Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1934)
- Date
- 1934-10-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Frankfurt a. M. 5. Oktober 1934 26. Tischri 5695 Nummer 40 Die Stadtratwahlen in Jerusalem hatten schon Wochen und Monate vorher Jerusalem und ganz Palästina in Atem gehalten. Die innere Unnatur der bisherigen Jerusalemer Stadtverwaltung bestand darin, daß in der Vertretung der zu gut 70 Proz. aus Juden bestehenden Stadt in letzterer Zeit so gut wie gar keine Juden saßen und der Bürgermeister, Ragheb Bey Nashashibi, nicht nur kein Jude war, sondern sogar sich aktiv an der judenfeindlichen Bewegung beteiligte. Die am Mittwoch, den 26. September, in Jerusalem durchgeführten Stadtverordnetenwahlen brachten eine w e - sentliche Korrektur des bisherigen Zustandes, wenn auch das Resultat immer noch nicht das effektive Verhältnis in der Zusammensetzung der Bevölkerung widerspiegelt. . Die Wahl endete mit einer Niederlage des bisherigen Bürgermeisters Nashashibi und seiner Partei auf der ganzen Linie. Sein Gegenkandidat, Dr. Hussein Fakri el Khaldi, hat an der Spitze seiner Partei den Sieg errungen. Von der jüdischen Einheitsliste wurden die Kandidaten Samuel Ende, Hayim Salomon und Joseph Hachmischwiii gewählt. Daß bei der Konstituierung der Stadtverordnetenversammlung Dr. Hussein zum Bürgermeister gewählt wird, kann nicht mehr bezweifelt werden. Damit tritt an die Sptize der Jerusalemer Stadtverwaltung und Bürgerschaft ein Mann, dessen wissenschaftlicher Ruf sich mit einem starken Sinn für Recht und Gerechtigkeit paart. Hussein genießt das Vertrauen aller Bürger der Stadt, die an einem Aufbau und gesunden Gemeinwesen Jerusalems interessiert sind, also auch der Juden. Die kleinen ultranationalen Gruppen hassen und bekämpfen ihn mit dem gleichen Fanatismus, wie sie die Juden und das jüdische Aufbauwerk bekämpfen. Der Sieg der Orthodoxie in Jerusalem, die im Wahlkampf eine bewundernswerte Rührigkeit und Geschicklichkeit an den Tag gelegt hat, knüpft sich zunächst an den Namen Samuel Ende, der als Leiter des D i s k i n'- schen Waisenhauses ein Mann von strenger Glaubenstreue und guter agudistischer Gesinnung ist. Auch Joseph Hachmischwiii ist durch die agudistischen Stimmen in sein Ehrenamt gekommen, nachdem er das bindende Versprechen gegeben hätte, die Interessen der selbständigen Orthodoxie im Stadtrate zu vertreten. So kann alles in allem die unabhängige Orthodoxie in Palästina mit dem Ausgang der Wahlen vollauf zufrieden sein. Zu bemerken ist noch, daß zu den drei neugewählten jüdischen Kandidaten noch drei vorher schon nominierte Juden hinzukommen, und zwar der Vorsitzende, des Waad Leumi Isaac Ben Zw i , Abraham E 1 m a 1 a h und Advokat Daniel Auster, so daß die jüdische Fraktion im Stadtrate sechs Mitglieder zählen wird. Andere jüdische Gruppen, die, wie die Revisionisten und eine sephardische Oppositionspartei, auf eine Zersplitterung der jüdischen Stimmen absahen, hatten keinen Erfolg und brachten keinen einzigen Kandidaten durch. Die drei Gewählten waren die Kandidaten der sogenannten jüdischen Einheitsliste, wodurch ihre Wahl noch eine erhöhte innenpolitische Bedeutung erhält, indem sie zeigt, daß „Agudas Isroel" überall dort für eine jüdische Einheitsfront zu haben ist, wo religiöse Interessen nicht bedroht sind. Im übrigen ist der Wahltag in vollkommener Ruhe verlaufen. Der sehr verstärkte Sicherheitsdienst in den Straßen brauchte in keinem einzigen Falle in Tätigkeit zu treten. Die Wahlen in T i b e r i a s gingen am Mittwoch, den 3. Oktober, vor sich. (Weitere Berichte auf Seite 2 und 10.) Aus dem Inhalt: Die Stadtratswahlen in Jerusalem Seite 1, 2 und 10 Nichtarier in der Justiz ......Seite 2 Eröffnung eines deutsch-jüdischen Lagers in Holland......