Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1934)
- Date
- 1934-08-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 Nr. 35 Der Israelit 30. August 1934 schicksalschweren Stunden —- Mflft WIMS — am Schabbos Chanukkoh die M-oroh „Schnej sejsim" singen. Da man selbst vor den Gebetbüchern nicht Halt machte, fand man, so erzählt die Tradition, in einem noch übrig gebliebenen Siddur, das zerfetzt bezw. angebrannt war, nur noch die letzten 2/s dieser M'oroh beginnend mit „mamlochoh m'muschochoh". Seit dieser Zeit läßt man zur Erinnerung an das Ereignis die ersten beiden Strophen von Schnej sejsim in Worms weg. Der Kantor beginnt noch heute nach Wormser Minhag in Worms und den Nachbarorten, wo Pijutim noch gesagt werden, mit „mamlochoh m'muschochoh." 2. Von Mund zu Mund pflanzt sich die Erzählung fort, daß ein Judentäufling am zweiten Tag Rosch haschonoh einst einmal eine Judenverfolgung bezw. einen Ueberfall auf Juden in der Synagoge anzetteln wollte, in der Voraussetzung, daß sie an diesem Tage — ja bereits vorbereitet für den Tod — sich in den Sterbekleidern befinden. Durch einen besonderen günstigen Zufall erhielten die Juden Kunde von dieser Absicht. Es wurde vonseiten des Rabbinats beschlossen, an diesem Tag den G'ttesdienst möglichst früh zu beginnen, die Pijutim am Anfang der Sch'moneh esreh zu tjoin bis u'nesaneh tokef wegzulassen und sich mit der einfachen Sabbatmelodie zu begnügen. Als der Pöbel kam, habe er sich vor geschlossenen Türen der Synagoge befunden, denn der G'ttesdienst war längst beendet. Zur Erinnerung hieran benützt man in fast allen deutschen und auch vielen ausländischen konservativen Gemeinden am zweiten Tag Rosch haschonoh zu Mussafbeginn, sowohl für Kaddisch als auch für den Anfang des Sch'moneh esreh, die Melodie von Sabbat und läßt bis u'n'sane tokef die Pijutim weg. Ich will nicht unterlassen, noch unseres Meisters Idelsohn zu gedenken, der in seinem umfangreichen Werk auch gleichsam vom Minhag spricht hinsichtlich der Gesänge der in aller Welt zerstreuten Juden und uns und der Nachwelt vermittelt hat die Gesänge: der jemenischen Juden der babylonischen Juden der bucharischen Juden der daghestanischen Juden der orientalischen Sefardim der marokkanischen Juden der deutschen Juden im 18. Jahrhundert der Chasidim der osteuropäischen Juden der Volksgesänge der osteuropäischen Juden und der süddeutschen Juden. Damit hat er dem Grundsatz Maharils gehuldigt, die überkommenen Gesänge den späteren Geschlechtern zu vererben. Der Kantor hat als Träger des G'ttesdienstes die Pflicht, den N u s s a c h und den M i n h a g zu pflegen, zu bewahren und ihn zu verbreiten. Wenn dies mein Referat dazu verhilft und anregt, so wäre sein Zweck voll und ganz erreicht. Dazu ist es notwendig, daß der die Quellen eifrig studiert, um jeden Nussach und Minhag auf seine Entstehung und seine Berechtigung prüfen zu können. Veränderungen, Schinujim, vorzunehmen, sind nicht seine Aufgabe. Dies bedeutete die Störung des religiösen, örtlichen Charakters, auf den so manche Gemeinde mit Recht stolz ist. Für ihn, den Kantor, gilt das Wort unserer Alten: „Minhag awosenu toroh hi" (Jore dea 376, 4). Der Minhag ist so heilig wie das Thoragesetz. Dafür winkt ihm der