Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1934)
- Date
- 1934-07-05
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 Nr. 27 Der Israelit 5. Juli 1934 Vermischtes. Empfang für Dr. Meier Hildesheimer. London, 28. Juni. In Anwesenheit vieler hiesiger Rabbiner und unter großer Beteiligung der gesamten A g u d a - und Noar Agudati-Jugend fand am Mittwoch, den 13. Juni unter dem Vorsitz von Rabbi Schönfeld im Garten des Agudaführers Harry A. Goodman ein Empfang statt. Rabbiner Schönfeld begrüßte Dr. Hildesheimer mit herzlichen und tief durchdachten Taurohworten und wies darauf hin, daß er beim Aufbau seiner Schule sich immer das Werk von Dr. H. vor Augen halten werde. Es sprach Rabbi Lew im Auftrage der Londoner Aguda, Rabbi Twerski namens des Londoner Keren Hathauro, Raw Katzenelbogen besonders herzliche Worte im Auftrage der palästinensischen Aguda, Hermann Schwab, früher Halberstadt als Freund und im Namen der anwesenden Londoner Baalebaatim, Herr Kaiser für die internationalen Hilfsorganisationen. Er wies besonders auf die vielen Arbeitsgebiete von Dr. H. hin, niemanden möge er noch so unbedeutend sein, nichts, möge es noch so klein sein, v/ird von ihm zurückgewiesen. Alsdann dankte Dr. Hildesheimer für die vielen Begrüßungen, wies das Lob der Redner zurück, denn er tue nur seine Pflicht und sprach schließlich zu Herzen gehende Mussarworte an alle Anwesenden. Man möge nicht nur an sich denken, sondern auch mithelfen, die Not der anderen Mitmenschen zu lindern. Er wies besonders auf die beiden augenblicklich in London vorgenommenen Aktionen für das Diskin'sehe Waisenhaus in Jerusalem und für den Jischuw Hathora hin. Alsdann sprach Meier Schenkolewski, Berlin, der den Dank der Jugend an Dr. H. für die jederzeit geleistete Hilfe zum Ausdruck brachte und namens der anwesenden Jugend dem Gast jederzeitige Gefolgschaft versprach. Schließlich nahm der Gastgeber, Herr Harry A. Goodman, das Wort. Der Abend gelte nicht nur, so führte er aus, der Person Dr. Hildesheimers, sondern der von ihm vertretenen Weltanschauung, der Welt eines Samoon Raphael Hirsch s. A. und' Esriel Hildesheimer s. A. Um dieser Weltanschauung zu huldigen, sei man zusammen gekommen. Drei Menschen seien nach London gekommen, um Aktionen durchzuführen. Dr. Meier Hildesheimer für das religiöse Schulwerk in Deutschland, Raw Katzenellenbogen für die Erziehung von Waisenkindern in Palästina und Meier Schenkolewski für die Ansiedlung orthodoxer Chaluzim in Palästina. Drei verschiedene Altersstufen, drei verschiedene Menschentypen, drei verschiedene Aufgaben und doch haben alle gemeinsam das eine Ziel: die Verwirklichung des Ideals Tauroh im Derech Erez. Rabbi Schönfeld dankte den Rednern und versicherte, daß dieser Abend noch lange ein Ansporn für die Arbeit ltauwas haklall sein wird. Gedenkfeier für Rabbi Elijahu Awraham Kaplan s. A. in Jerusalem. Jerusalem, 1. Juli. Vor wenigen Tagen jährte sich zum zehnten Male der Todestag von Rabbi Elijahu Awraham Kaplan s. A. Kaplan war einer der hervorragendsten Vertreter traditioneller litauisch-jüdischer Geistigkeit und Religiosität in der letzten Vorkriegsgeneration. Abkömmling berühmter rabbinischer Führerpersönlichkeiten Rußlands, erregte er schon als Kind Aufsehen durch erstaunliches Wissen, Scharfsinn und wissenschaftliche Fähigkeiten. Schon als löjähriger Schüler der großen Jeschiwah zu Telcz galt er bei seinen Lehrern und binnen kurzem auch bei anderen bedeutenden und maßgebenden Gelehrten des Ostens als einer der kommenden „gedolej haddor" (Großen seines Geschlechts.) Bereits als Jüngling war er nicht nur eine anerkannte Autorität auf allen Gebieten traditioneller