Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1935)
- Date
- 1935-01-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2450858-2450862--81015-2538863- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8 Nr. 4 Der Israelit 24. Januar 1935 für kinderreiche Familien und Wohlfahrtsunterstützungsempfänger zur Verfügung zu stellen. Die Gemeinde wird Fieischverbilligungskarten ausgeben, die bei den jüdischen Fleischern eingelöst werden können, denen sodann die Preisdifferenz von der Gemeinde vergütet werden wird. Falls durch diese Maßnahme der Gemeinde der Fleischkonsum gehoben wird, so werden die unter Ritualaufsicht der Gemeinde stehenden Fleischer den allgemeinen Preis für koscheres Fleisch verbilligen, so daß durch die Aktion der Gemeinde auch der Fleischpreis für die Masse der Konsumenten Herabgesetzt werden kann. Hauptversammlung der Vereinigung für das liberale Judentum. Berlin, 22. Jan. Am Sonntag, den 20. Januar, hielt die Vereinigung für das liberale Judentum in Berlin ihre Heeresschau, um, wie es in der Ankündigung hieß, ,,über grundlegende Fragen des religiösen Liberalismus zu beraten." Wessen Art diese grundlegenden Fragen sind, verriet der Vorsitzende, Heinrich Stern, in seiner Begrüßungsrede: „Wir verlangen in Fragen der Erziehung und Bildung nicht nur Gleichberechtigung mit dem gesetzestreuen Judentum, sondern wir wollen die Initiative ergreifen." Dr. Dienemann, Offenbach sprach in seinem Referate die Meinung aus, daß der religiöse Liberalismus nichts gemein habe mit dem Liberalismus in der Politik, obwohl er ungefähr zur gleichen Zeit mit jenem geboren ist. Das liberale Judentum bekenne sich grundsätzlich zur „Offenbarung" betrachte sie aber nicht als einmaligen geschichtlichen Vorgang, sondern als „die stete Selbstmitteilung G'ttes in Geschichte, Natur und Leben." Damit sei auch das bestimmte Verhältnis zur Bibel gegeben, als zur „Darstellung des Ringens überragender Menschen zu G'tt." Religiöse Formen müssen immer in Uebereinstimmung mit der inneren Haltung einer Zeit sein. Die fortschreitende Entwicklung könne nicht mehr wie früher in gerader Linie gehen, es könne heute auch etwas Neues, Unvorhergesehenes durchbrechen. In seinen Thesen wird ausgesprochen, daß der jüdisch-religiöse Liberalismus sich freihalte von dogmatischer Festlegung, dem Individuum aber nicht das Recht zuerkenne, sich ohne Zusammenhang mit der Gemeinschaft die religiösen Lebensformen zu prägen. Erez Israel könne die Arbeit für das religiöse Leben in den anderen Ländern nicht verdrängen, wiewohl an seinem Aufbau mitzuarbeiten sei. Hieß es früher bezüglich des Religiösen: „heraus aus der Gemeinschaft zum Individuum", "so ergeht heute der Ruf: „zurück zur Gemeinschaft!" (Richtig verstanden, haben sich die Akzente dahin verschoben, daß heute anstelle der individuellen HTT'QD das kollektive nijijo kommt.) Es scheint, daß nicht alle Mitglieder mit dieser einfachen Verlegung der Negation der ewig bestehenden und ewig gültigen Offenbarung vom Einzelnen auf die Gemeinschaft einverstanden waren, denn in der Diskussion traten, wie der Bericht kurz verzeichnet, mehrere Redner für das jüdische Gesetz als die Substanz des Judentums, insbesondere für die jüdische Schule warm und lebhaft ein. Weitere Referate über die Bedeutung des Sabbat und die Sabbatgestaltung hielten Rabb. Dr. Leo Baek und Rechtsanwalt Dr. J. L. S e 1 i gs o h n. Ersterer kam nach einer philosophischen Abhandlung über Rationalismus und Irrationalismus, Konvention und Tradition zu dem Sabbat, der diese gegensätzlichen Begriffe in sich vereinige. Der Sabbat bringe den Ausgleich, denn seine Begründung in der Thora sei irrational und seine Gesetze und Gedankengänge, auf Freiheit und Gleichheit hinausgehend, umfassen auch das Rationale. Dr. Baek sagte wörtlich: „Wir sind der Orthodoxie