höchste Lohn: „Toroh hi ez chajim l'chulom chajim". ,,Ki chajim hem l'moz ochem ul'chol b'sorom marpeh". Literatur: Eisenstein, Ozar Ladinim u minhagim,. Eisenstein, Ozar Jisroel „Eisenstein ', ... — Milon, Mateh Mosche Fürther Minhagbuch, Schulch. oruch: Orach chajim w'joreh deoh, Talmud bawli wij'ruschalmi, Diwre koheles, Zunz, Elbogen, „Geschichte des jüd. G'ttesdienstes", Jüdischer Lexikon, Awodas Jisroel von Baer, M. L, Bamberger „Ueber die Entstehung falscher Minhagim", Schaare Ozar hat'filoh, Noheg kazon josef, Machsor Vitry, L'kute halevy, Josef omez, Sefer chasidim. Nachtrag. In Frankfurt a. M. sagt man sogar am zweiten Tag Rosch haschonoh Adon olom und boruch scheomar in der Melodie von Sohabbos. Man findet in keinem Werke darüber eine Aufzeichnung, weder im Josef omez, noch im Noheg kazon Josef noch im Diwre k'hilos, von Geiger, sämtliches Werke, die für die Minhagim in Frankfurt a. M. maßgebend sind. 3. Am 20. Tebet 1612 wurden die Juden aus Frankfurt a. M. vertrieben. Dieser Tag wird heute noch als Fasttag in Frankfurt a. M. begangen. Am 20. Adar 1614 durften die Juden sich wieder in Frankfurt ansiedeln. Der Tag vorher, 19. Adar, wurde zum Fasttag und der 20. Adar zum sogenannten „Frankfurter Purim" festgesetzt, an dem Tachanun ausfällt. An diesem Purim wird auf Adon olom die Melodie von „die Schlacht von Pavia" gesungen, die auch Idelsohn in sein Werk „Die Gesänge der süddeutschen Juden" aufgenommen hat, weil die Juden im feierlichen Zuge, voran Trommler und Musiker, den gen. Marsch „die Schlacht von Pavia" spielend, in die Stadt einzogen. Erziehung zum Kollektiv? Von J. Raphael. Am Rand der Zeit ist eine neue Art von Sehnsucht aufgeflammt, die zu einer Psychose im Begrifflichen zu verflachen droht, — das Kollektiv. Außerordentliche Vorgänge in den Bezirken von Wirtschaft und Politik, Zusammenballungen auf der einen Seite des Neuwerdenden, Auflösungstendenzen auf den Gebieten liberalistischer Ideengänge haben die Möglichkeiten einer andersartigen geistigen Haltung heraufbeschworen. Der jüdische Mensch steht teilweise immer noch in ziemlicher Fassungslosigkeit vor den Dingen des realen Geschehens; er hat die Berührungslinie zur Zeitenwende kaum gefunden. Das Wort allein — Kollektiv — genügt, um Wirrnisse im Bereich erster Ueberlegungen zu erzeugen. Und was ist es mit dem Sinn dieses Begriffes? Das Kollektiv soll die zeitnahe Form und Gegebenheit der Gemeinschaft sein. Wenigstens wirft man die Begriffe Kollektiv und Gemeinschaft zusammen. Der junge Jude wird stutzig. Er erinnert sich, daß man ihm im besonderen Maße die Ausgeprägtheit individualistischer, d. h. — oberflächlich gesehen — dem Kollektivismus völlig entgegengerichteter Energien und Neigungen zuschreibt. Zumindestens bisher zugeschrieben hat. Der junge Jude schwankt zwischen den Weltbildern und droht, irre zu werden an dieser Umwertung der Werte mit ihren ihm scheinbar wesensfremden Gestaltungskräften. Eine Klarlegung hat einzusetzen. Erkennen muß man zuerst die Ebene überhaupt, auf der die Begriffe heutiger Bindungsversuche miteinander ringen. Ohne Zweifel wird dem jüdischen Menschen (und dazu gehört in vorderster Linie die Generation unsrer Jugend) die Erziehung zum Gedanken eines