Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1935)
- Date
- 1935-01-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 4 r a e 1 1 t 24. Januar 1935 Bodens von Machane Jisroel, der 4200 Dunam umfaßt einen Komplex von 16.000 Dunam, die Dörfer Olam und Madhar in der Nähe von Tiberias am Berge Tabor für Siedlungszwecke erworben. Viele Tausende von Pfund wurden in den Kauf hineingesteckt, denn es handelte sich um weitreichende Pläne, deren Ver wirklichung zweifellos einen bemerkesnwerten Fort schritt der thoratreuen Einwanderung und Siedlung in Erez Jisroel bedeutet haben würde. Inzwischen kam die allgemeine Einwanderungskrise und es er wies sich als unmöglich, die Pläne auszuführen. Auch die Abzahlung der schuldigen Hypothekensummen konnte nicht erfolgen. So blieben die beiden Dörfer Olam und Madhar faktisch im Besitze der arabischen Verkäufer. Alle die Jahre hindurch bemühten sich die Führer der Agudas Jisroel nach den verschieden sten Richtungen hin, die Mittel zur Vollzahlung* zu erlangen oder andere üdische Organisationen, damit das Gelände wenigstens nicht an die Araber zurückfalle, für die Uebernahme zu gewinnen. Alle diese Versuche mißlangen aus Gründen, die hier nicht er örtert werden sollen. Schon war auf Betreiben der Verkäufer die Subhastation der Grundstücke wiederholt angekündigt, wenn es auch gelang, sia immer wieder aufzuschieben. In der letzten Zeit hat sich nun in Verbindung mit der verstärkten Einwanderung und der verstärk ten Nachfrage nach geeigneten Siedlungsböden die Lage verändert. Es muß heute möglich sein, bei dem Mangel an geeigneten Böden Olam- und Madhar zu Gunsten jüdischer Siedlung zu verwerten. Die Initiative hierzu hat die Jerusalemer Agudas Jisroel, nachdem sich ein andrer Weg zur Vermeidung des Rückfalls an die Araber nicht mehr bot, einem Konsortium von agudistischen Kaufleuten übertragen, das unter dem Namen *n2D flTttN (Genossenschaft Tabor) den Boden parzellieren und aus den eingehenden Beträgen die Schuld an die arabischen Verkäufer abzahlen will. Die beiden Dörfer führen jetzt im Volksmunde bereits den Namen Tabor, weil sie sich in der Nähe des Taborberges befinden. Möchte die Parole: Tonn flVliG („Einlösung des Tabor"), zünden und der Rückfall des Geländes an die Araber verhindert werden. ""- . (Wir möchten hoffen, daß das Konsortium dabei jeder, spekulativen Preistreiberei von vornherein mit wirksam e'ft- Mitteln entgegenzutreten wissen und nur an Selbs-tsiedler v e r'k.a u f e n wird. Red.). Bei den Zeire Agudas Jisroel in Jerusalem besteht bekanntlich seit langem die Einrichtung, daß an jedem Freitag mehrere Gruppen von Zeirim die Kaufleute auf den rechtzeitigen Schluß ihrer Geschäfte aufmerksam machen. In gleicher Weise wird auch am Sabbat Abend darauf geachtet, daß die Oeffnung der Läden--nicht zu früh erfolgt. Diese Tätigkeit hat •Sich schon in zahlreichen Fällen außerordentlich nützlich und wirksam erwiesen. Vor 14 Tagen ereignete sich jedoch ein peinlicher Zwischenfall. Zwei Zeirim" machten am Freitag gegen Abend einen Kaufmann darauf aufmerksam, daß es Zeit sei, sein Geschäft zu schließen, worauf der Kaufmann einen nichtjüdischen Nachbarn dazu veranlaßte, seinen Hund gegen die beiden jungen Leute zu hetzen. Der eine erlitt eine schwere, der andere eine leichte Verwundung. Das Vorkommnis machte natürlich einen außerordentlich deprimierenden Eindruck in allen gesetzestreuen jüdischen Kreisen Jerusalems. Am gleichen Freitag ging einer der besuchten Kaufleute mit einem Messer auf die beiden Zeirim los und ein hinzukommender jüdischer Polizist verhaftete die beiden jungen Leute und nahm sie für den ganzen Sabbat in Polizeigewahrsam. Diese Woche fand nun vor dem Jerusalemer Polizeigericht eine Verhandlung gegen den nichtjüdischen Hundebesitzer und ein zweiter Prozeß gegen die beiden vor dem Mseser des jüdischen Kaufmanns geretteten Zeirim statt. Die Anklage gegen letztere lautete auf Ordnungsstörung. Der Gang der Prozesse war recht interessant. Es wurden zahlreiche Mitglieder der Zeire Agudas Jisroel und auch sonstige Vertreter des thoratreuen Jischuw vernommen. Die Beklagten wurden von Advokat Dr. Buxbaum vertreten. Der Richter erklärte dem jüdischen Polizisten, der