Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1934)
- Date
- 1934-07-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 30 Der Israelit 26. Juli 1934 von Tieren, die na c h v o rhergehender Betäubung, mit oder ohne Schächtschnitt — darauf kommt es in diesem Falle gar nicht mehr an — getötet wurden, also um Fleisch, das nicht neukoscher, sondern nach alten und neuen Begriffen streng trefa ist und das keine rabbinische Macht dem nsiül entziehen kann. Und es mutet schon beinahe zynisch an, wenn jüdische Restaurateure das einfach ' nicht existierende Wort „Neukoscher" als Reklamemarke benutzen zu können glauben, um rituell lebende Gäste anzulocken. In Amerika, letzthin auch in Frankreich, hat man eine gesetzliche Handhabe, solchem unlauteren Wettbewerbe, der zugleich auch auf eine gewissenlose Täuschung hinausgeht, gerichtlich entgegenzutreten. Das gesetzestreue Judentum wird auch hier auf Mittel bedacht sein müssen, den Leuten, die mit dem jüdischen Gewissen Spekulationsgeschäfte machen, das Handwerk zu legen. So lange aber uns solche Rechtsmittel nicht gegeben sind, sei_ die dringende Warnung ausgesprochen, Alles, was sich in Stadt und Land als neukoscher gibt, ist in Wahrheit streng trefah und genau so zu behandeln, wie alles andere Fleisch, das als nsiüT ,1^3,3 von der nichtjüdischen Metzgerei kommt. Wer von jenem schönen Worte sein Gewissen einlullen läßt, betrügt sich selbst, und wer gar mit diesem neuen Worte Geschäfte macht, lädt als D-'ann m X'ünBI ninn eine Schuld auf seine Seele, die nach der Lehre der „Vätersprüche" kaum noch zu tilgen ist. Bei der Gelegenheit sei auch auf die Mahnung des „Hamburger Vereins ritueller Speisehäuser" im Sprechsaal unserer jüngsten Nummer noch einmal hingewiesen. Vor allem sei dringend davor gewarnt, ältere Publikationen des Vereins ohne vorhergehende Erkundigung als Wegweiser durch die jüdischen Restaurationen zu benutzen, da ihrer viele, die damals noch Vertrauen genossen, sich unter den neuen Verhältnissen vollkommen umgestellt haben. Auch hinsichtlich der neuesten Verzeichnisse könnte es wohl vorkommen, daß ein Betrieb über Nacht in andere Hände übergegangen ist, die nicht mehr das alte Vertrauen genießen. Darum empfiehlt es sich, daß man sich in jedem nur irgendwie zweifelhaften Falle erst an zuständiger Stelle in Hamburg erkundigt, will man nicht Gefahr laufen, wider Wissen und. Willen „neukoscher", d. h. s t r e n g trefah zu genießen. Auf eigenes Irren und die Verantwortung des Anderen darf man sich dabei nicht berufen, da in Sachen der WlöK jeder für sich selbst verantwortlich ist. erscheint, begleiten uns die Arbeiten von vierzig Malern und Bildhauern durch das Jahr. Dr. Max Osborn, Prof. Franz Landsberger und Erna Stein, Kustus am Jüdischen Museum, Berlin, haben den Bildern kurze erklärende Texte beigegeben, um dadurch das Eindringen in die Mannigfaltigkeit moderner Kunst zu erleichtern. So wird dieses Werk, für das Max Liebermann das Geleitwort schrieb, zu einer kleinen jüdischen Kunstgeschichte, die mit Absicht neben den bekanntesten Künstlern Deutschlands, Palästinas u. a. Länder junge, weniger bekannte Kräfte berücksichtigt hat. Die überwiegende Zahl aller Arbeiten wurde hier zum ersten Male veröffentlicht; einige Arbeiten sind eigens für diesen Kalender geschaffen worden. Der Reinertrag für diesen Kalender, der zum Preise von RM. 2.50 in Buchhandlungen, bei den Vertriebshelfern, bei der Künstlerhilfe