Dank dafür schuldig, daß sie im 19. Jahrhundert den Sabbat gehalten und ihn dadurch bewahrt hat. Das dürfen wir offen aussprechen." Die Orthodoxie sei aber andererseits dem Liberalismus Dank, dafür schuldig, daß er das Judentum vor dem Atheismus bewahrt habe. „Es gibt keinen Juden ohne Judentum und kein Judentum ohne den Sabbat!" Dr. Selig söhn sprach vom „Lernen" und den Schwierigkeiten einer Erwachsenenbildung. Dje Neugewinnung des Sabbat habe bei der Jugend einzusetzen. An Stelle des sogenannten Jugendg'ttesdienstes sei der einfache Fraitagabendg'ttesdienst mit einer Erklärung des Wochenabschnittes zu stellen. Dazu komme eine obligatorische Stunde des jüdischen Wissens am Sabbattag und die „Oneg Schabbaf'-Veranstaltung. Nur der Sabbat könne es bewirken, daß deutsches Judentum in deutschen Landen erhalten bleibe. Dr. Alfred Fabian, Breslau, referierte über Jugendfragen. Die Debatten über den Sabbat und die Gewinnung der Jugend für denselben zeigten Einmütigkeit in vielen Punkten. In einer geheimen Sitzung wurde der alte Vorstand in seinem Amte bestätigt und neue Mitglieder aus der Reihe der Jugend in den Vorstand und die Arbeitsausschüsse delegiert. Oesterreich. Der Kampi um die selbständige Gemeinde in Wien. Wien, 17. Jan. Die „Jüdische Presse" wendet sich in einem scharfen Artikel gegen den Versuch der Kultusgemeinde, die polnisch-orthodoxen Kreise und ihre rabbinischen Führer gegen die Bestrebungen der organisierten Orthodoxie auszuspielen. Sie weist daraufhin, daß man bisher die jetzt von den Jüdisch-Nationalen als „religiöse Autoritäten" angerufenen Persönlichkeiten niemals über religiöse Fragen der Wiener Gemeinde befragt habe. Es würde sonst wohl schwer gefallen sein, die Zustimmung dieser Herren zu erlangen für all das, was innerhalb der Wiener Kultusgemeinde unter der Flagge der Religionsgemeinde eine im Grunde areligiöse Volksgemeinde verbirgt. Das Blatt schreibt: „Für heute nur die knappen Fragen: Sind diese Autoritäten befragt worden, ob es angängig ist, den Religionsunterricht einem Mann auszuliefern, der — darüber liegen Protokolle vor — um Intervention angegangen wurde, gemäß der Verordnung des Stadtschulrates einen Schüler vom Schreiben an Sabbaten zu befreien, und dies mit der höhnischen Verdrehung abgelehnt hat?nvnn^ -posn mn pnw rwv Wenn der Kultusvorstand und die Jüdischnationalen aber glauben sollten, diesen auch ihnen aus rein politischen Gründen mißliebig gewordenen Herrn als Prügelknaben benützen zu können, um ihn gegen einen anderen auszutauschen, der dem Klub der jüdisclmationalen Kultusmandatare angehört, und dessen bestehende Professur noch durch ein Expreß-Doktorat ergänzt werden soll, so erklären wir schon heute, daß es diesem Herrn unvergessen bleiben wird, daß er im Herzen des Judenviertels Wiens seit Jahren öffentlich den Schabbos entweiht. Die areligiöse Assimilation durch einen antireligiösen Nationalismus zu ersetzen — ist heute entschieden nicht mehr angängig. Wir fragen weiter: Sind die in Rede stehenden Autoritäten, die von den Herren Jüdischnationalen nie gekannt und anerkannt waren, befragt worden, ob sie damit einverstanden sind, daß der Vertreter des Kultusvorstandes eine Talmud-Thora, in der nur Gemoro im alten Stil gelernt wird, in Gegenwart von Schülern und Lehrern eine „Bomoh" nennt, weil dort nicht nach seinem System gelehrt wird? Ist es den Protestunterschriften sammelnden Herren jemals eingefallen, die großrabbinischen Autoritäten darüber zu informieren, daß vom Kultusvorstand geflissentlich Jugendorganisationen gefördert werden, in denen alles, was einem gläubigen Juden heilig ist, mit Füßen getreten wird? Sind die ehrwürdigen Herren Großrabbiner schließlich auch darüber befragt worden, ob es religionsgesetzlich zulässig ist, daß Rabbiner in ihrer eigenen Gemeinde in religiösen