Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1934-05-31 · Heft 22 (31.5.1934) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 22 (31.5.1934)
Date
1934-05-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450807-2450828--80452-2538285
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Frankfurt a. M. 31. Mai 1934 17, Siwan 5694 Nummer 22 Zentralraissitziing1 der Agudas Jisroel. Warschau, 29. Mai. Die Zentralratssitzung der Agudas Jisroel-Weltorganisation wurde Montag abend im großen Konferenzsaal der Agudas Jisroel, Jerstastr. 22, unter starker Beteiligung durch den Abg. Oberrabbiner Ahron Lewin eröffnet. Schon am Samstag und Sonntag' herrschte Feiertagsstimmung und fieberhafte Erwartung in den agudistischen Büros und in den Bet- und Vereinshäusern, wo die Aguda ihre Heime hat. Während des ganzen Sonntags hielten die verschiedenen Instanzen der Agudas Jisroel ihre Vorberatungen ab. Die erste feierliche Eröffnungssitzung am Montag abend brachte nach herrlichen und herzlichen Eröffnungsreden und Begrüßungen einen Rechenschaftsbericht über die Lage der Agudabewegung in der Welt. Am Dienstag morgen setzte die Arbeit mit der Beratung über die auf der Tagesordnung stehenden Fragen, wie den Plan eines Weltkongresses, die Tätigkeit des Flüchtlingskommissars, Hilfe für die russischen Juden, Chinuch-Fragen, Keren Hathora und B e s J a k o w-A ngelegenheiten ein. Der Mittwoch soll ganz Erez Jisroel gehören, wobei insbesondere die A 1 i j a h , die Frage des Oberrabbinates und Hachscharahfragen zur Sprache kommen. Die geistigen Führer der Orthodoxie, die als Gäste hier weilen und im Laufe des Montags hier eingetroffen sind, fanden einen überaus herzlichen Empfang. In einer öffentlichen Versammlung an einem der kommenden Abende werden sie Gelegenheit haben, zu den Massen zu sprechen. Für diese öffentliche Versammlung werden umfassende Vorbereitungen getroffen. Beschlüsse des Zentralrates der Agudas Jisroel. (Privattelegramm.) Warschau, 31. Mai. Der neugewählte Zentralrat setzt sich aus fünfzig Delegierten aus zehn Ländern zusammen. Das Budget ist durch die Landesorganisationen der Agudas Jisroel gesichert. Es wurde ferner beschlossen, die Gründung eines Lehrerseminars in Warschau und die Erweiterung des Bes Jakauw-Schulwerkes. Eine Kommsision wurde mit der Steigerung der Taharas Hamischpochoh betraut. Zum Vertreter im Beirat des Flüchtlingskomitee unter Leitung des Hochkommissar Macdonald wurde Goodman, London, genannt. Der Zentralrat nahm Stellung gegen den geplanten jüdischen Weltkongreß und faßte eine Resolution gegen denselben. Das größte Interesse erweckt die Erez Jisro el- Debatte , die im Momente noch lebhaft im Gange ist. Aus dem Inhalt: Die Umwälzungen in Lettland .Seite 2 Urteile in einem polnischen Ritualmordprozeß ......Seite 2 Politische Neuordnung in Bulgarien Seite 2 Sowjetfeldzug gegen Synagogen . . Seite 2 Thomas Masaryk.........Seite 4 Auch Du bist berufen. Appell an die Frauen. Von Eugenie Wertheim. . . Seite 4 Ein Jahr deutscher Alijah. Von M; Lewinsky.......Seite 6 Ueber Proteststreik und Unruhen in Tel Awiw.....Seite 3 und 11 Erez Jisroel-Kundgebung in Berlin Seite 7 Ueberführung deutsch-jüdischer- Kinder nach Palästina........Seite 8 Rituaimordmärchen vor einem Wiener * Gericht ............Seite 9 Ausschreitungen in Polen . Seite 9 und 10 Der Arlosoroff-Prozeß .....Seite 11 Beratung über das Schächtproblem. Berlin, 24. Mai. In Fortsetzung früherer gemeinschaftlicher Sitzungen hat am 23. Mai eine Sitzung der Vertreter der „Vereinigung traditionell gesetzestreuer Rabbiner Deutschlands" und des „Orthodoxen Rabbinerverbarides" in Berlin stattgefunden, um den Stand der Fleischversorgung, insbesondere der Untersuchungen in der Schächtsache und den Plan für die Weiterarbeiten zu prüfen. In ausführlichen Verhandlungen wurde festgestellt, daß die bisherigen Ergebnisse bezüglich der Betäubungsfrage keine abschließende Maßnahme nach der positiven oder negativen Seitegestatten. Es wurde beschlossen, die Arbeit auf technischem, wissenschaftlichem und religionsgesetzlichem Gebiet weiterhin mit Nachdruck zu betreiben, um frühmöglichst eine halachische Entscheidung herbeizuführen. Mancherlei Momente sind es, die der lange Zeit in den Hintergrund getretenen Preisfrage, ob die Juden in den Ländern der Diaspora eine nationale oder eine konfessionelle Minderheit sind, heute wieder eine starke Aktualität verleihen und Stellungnahme fordern. Im Verfolg der durch die nationale Umwälzung herbeigeführten Erschütterung der ganzen rechtlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Position der deutschen Juden hat es sich gezeigt, daß das kleine Häuflein oberschlesischer Juden durch die unter Völkerbund-Garantie stehenden Minderheiten-Schutz-Klausel in den Friedensverträgen in der Tat als geschützt sich erwies, und daß die deutsche Regierung ohne Zögern für eine loyale Durchführung dieses international gewährleisteten Rechtsschutzes zu Gunsten dieser Gruppe der deutschen Juden Sorge trug. Es konnte nicht ausbleiben, daß diese Erfahrung manchem, der bisher sowohl der politischen Theorie vom Schutz der nationalen Minderheiten als solcher, wie insbesondere der internationalen Verankerung dieses Schutzes hinsichtlich der Juden ablehnend gegenüberstand, in seinen Anschauungen wankend machte und der Einordnung der Juden in das Schema der „nationalen Minderheiten" nicht nur im Osten neue Freunde werben mußte. Dabei blieb allerdings ein Doppeltes unbeachtet. Einmal, daß im Falle Oberschlesiens wegen der für die beteiligte Großmacht sowohl numerisch als moralisch höchst unbedeutenden Rolle der geschützten Bevölkerungsgruppe ein Schulbeispiel für die Wirksamkeit der Schutzklauseln auf die Politik der von ihr betroffenen Staaten im Großen überhaupt nicht gegeben ist. Hier ist einfach nach dem Grundsatz „minima non curat praetor" verfahren worden. Zweitens, daß grundsätzlich eben so gut wie ein nationaler, auch ein rein konfessioneller Minderheitenschutz in internationalen Verträgen möglich (wenn auch nicht sehr naheliegend) wäre, so daß also die Bejahung eines wünschenswerten internationalen Schutzes noch keine Notwendigkeit in sich schlösse, die Konstituierung jüdischer Diaspora-Gemeinschaften nun gerade auf nationaler Grundlage zu fordern. Daß dagegen die ganze Ideologie des nationalsozialistischen Staates mit ihrer Betonung des rassisch-nationalen Elementes und ihrem besonders starken Ressentiment gegen die historisch gegebene nichtdeutsche Abstammung der Juden sehr stark dazu drängt, lediglich diese Abstammung, also das nationale Moment, zur Grundlage einer gesetzlichen Konstituierung der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland zu machen, kann nicht bestritten werden. (Forts. S. 3.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.