Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1934)
- Date
- 1934-11-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein Centraiorgan für das orthodoxe Israelit J —-'™ Frankfurt a. M. 8. November 1934 1. Kislew 5695 Nummer 45 sehe MinderEieitsrecht London, 6. November. In der Sitzung der Anglo -Je wish Association wandte sich der Aguda-Führer H. A. Goodman gegen die unlängst seitens Neville Laskis in der Sitzung des Board of Deputies gegebene Darstellung, daß die Handhabung der Minderheitenverträge in Polen und in Oesterreich „Schein und Trug" sei. ,,Es sei," fügte Goodman hinzu, „unklug und schädlich, zu behaupten, daß der österreichische Bundeskanzler Dr. Schuschnigg Erklärungen abgegeben habe, die zu den Tatsachen in Widerspruch stehen." Neville Laski erwiderte: „Die Zeit ist vorbei, da es zweckmäßig schien, „alles im Garten lieblich" zu finden. Dr. Nahum Goldmann und ich haben es dem österreichischen Kanzler direkt gesagt, daß seine uns gegenüber gemachten Erklärungen mit den wirklichen Tatsachen nicht in Einklang zu bringen sind. Würden wir sagen, daß die polnische Regierung ihr Möglichstes getan hat, um die Verträge zu erfüllen, würden wir uns ebenfalls einer Unwahrheit schuldig gemacht haben." Laski berichtete über die Lage der Juden im Irak und sagte, die dort den Juden zuteil werdende Behandlung komme ähnlich wie in einigen europäischen Ländern einer Zurücksetzung von Staatswegen gleich; die Juden werden aus staatlichen und städtischen Aemtern verdrängt. — Leonard Stein führte aus, Laski habe mit Recht betont, daß der österreichische Bundeskanzler irreführende Erklärungen abgegeben habe. Was Polen betreffe, so sei ein nicht eingehaltener Minderheitenvertrag immer noch besser, als wenn es überhaupt keinen Minderheitenvertrag gäbe. Prag, 6. November. In der Plenarsitzung des tschechoslowakischen Parlaments am Dienstag, den 6. November, erstattete der Minister des Aeußeren, Dr. Eduard B e n e s c h , ein großes politisches Expose, in dem das Problem der Minderheitenverträge einen wichtigen Platz einnahm. Die allgemeine tschechoslowakische Doktrin in den Minderheitsangelegenheiten sei folgende: 1. Die tschechoslowakische Regierung hält unter allen Umständen ihre internationalen Minderheitsverbindlichkeiten ein und wird sie einhalten, 2. Wenn allgemein über eine Aenderung der Minoritätsverbindlichkeiten verhandelt werden würde, würde sie den Weg beschreiten, der in den Minderheitsverträgen selbst vorgeschrieben ist. Sie selbst verlangt eine solche Aenderung heute nicht und hat nicht die Absicht, in dieser Angelegenheit initiativ etwas zu unternehmen. 3. Sie räumt in diesen Angelegenheiten den Kollektivverträgen den Vorzug vor Bilateralverträgen ein, weil Bilateralverträge leicht zu einem direkten Konflikte mit den Nachbarn und zu einem Eingriff derselben in die inneren Angelegenheiten unseres Staates' führen könnten. Die Existenz unseres bisherigen Minderheitsvertrages bietet unter den heutigen Verhältnissen der Tschechoslowakei ein unparteiisches internationales Forum, das Wahrheit und Tatsache leichter konstatieren kann, keine eigenen egoistischen Ziele hat, an der Beruhigung der Differenzen und nicht an ihrer Entfachung interessiert ist und also für die Tschechoslowakei das vorteilhafteste politische Instrument ist. Im Hinblick darauf, daß wir unsere in den Minderheitsverträgen unterfertigten Verpflichtungen in jeder Richtung loyal und gerecht erfüllen, haben wi> auch keine Ursache, irgend