jüdischer Wissenschaft, sondern vertiefte sich, dem Zuge der Zeit folgend, einerseits in die große russische Literatur, andererseits erschlossen sich ihm hebräische Sprache und Poesie als kulturelle Eigenwerte. Im Gegensatze zu vielen anderen aber blieb Kaplan altjüdischer Frömmigkeit in Lebensführung und Lebensanschauung treu ergeben, und seine~G'ttesfurcht, Menschenliebe, Thorabegeisterung und Bescheidenheit wurden sprichwörtlich unter seinen Lehrern, Freunden und Schülern. In wenigen Jahren erwarb er sich einen Namen als Gelehrter, Lehrer, Schriftsteller und religiöser Führer weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus. Den ihm gemäßen Wirkungskreis aber fand er erst, als er Ende 1921 auf den damals gerade durch das Ableben seines weltberühmten Inhabers verwaisten Lehrstuhl von Prof. Dr. David Hoffmann am Hildesheimer'schen Rabbinerseminar zu Berlin berufen wurde. Bald darauf übernahm er auch die Leitung des hebräischen und hebraistischen Teiles des von dem Senior-Dozenten des Seminars, Dr. Wohlgemuth, herausgegebenen „Jeschurun", des wissenschaftlichen Organs des deutschen gesetzestreuen Judentums. Binnen kurzem sammelte sich um Kaplan in Berlin ein großer Kreis bedeutender Schüler, und er verlieh dem Unterricht und der Forschung in Talmud, Dezisoren und allen Zweigfächern durch seine Persönlichkeit und die Begeisterung, die er zu wecken verstand, ausschlaggebende Bedeutung. Auch außerhalb seiner Lehr- und Forschungsstätte war Kaplan bald der Mittelpunkt eines großen überlieferungstreu-religiösen Kreises vor allem jüngerer deutscher Juden, denen er die geistigen Grundlagen wissenschaftlicher Arbeit vermittelte. Aber schon wenig mehr als zwei Jahre nach dem BeJ ginn seiner segensreichen Tätigkeit in Berlin erlag er im Früjahr 1924, kaum 30 Jahre alt, plötzlich einem überraschenden GrippeanfalL Die größten rabbinischen Führer des Ostens und die Wissenschaft des Judentums im Westen betrauerten gleichermaßen den Heimgang eines ihrer edelsten, reifsten und wertvollsten Vertreter, der berufen schien, in seiner Person dem Gedanken der harmonischen Verbindung altjüdischer Glaubenstreue, lebensnaher Thorakunde und westlicher Geisteskultur von östlicher Geistigkeit her neues Leben zu geben. Am zehnten Jahrzeitstage versammelten sich seine Weggenossen und Schüler in Palästina zu einer schlichten Gedenkfeier, um seine Witwe und seinen 12jährigen Sohn, die schon seit mehreren Jahren in Jerusalem leben. Man sah — ein Zeichen der Umwälzungen der letzten Jahre — zahlreiche Persönlichkeiten, die noch vor kurzem im jüdisch-kulturellen Leben Berlins eine Rolle gespielt hatten. In tief empfundenen hebräischen Nachrufen, die so viel echte Trauer atmeten, als seien nicht 10 Jahre, sondern wenige Wochen seit dem Tode Raw Kaplans vergangen, schilderte Raw . Assaf, ein bedeutender Mitschüler Kaplans in Telcz, jetzt Dozent an der Hebräischen Universität und Geschichtsforscher in Jerusalem, Kaplan in seinem Werdegange und als liebenswerten, lebensvollen und vorbildlichen Kameraden. Oberrabbiner K u k umriß die wissenschaftliche Leistung Kaplans und würdigte die weltweite Wirkung seiner Persönlichkeit. Dr. med. Oskar Wolfsberg gedachte der freundschaftlichen Zusammenarbeit mit Kaplan in der Schriftleitung des „Jeschurun" und des Einflusses von Kaplan auf die durch den Krieg dem Verständnis des Ostens aufgeschlossene und gereifte jüdische Jugend in Deutschland. Rabb. Dr. jur. Erich Esriel Hildesheimer, einer der treuesten Schüler Kaplans am Rabbinerseminar, entwarf ein Bild des Lehrers und Beraters seiner Schüler. Ein russisch-jüdischer Student zeichnete Kaplans Einfluß auf die litauisch-jüdische Nachkriegs- , geenration. Der Kaddisch des Sohnes für den großen Vater beschloß die Gedenkfeier. Tel Awiw, 26. Juni. Ende Siwan wurde hier eine Zeire Agudas Jisroel-Gruppe ins Leben gerufen. Die Gruppe hat zunächst einen Abendschiur für Jugendliche eingerichtet, der in der Gerer Synagoge unter Leitung von Rabbi P. A. Friedmann stattfindet. Wochenkalender. Vom 7. — 14. Juli 1934 / Vom 24. Tammus bis 2. Ab 5694 •>nv tp ennn pana» om yena ib Mauled: Mittw. abenc Samstag 7 24 11 Uhr 551S/18 M. Sonntag 8 25 A Montag! 