und im Jüdischen Museum, Berlin, oder beim Verlage zu haben ist, fließt der Künstlerhilfe zu. Wochenkalender. Vom 28. Juli bis 4. Aug. 1934 / Vom 16. — 23. Ab 5694 'J3T (]T 28 16 ptea Samstag aa Sonntag Juli 29 17 13 Montag 30 18 -ni Dienstag 31 19 13 Mittwoch Aug, 1 3« 20 n Donnerstag 2 21 na Freitag 3 22 133 Samstag 4 23 0 i»ru mb? ]3nmi tnnn pnan ap? Mauled: Freitag mittags 12 Uhr 397» M. Dr, Meier Hildesheimer V^r. Am Tage der jüdischen Nationaltrauer um das zerstörte Tempelheiligtum, dessen Untergang schon die Weisheit unserer Alten mit dem Zusammenbruch des irdischen Wirkens G'tt geweihter Persönlichkeiten verglichen hat, trifft die Schreckenskunde ein, daß Meier Hildesheimer, der ewig junge, dessen 70. Geburtstag die jüdische Gesamtheit erst vor kurzem begangen hat, den Schauplatz seiner gesegneten Wirksamkeit hienieden verlassen mußte. Kein Anzeichen deutete darauf hin, daß seiner unermüdlichen Arbeitsfreude ein so rasches, jähes Ende gesetzt werden würde — er ist mitten in der Arbeit, in Schönheit, aufrecht, gestorben. Mit ihm wird eine Persönlichkeit zu Grabe getragen, die für die Glanzepoche des gesetzestreuen deutschen Judentums repräsentativ war fe«fPV . P j Dr. Meier Hildesheimer und die zum mindesten e i n e Seite der vielseitigen Größe des genialen Vaters, Rabbi Esriel Hildesheimer b"*!' in vollendeter Reinheit den Zeitgenossen erneut vorgelebt hat. Von früher Jugend in der Schule des Vaters groß geworden, hat Meier Hildesheimer zwei mächtige Waffen aus einer goldenen Kindheit mit hinübergetragen in die Zeit der Reife, um den Kampf des Lebens siegreich zu bestehen: ein frohes, heiteres Gemüt und eine auf Ausgleich und Harmonie angelegte Geisteshaltung, die ihn, soweit der Außenstehende es beurteilen kann, kampflos zu einer durch und durch harmonischen jüdischen Persönlichkeit werden ließ. G'ttesfurcht und Menschenliebe, innigste Gläubigkeit und weiteste Weltaufgeschlossenheit, waren ihm selbstverständliche Bestandteile seines Wesens. Nach den Studienjahren widmete sich der Jüngling ganz den Aufgaben des Kreises zu, in die ihn sein Vater hineingestellt hatte und er konnte hierbei vor allem zwei hervorstechende Eigenschaften seiner intellektuellen Persönlichkeit bewähren: sein p ä d a g o g i s c h e s Talent, das die Herzen der Jugend ihm wie einem ihresgleichen zujubeln ließ und seine Kunst des' Organis i e r e n s. Beide vereinigte er in einer jahrzehntelangen Wirksamkeit an der Spitze der Religionsschule der Adaß Ji"sroel- Gemeinde, die er aus kleinen Anfängen zu einem großen, in viele Klassen und Abteilungen gegliederten Institut entwickelte, und die bis zur Gründung der höheren Schulen der Gemeinde mit bemerkenswertem Erfolg verstand, die heranwachsende Jugend, trotzdem sie den Hauptteil ihrer Zeit in nicht jüdischen Anstalten zubringen mußte, für die Ideale der Gemeinde zu erziehen und zu begeistern. Jahrzehntelang hat der Heimgegangene daneben als Prediger seiner Gemeinde fungiert und durch seine schlichte, zu Herzen gehende Art oft starke Wirkungen auf seine Hörer ausgeübt, Es war wiederum der Weg des Vaters, den Meier Hildesheimer entschlossen betrat, um ihn zu dehnen und in die Weite zu führen, wenn er über den Kreis der Gemeinde hinaus überall da,, in der jüdischen Welt, wo es zu helfen und zu. leisten galt, seine Kraft mit Freudigkeit einsetzte und seine Begabung in den Dienst aller Bestrebungen stellte,, die innerhalb und