Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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-uwim Der Israeli Ein Centraiorgan für das orthodoxe Judentum / Begründet von Dr. Lehmann in Mainz Frankfurt a. M. 1. November 1934 23. "Marcheschwan 5695 Nummer 44 Der Berner Prozell um die „Protokolle der Weisen von Zion." Bern, 1, November. Der Prozeß um die ,.Protokolle", der schon Monate vorher seine Schatten vorauswarf, begann am Montag früh im Assisensaal des Amtshauses zu Bern unter großer Beteiligung des Publikums und von Vertretern der schweizerischen und ausländischen Presse. Die Anwesenheit und Beteiligung zalhreicher prominenter Persönlichkeiten aus dem früheren Zarenrußland als Zeugen oder Gutachter — neben den Männern des öffentlichen jüdischen Lebens — die eine fast versunkene Welt wieder auferstehen lassen, wie Professor M i 1 j u k o w, Burzew und andere, machen es begreiflich, daß den Verhandlungen mit größter Spännung entgegengesehen wird. Die Angeklagten treten ganz in den Hintergrund, im Mittelpunkte steht die Anklage gegen die jüdische Gemeinschaft in der Welt, die endlich und einmal für allemal auf dem neutralen Schweizer Boden eine restlose Klärung finden soll. Ankläger in diesem Prozesse ist der Schweizer Israelitische Gemeindebund in Gemeinschaft mit der Israelitischen Kultusgemeinde in Bern. Die Beklagten sind Leitungen und Mitglieder verschiedener antisemitischer Körperschaften in der Schweiz. Die Klage wird durch die Anwälte Professor Dr. H. Matti und George Bruns c h w i g auf Grund einer Bestimmung des Berner Kartonalgesetzes über ,.Maßnahmen gegen Schundliteratur" erhoben, unter welche, auch jene von den Angeschuldigten in Zeitungen und Broschüren verbreiteten „Protokolle der Weisen von Zion" fielen. Von den Angeklagten sind vier; an ihrer Spitze der Architekt Theodor Fischer, Leiter der Gruppe, die die ,,Protokolle" vertrieben hat, erschienen. Gleich zu Beginn der Verhandlung am Montag wurde Dr. Chajim W e i z m a n n als Zeuge vernommen. In klaren, kurzen Ausführungen schildert er Wesen und Ziele der zionistischen Partei und ihrer Kongresse und weist alle Märchen von der „Organisierung oder Befestigung der internationalen jüdischen Weltmacht" auf dem ersten Kongresse als lächerlich und absurd zurück. In Rußland werden heute Zionismus und jüdische Religion verfolgt. Gleich nach ihm kam Graf du Chayla zu Wort. Er wohnte 1909 im Optinakloster mit Sergius Nilus zusammen, und es ist ihm bekannt, daß dieser Nilus, den er für geisteskrank halte, damals im Auftrage der russischen Geheimpolizei die Protokolle verfaßte, die nur die verfälschte Uebersetzung-eines früheren satyrischen Pamphlets gegen Napoleon III. darstellen. Das Machwerk sollte das Volk zu Pogromen anstacheln, die damals nötig schienen, um die Volkswut von der Regierung und dem Zarenhause abzulenken. Der Zeuge schildert die verhängnisvolle Rolle des Antisemitismus in Rußland, dem nicht zuletzt der Umsturz, der wiederum unsägliches Elend anderer Art über das Volk gebracht hat, zuzuschreiben ist. Professor Swastikoff, seinerzeit Mitarbeiter der Kerensky-Regierung, bestätigt im ganzen die Aussagen des Graf du Chayla. An der Fälschung habe noch ein gewisser Raschkowsky, ein Pariser Agent der Ochrana, mitgearbeitet. In der Fortsetzung der Verhandlungen am Dienstag wurde der heute einundsiebzigjährige berühmte russische Jurist Henri Schloßberg,' früher Vorsitzender der Petersburger