Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1934)
- Date
- 1934-08-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ber Israelit Ein Centraiorgan für das orthodoxe Judentum / Begründet von Dr. Lehmann in Mainz Frankfurt a. M. 16. August 1934 5. Elul 5694 Nummer 33 Die Lage in Algerien. . Die jüdischen Geschäfte in der Stadt Constantine sind noch immer geschlossen. Die moslemitischen Truppen werden in den Kasernen gehalten und europäisches Militär, verstärkt durch Matrosen von den Kreuzern „Matelot" und „.Leblanc" bewachen die Stadt. 300 jüdische Geschäfte sind allein in Constantine im Laufe der Unruhen demoliert worden. Die bei den Pogromen schwer verwundete Frau Zerbib ist im Krankenhaus gestorben.. Am 10. August wurde ein Auto von Arabern angehalten und der jüdische Führer Henry ermordet. Wegen der Teilnahme an den Pogromen sind Tbisher 70 Araber zu 2—3 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Indessen ist die Lage noch immer nicht wieder vollkommen befriedet. Den Wochenmarkt in Bone haben die Behörden verboten, "weil sie fürchten, daß er zu neuerlichen Unruhen führen könnte. Nach einem Berichte, den der in Paris wieder -eingetroffene Generalgouverneur von Algerien am Ministerrat erstattete, beträgt der in Constantine angerichtete Schaden drei Viertel Million Pfund Amtlich werden 27 Tote und 40 schwer Verwundete registriert. Indessen veröffentlicht die Pariser Tageszeitung ,,Populaire" 'aufseheneriegende Mitteilungen, wonach, die judenfeindlichen Ausschreitungen in Algerien einen weit größeren Umfang gehabt haben sollen, als von den Behörden zugegeben wird. Eine französische Familie erhielt von Verwandten aus •der 70 Meilen von Constantine gelegenen Stadt ^Setif einen vom 4. August, also einen Tag vor den Unruhen in Constantine datierten und abgestempelten Brief, m dem über drei Tage vorher .stattgehabte Pogrome, bei denen Juden getötet und jüdische Läden geplündert wurden, berichtet wird. Dies wäre ein neuer Beweis dafür, daß die Ursachen von langer Hand vorbereitet waren und keineswegs, wie behauptet, von dem Zwischenfall in der Moschee von Constantine und «durch den betrunkenen jüdischen Soldaten hervorgerufen worden sind, „Populaire" fordert den Rücktritt des Generalgouverneurs Carde. Von dem Führer der Mohammedaner ist dem 'Gouverneur eine Erklärung abgegeben worden, worin die Ausschreitungen ausf schärfste mißbilligt und Versicherungen gegeben werden, daß seitens der Muselmanen alles geschehen werde, um die Wiederkehr solcher Ereignisse zu verhüten. Einer Abordnung der jüdischen Gemeinde hat der Generalgouverneur versichert, daß alle Schuldigen unnachsichtig zur Rechenschaft gezogen werden sollen. Von den Führern der Judenheit verlange er, daß sie Maßnahmen zur Beruhigung der Bevölkerung treffen. Zum Schluß erklärte der Generalgouverneur, er sei überzeugt, daß beide Parteien die feierlich, eingegangenen Verpflichtungen einhalten würden. Aus Paris wird noch berichtet, daß einige -Mitglieder des Kabinetts in der Sitzung des Ministerrats sich tadelnd darüber ausgesprochen haben, daß gegen die schon seit längerer Zeit in Algerien geführte Hetzpropaganda nicht rechtzeitige Maßnahmen getroffen worden seien. Trauerkundgebung des Stadtrats von Tel Awiw für die Opfer des Pogroms von Constantine, Der Stadtrat von Tie Awiw hat eine Trauerkundgebung für die Opfer des Pogroms von Constantine veranstaltet. Die Versammlung .ehrte das Andenken der Toten durch Erheben von den Sitzen und eine Minute Schweigen. An die französischen Behörden hat