Kollektivs kaum möglich sein, wenn dieser Zeit-Ausdruck weiter nichts als die Sphäre des Herdenmenschentums umschließt, also eine „Gemeinschaft", die den Geist des Persönlichen und dessen Initiative nivelliert, nach unten hin „vermischt", ausschaltet. Die Aktivität des Persönlichen, die nun einmal im jüdischen Menschen vorhanden ist und wirksam hervorbrechen will, läßt sich schwerlich in den Rahmen einer Sammlung schattenhafter Nummern-Menschen spannen, Sie ist, um einen treffenden Ausdruck von Wilhelm Michel anzuwenden, nicht „bündnisfähig". Aber das geistige Gesicht des Kollektivs wird andere Züge und eine ungleich wesenstiefere Ausrichtung gewinnen, — wird bei einer rein zahlenmäßigen, mechanistischen Sammlung einzelner, ihm preisgegebener Individualismen nicht stehen bleiben. Denn es soll Gemeinschaft werden. Mit anderen Worten: eine Gruppierung der Menschen und eine Fundierung der Gesellschaft zur Freimachung der in ihr zusammengeschlossenen besten und persönlichsten Fähigkeiten und Eigenheiten, zur Auslösung und Nutzbarmachung aller positiven Werte des Füreinander-Miteinander. Gerade die Gemeinschaft wird den Druchbruch der Persönlichkeit und den Einsatz seiner mobilisierten Tat-Gesinnung vollkommen und in vollendeter Würde zur Geltung bringen. Hingegen wiederum: das planlose, zentrifugale Unwesen des Individulistischen begrenzen. Der junge Jude, der heute vor dem Entschluß zur Einordnung in ein neuartiges, zukunftweisendes Weltgefühl zu stehen glaubt, hat die Erkenntnis zu erarbeiten, daß der Trieb zum Individualismus keineswegs gleichzusetzen ist mit der Auffassung von der überragenden Ausdrucksform der Persönlichkeit. Ein übertrieben liberälistisches Zeitalter hat hier verheerende Anschauungen emporgezüchtet. Der Individualist ist keineswegs ein Euphemismus für den Begriff der Persönlichkeit. Der Individualist wird egozentrisch, ist das auflöserische Motiv jeglicher Bindungen, Die Persönlichkeit drängt unweigerlich zur Gemeinschaft hin, zur Ueberwindung einer subjektivistischen Zügellosigkeit und eines Freiheitsbegriffes, der nur in den bürgerlichen Denkmethoden seine anarchischen Gefahren zu tarnen verstanden hat. Individualismus geistert in der Schar primitivsten Herdentums, der nüchternen, Aneinanderreihung, Auf der Ebene der Einreihung aber, die: den Sinn.; der Gemeinschaft, im M i t e i n a n d e r realisiert und heute zuweilen den Ruf nach dem Kollektiv formuliert, steht die . Persönlichkeit. Dem Judentum bietet weder diese Erkenntnis, noch die Entwicklung zu einer Ordnung der intensiven Gemeinsamkeit, eine besonders neue Feststellung. So wird darum auch das Judentum als Totalität zu keiner neuen „Weltanschauung" oder Erziehungsmethode veranlaßt. Das Problem einer umfassenden und bis in die letzten Teile des täglichen Seins greifenden Gemeinschaft, deren Glieder sich als Persönlichkeiten ergänzen und als Persönlichkeiten die unbedingten Kraftquellen der Gemeinschaft repräsentieren, ist im Weltbild des Jüdischen längst gelöst und beantwortet. Am sichtbarsten und in einer pädagogisch einzigartigen Schönheit ist uns die Antwort auf das große, brennende Problem in der Ueberlieferung vom gewaltigen Geschehen am Sinai geworden, — eine zu einem Höchstmaß der