Anwaltskammer und jetzt als Emigrant in Paris wohnend, vernommen. Er habe bereits 1901 im Auftrage des russischen Finanzministers W i 11 e in einem Gutachten die „Protokolle" als grobe (Fortsetzung siehe Seite 2.) Aus dem Inhalt: Prozesse über die „Protokolle" in der Schweiz und in Süd-Afrika Seite 1 und 2 Die Palästinaregierung vereitelt ein Sportfest am Sabbat......Seite 2 Vorstoß des englischen Antisemitismus Seite 2 Awodah Iwrith (Jüdische Arbeit in Palästina Seite 5 Das Alter des jüdischen Kalenders . Seite 5 Der - „Misrachi Hawatik".......Seite 6 Treffen des Noar Agudati . . . Seite 6 und 7 Sabbatdispens in der Schule.....Seite 7 Rassenargument in der Wirtschaft und als Geschäftspropaganda....... Seite 7 Brief aus Sowjetrußland.......Seite 8 Berichte und Wirtschaftsnachrichten aus Erez Jisroel .... Seite 9 und 10 Ausgewanderte deutsche Juden in England Seite 9 Deutsch-jüdische Jugend auf der Suche nach Religion. Die Monatsschrift „Der Morgen" hat ihr September—Oktober-Heft der „religiösen Frage" gewidmet und im Rahmen dieses Heftes — neben sonstigem, mit dem eigentlichen religiösen Problem nur in lockerem Zusammenhang stehendem Material — einige Aufsätze veröffentlicht, die eine gute Unterlage zur Beurteilung der in der deutschen Judenheit außerhalb des thoratreuen Kreises heute herrschenden religiösen Stimmungen und Strebungen gewähren. Was sich da äußert, ist: sehr viel guter Wille, aufrichtige Sehnsucht nach innerem Halt und fester Lebensformung auf einer wahrhaftigen Grundlage, Aufgeschlossenheit für alles und Ratlosigkeit gegenüber jeder klaren Zielsetzung, leider aber bei den Führenden oder zur Führung Berufenen auch eine kleine Dosis Rechthaberei und 'Vergangenheits-Gebundenheit, die in Worten über den Begriffen schwebt, in der unbewußten Furcht offenbar, daß diese Begriffe, ernsthaft angepackt, nach anderen, unerwünschten Ufern weisen würden, am Ende gar zu denen der orthodoxen Geistesinsel. Da liest man, wie Günter Friedländer die „Jugend auf der Suche" schildert; eine Jugend, die den „Sieg des Glaubens über die ratio" erlebt hat, die zur Bibel greift; ja die ihren Weg nicht mehr frei und ungebunden gehen w i 11. Diese^Jugend, so heißt es, will „das Gesetz übernehmen, will es sogar mit dem Zaun" umgeben, dennoch aber „sinnvoll weiterentwickeln." Das Gesetz ist für sie „nicht unantastbar", es soll sich „lebendig fortentwickeln". Die Schabbos-Ruhe ist für sie keineswegs etwas Unzeitgemäßes, das sich praktisch nicht durchführen ließe, Sie sieht es vielmehr als eine Schwäche an, daß diese Ruhe von so wenigen gehalten wurde, denn sie glaubt, daß es das Zeichen des Arbeiters ist, die Ruhe zu hei- 1 i g e n. Kein Wunder, daß der Weg, den diese Jugend nehmen wird, „nicht erkennbar" ist, denn ihre religiöse Haltung ist „nicht weniger problematisch als ihr ganzes Leben." Sollte diese „Problematik" — wenn die psychologische Darstellung an sich zutreffend ist — nicht ganz und gar von denen verantwortet werden müssen, die es nicht wagen, der suchenden Generation ein klares, ohne Wenn und Aber die absolute Wahrheit der Tradition bekennendes Wort zu sagen? Wenn die verschüttete jüdische Seele im Blute dieser Jugend zum Leben erwacht, nach der Wegweisung des Gesetzes geradezu dürstet und auch die noch köstlicheren Bindungen der Weisen — D'Hn "Hm ■pn^nn min — als Weg zur wahren inneren Freiheit ersehnt, warum redet man ihr dann künstlich (Fortsetzung auf Seite 3.)