Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1934)
- Date
- 1934-09-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Frankfurt a. M. 6. September 1934 26. Elül 5694 Nummer 36 gegen die illegale Einwanderung Die Palästinaregierung teilt mit, daß sie jetzt im Begriff sei, eine mit den nötigen Schiffen ausgestattete See-Schutzkraft zur Verhütung illegaler Landungen an den Palästinaküste in den Dienst zu stellen- Ferner wird eine spezielle, zum Teil berittene Polizeitruppe in Dienst gestellt, die einen verstärkten Patrouillendienst gegen illegale Einwanderer längs der Landgrenze versehen wird. Einheiten der transjordanischen Grenztruppe werden mit der Polizei im Patrouillendienst längs der nordöstlichen Grenze zusammenarbeiten. Die Vorschläge zu diesen Maßnahmen wurden, wie mitgeteilt wird, vom High Commissioner Cunliffe-Lister unterbreitet und von diesem gutgeheißen. Der Verband der arabischen Jugend hat eine Proklamation erlassen, durch die die freiwilligen Wachen an der Küsle abberufen werden. In der Proklamation wird zum Ausdruck gebracht daß der arabische Jugendverband die von der Regierung ergriffenen neuen Maßnahmen zur Bekämpfung der illegalen Einwanderung als ausreichend erachtet. Die arabische Jugend möge daher die Bewachung der Küste einstellen. Ehrenkreuz für jüdische Kriegsteilnehmer- Bei den .zuständigen Polizeirevieren können bereits seit Montag, den 3. September die Anträge auf Verleihung" des vom Reichspräsidenten von Hindenburg gestifteten Ehrenkreuzes für Kriegsteilnehmer und Frontkämpfer gestellt werden. Den Anträgen sind die im Besitz des Antragstellers befindlichen Beweisstücke beizufügen. Da erfahrungsgemäß zahlreichen Kriegsteilnehmern, ihren Witwen oder Eltern die sachgemäße Auswahl oder Beschaffung der Beweisstücke Schwierigkeiten macht, weil sich diese teilweise im Besitz von Angehörigen, früheren Kameraden oder Verbänden befinden, hat sich das Treuhandbüro Dr. S c h n u r m a c h e r, Berlin, das jetzt von Amtsgerichtsrat a, D. Dr. A s c h n e r und Oberregierungsrat a. D. K e m pn e r geleitet wird, bereit erklärt, jüdischen bezw. nichtarischen Kriegsteilnehmern, bei der Vorbereitung der Anträge, insbesondere auch zur Erlangung aller Nachweise helfend zur Seite zu stehen und zwar lediglich gegen den Auslagenersatz. Die Dienststunden des Büros, Berlin W. 15, Meinekestr. 9, sind von 9—1 und von 4—7 Uhr, außer Sonnabend. Polizeiliche Anordnung über Betätigung jüdischer Jugendorganisationen Die Staatspolizeistelle Minden hat über die Betätigung jüdischer Jugendorganisationen für den Bereich des Regierungsbezirks Minden folgende polizeiliche Anordnung getroffen: Den jüdischen Jugendverbänden wird jede politische Betätigung untersagt. Verboten ist ihnen das öffentliche Tragen von einheitlicher Kleidung (Kluft, Uniform usw.) Darunter fällt auch das Tragen von Bundestracht oder zur Kluft gehörender Kleidungsstücke und Abzeichen' unter der Verdeckung durch zivile Kleidungsstücke (z. B. Mantel), sowie jede sonstige einheitliche Bekleidung, die als Ersatz für die bisherige Bundestracht anzusehen ist. Verboten ist ferner das Mitführen oder zeigen von Fahnen, Bannern oder Wimpeln in der Öffentlichkeit. Untersagt sind gelände- und wehrsportliche Uebungen jeder Art, sowie gemeinsame Auf- und Ausmärsche, insbesondere Ausmärsche in feldmarschmäßiger Ausrüstung. Nicht unter dieses Verbot