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Der Israelit · 1934-05-17 · Heft 20 (17.5.1934) · page 24

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 20 (17.5.1934)
Date
1934-05-17
Page
– (sequence 24)
Language
German
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Seite 4 Nr. 20 Der Israelit 17. Mai. 1934 Und hört nicht auf — Blitz auf Donner, Donner auf Blitz, Des Schofars Stimme bricht tönend ein in Sturmgebraus! Ein Schrecken und Geschrei im Volk, man flieht, sucht sich zu retten, Der Boden wankt unter den Füßen, Die Zelte ringsherum zerflattern, Und über den Köpfen Flammen und Donner. Und wandten sie im Fliehen das Gesicht — Sieh da, der Berg ein Feuerbrand, voll Rauch erzitternd, Des Rauches Säule stechend steigt empor, die Feuergarben flammen hoch, verschlungen ineinand' ohn' Unterbrechen, Sich beide mischend in den Höhen, nach allen Seiten sich verbreitend, Den Horizont erfüllend, der Sonne Glanz verjagend und verdunkelnd. Da an ihrer Statt steigt auf ein nie gesehner hoher; Glanz, Das Auge blendend, leuchtend, aufwärts schwebend, Die Majestät des G'ttesglanzes! Das Volk fliegt bebend hin und her und schwankt , wie Gras im Winde Vor G'ttes Allgewalt. Die Donner werden stärker, brechen durch, voll Grimm,; . Hin in die trunkne Weite. Schwer hängt der Rauch am Berge, 's ist Tag und Nacht zugleich, die Sterne werden sichtbar Und das Getös des Schofars, es wird immer stärker. — Und eine Stimme tönt: kommt her! Welch mächtige Stimme, weithin hörbar! Mosche ruft. — Wo ist er? Bald hier, bald dort, im Rauchgewölk erscheint Sein wall'nder weißer Bart, Sein Auge dringt durch's Ungewitter überall hin, und seine Stimme packt den Einzelnen, Gießt Ruhe ihm ins Herz, zieht ihn mit Kraft und Freundlichkeit Zur Sohle hin des Bergs — Nun steht das Volk, das ganze Volk so wie ein Mann, am Fuß des Sinai Vor G'tt ... Und das Getös am Berg wird stark und stärker, furchtbar dröhnend, Es stockt der Atem allem Volk, Der Himmel öffnet sich wie berstend, feuerverbrannt, vom Rauch verzehrt — Da plötzlich, mitten in dem Sturm, kommt eine mächt'ge reine Stimme, den Sturm verschlingend, Kommt nieder von der Himmel Himmeln. Nach allen Weltenenden und der Meere Grenzen bricht sie durch, Die G'ttesstimme aus dem Jenseits: Anochi — — — + * Kein Lufthauch atmet, kein Blatt raschelt, kein Vogel zirpt. Des Wassers Gefälle, wie geronnen; still steht die wellige Strömung. Es hängt der Hirsch über der Tiefe mitten im Lauf; der Jäger Läßt vom gespannten Bogen den Pfeil nicht, den bereiten, schwirren, Wie Eis die Fluten, die Fische wie starr im Herz der Tiefen, Einhält des Himmels Heer die Bahn; die Engel selbst Senken in heil'gem Schweigen und in G'ttesfurcht die Schwingen. Und in der Ferne, im Innern mächtiger Paläste, das gold'ne Szepter in der Hand, Da sitzen Könige zitternden Blicks, sitzen die Weisen Mit Angstgesichtern, verwirrt, beim Schall der Donner des Allmächt'gen, Aus unbekannter Welt, aus heiterklarem Tageshimmel kommend. Abbricht das Lied und. der Posaunen Schall in allen Tempeln, An Opfern betende Priester lassen die Hände sinken, Die Menge auf den Knien erschauert, blickt wie von Sinnen Vor jenen Stimmen ungekannter Art. In tieisten Tiefen: , Die Geister der Verneinung und Verzweiflung, Satan Und sein Heer,, verkriechen sich Im