Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1934)
- Date
- 1934-07-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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5: Juli 1934 De r Israeli* Nr. 27 Seite 7 Jugend orthodox bleibe, daß sie die Traditionen der Vorfahren unversehrt übernehme und diese ungeschmälert ihren Kindern übermittle. Pester Kultusgemeinde gegen Reform-Bewegung. Budapest, 22. Juni. Anläßlich der Monatskonferenz der Pester Israelitischen Gemeindevertretung wandte sich Präsident Hofrat Samuel Stern in energischen Worten gegen die Reformbewegung, die, wie er erklärte, von Menschen ausgehe, die seit zwanzig Jahren keine Synagoge betreten haben. Die Führer der Reformbewegung, sagte Hofrat Simon, behaupten u. a., die G'ttesdienste dauerten zu lange. Würden wir aber die Predigten der Rabbiner und den Gesang der Vorbeter fortfallen lassen, sagte der Präsident, so würde dies das religiös« Gefühl, die Andacht, beeinträchtigen. Würden wir den Sabbat angreifen, so hieße das, der Bekehrung Tür und Tor öffnen. Zur Besprechung der Lage der ungarischen Judenheit übergehend, bemerkte der Redner, wenn heute äuch eine ruhige Atmosphäre festzustellen sei, so bedeute dies keines- . wegs die Ruhe, die in Friedenszeiten geherrscht hätte.; Man müsse weiter für die Interessen der Glaubens-: gemeinschaft kämpfen. Im weiteren Verlauf der Sitzung wurde angeregt, daß die Liste der Glaubensabtrünnigen ständig veröffentlicht werde. Gegön die Reformbewegung müsse nicht nur das Rabbinat, sondern auch die Presse energisch Stellung nehmen. Polen. Die Rabbinatsfrage in Warschau. Warschau, 2. Juli. Die Rabbinatsfrage in Warschau schreit zweifellos nach einer Regelung... In einer Gemeinde von 350 000 Juden mit starken religiösen Interessen wirken im: Ganzen nur acht offizielle-Rabbiner und Dajanim, während in den viel kleineren Zentren wie Krakau, Lodz und Lemberg ebensoviele oder sogar , noch mehr religiöse Führer ihres Amtes walten. Rela- , tiv hat Warschau das kleinste Budget für religiöse Angelegenheiten im Vergleich zu anderen jüdischen Gemeinden in Polen. Warschau, •. die größte Kehilla Europas, müßte und könnte führend in der jüdischen Welt sein, hätte die Gemeinde das zu dieser Führung nötige Oberhaupt. Kein Wunder eben, daß gerade in orthodoxen Kreisen, die sich sonst gefühlsmäßig gegen jede Reglementierung des religiösen Lebens auflehnen, der Wunsch entstanden ist, eine geeignete Persönlichkeit für das Warschauer Oberrabbinat zu gewinnen, und man glaubt, den geeigneten Führre in dem bekannten Deputierten Rabbiner Aron Lewin in Rzeszow zu sehen. Wie zu erwarten, hat gleich eine starke Opposition auf der linken Seite gegen die Person von Rabbi Lewin eingesetzt. Und da man dem Charakter wie der rabbinischen Bedeutung dieses ragenden Mannes nichts anhaben kann, so ergeht man sich in Allgemeinheiten und versetzt den Kampf auf politisches Gebiet, Es sei aber betont, daß einerseits Rabbi Lewin über sein politisches Wirken hinaus zu den größten rabbinischen Autoritäten unserer Zeit gehört, was er durch eine Reihe tiefer Schriften auf halachischem und1 agadischem Gebiet bewiesen hat. Andererseits war es schon in früheren Zeiten, unter der Wirksamkeit von Rabbi Ber Meiseis, Tradition in Warschau, daß sich dort der Rabbiner nicht in die „vier Ellen der Halacha" zurückzogi sondern sich auch der Klallarbeit widmete. Wie aus einem Artikel von A. B. Eckermannim „Jüdischen Togblatt" zu ersehen ist, ist die Frage jetzt in ein akutes Stadium geraten und man darf hoffen, daß bald die größte jüdische Gemeinde Europas in Oberrabbiner Lewin den rechten Mann am rechten Platze bekommt. Ein sensationeller Erbprozeß gegen die Lodzer Kehilla. Lodz, 25. Juni. Ein sensationeller Erbprozeß, bei dem die Kehilla als Beklagte gilt, hält hier alle Gemüter in Spannung. Ein Philantrop von großer Frömmigkeit, Rabbi Meiir K a r p, hat, da er