, dem Vorsitzenden des Yerwaltungsrates des Internationalen Auswandererhilfswerks, in der vorigen Woche im Oberhaus geäußerten Ansicht an, daß die gesamten Aktionen und Bestrebungen zugunsten der Ausgewanderten unter der tinmittelbaren Leitung des Völkerbundes zu kon- -zentrieren wären. Oberkommissar James G. MacDonald erklärte, diese Tagung müsse sich unbedingt im Hinblick auf die Dringlichkeit der Hilfs- und Emigrationsprobleme mit der Grundfrage der Beziehungen des Völkerbundes zu den mannigfachen Aktionen im Interesse der Ausgewanderten in verschiedenen Ländern befassen. Wie solle die bessere Zusammenfassung dieser Aktionen erzielt ^werden? Nach einem Hinweis auf die Erschwerung der internationalen Kooperation im Interesse des Weltfriedens durch das Fortbestehen des Auswandererproblems stellte Oberkommissar MacDonald fest, daß offensichtlich eine internationale Verantwortungspflicht betreffend Versorgung und Seßhaftmachung der verschiedenen Kategorien von Ausgewanderten besteht und daß es ebenso offensichtlich der Völkerbund sei, dem •diese Verantwortungspflicht zufällt. Nur durch »den Völkerbund könne das Hilfswerk mit Erfolg durchgeführt werden. „Wäre es nicht an der Zeit," fragte MacDonald, „daß der Völkerbund in höchst eindeutiger Form aufs neue bekunde, daß er in dieser ganzen Auswandererängelegenheit eine Verantwortung trägt, der er sich nicht entziehen kann? Die gegen diese Auffassung ^vorgebrachten Argumente stützen sich ausschließlich auf Erwägungen politischer Zweckmäßigkeit. Gewiß müssen solche in Betracht gezogen werden; ich für meinen Teil aber bin durchaus der Ansicht, die in allem, was Lord Cecil sagte, zum. Ausdruck kam, daß nämlich auf lange Sicht ein freimütiges Bekennen des Völkerbundes zu seiner internationalen Verantwortung gegenüber allen Ausgewanderten sich als die beste politische Strategie erweisen wird." Das Ständige Komitee gab sodann seine Zustimmung zu einem Plan des Oberkommissars, in einer Reihe südamerikanischer Staaten die Möglichkeiten für die Einwanderung einer gewissen-Zahl Ausgewanderter" an Ort und Stelle zu untersuchen. Es wurde klargestellt, daß die für die Einwanderung in Betracht kommenden Personen einen Gewinn für ihre neue Heimat bilden würden. Oberkommissar MacDonald gedenkt, Anfang März in Südamerika einzutreffen. Ansiedlung jüdischer Familien in Südfrankreich. Paris, 13. Februar. Wie der ITA. von unterrichteter Seite mitgeteilt wird, haben Verhandlungen begonnen betreffend die Verwirklichung dse Plans, in dem südfranzösischen Departement Lot einige Hundert jüdische Familien anzusiedeln. Aus dem Inhalt: Deutsche Juden und deutsches Recht . Seite 2 Neue Sammlungen in England .... Seite 2 Arbeitermangel in Palästina.....Seite 2 Zionistische Organisation und jüdisches Volk Seite 3 Jüdische Äerzie ..........Seite 4 Streicher-Organe und die deutsche Wissenschaft .........Seite 5 _Thora wa'Awoda-Bewejjjung.....Seite 5 Poale Agudas Jisroel in Tel Awiw . Seite 6 Tag der. jüdischen Jugend .....Seite 8 Zulassung von jüdischen Zahnärzten und Dentisten zu den Kassen.....Seite 8 Die jüdischen Gemeinden des Saargebietes Seite 9 Boykott in Danzig ......... Seite 9 Um die religiöse IDafirl.eiL Wir haben vor einigen Monaten an dieser Stelle ein Sonderheft der Zeitschrift „Der Morgen" gewürdigt, das sich mit der religiösen Frage im deutschen Judentum beschäftigt, und haben die Stellung des t h o r a t r e u e n Juden zu dem Versuche der Herausarbeitung eines neuen Typus religiöser Denk- und Lebensgestaltung, wie er für die Gegenwart charakteristisch ist, zu zeichnen uns bemüht. Als eine Art Fortsetzung zu jenem Sammelheft kann man das soeben unter dem Schlagwort „Bildung" erschienene Februarheft der genannten Zeitschrift betrachten, in dem sich Martin; B u b er über „Bildung und W e 11 a n - schauung", Ignaz May bäum über die „Legitimität des Geistes gegenüber dem Glaube n" äußert, und eine ganze Reihe weiterer, durchaus auf der Höhe wissenschaftlichen Ernstes stehender Aufsätze die „Grenzen der Kultur autonomi e", die P r o g r a mmatik der jüdischen Erwachsene nb i 1 d u n g , die religiöse Jugenderziehung und die Frage einer jüdischen Pädagogik behandeln. Mit Recht hat Ludwig Feuchtwanger in einer Besprechung, die er dem Hefte vorige Woche, im C. V.-Blatt widmete, hervorgehoben, daß e rstens sämtliche Autoren in der Feststellung der „ U n m ö g 1 i chkeit eines total jüdischen B i 1 d un g s p r i n z i p s " übereinstimmten, und daß zweitens der in diesem Hefte empfohlene moderne Lerngang, der dem Lernenden „persönlich freie «g listige Entscheidung" auf Grund „mitteleuropäischer Bildung" — des „Kindes der Aufklärung" — überläßt, mit dem Lernen „im altjüdischen, voremanzipatorischen Sinne" nichts zu tun habe. Diese Feststellung eines keineswegs der Orthodoxie angehörigen Rezensenten, der vielmehr nicht einn^al' üihhin kann, die Erkenntnis der „Unmöglichkeit eines total jüdischen Bildungsprinzips" alsJbesonders „erfreulich" zu bezeichnen, überhebt uns der Notwendigkeit, erst: noch von unsrer Seite offene Türen einzurennen. Sonst wäre es leicht, den Nachweis zu führen, daß die Bildung, die hier vertreten und gefordert wird, im Grunde nichts weiter ist, als ein dem alten Liberalismus von der Geschichte abgerungenes Kompromiß zwischen seiner auch in seiner nationalen Form unverändert skeptischungläubigen und individualistischen Einstellung und der tradierten Lehre des historischen Judentums. Gewiß: auch dieses Kompromiß stellt im Vergleich mit der hinter uns liegenden Periode der offenen Auflehnung gegen den Ursinn der jüdischen Wahrheit zweifellos einen Fortschritt dar, und es wäre ungerecht, ihn leicht zu nehmen oder zu verschmähen. (Fortsetzung siehe Seite 3.)