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Der Israelit · 1934-12-28 · Heft 52 (28.12.1934) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 52 (28.12.1934)
Date
1934-12-28
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nummer 52 1934 Josef von Sevilla. Erzählungn aus der Zeit der Inquisition. (Fortsetzung.) Unaufhaltsam ging die Flucht weiter in der Richtung auf Malaga zu, wo sie Schiffsgelegenheit zu bekommen hofften. Nur wenig Rast wurde gemacht, und als der erste Tag ihrer Flucht zur Neige ging, waren sie ein gutes Stück vorwärts gekommen. — Zu ihrem Glücke. Wie Josef es vorausgesagt hatte, strengte sich diesmal die Hermandad ungeheuer an, um die Flüchtlinge einzuholen. Eine große Summe wurde auf Manuel und seinen Befreier ausgesetzt und nach allen Richtungen sprengten Reiter, um sie zu suchen. Sie waren wie von der Erde zugedeckt. Niemand hatte sie gesehen, und erfolglos kehrten die Reiter wieder nach Sevilla zurück. Die Geretteten setzten unterdessen unangefochten ihre Flucht fort und gelangten schon nach einigen Tagen in die Gegend von Malaga. Auf den Rat Josefs blieben sie alle bei einem bekannten Marannen in einem Dorfe vor Malaga zurück, während er sich allein nach Malaga begab, um zu sehen, ob, kein Schiff hier liege, das nach Holland oder Deutschland wollte. Schon an demselben Tage kam er freudestrahlend wieder zurück und erzählte, im Hafen liege ein Schiff, das schon morgen nach Amsterdam unter Segel ging, und daß sie damit fahren konnten. Es war keine Zeit zu verlieren; die Pferde, außer denen Josefs und seiner beiden Genossen, wurden verkauft, sowie überhaupt alles, was ihrer Flucht hinderlich sein konnte. Endlich ging es ans Abschiednehmen. Vergebens waren die Bitten Manuels, seiner Gattin und Seimas, Josef von seinem gefaßten Entschlüsse abzubringen, nichts konnte ihn bestimmen, sich den Flüchtlingen anzuschließen und seine Genossen zu verlassen. So gerne er auch ihnen gefolgt wäre, schon um Seimas willen, für die er, wie er sich gestehen mußte, große Neigung empfand, so mußte er sich doch sagen, daß er unmöglich jetzt seine Freunde, deren Oberhaupt er sozusagen war, verlassen konnte und durfte. Wäre es nicht ein Verbrechen gewesen, sein ihnen gegebenes Wort zu brechen? Nein, er durfte es nicht, vielleicht sollte er doch noch mit den Flüchtlingen zusammenkommen. Konnte nicht auch ihre Vereinigung durch Verrat gewaltsam aufgelöst werden? Was er seit einiger Zeit zu seiner Aufgabe gemacht hatte, die Vereinigung gleichgesinnter Jünglinge zur Befreiung von armen, eingekerkerten Glaubensgenossen, er wünschte in diesem Augenblick, der Traum seiner Jugend wäre wirklich nur ein Traum, der beim Erwachen zerfließt. Aber es war die Wirklichkeit; und er durfte sich nicht losreißen. Zum ersten Male empfand er die sich gestellte Aufgabe als eine Last. Aber nicht lange gab er sich dieser Schwäche hin. Don Manuel hatte sich bereits mit seinen Begleitern eingeschifft, Soeben zog das Schiff seinen Anker in die Höhe und, vom Winde begünstigt, schoß dasselbe aus dem Hafen. Lange stand Josef am Strande und schaute sinnend, wie sich das Schiff immer weiter entfernte; wehmütig sah er es jetzt am Horizont verschwinden. „Lebt wohl! Leb wohl, Geliebte!" rief er ihnen zum letzten Male nach. Jetzt war er wieder der Alte. „Auf, zurück nach Sevilla," rief er seinen Gefährten zu, und wie der Wind jagten die drei Pferde mit ihren Reitern landeinwärts. XI. Wochen waren seitdem vergangen, Wie Elieser es versprochen hatte, wurde Juda freigelassen und auf ein Schiff geschafft, damit er sich ebenfalls in Holland eine Existenz gründe. Wieder waren Marannen verhaftet worden und sollten zum Feuertode verurteilt werden. Es war dies in einer kleinen Stadt bei Madrid. Sobald Josef dies vernahm, versammelte er seine Genossen in der bekannten Ruine. Alle waren erschienen und es wurde beschlossen, daß jeder von ihnen bei der Befreiung mithelfen sollte. Die umfangreichsten Vorbereitungen wurden getroffen, Leitern zum Ersteigen der Gefängnismauern wurden beschafft und die Stunde des Unternehmens wurde genau verabredet. In tiefer Ruhe lag das Gefängnis der Stadt da. Die Stille der Nacht wurde nur manchmal von dem gleichmäßigen Schritte der Wachen unterbrochen, die vor dem Gefängnis auf und ab gingen. Da tauchten plötzlich von allen Seiten dunkle Gestalten auf. Im Nu lagen die beiden Wachen, ehe sie noch einen Hilferuf ausstoßen konnten, gefesselt am Boden, Leitern wurden an die Gefängnismauern angestellt und bald waren Josef und seine Freunde, denn diese waren die Befreier, im Innern des Hauses verschwunden. Der im Schlafe überraschte Wärter wußte nicht, was dieser Lärm bedeuten sollte, und ehe er recht zum Bewußtsein kam. war er ebenso gefesselt und geknebelt, wie die beiden Soldaten, Nun ging es nach den einzelnen Zellen. Wer beschreibt