*. . Seite 2 und 9 Judenschulklassen in Oesterreich Seite 2, 6 und 9 Organisation in der jüdischen Erfindungsarbeit. Von M. Seidmann .... Seite 7 Berliner Polizeiverordnung über Jüdische Jugendverbände ........Seite 8 Wirtschaftsinachrichten aus Erez Jisroel und weitere Palästinanachrichten Seite 8 und 10 Barcelona heute ..........Seite 11 Von Isaac Breuer in Frankfurt a. M. I. „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Das Programm war neu und unerhört kühn. Sein Schwerpunkt lag nicht im Gedanken der Siedlung an sich, sondern der Qualität der Siedlung. Nicht durch zivilrechtlichen Vertrag, sondern öffentlich-rechtlich sollte sie geschützt werden. Es wandte sich dieses Programm in erster Reihe an die politischen Mächte der Erde. Bei ihnen meldete es das seit zweitausend Jahren bestehende' Problem des jüdischen Volkes an, und aus ihrer Fland wollte es eine Beziehung des jüdischen Volkes zu Palästina entgegennehmen, die das jüdische Volk zugleich in die Geschichte zurückführte. Das Programm riß auch einen kleinen Teil des thoratreuen jüdischen Volkes mit sich fort. Zwar enthielt das Programm nicht die leiseste Andeutung, welche Bewandtnis es mit den Rechten der Thora in der künftigen Heimstätte haben sollte. Aber das Programm hatte offenbar eine nach außen gerichtete Tendenz. Die vom Programm unmittelbar Angeredeten waren nicht die Söhne! unseres Volkes, sondern die politischen Mächte. Brauchte man ihnen gegenüber der Thora Erwähnung zu tun? War nicht die Inneneinrichtung der Heimstätte eine ausschließlich jüdische Angelegenheit? Von den Mächten konnte man sehr wohl in vollendeter Einmütigkeit die Heimstätte fordern. Hat man sie erst einmal, wird man schon dafür, Sorge tragen, daß die Herrschaftsansprüche der Thora in ihr zur Anerkennung kommen. Man wird es um so leichter können, je eifriger man sich von Anfang an beteiligt hat. So trat man mit den besten Absichten der zionistischen Organisation bei. Es ist höchst bezeichnend, daß man es ursprünglich gar nicht für notwendig fand, innerhalb der Organisation die Thoratreue irgendwie zu plakatieren, sich irgendwie von den Thorafremden zu distanzieren. Warum auch? In dem Streben, auf der politischen Welttribüne Gehör zu finden, um eine neue, eine im Galuth beispiellos neue Beziehung zu Palästina zu knüpfen, wußte man sich mit den Thorafremden durchaus eins. Es war auch zuzugeben, daß zu Wortführern dieses Strebens weltvertraute und weltbekannte Persönlichkeiten wie Herzl und Nordau in all ihrer Thorafremdheit weit geeigneter waren, als die weltfremden und weltunbekannten Thorafürsten des jüdischen Volkes. So wurde man zunächst vorbehaltloser Zionist. Erst auf dem zweiten Kongreß fand man sich, einigermaßen improvisiert, im M i s r a c h i zusammen. Als Grund gab Reines an, „daß bei den allgemeinen Zionisten Männer und Frauen gemein- (Fortsetzung auf Seite 3.)