selber kinderlos war, 1930 sein ganzes Vermögen, Liegenschaften, u. a. auch ein von ■■ ihm gestiftetes . Bes Hamidrasch mit bedeutender Bibliothek, in der Angst, es körinte diese Institution' i in die Hände unreligiöser Verwandten fallen, der Lodzer Kehilla vermacht. In seiner letztwilligen Verfügung wünscht er, daß das Vermögen von einer Kehillakommission verwaltet werde, die aus Agudisten, und wenn nicht möglich, mindestens von streng religiösen Juden bestehen solle, unter denen die Agudisten die Mehrzahl bilden. Nach dem Tode des Erb- Die Woche. Berlin, Nach einer Mitteilung der „Frankfurter Zeitung" wurden in dem Gebiet von Berncastel Flugblätter gegen Einkäufe in jüdischen Geschäften verteilt. Wer bei einem Juden kauft, wird darin als „Volksverräter** dahingestellt, der als solcher in der Oeffentlichkeit gekennzeichnet werden wird, — Die Gesellschaft für jüdische Familienforschung hielt aus Anlaß ihres zehnjährigen Bestehens eine Festsitzung ab, in der Dr, Ismar E1 - bogen einen Vortrag über „Aus dem ersten Jahrtausend jüdischer Siedlung in Deutschland" hielt, Hamburg. Auf dem Grindelfriedhof an der Rentzelstraße wurden 19 Grabsteine umgeworfen und zum Teil zertrümmert- Der Grabstein Gabriel R i e s s e r s wurde mit einer judenfeindlichen Inschrift beschmiert. Die Polizei bemüht sich, bis jetzt leider ohne Erfolg, die Täter ausfindig zu machen. Prag. Bei dem Flugzeugunglück über Karlsbad, bei dem Max Pallenberg den Tod fand, ist auch der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Helsingfors, Moritz Skurnik, ein bekannter Industrieller und Philantrop, tödlich verunglückt, Karlsbad.' Vor der Ueberführung der Leiche des verunglückten Max Pallenberg sowie die des Helsingforser Gemeindevorstehers Moritz Skurnik nach Wien bezw. Helsingfors wurde auf dem Karlsbader jüdischen Friedhof eine ergreifende Trauerfeier abgehalten. Warschau. Durch Verfügung des Warschauer Kreisgerichts wurde das Weitererscheinen des Organs der nationalradikalen Partei „Sztafeta" wegen Gefährdung der öffentlichen Ruhe und Ordnung eingestellt. "Die „Sztafeta", die seit mehr als einem Monat als Tageszeitung erschien, betrieb eine radauantisemitische Propaganda, verbreitete blutrünstige Legenden über die Juden und forderte deren vollständige Entrechtung. — Ein gegen Brith Trumpeldor eingeleitetes Verfahren wegen angeblichen Waffenbesitzes, wurde wieder eingestellt. London. Der Aeltesten-Rat der Londoner Gemeinde spanischer portugiesischer Juden, der ältesten Synagogengemeinde Englands, entsandte eine Grußbotschaft an die Jüdische Gemeinde in Worms aus Anlaß ihrer Neunhundertjahrfeier . Jerusalem. Die Errichtung einer großen Radiosendestation in Jerusalem mit einer Reichweite, die sich über alle Länder erstreckt, ist von der Palästinaregierung geplant. Es sind dazu bereits die nötigen Apparaturen in England bestellt worden. — Der weltberühmte Kliniker an der Berliner Universität, Dr. Bernhard Z o n d e k , hat die Leitung der Hadassahfrauenu klinik in Jerusalem übernommen. Gleich- , zeitig mit ihm übersiedeln seine beiden Brüder, die Internisten Hermann und Samuel Zondek, nach Palästina. — Das B e - r u f u n g s v e r f a h r e n am Appellationsgericht in Sachen des Todesurteiles gegen S t a v s k y wurde für den 16. Juli festgesetzt. — Die Beisetzung der Gebeine P i n s k e r s fand am 24. Juni in Jerusalem statt. Der Trauerzug ging von Tel Awiw aus, wo, ebenso wie in Jerusalem, würdige Trauerfeiern stattfanden. Pinsker gab vor fünfzig Jahren mit seinem bekannten Buche „Autoemanzipation" der Idee der Chowawe Zion den starken Auftrieb. — Die Jerusalemer revisionistische Tageszeitung „Hajarden" wurde wegen scharfer Kritik an dem Todesurteil gegen Stavsky für einen Monat verboten. Man spricht auch von bevorstehender Maßregelung anderer hebräischer Zeitungen. — Eine Gruppe von Rabbinern, die den bekannten Aufruf des Oberrabbinates