Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1934)
- Date
- 1934-06-21
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 7 Der Israelit 21. Juni 1934 raels geschichtlicher Sendung für die Zukunft zu ermöglichen, was er allerdings und wiederum nur aus weltanschaulichen Gründen für einen einzigen Irrweg hält. In diesem Zusammenhang stellt er die bekannte Entscheidung des Würzburger Rabbiners gegenüber vielfachen Mißverständnissen richtig. Abgesehenvon den Schriften Rabbiner Hirschs ist die Ideologie der selbständigen Orthodoxie wohl nirgends so ausführlich und so klar behandelt worden wie hier. Die Seiten sind getragen von einem hohen Pathos und einer außerordentlichen Wärme. Wir meinen, daß es für jeden und selbst für den politischen Gegner Breuers, ja für diesen erst recht, von höchstem Werte sein muß, hier einmal mit schärfstem Nachdruck an die erhabene Größe dessen erinnert zu werden, was zugestandenermaßen für alle, auch für die Anhänger der Gemeindeorthodoxie, das unvergängliche Ideal bleibt, die restlose Vereinigung unter der Alleinherrschaft der Thora, An die unzähligen „Wenn und Aber", an die nimmer ruhenden Bedenken wird man ohnehin oft genug, ja nur allzuoft erinnert. Da kann es nur begrüßt werden, wenn auch einmal ein Standpunkt kompromißlosen Wahrheitsstrebens, der selbstverständlich nicht umhin kann, für Manche bitter und grausam zu sein, dennoch furchtlos, aufrecht, unverhüllt und ungeschminkt sich aussprechen darf. Wie kann denn sonst die Jugend — und selbst die der Gemeindeorthodoxie — jemals an den Wunschtraum der Zukunft glauben, an das Ideal herangeführt werden, wenn ihr das Ideal nicht mit flammender Begeisterung, mit unüberwindlicher Glaubenskraft vor Augen geführt wird? Jeder Gegner des Verf. muß, wenn er ehrlich das Ideal, für das er kämpft, herbeisehnt und erstrebt, diese Seiten mit dankbarer Genugtuung lesen. Der Eindruck dieser wahrheitstrunkenen feurigen Reden würde ein noch reinerer und packenderer sein, wenn er nicht hier und dort durch eine persönliche, unsachliche Polemik getrübt würde. * Nachdem Alfred Roden seinen festen Standpunkt im bunten Reigen der Gruppen und Grüppchen des deutschen Judentums gefunden hat, geht er daran, seine Grundanschauung immer mehr zu vertiefen und nach allen Richtungen hin zu durchdenken. Es ist unmöglich, im Rahmen einer Besprechung auch nur annähernd die Fülle der aufgeworfenen Fragen, die überraschenden Zusammenhänge und die tiefen, herrlichen Erläuterungen, die sich im zweiten und dritten Teil finden, zu schildern. Das Buch ist im Grunde eine Zusammenfassung der Theorien, die der Verfasser in seinen bisherigen Schriften entwickelt hatte, so daß Vieles dem Kundigen ohne weiteres bekannt ist. Gleichwohl hinterläßt dieses Buch in höherem Maße als die früheren, zumindest in seinen religionsphilosophischen Teilen, nicht>.ctwa den Eindruck eines Abschlusses, sondern weit eher den — eines neuen Anfangs. Dieser Eindruck soll, da er Grundsätzliches betrifft, kurz begründet werden. Es ist ein unbestreitbares Verdienst des Verfassers, daß er das Phänomen, das von ihm als „Metageschichte des jüdischen Volkes" gekennzeichnet wird, in den Mittelpunkt seiner jüdischen Weltanschauung gerückt und zum Angelpunkt des jüdischen Denkens überhaupt gestaltet. Hier lag wohl für den Verfasser die tiefere Ursache, sein Werk mit dem Namen des gleichgerichteten Kusari des Jehuda Halevy zu schmücken. Dem geschichtlichen Phänomen Israels sollte in der Tat eine weit größere Beachtung geschenkt werden. Es ist der Schlüssel zur Wesenserkenntnis unseres Volkes in der Totalität seiner Lebensäußerungen. Das Werk hätte seinen Zweck erfüllt, wenn es das geschichtliche Denken zu neuen Impulsen wecken würde. Geleitet von diesem obersten Gesichtspunkt betrachtet Breuer nunmehr die Vielheit der Erscheinungen im jüdischen Leben der Gegenwart. Allein die Zusammenhänge, die er in den Einzelheiten aufdeckt, bieten