die beiden Zeirim verhaftet hatte, er könne die Anklage gegen diese jungen Leute überhaupt nicht verstehen und müsse diejenigen als Ord nungsstörer betrachten, die den Sab bat entweihen, nicht aber diejenigen die auf seine Beobachtung hinwirken wollen. Der Richter tadelte sehr scharf die Beziehung der Polizei zu den mtP -»Tittia- Er sagte den Zeirim,. sie speien berechtigt, eine Klage gegen den Kaufmann einzureichen, der das Messer gegen sie gezückt habe. Auch der zweite Prozeß ging für die Zeire Agudas Jisroel günstig aus. Der Richter verurteilte den Hundebesitzer zur Zahlung einer Ent Schädigung an den Verwundeten und zu den Kosten des Rechtsstreites. Gewiß muß man den Verlauf dieser Prozesse als ein erfreuliches Zeichen von Verständnis für die wirkliche Lage von Seiten der Justizbehörden begrüßen. Aber es ist traurig genug, daß es in der heiligen Stadt Jerusalem zu solchen Prozessen kommen mußte. II. Der Stand der Alijah. — Erez Jisroel, die letzte Zuflucht. — Die Massentragödie des Wartens, Seit einigen Monaten pflegt die Leitung der Jewish Agency in Jerusalem den europäischen Brauch, wichtige Mitteilungen der Oeffentlichkeit nicht durch amtliche Notizen zukommen zu lassen, sondern sie den versammelten Journalisten durch die Sachbearbeiter vorzutragen. Allmählich lernen sich so Politiker und Presse kennen, und in den Aussprachen braucht man nicht auf die Wirkung jedes Wortes so bedacht zu sein wie in Versammlungen; denn der Journalist will nicht Redekünste genießen, sondern sachlich informiert sein. Es wäre gut und würde manches Mißverstehen und Ueberwollen beseitigen, wollten sich auch andere öffentliche Stellen wie Regierung, Kommunen, Parteien und Verbände diese Möglichkeit erschließen. Einige Wirtschaftsstellen haben erfolgreich damit begonnen. Bei anderen Körperschaften, die Gehör verlangen und verdienen, besteht noch kein Verständnis für diese Form fruchtbarer Einflußnahme auf die öffentliche Meinung. Die letzte Pressekonferenz war dem gegenwärtigen Stadne der Alijah gewidmet, und das Mitglied der Zionistischen Palästina-Exekutive, J. Grünebaum, erstattete ein umfassendes Referat. An die Spitze seiner«.Ausführungen stellte er die Tatsache, daß 1933 etwa 3Ü-.000; 1934 etwa 42.000 Juden als „Einwanderer" ins Land gekommen sind, Zahlen, die die iüdi's'ehe Geschichte seit der L'andnahme--unt.er Jehoschua bin Nun für einen so kurzen Zeitraum nicht mehr zu verzeichnen hatte. Für das Winterhalbjahr 1934/35 hat die Regierung — abgesehen von den Zertifikaten für Kapitalisten — bewilligt: 9700 Zertifikate. Davon wurden einbehalten auf Rechnung der illegalen Einwanderung 2200 Zertifikate. Es verbleiben also 7500 Zertifikate (im Vorhalbjahr 6800 Zertifikate.) Davon behält die Regierung ein für Sonderfälle 450 Zertifikate. Unter der Leitung Chaimsohns stellte die Regierung den nicht verbrauchten Teil dieser Zertifikate der Agency später zur Verfügung. Jetzt wird das nicht mehr praktisch. Demnach verbleiben den jüdischen Instanzen zur Verteilung 7050 Zertifikate. Aber auch diese kleine Zahl kann nicht nach freiem Ermessen vergeben werden, sondern für einen Teil ist die Agency an Richtlinien der Regierung gebunden. Und zwar erhalten 500 Zertifikate die jüdischen Fabrikanten. Diesen hatte die Facharbeitereinwanderung nicht genügt, und sie hatten erreicht, daß ihnen die Anforderung ihnen bekannter Fachleute zugestanden wurde.- Das Prinzip billigt Grünbaum, berichtet aber über Fälle des Mißbrauchs, in denen unter der Vorgabe, es seien Fachleute, Angehörige oder Freunde ins Land gebracht wurden. Der Fabrikantenverband stellt nur den Bedarf fest, die Auswahl und die Verantwortung im einzelnen liegt dem Interessenten selbst ob. Grünbaum beklagt die hierdurch bedingte Verbitterung alter „Einwanderungskandidaten", die jahrelang warten und weniger Qualifizierte mühelos einwandern sehen müssen. Noch mehr scheint Grünbaum den Verlust der zionistischen Kontrolle über diese Immigration zu bedauern; denn es könnten doch zionistisch Unbewährte der gar dem Zionismus Fenrstehende (von ihm!