außerhalb' Deutschlands der Konzentrationsbewegung und der philantropischen Arbeit der jüdischen Gemeinschaft dienen wollten. So zählten der H i 1 f svereinder deutschen Juden, der C e ntralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, die Zentralwohlfahrtsstelle und unzählige andere kleinere und größere Organisationen Meier Hildesheimer ZU ihren führenden, ihren aktivsten Mitgliedern. Ihm war all das nicht eine Gelegenheit, Ehrenämter auszuüben und Vorstandsfauteuils auszufüllen, sondern überall war er m i t dem ganzen Herzen dabei, anregend und fördernd und vor allen Dingen mit der eigenen. Tat sich einsetzend, um Mittel zu beschaffen und die gesammelten Mittel vom kleinsten Punkt zur höchsten Kraft sich auswirken zu lassen. So ward, er allmählich, wenn der Ausdruck gestattet ist, zum Minister des Auswärtigen der deutschen Orthodoxie. Wo es galt, die gesetzestreuen Kreisezu. irgend welcher Wirksamkeit im Dienste., größerer Unternehmungen heranzuziehen, war es Meier Hildesheimer, an den man sich wandte und bei dem man nur selten mit einer Weigerung" rechnen mußte. So hat er zweifellos in hohem Maße dazu beigetragen, daß die Wunden desschweren Kampfes, den die selbständige Orthodoxie in Preußen zu führen hatte, um sich ihre Unabhängigkeit und ihre geistige Position im jüdischen Gesamtheitsleben zu sichern, bis zu einem gewissen Grade vernarbten und die Fragen der Möglichkeit eines Zusammenwirkens unter Festhaltung der Prinzipien immer wieder neu unbe-: fangen geprüft wurden. Meier Hildesheimer hat sich aber darum doch: Zeit seines Lebens als bewußter Vertreter der religiösen und religiös-politischen Prinzipien seines Vaters gefühlt und die Arbeit innerhalb der orthodoxen jüdischen Organisationen war die Heimat seiner Seele, war das Element, in dem er sich zu Hause fühlte. Als im Jahre 1906 die bisher zumeist auf süddeutsche Kreise beschränkt gewesene ,,Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" die Altersgründung Rabbiner Hirschs ^"ST reorganisiert wurde, war Meier Hildesheimer einer der ersten, der sich in den Dienst des großen Werkes stellte, alle persönlichen Bedenken vergaß und nicht zum wenigsten dazu beitrug, daß es damals gelang, eine fast völlig geschlossene Einheitsfront der gesetzestreuen Kreise Deutschlands herzustellen. Es ist selbstverständlich, daß auch der Ruf . der A g u - d a s J i s r o e 1 in seinem allem Größen aufgeschlossenen Herzen lebendigen. Widerhall fand. Er gehörte von Anbeginn an dem Zentralrat der Weltorganisation an und war viele Jahre hindurch Vorsitzender der Berliner Ortsgruppe. Die Unterschrift, die er unter den Berliner Aufruf, der jetzt von der Agudas Jisroel für das Ende des Jahres 5694 vorbereiteten sogenannten Sekundenaktion setzte, war vielleicht die letzte Segenstat seines reichen Lebens. Die letzten Jahre dieses seines Lebens waren aber vor allem der Institution gewidmet, in die auch sein Vater die ganze Kraft seiner Persönlichkeit jahrzehntelang gesenkt hatte, dem B e rliner Rabbinerseminar, Dieses Institut, das im letzten Jahrzehnt mit den ungeheuersten wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu ringen hatte, . trotz der Schwere der Zeit am Leben zu erhalten, dafür zu sorgen, daß die.Mähner, die sich der wichtigsten Aufgabe der Jüdenheit, der Heranbildung des rabbinischen Nachwuchses widmeten, nicht zu darben und Not zu leiden brauchten, damit sie in froher Kraft in ihrem heiligen Dienste