eine seltsame Verbin- | dung der Weltanschauung Rabbiner Hirschs mit Fragmenten der Kabbala und Elementen der Kant'schen und Schopenhauer'schen Philosophie. Es ist nicht sonderlich zu verwundern, wenn diese Verbindung von heterogenen Bestandteilen häufig es ermöglicht, ganz neue tiefreichende Beziehungen aufzuhellen, die bis dahin kaum zugänglich waren, wenigstens für den, der lediglich in der Hirsch'schen Weltanschauung befangen war. Aber es besteht dafür andererseits die Gefahr, daß Grundanschauungen zusammengefügt werden, die doch nicht einheitlich zusammenstimmen können. Es scheint uns z. B., daß das gesamte kabbalistische System in methodischer Hinsicht weit weniger Beziehungen zum Antinomismus der Kant'schen Philosophie besitzt als vielmehr, wenn schon zünftige Philosophie dabei sein muß, zur dialektischen Methode, wie sie in dem von Hegel geschaffenen Typus von These, Antithese und Synthese vorliegt. So war es unvermeidlich, daß die befreiende Klarheit in den schwierigsten erkenntnistheoretischen Partien, an der Stelle eine starke Einbuße erlitt, wo die Kant'schen Antinomien mit der Dreiheit von Neschamah, Ruach und Nefesch in Uebereinstimmung gebracht werden sollten. Das Spannungsverhältnis, das eine vernünftige Weltbetrachtung nie übersehen kann, wird auch im kabbalistischen System bejaht, doch, wie uns scheinen will, in ganz anderer Weise, als der Verfasser dies darzulegen versucht. Gewiß, es ist zuzugeben, daß ein Wahrheitssucher, der von außen kommt, erst außerjüdische Systeme wird — erproben müssen. ,,Will man wissen, wo reines Menschentum im Judentum mündet, so mag man — Kant studieren" (S. 359). Dann aber, für den Aufbau der jüdischen Weltanschauung, ist Kant abzulegen. Man kennt die ungeheuren Schwierigkeiten, die sich für die jüdische Gedankenwelt aus einer fremden Terminologie ergeben, um wieviel mehr müssen die Bausteine dieser Gedankenwelt aus einer jüdischen Quelle entnommen sein. Die imponierende Geschlossenheit eines Weltbildes muß darunter leiden, wenn verschiedenartige Elemente ihre aufbauenden Bestandteile bilden. Die Weltanschauung muß aus einem einzigen Guß geformt sein, muß als Ganzes aus einer leitenden Idee organisch hervorwachsen. Aus den Ausführungen des Verfassers geht aber unzweideutig hervor, daß er die diversen Elemente der Kabbala, sowie die Denkformen der Philosophie nicht als Objekte der Auseinandersetzung gewertet wissen will, sondern als organische Teile seiner eigenen Philosophie des Judentums. Das Bemerkenswerteste in dieser Entwicklung ist, daß der Verfasser, ganz und gar in der Gedankenwelt Rabbiner ' Hirschs verwurzelt, nun doch schließlich bei der Kabbala landet. Das gibt zu denken. Diese Entwicklung erscheint auch uns zwangsläufig, notwendig, und nur freudig zu begrüßen. Es gibt keine schlagendere Bestätigung für die Wahrheit der von Rabbiner Hirsch vertretenen Erkenntnisse als das Einmünden seiner in logischer Fortentwicklung zu Ende gedachten Anschauung in jenem Wissensschatz, der von den Größten Israels als heiligstes Gut gehütet und gepflegt worden ist. Nur glauben wir, daß es geradezu eine Unmöglichkeit ist, die Kabbala entwickeln zu wollen und dabei beständig zum Schrifttum Rabbiner Hirschs hinüberzuschielen. Man muß sich schon entschließen, sofern man auf eine innerlich geschlossene Darstellung Wert legt, sich mit beiden Füßen hineinzustellen und nicht, wie es der Verfasser tut, Hirsch zur Grundlage zu nehmen und an ihm die Kabbala zu demonstrieren, sondern umgekehrt die Kabbala als die Grundlage zu betrachten und sie mit Hilfe der genialen Forschungsmethode Rabb. Hirschs unserem Verständnis zu erschließen. Jeder andere Versuch bleibt mit innerer Notwendigkeit ein Torso und muß, solange ihm die einheitliche Geschlossenheit mangelt, seiner erzieherischen Wirkung verlustig gehen. Das vorliegende Werk läßt aber bereits ahnen, daß der Verfasser den erfreulicherweise einmal eingeschlagenen