Dunkel unten tief} unW des Chaos Blöcken dort, den ewig toten, Verschwinden sie^ um nichts zu sehn, zu hören., E i n Volk allein stand aufrecht, getaucht in Glanz des Jenseits, gehüllt in Flammen Der Urzeit-blitze, und seine Seele, Unruh erschüt- , tert zwischen Blitzen, , [ ' ]',,7'_ Will ihm entfliehn und kehrt zurück' in Angst und ew'ger Wonne, Es stand vor G'ttes Berg, dem feuerglüh'nden,j, Rauch-zerfloss'nen Hört G'ttes Wort, des Weltenschöpfers und — Erhalters, Saugt in Erzittern in sich Kunde, himmelstürmend, Die das Geheimnis des En-Ssof entziffern, Paradiesesdüfte Mit sich tragen und Gesichte, die noch kein Auge je ertrug, Anzeichen einer neuen Schöpfung und eines neuen Lebens auf der Erde — Es bebt: zurück das Volk, in Demut vor solch großer Liebe . . . Nun schweigt die G'ttesstimme, nur ihr Echo gellt noch in die Weiten. Da schaut das Volk, ein jeder sich zum Bruder um, und sieh, sie alle leben, Sie stehen da gleich Himmelspriestern, von Königen ein Volk, Kronen voll Glanz auf ihrem Haupt, und in den Herzen eine Himmelsflamme; Das G'tteswort, der von Angesicht mit ihnen sprach zu Angesicht, Und also sie geweiht zum Bundesvolk . . . Das ist die ew'ge Flamme, Die. von den Höhen Zions brannte bis zum Himmel, leuchtend wärmte Die Galuthnächte diesem Volk, die Scheiterhaufen ihm gekühlet, Und die bis heute dem schlimmsten Sünder noch in Israel geheim im Herzen glimmt . . . Der Wind weht wieder, doch als wie verwandelt, und fährt zu fernen Inseln hin, Die Felder wachen auf und wogen wie vorher und doch wie vorher nicht; Ein neues Lied zwitschern die Vögel; in ihrem Bett die Bäche strömen, Und doch ein andres Strömen. Auf einer neuen Erde strahlt die Sonne. Die Agada der Offenbarung. ' „Es sagte Rabbi Josua ben Lewi: In der Stunde, da Mosche zu G'tt emporstieg, fand er den Heiligen, gelobt sei Er, wie Er Krönchen den Buchstaben der Thora anheftete. Da sprach Er zu Mosche: ist bei dir zulande es nicht Sitte, einen Gruß zu geben? Mosche erwidert: ger ziemt es dem Knecht, den Herrn zu begrüßen? Darauf G'tt: Doch-hättest du Mir helfen (und Mir wünschen müssen, habe Erfolg in deinem Tun!: Raschi). Da fiel Mosche sofort ein und sagte: wenn also, dann möge wachsen die Kraft G'ttes." Die Offenbarung G'ttes ist eine allumfassende. Zu ihr war nichts mehr hinzuzutun. Selbst das Ornament, die Verzierung der Buchstaben, m. a. W. nicht nur der Inhalt, alles Gedankliche, sondern auch der künstlerische Ausdruck, in welchem die erhabene Lehre Körper und Gestalt gewinnt, alles ist höheren Ursprungs, ist aus der inneren Kraft der G'tteslehre herausgewachsen, ist G'ttes eigen Werk. G'tt knüpft selbst die Krönchen an die Buchstaben der Thora. Was bleibt da noch für den Menschen zu tun? Wenn er nur Empfänger ist, nur Gefäß, gewissermaßen nur der Kriecht der überirdischen Weisheit? Mosche verstummt. Er hat nichts Eigenes zu sagen als nur zu hören und entgegenzunehmen. Da begegnet ihm G'tt mit dem Vorwurf: wenigstens mit deinem Wunsch, mit deinem Segen, daß das Werk gelinge, hättest du das Erlebnis der Offenbarung begleiten müssen. Und so betet Mosche sein Gebet. Wenn wir auch d,er Thoraweisheit gegenüber passiv, ohne, eigene) Leistung, ohne schöpferische : Mitwirkung gegenüberstehen, so soll doch unser Wünschen und Hoffen und Sorgen sie begleiten. Wie oft