den Jubel der Gefangenen, als sie vernahmen, was dieser laute, ungewöhnliche Lärm bedeutete, und daß Josef, von dem sie schon so viel gehört hatten, ihr Befreier sei. Weit über 20 Gefangene befreite Josef mit seinen Gefährten in dieser Nacht und sie konnten mit ihren seitherigen Erfolgen wohl zufrieden sein. Es galt nun zunächst, die Gefangenen in Sicherheit zu bringen. Sie wurden mit Nahrung genügend versehen, und Josef gab ihnen so lange das Geleit, bis er hoffte, daß sie jetzt die Flucht allein fortsetzen konnten. Mit Erstaunen und auch gleichzeitig mit Wut und Rachgier vernahm die Stadt, daß sämtliche gefangenen Marannen aus dem Kerker befreit worden seien. Wie die Bürger von Sevilla, so waren auch sie um eines der schönsten Schauspiele gekommen. Niemand hatte eine Ahnung, wer die kühnen Retter seien; die nach allen Seiten ausgesandten Reiter kehrten nach erfolglosem Suchen zurück. Die Entflohenen waren wie vom Erdboden verschwunden. Täglich wurde die Umgegend durchforscht, doch ohne jeden Erfolg, und bald war diese Begebenheit wieder in Vergessenheit geraten. Da verbreitete sich abermals die Nachricht von einem neuen Angriff auf ein Gefängnis, in dem Marannen schmachteten. Bei diesem Ueberfall sollten sogar die Wachen, die sich zur Wehr setzten, schwer verwundet worden sein. Und wieder blieben alle Nachforschungen erfolglos. Mit Schrecken hörte es das Volk, es war fast geneigt, an Hexerei zu glauben. Die Wachen an allen Gefängnissen wurden verdoppelt und verdreifacht. Eine Zeitlang war es wieder still, wie die Stille vor dem Sturm, um mit doppelter Gewalt zu beginnen. Wieder wurde das Volk von jenen unheimlichen Gesellen in Aufregung versetzt, wieder war keiner von ihnen festzunehmen gewesen. Da hörte Josef, daß auch in der Nähe von Malaga mehrere Juden gefangen genommen worden waren, und alsbald eilte er zu ihrer Rettung herbei. Doch vergeblich waren alle Anstrengungen; es war rein unmöglich, durch die zahlreichen Wachen an das Gefängnis heranzukommen, noch viel weniger, in dasselbe einzudringen und Gefangene zu befreien. Josef war fest entschlossen, auch das Aeußerste zu wagen, und als der Tag herannahte, an dem die Unglücklichen verbrannt werden sollten, faßte Josef den Entschluß, die Gefangenen selbst aus den Flammen zu retten. Jauchzend wälzte sich das Volk nach dem Platze, auf dem das Auto-dafe stattfinden sollte, um hier das so lange entbehrte Schauspiel zu genießen. Auch Josef mit vielen seiner Freunde hatten sich unter verschiedenen Verkleidungen unter das Volk gemischt. Die Gefangenen waren auf dem Richtplatze angekommen und wurden nun unter dem Jubel des Volkes je zwei und zwei — es waren im Ganzen sechs — an einen aus dem Holzstoße hervorragenden Balken festgebunden, An allen Ecken züngelten Flämmchen auf, die immer mehr um sich fraßen und bald die Stelle erreichten, wo die Verurteilten festgebunden waren. Immer höher schlugen die Flammen und drohten schon die Unglücklichen zu erfassen. Da geschah etwas, von Josef ins Werk gesetzt, das die ganze Aufmerksamkeit des Volkes auf sich lenkte. Aus den Flammen flog erst langsam flatternd, dann immer schneller werdend, eine blendend weiße Taube, die bald den Blicken der Zuschauer entschwunden war. Eine zweite und dritte folgte ihr, und mit abergläubigem Entsetzen sah das Volk dieses Ereignis, und der Schrecken verwandelte sich in Furcht, als den drei Tauben weitere drei folgten und über den Dächern verschwanden; glaubten doch diese Abergläubigen, daß die Seelen der Verbrannten in Gestalt von Tauben in den Himmel flogen. Soweit war es mit den Verurteilten doch noch nicht. Josef und seine Freunde, die sich sämtlich in der Nähe des Scheiterhaufens aufgestellt hatten, benutzten die augenblickliche Verwirrung, um auf die Halberstickten nasse Tücher zu werfen und sie dann aus den Flammen herauszuziehen. Dieses Rettungswerk hatte sich in wenigen Sekunden vollzogen, so daß niemand davon etwas merkte, da alles Volk sehen wollte, wohin die Tauben flögen. Als sie ihren Blick wieder auf die Flammen wandten, war der Holzstoß fast niedergebrannt und es zweifelte niemand, daß die sechs Verurteilten bereits vollständig verkohlt seien. Wenige Sekunden genügten Josef, die Körper der Bewußtlosen mit Decken zu verhüllen und darüber einige Balken zu legen, Er hoffte, nach Eintritt der Dunkelheit dieselben von hier holen zu können. Es kam jedoch anders. Der Großinquisitor war selbst bei dem Autodafe anwesend. Dieser seltsame Vorgang war ihm doch etwas rätselhaft erschienen, und sein Argwohn wurde noch dadurch verstärkt, daß sich in dem Aschenhaufen keine Spur von menschlichen Gebeinen fand. Er ließ deshalb nur einen Teil der anwesenden Soldaten abrücken, während die übrigen zurückblieben, um den Platz scharf zu bewachen. (Schluß folgt.)

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