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Der Israelit · 1934-06-07 · Heft 23 (7.6.1934) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 23 (7.6.1934)
Date
1934-06-07
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 23 1934 In Todesgefahr, Aus dem Russischen des L. Lewando frei übersetzt von Nathan Samuely. (Schluß.) Als der Fürst am nächsten Tage zurückkehrte, war er nicht wenig bestürzt, die jJuden, ihre Vorsteher und Rabbiner an der Spitze, zu sehen, die ihn mit lautem Gesang und mit dem Rufe: „Hoch lebe unser Fürst!" beim Stadttore empfingen. „Was ist das?", fuhr der Fürst wütend auf. „He, Reitan! Hat er meinen Befehl so ausgeführt?" „Ich habe alles befolgt, allergnädigster Herr," beteuerte der Marschall. Länger als eine halbe Stunde habe ich auf die Menge von den Schanzen herunterschießen lassen — bei G'tt sei es geschworen!" „Ja, ich muß es glauben, denn ich habe auf meinem Gute das Donnern der Kanonen vernommen. Aber wieso sind sie am Leben geblieben? Sind diese Verhexten auch gegen Kanonen gefeit?" „Nein, allergnädigster Herr, die Kanonen haben ihre Wirkung nicht verfehlt, denn ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie sie einer nach dem andern niederfielen, gleich Aehren unter der Sense. Kein einziger blieb aufrecht, aber—" „Nun, was aber?", unterbrach ihn der Fürst mit irreb tickenden Augen. „Ais ich unsere Knechte später mit mehreren Wagen auf den Platz schickte, tun die Leichen aufzuladen und zu beerdigen, fanden sie keine einzige Leiche, denn nachdem man zu schießen aufgehört, hätten sie sich alle erhoben und waren, ohne ein Wort zu sprechen, nach Hause gegangen, als wäre gar nichts geschehen." „Was hören meine Ohren?" schrie der Fürst, am ganzen Leibe zitternd, indem er sich ein über das andere Mal bekreuzigte, „bei G'tt, das geht nicht mit natürlichen Dingen zu, diese Verd . . . stehen mit dem Satan im Bunde!" Das Wort erstarb auf seinen Lippen, Leichenblässe bedeckte seine verzerrten Züge und die Augen starrten in die Leere, Von Zeit zu Zeit erhob er sich von seinem Sitze, riß an seinem Schnurrbarte, griff mit den Händen nach dem Halse, um den es sich, wie er glaubte, immer enger zusammenschnürte, versuchte zu hüsteln und holte tief Atem. Endlich raffte er seinen Mut zusammen, sprang vom Wagen, entriß einem Heiducken seinen Kantschuk und wollte auf die Juden losstürzen, aber als er in ihre Nähe kam, hielt ihn eine unsägliche Angst zurück und er wankte, so daß der Marschall herbeieilen mußte, um ihn zu stützen, damit er nicht umsinke . . . „Um G'tteswillen bringt mich nur schnell zum Geistlichen," stöhnte der Fürst, nachdem er in seinen Wagen zurückgebracht war. „Man soll schnell mit den Kirchenfahnen und Heiligenbildern, mit Monstranz und Weihwasser herkommen, damit der böse Geist -wieder verschwinde!" Der Wagen des Fürsten flog pfeilschnell zum Hause des Geistlichen. Dieser hörte den Rasenden voll Seelenruhe, ohne auch nur mit den Wimpern zu zucken, an, und als er zu Ende war, erwiderte er ruhig und gemessen; „Wenn das Eure Durchlaucht in Staunen setzt, so muß ich sagen, daß es mich nicht einmal wundert, weil mir das alles nicht mehr neu ist!" „Was, geistlicher Herr?", rief der, Fürst. „Was sagen Sie? Daß Tote auferstehen, istkein Wunder? Da sträubt sich einem ja das Haar!" „Hm . . . Tote", lächelte der Geistliche. „In Ihrer Angst haben Sie nicht darauf Acht gegeben, was für Tote Sie gesehen haben. — Waren es die Juden oder andere Leute?" „Lauter Juden — meine Juden. Und was ist der Unterschied?" „Freilich besteht ein Unterschied, und Eure Durchlaucht wissen das nicht?" „Nein, ich weiß gar nichts, geistlicher Herr!" Brennend vor Neugierde, das Geheimnis zu erfahren, schob der Fürst seinen Stuhl hart an den des Geistlicher heran und lauschte mit gespannten Ohren ... „Es verhält sich so," begann der Dompfarrer. „Die Juden sind seit vielen, vielen Jahren aus ihrer Heimat verbannt, über die ganze Welt zerstreut und sollen dereinst wieder in ihr Land zurückkehren. Um jene Zeit werden die Gebeine ihrer Toten aus den Gräbern auferstehen und im Tale Josaphat von G'tt wegen ihrer Sünden gerichtet werden. Das wird das Los derjenigen sein, die eines natürlichen Todes gestorben sind; alle diejenigen aber, die gewaltsam durch Menschenhand gemordet wurden, werden selig in ihren Gräbern ruhen und statt ihrer werden ihre Mörder vor Gericht stehen und auch für ihre Sünden bestraft werden. Nun, da G'tt sich Ihrer Seele, Durchlaucht, erbarmt hat, weil er diese vor anderen bevorzugte, ließ er es nicht zu, daß Ihre Seele die Sünden aller jener Gemordeten in der Hölle sühnen soll, und hat deshalb die niedergeschossenen Juden wieder aufleben lassen', damit dieselben dereinst für ihre Sünden selbst Rechenschaft ablegen, Sie aber ohne alle Hindernisse