hat man den großen Menschen diesen kleinen Liebesdienst verweigert, die alle mit den Gaben ihres Genies beschenkten, die ganz ohne Hilfe anderer alles aus sich heraus schufen und verwirklichten, ihnen wenigstens ein Wort dankbarer! Anerkennung, den Wunsch de,s Gelingens, den Ausdruck der Anteilnahme zu gewähren! ,,Rabbi Josua, ben Lewi sagte: Als Mosche von G'tt fortgegangen war, kam S a t a n und :i sprach vor Ihm: "Herr der Welt, .die Thora, wo ist sie? Er erwiderte ihm: Ich habe sie auf die Erde gegeben. Da ging er zur Erde und sagte ihr: wo ist die Thora;? Da sprach sie: G'tt allein kennt ihren Weg, Er j allein weiß ihren Ort. Da ging er zum Meer, aber; das sagte: sie ist nicht bei mir. Da ging er zWTiefe, die aber sprach: in mir ist sie nicht. So heißt es auch: die Tiefe sprach: in minist sie nicht, und das Meer: sie ist nicht bei mir. Die Reiche des Todes und Untergangs sprachen: mit unseren Ohren haben wir wohl ein Gerücht von ihr gehört. Dann kehrt Satan wieder zu G'tt zurück und spricht: ich habe auf der ganzen Erde gesucht und sie nicht gefunden. Da sagt Er ihm: geh zu dem Sohn Amrams! Da ging er zu Mosche und sagte;!;die Thora, die dir G'tt gegeben, wo ist sie? Da sagt er zu ihm: was bin ich denn, daß mir G'tt die Thora gegeben hatte? Da sprach G'tt zu Mosche: Mosche, Du bist ein Lügner! Da sagt er: Herr der Welt, ein geheimes Kleinod besitzest Du, damit Du Dich vergnügst an jedem Tage, sollte ich mir darauf . etwas zugute halten? Da sagt G'tt zu Mosche: Da du dich selbst verkleinert hast, soll es auf deinen Namen genannt werden. Und so heißt ' es: denket der Thora Mosches, Meines Knechtes." Satan glaubt nie und nimmer, daß irgendwo die Thora Wirklichkeit werden kann. Er hat nicht das Vertrauen, daß Religion und Geist in dieser materiellen Welt eine Stätte finden können. In den Reichen der Natur sucht er umsonst die Sittlichkeit, im Reich des Realen vergebens den Hinweis auf das Ideale. Und doch ist die Thora kein Traum, keine Illusion. Es gibt sterbliche Menschen, in denen sie Wirklichkeit ist, die eine lebendige Verkörperung ihres hohen Gehaltes" sind, deren Geist mit ihren Lehren und Gedanken eins geworden, deren Wollen .kampflos mit dem Gebot übereinstimmt. Aber diese hohen und reinen Seelen kennen ihren Eigenwert nicht; sie sehen immer nur den grenzenlosen Abstand von dem idealen Urbilde, an dem G'tt Sein Gefallen hat. Und so verleugnet Mosche sich als Mittler und Träger der Thora. Satans Frage wird noch täglich von unzähligen .Ungläubigen, kopfschüttelnd und achselzuckend gestellt. Die große Welt da draußen, die Meere, auf denen die Schiffe fahren, die Erde, auf und in der der Dampf der Maschinen wühlt und wirkt, sie sind der Thora völlig fremd; Nur wo Tod und Untergang einmal dem Menschen begegnen, da dämmert etwas von der Sehnsucht nach einer höheren Welt, von der Notwendigkeit einer Offenbarung als Ueberwinderin des Todes dem Menschen auf. Und doch wäre es eine große Täuschung, als wenn es keine Amramskinder mehr gäbe und als wenn im jüdischen Volk nicht die Thora sichtbare und konkrete Wirklichkeil wäre. Nur daß die wahre Verkörperung der Thora so demütig, so bescheiden, so zurückgezogen und dem Auge der Welt verborgen ist, daß Satan sie niemals finden kann.

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