ein internationales unparteiisches Forum zu fürchten. Ans dem Inhalt: Genehmigungspflichtige Sammlungen Seite 2 Legislative Council und Agudas Jisroel Seite 2 Ein Mosley-Prozeß in London .... Seite 2 Wie schützt man sich vor Feuerbestattung? Seite 2 Rabb. Amiel und seine misrachistischen Gegner ............Seite 3 Koscher- und Neukoscherauskunftei . Seite 4 Baron Edmond de Rothschild s. A. Seite 4 u. 10 Treiien des Noar Agudati......Seite 6 Der Berner Prozeß um die „Protokolle" Seite 8 Berichte aus Polen ........Seite 9 Unlerhausdebatte über jüdische Einwanderer in London ...........Seite 10 Gute Worte ............Seite 5 Kinderecke .........Seite 11 u. 12 Beilage: Aus Erziehung und Lehre, Die Wiedereroberung des Sabbats. Von Rabb. Dr. Robert Zion in Berlin. Seit einigen Monaten steht in der jüdischen Oeffentlichkeit im Mittelpunkt des Interesses die Frage der Begehung des nntp. In den letzten Jahrzehnten war . bei einem Großteil der deutschen Judenheit der nnip in Vergessenheit geraten. Nicht etwa, als ob der gedanklich abgelehnt worden wäre, als ob man auf ihn bewußt verzichtet hätte! Nein! Aber praktisch hatte der nity jede Bedeutung eingebüßt. Der Erwachsene arbeitete an ihm geschäftlich, das Kind besuchte an ihm die Schule. Wohl wurde noch der Freitagabend „gefeiert", doch auch diese „Freitagabendfeier" hatte mit wahrer Sabbatstimmung wenig zu tun. Der festlich gedeckte Tisch und zwei Leuchter, evtl, noch Kiddusch, waren die einzigen Symbole dieser Sabbatfeier. Der wahre rQTP» der Tag der Arbeitsruhe und der Heiligkeit, war bei einem Großteil der deutschen Juden in Vergessenheit geraten. So war es noch vor zwei Jahren. Dann kam der Umschwung. So sagt man wenigstens. Worin bestand dieser Umschwung? Ein beträchtlicher Teil der Kinder wurde in jüdische Schulen umgeschult und bekam so am mW schulfrei. Der übrige Teil der Schuljugend erhielt vom Staat die Erlaubnis, dem Sonnabendunterricht fernzubleiben. So hat prinzipiell die gesamte jüdische Schuljugend Deutschlands die Möglichkeit, den mW zu halten. Leider machen jedoch nicht alle Eltern von dieser Möglichkeit Gebrauch. Manche Eltern befürchten unverständiieherweise, ihr Kind könne etwas „versäumen". Dennoch ist dem überwiegenden Teil der jüdischen Schuljugend der freie Sonnabend zuteil geworden. Der schulfreie Sonnabend, aber noch längst nicht — der jüdische nnwj Wir wollen absehen von den Kindern, die am freien Sonnabend ihren Eltern im Geschäft zur Hand gehen, wir wollen absehen von den Kindern, die am mtfr* plötzlich fleißig werden und die schriftlichen Aufgaben der nächsten Tage mangels besserer Verwendungsmöglichkeit der Freizeit erledigen. Wir wollen von diesen — leider nicht seltenen — Ausnahmefällen absehen und im Uebrigen uns ernsthaft die Frage vorlegen: Wie können wir den jüdischen Schülern, die am Sonnabend frei haben, einen — ]"J3tJ> schenken? Denn, daß es mit der Arbeitsfreiheit nicht getan ist, sondern daß dies nur die Voraussetzung — die Form — für einen wahrhaft jüdischen Inhalt bildet, darüber sind sich anscheinend alle Kreise im deutschen Judentum einig. Welches soll dieser jüdische Inhalt sein? In welcher Form soll er unserer Jugend dargeboten werden? Das sind die Fragen, mit denen man sich allenthalben im deutschen Judentum beschäftigt. All das aber, was bisher an Vorschlägen gemacht und zum Teil bereits in die Tat umgesetzt wurde, ist doch nur — täuschen wir uns nicht darüber! — Notbehelf, Teillösung; (Fortsetzung au! Seite 3.)