geradeswegs ins Paradies einziehen!" . . . „Nun, wenn dem so ist!" rief der Fürst mit freudigem Beben, „dann sollen meine Juden leben, so lange ihnen lieb ist; ich will sie nicht weiter darin stören . . . Fällt mir ja nicht im Traume ein, nach dem Tode für ihre Sünden im Fegefeuer zu braten, ich habe an meinen Sünden gerade genug. Wirklich, ehrwürdiger Herr, ich weiß nicht, wodurch ich so viele Gnade G'ttes verdient habe. — He, Marschallek, kommen Sie mal her!" Der Gerufene erschien und blickte den Geistlichen fragend an, dessen Miene jedoch gar nichts verriet, so daß er in Angst geriet und für sein Leben fürchtete, aber als er nun seinen Blick zum Fürsten erhob und dessen Antlitz in Milde verklärt sah, fühlte er sich wieder ganz beruhigt ... „Nun, pane cochanku," fragte der Fürst, indem er ihm beide Hände auf die Schultern legte, „leben meine Juden?" „Ja, sie leben, wie Eure Gnaden sich mit eigenen Augen überzeugt haben!" „Alle? Fehlt keiner von ihnen?"- „Ich glaube, sie leben Alle!" „Sie glauben? . . . Solche Antworten, pane cochanku, habe ich nicht gerne," fuhr der Fürst auf, indem er den Marschall unwillig von sich stieß. „Ich frage Sie nicht, was Sie glauben, sondern will eine klare und bestimmte Antwort haben, ob sie all e leben. Er bürgt mir mit seinem Kopfe dafür, daß kein einziger Jude fehlt. Sollte ich erfahren, daß einem von ihnen auch nur ein Haar gekrümmt ist, dann werde ich ihn züchtigen!" Der Marschall konnte nun mit gutem Gewissen seinem Herrn versichern, daß sie alle lebten, daß keinem einzigen Juden auch nur ein Haar gekrümmt wurde. Wie von einem bösen Traume erwachte der Fürst, glücklich, daß das alles nur Traum war, daß das Blutmeer, durch das er gewatet war, von ihm selbst angerichtet, ja nur' Schein war. Sein Wille war ausgeführt und seine Hände blieben rein. Noch einmal besuchte er den Dompfarrer und verband mit der Beichte Dank an den klugen Kirchenvater, der mit der Kraft des Glaubens so verstanden hatte, alles aufs Beste zu lenken. Und die Festlichkeiten, die nun im Städtchen einsetzten und Wochen, ja Monate andauerten, brachten den Juden Brot und mehr als das. Die Edelleute, als hätten sie bei den Juden etwas gut zu machen, waren nicht kleinlich, sorgten, daß die Warenregale bei den Kaufleuten und die Fässer bei den jüdischen Wirten sich bald leerten und immer von neuem aufgefüllt werden , mußten, und der Fürst zahlte alles gern und willig mit vollen Händen. Am zehnten Aw hatte das Städtchen für alle Zeiten ein lokales Fest, einen kleinen Purim angesetzt, an dem besonders die Kinder mit Rasseln und kleinen Kindergewehren recht viel Radau machten, um den leeren Kanonendonner von damals zu markieren. Solange Rabbi Schachno und der Dompfarrer lebten, waren sie an diesem Tage Gegenstand vieler Huldigungen in der jüdischen Gemeinde. An den Fürsten selbst durften sie mit ihren Ovationen nicht herankommen. Sein Wille war ja geschehen, weshalb und wozu Dank? Es sind hundertfünfzig Jahre seit dieser Begebenheit vergangen, in denen Polen manche Umwälzung durchgemacht hat, bis zur glücklichen Wiedererringung der staatlichen Selbständigkeit von heute. Fürsten mit wilden Cäsarenlaunen gibt es dort längst nicht mehr, die Gerechtigkeit der Edelleute und die Güte der Kirchenfürsten sind geblieben, so daß man hoffen darf, daß sie sich auch schließlich gegen mancherlei Strömungen im Lande und im unteren Volke von heute durchsetzen werden. Polen kann auf eine gute Tradition in dieser Hinsicht zurückblicken. Kinderecke. Gebet im Walde. Von Siegfried Geller. Wir beten mehrere Male am Tage; Schacharis, Minchoh und Maariw. Aber ihr werdet schon gefühlt haben, daß man mit richtiger Andacht, mit Kawonoh, oft nur dann beten kann, wenn man zusammen mit der Gemeinschaft, mit dem Zibbur betet. Diesen Zibbur haben wir zunächst einmal in der Synagoge. Aber man wird beispielsweise bei Ausflügen oder Fahrten nur sehr selten Gelegenheit haben, in einer Synagoge seine Gebete zu verrichten; deshalb wird man, sobald eine Gemeinschaft von mindestens zehn männlichen Personen, die über 13 Jahre alt sind, einen eigenen Zibbur bilden, auch draußen im Freien in Gemeinschaft beten. So hatten wir das auch neulich auf einer Fahrt gemacht; und das war ein ganz besonderes Erlebnis für uns. £s war ein herrlicher Maientag. Wir waren den ganzen Tag über gewandert, hatten gespielt und gesungen, bis es allmählich dunkel wurde, und man das Minchoh-Maariw-Gebet verrichten mußte. Wir waren in einem tiefen, tiefen Walde. Die letzten goldenen Strahlen der Sonne waren längst weit hinten am Horizont verschwunden, die Luft war erfüllt von dem lieblich duftenden Harz der Birker*, und von fern her hörte man ab und zu den eintönigen, monotonen Kuckucksruf.

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