9 26 ~ib Dienstag Juli 10 n»n 27 r\b Mittwoch 11 28 l* Donnerstag 12 29 ib ]vp nsa av enn Freitag 13 3S 1 r\b Samstag 14 2 üb ■»yoa nioa Die Frankfurter Woche- Trauerkundgebung für Oberrabbiner Dr. Spitzer b"sv Dem Rufe der Agudas Jisroel-Ortsgruppe ist am Sonntag nachmittag eine zahlreiche Gemeinde in die Aula der S. R. Hirsch-Schule gefolgt, um das Andenken des Hamburger Raw zu ehren. Nach einleitenden Worten des Vorsitzenden schilderte Herr Redakteur S. Schachnowitz, was die deutsche Judenheit an Oberrabbiner Spitzer, der auch langjähriger Vorsitzender des Keren Hathora und der deutschen Landesorganisation der Agudas Jisroel wie auch Mitglied im Rabbinischen Rate war, verloren hat. Das Referat beschränkte sich nicht auf die Persönlichkeit und die Biographie des heimgegangenen Rabbiners, sondern ging darüber hinaus auf die Konsequenzen ein, die die deutsche Judenheit heute in trüber Zeit aus dem Heimgang eines Zaddik, Lehrers und großen Menschen nach der Richtung der Tschuwah zu ziehen hätte und woran uns auch insbesondere der 17. Tammus als Beginn der Trauerwochen gemahnt. In einer kurzen Ansprache feierte dann Herr Jacob Rosenheim den großen Halachisten und den treuen Freund und Mitarbeiter, der langsam und nicht ohne Hemmungen, aber dann mit ganzem Herzen und ganzer Seele sich in die Ideologie und Organisation der Agudas Jisroel hineingefunden hatte. Unzugänglich war Oberrabbiner Spitzer für Viele, aber die das Glück hatten, sein persönliches Vertrauen zu gewinnen, mußten immer und immer wieder sein goldenes Herz und fast kindliches Gemüt bewundern. Die Gedenkfeier schloß mit einem TOX-Gebet. Hugo Rothschild y^r. Im Begriff, bei seiner Uebersiedlung nach Holland sich ein neues Feld für seine Tätigkeit zu schaffen, ist Hugo Rothschild, nachdem er am Nachmittag des 25. Juni eine Besprechung mit Freunden im Haag und dann noch seine jüngste Tochter in Harlem besucht hatte, am Bahnhof daselbst infolge Herzschlag, 57jährig, plötzlich verschieden. Als ältester Sohn des in unserer Gemeinde noch in guter Erinnerung lebenden Jsak Rothschild _ b~w> war er der Vertreter einer guten Tradition, die er durch eigene Fortbildung stets zu mehren suchte. Als Rabbiner Breuer b"ST, kurz nach Uebernahme des Rabbinates einen Neben-iV^ für die erna 'bya einrichtete, war Hugo Rothschild einer der ersten, der sich daran beteiligte und er blieb Jahrzehnte ständiger Hörer. Nur die dringendsten Notfälle konnten ihn bestimmen, einem ti5?">E7 fernzubleiben. Seine Liebe zur Gemeinde ließen ihn in verschiedenen ihrer Kommissionen mitarbeiten, insbesondere hat er dem Gemeinderat viele Jahre seine Dienste gewidmet. Nach dem Ableben seines Vaters trat er an dessen Stelle in die Q'mpT p~n und hat darin in steter Bereitschaft heimgegangenen Fremden und Freunden den letzten Liebesdienst erwiesen. So war sein Leben erfüllt von mvs* und ton ni^'m und ein unversiegbares nnoa hat ihn manche Sorge, die auch ihm nicht erspart blieb, leichter ertragen lassen. Dieses vom Vater übernommene Erbe treu zu bewahren, versprach der Sohn, Dr. Jacob Rothschild, bei der miaj?, die am 27. Juni unter Beteiligung zahlreicher Freunde auch aus der alten Heimat in Harlem stattfand. In ehrenden Worten würdigte der Herr Rabbiner und der altehrwürdige Lehrer der Gemeinde den so plötzlich und unter so tra-, gischen Umständen Heimgegangenen und erklärten sich auf Wunsch der Familie bereit, der nun bv rmap stattzugeben. Möge das mar des Heimgegangenen Gattin und Kindern beistehen. n"ax:m Frau Gutta Hirschberg n"3?