Fragen nur ein beratendes, aber kein entscheidendes Votum haben? Die Herren Jüdisch-Nationalen, so schließt der Artikel, wollen mit allen erdenklichen Mitteln der modernen Propaganda und Agitation die Massen zu beeinflussen suchen — wir werden unseren Weg .unbeirrbar bis zu Ende schreiten. Von besonderer Seite wird uns zur Charakteristik der religiösen Zustände in der Wiener Kultusgemeinde noch mitgeteilt, daß das Friedhof samt der Gemeinde nicht nur. am Sabbat geöffnet ist, sondern daß man dort jüdische Beamte öffentlich den Sabbat entweihen läßt. Eine Zusage, darin eine Aenderung eintreten zu lassen, ist wiederholt gegeben, aber niemals gehalten worden. Schweiz. Berichte der Mandatskommission vor dem Völkerbundsrat. Genf, 20. Jan. Der Völkerbundsrat hat die ihm erstatteten Berichte über die XXV. und XXVI. Tagung der Man-., d a t s k o m m i s s i o n zur Kenntnis genommen. Der Vertreter der Tschechoslowakei widmet in seinem Bericht über die XXV. Tagung auch einen Absatz dem Palästinamandat. Er weist in einigen Worten auf die Schaffung der Organe der Gemeindeautonomie sowie auf die Maßnahmen betreffend Kolonisation und landwirtschaftliche Entwicklung hin. Andererseits lenkt er die Aufmerksamkeit des Rates auf die Schlußfolgerungen der Kommission bei der Erledigung von zwei Petitionen, die die Gleichstellung der Rabbinatsgerichte mit den mohammedanischen geistlichen Gerichten, die Organisierung der jüdischen Gemeinden und die Sonderstellung des Waad Adath Aschkenazim (nicht zu verwechseln mit dem „Waad hair hoaschkenasi", der agudistischen Gemeinde Jerusalem) betrafen. In diesen Schlußfolgerungen wird zur Frage der Rabbinatsgerichte ausgeführt, es sei tatsächlich ein vom ottomanischen Reich übernommenes Statut vorhanden, dem kein geichartiges für die religiösen Gerichte anderer Bekenntnisse zur Seite stehe. Dieser Umstand bedeute, wenn schon nicht die Verletzung einer Mandatsbestimmung, so doch zum mindesten eine unbestreitbare Verschiedenheit der Behandlung. Die Kommission hoffe, ohne präzise Vorschläge zur Beseitigung dieser Ungleichheit zu machen, daß die Mandatarmacht Wege rinden werde, um wenigstens gleichartige Behandlung in finanzieller Beziehung herbeizuführen, wenn formelle Gleichstellung nicht möglich sein sollte. Zur Frage der jüdischen Gemeinden wolle die Komission sich nicht äußern, da diese Frage den Erklärungen des Vertreters der Mandatarmacht zufolge vor ihrer einvernehmlichen Lösung stehe. Zur Petition d«s Waad Adath Aschkenazim bemerkte die Kommission, es sei festgestellt worden, daß die Petenten vollständige religiöse Freiheit genießen. Die Konstituierung als verwaltungsmäßig autonome Gemeinschaft sei unerwünscht, ja unmöglich. Polen. Die Not unter den Juden in Polen. Warschau, 18. Jan. Bei der Jüdischen Gemeinde Warschau sind Gesuche von über 14.000 Familien um Zuweisung von Kohlen aus den Beständen der Gemeinde eingegangen. Somit sind etwa 70.000 Menschen, ein Fünftel der gesamten jüdischen Bevölkerung, auf Unterstützung seitens der Gemeinde durch Zuwendung von Heizmaterial angewiesen. Diese Tatsache illustriert die außerordentliche Notlage der jüdischen Bevölkerung Warschaus. Wie aus London hierher durch die ITA. mitgeteilt wird, teilte in einer Sitzung der Exekutive des Verbandes der jüdischen Hilfsorganisationen der Vorsitzende, J. Machower mit, daß die letzte Sammlung ienen Betrag von 2076 Pfund ergeben hat, der zu Hilfszwecken in Osteuropa verwendet wurde. 1264 Pfund wurden nach Polen, der Rest in die übrigen osteuropäischen Länder gesandt. Es wurde beschlossen, weitere 1000 Pfund für Hilfszwecke zur Verfügung zu stellen. (ITA.). Franlpreich. I)ie Bestimmungen für die Einwanderung nacji Mexiko, Paris, 18,. Jan. Die Leitung des Verbandes für Auswandererfür-; sorge Hipem teilt mit, daß auf Grund der von ihren