Möglichkeit emporgebrachte Synthese zwischen der Persönlichkeit des Mose und der aktiven Bereitschaft der, mitwirkenden jüdischen Gesamtheit. Das jüdische Kollektiv trug seit je die Aufgabe, der Ausbreitung und der Autorität der Persönlichkeit alle Voraussetzungen zu schaffen. Heute ist es schwer, von der Basis einer reichlich zerstörten und aufgelösten jüdischen Substanz die Spuren individualistischer, unjüdischer Eigenbrödelei zu räumen. Aber diese schwere Pflicht wird erzieherisch übernommen werden müssen- Weil wir sonst im Prozeß zeitgeschichtlichen Werdens von der Unerbittlichkeit der Tatsachen zu einem der geringsten Punkte der „Tagesordnung" herabgepreßt werden. Wir wollen das Judentum aber aus der Stagnation seiner „Richtungen" reißen und nicht zusehen. Unsere Jugend muß diese Wende, die unaufhörlich zu den Grundlagen der engsten, verantwortungsvollsten Gemeinsamkeit drängt, für sich und ihre Zukunft jüdisch mitformen. Ihr Kollektiv, in. das diese Wende sie stößt oder noch stoßen wird, kann nicht anders als jüdisch sein. Der Strom, der in der jüdischen Jugend pulsierenden Persönlichkeitswerte muß ins System der neuen Gemeinschaftsformen eingeschaltet werden. Und die konsequente Erziehung zu dieser durchaus jüdischen „Bündnisfähigkeit" von Gemeinschaft und Persönlichkeit muß die Steine ihres Aufbaus aus der Totalität des Jüdischen aus dem Reservoir von Geschichte, Tradition und Volkstum holen. „Ehemalige Kölner." Nach längerer Pause hört Ihr von mir und dazu eine betrübende Nachricht, Unser treues Mitglied, Konrektor i, R. Jakob Speyer in Frankfurt a. M, ist von uns gegangen. Wir kannten uns seit unsrer Präparandenzeit, und als er, aus der entrissenen Provinz im Osten kommend, in Frankfurt wieder Berufsstellung fand, erneuerten wir die alte Freundschaft, Was er in seiner neuen Heimat als Lehrer und Pädagoge geleistet hat, wißt Ihr aus seinen zahlreichen veröffentlichten Aufsätzen in jüdischen Lehrerzeitungen. Unsre beiden' Versammlungen in Frankfurt hat er mit vorbereitet. Er war treu in allem, auch unsrer Vereinigung, Deshalb bewahren wir ihm ein treues Gedenken! Euch allen Gruß Euer A p t, Hannover, Sallstraße 4-\ Hinweis. In der „Zeitschrift für jüdische Familienforschung" unter der bewährten Redaktion von Dr. Arthur Czellitzer, Berlin behandelte der Unterzeichnete in Nr. 33 pädagogisch-genealogische Fragen. Nr. 33 enthielt außerdem einen grundsätzlichen Beitrag über Genealogisches zur Heilpädagogik, eines der nachfolgenden j Hefte brachte eine Arbeit über „Pflege der Genea- ] logie in der Schule." Das sei insbesondere deshalb j erwähnt, um die Lehrerschaft auf oben genannte Zeitschrift aufmerksam zu machen und sie auf das dort behandelte Sachgebiet hinzuweisen. Ernst L e w y , Dominium Lad in Polen. Notiz. Eine Gemeinde im Rheinland (Kurort) sucht einen Religionslehrer und Chasen. Religionsunterricht ist auch in einigen Nachbargemeinden zu erteilen. Gelegenheit zu Nebeneinkommen besonders in der Kurzeit. Bewerber, auch pensionierte Lehrer, belieben sich an den Schriftleiter (L. Kaufmann in Sprendlingen, Kr, Offenbach) zu wenden. ■ Allen meinen verehrten Mitarbeitern, lieben Freunden und Kollegen wünsche ich nmts na'nni na'na- L, Kaufmann, Sprendlingen,