Weg zu Ende gehen wird und daß uns seine Feder in das Wesen der Kabbala noch tiefer einführen wird. Wir versprechen uns hiervon Großes für die weitere Entwicklung des deutschen Judentums. Denn die Entwicklung drängt unzweifelhaft und trotz allem darauf hin, daß die notwendig gewordene geistige Erneuerung und Verjüngung der deutschen Orthodoxie aus einer anderen Quelle kommen wird als aus dem Geistesgut Rabb. Hirschs. Nicht nur die neue, auch die ältere Generation hat die innere Beziehung zu dem von Rabb. Hirsch verherrlichten deutschen Kulturgut vielfach verloren. Solche innerliche Verluste sind nun einmal unwiederbringlich. Und zudem lechzt unsere Zeit nach einer Weltauffassung, die in allererster Linie einen seelischen Halt zu geben vermag, die uns innerlich aufrichtet und tröstet und erhebt, nicht aber wesentlich die Vernunft befriedigt. Denn es bleibt dabei, trotz der Abwehr des Verfassers (S. 226), daß das System Rabb. Hirschs ein ausgesprochen rationalistisches ist. Freilich sind seine Erläuterungen von einer ergreifenden Wärme und Innigkeit getragen, aber das gesamte Verständnis der Mizwoth, also das praktische Judesein, ist nach Hirsch ausschließlich durch das Medium des Intellektes begreifbar. Die Mizwoth sind bei ihm vorwiegend Angelegenheit des Nachdenkens, nicht des Miterlebens. Wir gehören zu den letzten, die das unermeßliche Verdienst Rabb. Hirschs nur im mindesten geschmälert sehen möchten, allein wir glauben, daß wir besser als der Verfasser in seinem Sinne handeln, wenn wir dafür eintreten, daß zur-rechten Zeit der alte Inhalt in eine neue Form gegossen wird. Eine frische unverbrauchte Form, die ihre gewaltige Anziehungskraft auf die Gemüter ausüben wird, eine Form, die ihre Umrisse nur aus den Tiefen der kabbalistischen Weltanschauung schöpfen kann. Wir sind bei dieser Betrachtung etwas länger verweilt, weil sie uns in ihren Folgerungen unmittelbar zum letzten Punkt führt, worin das ganze Buch gipfelt. Das ist die Verkündung des neuen Programms, das sich als „Thedaismus" bezeichnet, nach den Anfangsbuchstaben seiner Devise: Thora im Derech Erez Israel. Der Verfasser sieht die Lösung des Judenproblems in der Errichtung der unter G'ttes Herrschaft lebenden Gemeinde Israels im heiligen Lande. Ihre Kulturform soll dem Thora im Derech Erez-Prinzip Rabb. Hirschs entsprechen. Nach allem Obigen braucht kaum gesagt zu werden, daß wir dieser letzten Forderung in keiner Weise zuzustimmen vermögen. So reichen Segen dieses Programm auch unzweifelhaft für uns deutsche Juden gebracht hat," so ist doch in keiner Weise einzusehen, warum es nun besser sein soll als die von den Thoragrößen anderer Länder vertretene Bildungsform und warum unbedingt alle Juden der Welt an dieser Abart des deutschen Wesens genesen müssen. Breuer legt diesem Prinzip eine Universalität der Bildung unter, die weder durch Hirschs Auffassung noch durch die Praxis gerechtfertigt erscheint. Wir erstreben eine aus der Universalität reinjüdischer Bildung hervorgehende Kultur, zumal die rein religionsgesetzlichen Voraussetzungen jenes Hirsch'schen Prinzips trotz allem immer noch problematisch erscheinen. Das heilige Land soll eine heilige Kultur empfangen. Unsere Erziehungserfolge berechtigen uns nicht, die Prinzipien dieser Erziehung den Juden anderer Länder aufzuzwingen. Das letzte Wort in die- . ser Frage müssen die Thorafürsten des Heiligen Landes haben. — — — Was wir an Bedenken im Vorstehenden ausgesprochen haben, ist aus dem Bestreben hervorgegangen, die vom Verf. gewiß angestrebte Diskussion über seine Ansichten in Fluß zu bringen. Gerade diese Vorbehalte zeigen, welche Fülle von Anregung und wieviel fruchtbares Gedankengut dieses Buch enthält. Es kann nicht ohne größten Gewinn gelesen werden, ohne stärkste und nachhaltigste geistige und seelische Förderung. Der neue Kusari ist berufen, in bedeutendem Maße zur Vertiefung unserer jüdischen Weltanschauung beizutragen.