nicht unterzeichnet. hatten, hat an den High Commissioner ein Gesuch gerichtet, in dem darauf hingewiesen wird, daß das Beweismaterial gegen Stavsky nicht als ausreichend für ein Todesurteil erachtet werden könne. lassers im April 1931, trat die Gemeinde das Erbe an. Seit jener Zeit aber strengen die Verwandten, Brüdersöhne, einen Prozeß beim Kreisgerichte an, mit der Begründung, der Testator habe nicht bei klarer Besinnung seine letztwilligen Bestimmungen getroffen. Der Prozeß ist nun nach langem Hin und Her in einen akuten Zustand getreten. Es stehen Zeugen gegen Zeugen, Aerzte gegen Aerzte. Da einige Zeugen nicht zur Stelle waren, wurde die Verhandlung auf nächste Woche vertagt. - Litauen. Erste Landeskonferenz der Benoth Agudas Jisroel in Litauen. K o w n o , 22. Juni. Am 14. und 15. Tammus fand hier die erste Landeskonferenz der Benoth Agudas Jisroel in Litauen statt. Aus allen Richtungen des Landes waren die Delegierten erschienen und die Konferenz wirkte sich als imposante Kundgebung für die neue orthodoxe Frauenbewegung in Litauen aus. Die neue Leitung besteht aus prominenten Persönlichekiten und ist zu hoffen, daß durch deren Tatkraft und hingebendes Interesse die junge Bewegung hohen Aufschwung nehmen wird. (A. J. P. B.), Der neue Radiner Raw. Radin, 26. Juni. Der älteste Sohn des Chofez Chajim, Rabbi Laib H a k o h e n , ist zum Rabbiner von Radin gewählt worden. Er gilt nicht als Nachfolger des Chofez Chajim, der nie ein Rabbineramt bekleidete, sondern des früher schon heimgegangenen Stadtrabbiners von Radin, Rabbi Mordechai Mirwis. Rabbi Laib war der eifrigste Mithelfer seines Vaters und hat äuch bei der Redaktion und Drucklegung seiner Hauptwerke Chofez Chajim und Mischnah berurah eifrig mitgearbeitet. Die Einführung des neuen Rabbiners ging am Donnerstag, den 1. Tammus unter großen Feierlichkeiten bei freudiger Feststimmung der ganzen Gemeinde vor sich. Besonders herzlich gestaltete sich der Empfang und die -Begrüßung in der Jeschiwa des Chofez Chajim, Rußland. Recht in Sowjetrußland. Moskau, 28- Juni. Verrat ist das schlimmste und gefährlichste Wort in Sowjetrußland. Doch was Verrat ist, weiß keiner. Darüber haben die Behörden und Gerichte zu befinden. Hat ein Bauer irgendwie aus Versehen gegen die kollektivistischen Gesetze der Kommune verstoßen, so ist er ein „Verräter". Hat ein Eisenbahnbeamter irgendwie seinen Dienst vernachlässigt, so ist das „Verrat". Jeder Fabrikarbeiter kann durch das leichteste Vergehen oder Versehen in den Verdacht des „Verrates" kommen. Wehe dem Bürger, der sich etwas Lebensmittel aus einem Sowjetladen verschaffte und sich damit zum „Verräter am Volkswohle" stempelt. Es gibt kein Delikt in Rußland, das nicht unter den Begriff „Verrat" fällt. Nach den neuesten Bestimmungen wird jede Handlung als Verrat bezeichnet, die der militärischen Macht Sowjetrußlands oder seine£ Unabhängigkeit un2Uträglich ist, Das ist reichlich orakelhaft, kommt natürlich erst auf die Interpretationen an. Das Damoklesschwert über den Köpfen der Bürger hat mit dieser neuen Bestimmung noch an Schärfe gewonnen. Streng bestraft wird nach dem neuen Gesetz jedes Familienmitglied, das es unterlassen hätte, verdächtige Angehörige der eigenen Familie der Geheimpolizei anzuzeigen. Das ist die Familienmoral im neuen kommunistischen Rußland. Im Effekt geht es darauf hinaus, daß nächsf.iin bei dem Vergehen eines Menschen seine ganze Cvpe mit zur Rechenschaft gezogen wird. Jeder Verwandte ist ■ der Begünstigung mitschuldig. Seine Ausrede, er habe von der Tat nichts gewußt, wird man kaum gelten lassen. Hat sich jemand in ein fremdes Land begeben, so kommt er in Verdacht, es mit den „Feinden der Sowjetmacht" zu halten und wird als „Verräter" behandelt. So weit ist die proletarische Diktatur in 17 Jahren gekommen, in aller Welt nur Gegner zu wittern und in den eigenen Bürgern Menschen, die den Gegnerndie Hand bieten.