« Mit Frau Gutta Hirschberg, die wir am Montag morgen auf dem Friedhofe der Israelitischen Religionsgesellschaft zur letzten Ruhe geleiteten, geht eine Mutter in Israel dahin, deren Geist noch in späteren Generationen fortleben wird. Eine Tochter von Rabbiner Seligmann Fromm b'"2i, hatte sie alle Traditionen und alle guten Geister ihres Elternhauses in ihr eigenes Heim an der Seite des unvergeßlichen Moritz Hirschberg 5>"X7, verpflanzt. Im Besitze hoher Bildung und aller Tugenden des jüdischen Weibes, stets im Bewußtsein des von den Eltern ererbten Adels, bewährte sich Frau Hirschberg auch als nwx rrn in schönster und vornehmster Weise, wovon die stark in der Thora verwurzelten Kinder und die im gleichen Geiste heranblühenden Enkelkinder beredetes Zeugnis ablegen. Möge das mar der Mutter den Kindern und Kindeskindern beistehen. An der Bahre würdigte Rabbinatsassessor Dr. Elieser Posen in warmen Worten die Persönlichkeit der Heimgegangenen, rraxw Sitzung der Gemeindevertretung der Israelitischem Gemeinde am 28. Juni. Das neue Beamtenregulativ ist glücklich unter Dach. Sein Haupturheber ist der Rechtskonsulent der Gemeinde, Rechtsanwalt Dr. Geiger. 1914 wurde das erste Regulativ erlassen. Die Gemeindeverfassung von 1920 sprach bereits von einem künftigen neuen. Das neue allgemeine Beamtengesetz und gewisse juridische Bedenken hinsichtlich der noch bestehenden Gültigkeit des alten Regulativs machten eine Neufassung notwendig. Grundlegende Aenderungen enthält sie nicht. Sie umschließt alle Verhältnisse und Belange, die für die Angestellten eines großen geordneten Gemeinwesens in Betracht kommen: von der Anstellung, über Besoldung usw. bis zur Hinterbliebenenfürsorge. Von einer liberalen Seite wird opponiert. Die Zustände der Gegenwart duldeten keine Uebernahme neuer Verpflichtungen, seien sie auch nur moralischer Natur. Rechtsanwalt Dr. Geiger weist darauf hin, daß das Regulativ keine neuen Bindungen von Belang bringe. Weitere Einwände werden nicht erhoben. Das Regulativ wird von der geschlossenen Einheit der Gemeindevertretung gegen die eine liberale Stimme angenommen. — Bewilligt werden: für Religionsunterricht an der Heinemanri- Schule Mk. 8Q6.—, für die Anschaffung eines Kurzwellenapparats für das Krankenhaus Gagernstraße Mk. 2325.—. Hierbei ist die Facilität vorgesehen, daß der Betrag in Raten von je Mk. 200.— gezahlt werden soll. Die in der Gemeinde wirkende Gebefreudigkeit macht sich immer wieder trotz der schweren Zeitläufte geltend. Für den Martin Strauß-Fond spendete Frau Strauß Mk. 500.—, ein Ungenannter durch Justizrat Dr. Baerwald Mk. 1000.— für Wohltätigkeitszwecke. Für das Jüdische Museum, diese Zierde und Sehenswürdigkeit Frankfurts, widmeten als Leihgaben die Herren Leon und Willy Mainz zwei silberne Brautgürtel, Julius Werner ein Mohelbesteck, Frl. Bertha Pappenheim eine Bildersammlung. Die Notstandsküche ersucht um Bewilligung von Mk. 3000,—. Eine Reihe von Gemeindemitgliedern hat auf ihre Zinsen aus Steuerdarlehen in dieser Gesamthöhe verzichtet, es wird die Genehmigung nachgesucht, diese Summe der Notstandsküche zu überantworten. Der Führer der Volkspartei, Herr Heinrich Gerlich, schildert beredt und eindringlich die Bedeutung der Notstandsküche. Sie gibt tag-