fallen dagegen die sportliche oder v o 1 k s s p o r 11 i c h e Betätigung sowie zwanglose Spaziergänge, Ausflüge bezw. Wanderungen in keinerem Rahmen, sofern ihnen ein demonstrativer Charakter fehlt. Geschlossenes marschieren ist dagegen unzulässig. Untersagt ist der Verkauf und Vertrieb von Presseerzeugnissen jeder Art, insbesondere von Flugblättern. Ans dem Inhalt: Der „Stürmer" gegen die Talmud- Thora-Schule in Hamburg .... Seite 2 Kirchenkongreß in Fanö.......Seite 2 Friedensappelle ..........Seite 3 Minderheitskongreß in Bern.....Seite 4 Das Bildungsproblem S. R. Hirschs . . Seite 5 Erwachsenenbildung ........Seite 7 Wirtschaftsnachnchten aus Erez Jisroel Seite 8 Der Baseler Prozeß um die „Protokolle" Seite 9 Londoner Brief ..........Seite 10 Kinderecke ............Seite 17 J Sk Von Dr. Adolf Altmann, Oberrabbiner in Trier. Ein Jahr ist um! Welch ein einfaches Wort, welch ein gewohnter Ausruf! Ein Jahr, wiederum ein Jahr, wer denkt sich da im allgemeinen etwas dabei? Wieviele solcher Einzeljahre ziehen an uns vorüber und lassen uns gleichgültig, berühren uns kaum, oder sind uns nichts mehr, als das Wechseln des Blattes im Kalender, als das Halten an irgend einer gleichgültigen Station auf der Reise. Was ist uns ein Jahr? Unsere Lebenspilgerschaft hat deren ja viele — sagt man — was liegt schon an noch einem davon? Ja, ein Jahr wiegt sonst nicht viel auf der Wagschale unseres Lebens und Treibens. Aber dieses Jahr, das wir heute beschließen, wie anders, ganz anders fällt das ins Gewicht! Dieses eine Jahr, wieviele andere Jahre wiegt es auf an dem, was es an uns vorüber ziehen ließ! Manchmal gilt in unserem Erleben ein Jahr verhältnismäßig nicht viel mehr, als ein einfacher flüchtiger Tag, aber dieses Jahr war nicht ein Jahr der Tage, es war ein Jahr der Jahre. Ein G'ttestag, das sind nach der Bibel tausend Jahre, aber ein ereignisreiches Einjahr füllt manchmal nicht weniger zahlreiche Jahre aus. Das Erlebte in dem verflossenen einen Jahr ballte in einem kurzen Zeitraum das Geschehen von sonst langen geschichtlichen Perioden zusammen. In diesem einen Jahr haben wir mehr in uns aufgenommen, als sonst vielleicht in unserem ganzen bisherigen Leben, ja vielleicht mehr, als Generationen vor uns in sich aufgenommen haben. Wir sind in diesem Jähre, wie sonst noch selten zuvor, in eine mächtige und schnelle Schule des Lebens genommen worden. In einem kurzen, aber gründlichen Wachstum ist uns Geschichte von grandioser Wucht vorgeführt und beigebracht worden. Das Zeitgeschehen hat uns eine Lektion von eindringlichster Kraft erteilt, aus der wir vieles, sehr vieles, wenn nicht gar alles lernen können. Ja, lernen können, das ist es. Werden wir es, werden wir das Erkenntniswerte aus diesem Jahre lernen? Diese Frage ist die große geschichtliche religiöse jüdische Frage heute. Rosch-Haschono, der Tag der inneren Sammlung, der Tag der seelischen Selbstprüfung wirft diese Frage auf. Was wird sich als Folge aus dem Erlebten des alten für das Erlebnis des neuen Jahres ergeben? Rosch-Haschono ist nicht der Jahrestag einer kalten, seelenlosen Bilanz, einer fühllosen trodkenen Statistik; Rosch-Haschono ist ein Tag des Rechtens und Richtens. Wie wir mit uns selbst rechten, so pflegt das Schicksal der Vorsehung und pflegt ebenso auch die Geschichte über uns zu richten. Haben wir in diesem Sinne das (Fortsetzung auf Seite 3.)