„Sarim" genannt) in das, Land kommen, dessen Einwanderer die zionistische Leitung wenigstens regieren will, kann sie schon — nach eigenem Geständnis — die Entwicklung im Lande selbst nicht meistern. Die „Hitachdut Haikarim" (jüd. Bauernverein) hat- 400 Zertifikate zu erhalten. Die Großbauern beklagen mangelnde Eignung vieler Chaluzim für die landwirtschaftliche Arbeit und betonen auch ihr Recht auf Fachleute.' Jetzt haben sie sich mit der Agency dahin geeinigt, daß sie unter Mitwirkung der Palästinaämter Fachleute selbst aussuchen, die mindestens drei Jahre landwirtschaftlicher Fachausbildung und -Arbeit hinter sich haben. Grünbaum betont, das Gelingen dieses Versuches zur Bindung jüdischer Landarbeiter an die jüdische Landwirtschaft im Lande müsse sich erst beweisen. Die jemenitischen Juden erhalten gesondert 350 Zertifikate, zumal die Bauern diese Einwanderer für besonders geeignet erklären. Dadurch wird auch die Not der in Aden unter traurigen Bedingungen konzentrierten jemenitischen Juden wenigstens ein wenig, gelindert. Endlich verwendet die Agency 175 Zertifikate zur Legalisierung von Touristen, die besonders lange im Lande sind und sich wirtschaftlich eingeordnet haben, aber mangels Einwanderervisums ihre Familie nicht nachkommen lassen können. Es gehen also von der Gesamtzahl ab 1425 Zertifikate, so daß. noch frei zu verteilen sind 5625 Zretifikate. Da die Landwirtschaft am meisten jüdischer Arbeiter bedarf, wird ein bedeutender Teil dieser Zertifikate Chaluzim zugeteilt, die die Verpflichtung eingehen müssen, eine bestimmte Zeit auf dem Lande zu bleiben.. Trotzdem müssen auch die meisten Chaluzim jahrelang auf die Alijah warten, da. die Zahl der Bewerber ungeheuer groß ist. So sind allein in Polen jetzt 18.000 junge Juden in landwirtschaftlicher Hachscharah. Die Hachscharot-Gruppen und -Läger können jetzt kaum noch subventioniert werden und müssen sich unter ungünstigsten Bedingungen selbst er-r halten. Ihre Arbeit in Osteuropa wird erschwert durch die gerade die Chaluzim in der Ausbildung treffende Wehrpflicht. 2100 Zertifikate stehen diesem Drang nach Palästina und dieser Not gegenüber, und die europäischen Juden sollen nicht vergessen, daß die Judennot und Palästinasehnsucht unter den Sefardim des Orients nicht geringer ist. So wurden für die Juden von Thrazien, Saloniki, Irak, Afghanistan, Buchara und Persien immerhin von dieser Zahl 800 Zertifikate abgezweigt. Für die Facharbeiter in Europa konnten nur 540 Zertifikate zugeteilt werden, davon für Polen nur 130 Zertifikate. Dort alleinsind 10.000 Bewerber eingetragen! Welche Erbitterung da herrscht und auch den Mittelstand ergreift, für den in diesem Rahmen überhaupt nichts getan werden kann, da nur Facharbeiter und Handwerker bedacht werden dürfen, auf die innerhalb des Schedul insgesamt etwa 2000 Zertifikate kommen. Zur Gruppe der Verwandtenzertifikate übergehend, beschäftigt sich Grünbaum nur mit den Anforderungen von Eltern für Kinder über 18 Jahren, die auf das elterliche Zertifikat nicht mehr einwandern dürfen, und von anderen entfernteren Angehörigen; denn Kinder fordern ihre Eltern unmittelbar bei der Regierung an, und diese bearbeitet diese Anträge jetzt wohlwollend und schnell. Der Jewish Agency stehen für Anforderungen 1250 Zertifikate zur Verfügung, und zwar für Mädchen 850 und für Männer 400 Zertifikate. Bisher gab er so gut wie gar keine Mädchenzertifikate, da die Regierung davon ausging, edem Einwanderer stehe es frei, Ehefrau und minderjährige Töchter mitzubringen, und die Lehre von dem größeren Bedarf an Männern in Kolonialländern einfach auf die Juden und auf Palästina übertrug. Die durch die Zurücklassung von halbwüchsigen Kindern gegebenen Gefahren und Mängel in der Wirtschaft zwangen jetzt die Regierung, ein wenig ent- . gegenzukommen. So konnten jetzt die bis Februar 1933 (!) gestellten Anträge erledigt werden! Tausende längst geprüfter Anträge, jeder einzelne eine Tragödie einschließend, „liegen bei den Akten". In jedem ein-' zelnen Falle wird gründlich mittels des Palästinaamts am Orte die Palästinaeignung der Angehörigen geprüft und bewährten Zionisten der Vorzug gegeben. Als Auslesemittel für alle Einwanderungsbewerber empfiehlt Grünbaum ein Sprachexamen im Hebräischen. Denn jedes Land darf-von Einwanderern Beherrschung seiner Sprache verlangen, und bleibt alles