der Stadtrat die dringende Aufforderung gerichtet, weiteres Blutvergießen zu verhindern. Für den Hilfsfonds für die durch die Ausschreitungen Geschädigten hat der Stadtrat einen Beitrag von 100 Pfund bewilligt. Trauerg'ttesdienste und Sammlungen in Polen für die algerischen Pogromopfer. Alle Rabbiner Polens sind aufgefordert worden, am kommenden Sabbat Gebete für die Opfer des Pogroms in Algerien zu sprechen und Sammlungen zur Unterstützung der Pogromgeschädigten und zur Bekämpfung des Antisemitismus einzuleiten. Aus dem Inhalt: Gestattung des rituellen Schächtens in Oberschlesien ........Seite 2 Arisch oder mchtarisch.......Seite 2 Zwangssonntagsruhe in Lettland . . . Seite 2 Jüdische Einwanderung in Syrien . . Seite 2 Das Blutbad in Algerien......Seite 4 Die Aussichten der Konjunktur in Erez Jisroel.........Seite 4 Der achthundertste Gebartstag des Kambam Seite 5 Vom jüdischen Leben in Amerika . . Seite 6 Soll jüdische Jugend wandern? .... Seite 6 Das Rassenproblem auf dem Baptistenkongreß Seite 7 Taanis-Zibbur am ersten Slichostag . Seite 7 Wirtschaftsnachrichten aus Erez Jisroel Seite 8 Die Judenpogrome in Constantine . . Seite 9 Probleme der Hachscharagemeinschail Seite 12 Ein zeitgemäßes Dokument ..Seite 12 Fehftes derOrthodoxieanGlauben? „Deshalb, so spricht mein Herr, der in Liebe richtende G'tt, siehe, ich habe in Zion einen Stein begründet, einen Prüfstein, eine Zinne auf kostbarem, festem Fundament: der Glaubende — er hat keine Eil e." (Jesaias 28, 16.) Es ist nicht zu verwundern, daß der neue Elan, mit dem die agudistischen Kreise in Polen und alsdann, insbesondere unter dem bewußt schrillen Weckruf Dr. Breuers auch diejenigen in Deutschland, in die Erez Isroel-Arbeit eingetreten sind, grade im Misrachi oder in den dem Misrachi gedankenmäßig nahestehenden Gruppen keinen besonders freundlichen Widerhall gefunden hat. Der Zionismus als solcher, Agency, Arbeiterpartei, Revisionismus — sie alle können jeden Bundesgenossen, der neue Kräfte wirtschaftlicher, intellektueller, sittlicher Qualität für Erez Isroel mobilisiert, mit größerer oder geringerer Unbefangenheit begrüßen. Beim „Misrachi" — als dessen geistige Vertreter im vorliegenden Falle die Herren Radler-Feldmann („Rabbi Benjamin") und Dr. Ernst Simon zu betrachten sind — handelt es sich aber einfach um die Frage des R e c h t - b ehalten-wollens. Der „Misrachi" hat sich zu. einer Zeit, als die thoratreue Judenheit, gestützt auf das ungeheure, schier unerschöpflich scheinende Kraftreservoir des Zarenreiches, noch ein Respekt einflößender idealer Machtfaktor innerhalb des gesamten jüdischen Volkes war, von diesem gewaltigen Block des geschichtlichen Judentums mit einem ungeheuren Ruck getrennt, hat, — entgegen den klar ausgesprochenen Verwarnungen und Entscheidungen der oVl? »aWÄ, der Izchok Elchonon Spektor, Elijahu M e i s e 1 s , Chajim S o 1 o w e i z i k , Elieser Rabbinowitz, Elieser G o r d o n , Izchak Poniwe scher, Chajim Berlin, Meier A r a k , Izchak Jeruchom D i s k i n , Schewet Sofer, und wie sie alle heißen, jene von den Millionen treuer jüdischer Seelen auf dem Erdenrund als die wahren Weisen der Zeit verehrten rabbinischen Führer der bx~\Vr> nD3D'— H e r z 1 und N o r d a u als den Propheten der Zukunft entgegengejubelt und sich ihrer Führung unterordnet. Und nun, weil das zionistische Experiment bis zu einem gewissen Grade politisch und wirtschaftlich gelungen scheint, will Misrachi recht behalten gegen die Fürsten der Thora der heimgegangenen Generation. (Fortsetzung auf Seite 3.)