Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1934)
- Date
- 1934-05-17
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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Blailer der jüdischen Selbsibesirnioiig T Unter sländiger Milarbell von Oberrabbiner Dr. Joseph CarlebacK in Altona 1. Jahrgang Beilage zum Israelit Frankfurt am Main Nummer 6 Philosophie und Offenbarung '.: ' V . .1..!. '; „Im dritten Monat nach dem Auszug der Kinder Israel aus Aegypten, an jenem Tage kamen sie in die Wüste Sinai, . . ." also an einem bestimmten Tage eines bestimmten Monats, in einem durch ein historisches Datum genau fixierten geschichtlichen Moment, als einmaliges, unwiederholbäres, unvergleichliches Ereignis1 hat sich die G'ttesoffenbärütigvollzogen. Die Offenbarung ist das Herzstück der Religion. Nicht daß es einen G'tt gibt, ist ihre wichtigste Lehre, sondern daß G'tt dem Menschen gekündet hat, was gut ist und was Er, .als der ewige Richter der Menschheit, von ihr verlangt. Am Begriff der Offenbarung scheiden sich die Geister; er ist der ewige Stein des Anstoßes für diejenigen, die alles logisch, natürlich erklären, alles in die Normalität^des Denken^ zurückführen wollen, die das Außerordentliche, den Zusammenhang Himmels und der Erde, die das Wunder abstreiten möchten. Für sie ist die Offenbarung als einmalige r Akt, als ein Ereignis der Singularität, das alles Normalgeschehen dürchbricht, unvorstellbar. Und sie bemühen sich verzweifelt, es zu „idealisieren", das Große, Eruptive, Gigantische daran als ein allmählich langsam Gewordenes, in den Bahnen schlichter Entwicklung Vollzogenes hinzustellen. Ist diese Auffassung echte Philosophie, ist es die erhabene g'ttgegebene Vernunft, die dabei die Denker leitet? Wahrheitsstreben und Selbsttäuschung sind zwei Zwillingsschwestern: die eine voll Tugend, die andere flatterhaft. Frau Weisheit und Frau Narrheit haben äußerlich oft dasselbe Gesicht; Philosophie und Sophistik wachsen auf einem Holz. Ist bei dieser Umdeutung der Offenbarung der Verstand nur der willige Diener der Selbstsucht, der Geist nur der täuschende Schein, der um die niederen Instinkte die schillernde Hülle wirft; oder ist es das Licht des Himmels, das dabei dem Menschen voranleuchtet? Es gibt; ein Erkennungsmerkmal dafür, .wahre Geistigkeit von intellektualistischer Fechtkunst zu scheiden, das sind die aus der theoretischen Betrachtung folgenden praktischen Konsequenzen für unser Tun und Lassen.; Wenn jene Idealisierung, jenes Streben, die Offenbarung gesetzmäßig und erklärlich zu machen, den Menschen z u er - höhter Gewissenhaftigkeit auffordern, die Gebote der Heiligung und der Gerechtigkeit mit noch größerer Energie den Herzen einschärfen würden, wenn jene philosophischen Forscher die Elternliebe, die Keuschheit, die Wahrhaftigkeit nur noch unbedingter fordern würden, dann ließe sich die Reinheit" ihres Strebens nicht bezweifeln. So aber war es nicht. Der Fromme, der an die Offenbarung glaubte, hat zu allen Zeiten für ihr Gebot sein Leben gelassen, hat sie in immer entscheidenderer Weise zum Herrscher und Gestalter des Lebens gemacht, hat sie deshalb erforscht und ergründet, um sie desto voller zu verwirklichen. Alle diejenigen äfe'er!,.' die sie in der Einzigkeit ihres' Charakters haben erschüttern wollen, predigten zugleich, daß ihr Gebot dem Leben weichen müsse, haben dieses'' ein^^aphränkt, relativiert und die Gewissen eingeschläfert.!! Für sie war also die Forderung der Vernunft hur Vorwand,' nur die billige .Selbstrechtfertigung für die Vernachlässigung de* schweren ernsten Forderung der Religion. Solang die Heiligkeit des Eides, die Weihung des Sabbat, die Verehrung der Eltern, die Achtung vor der Menschenpersönlichkeit! die Zufriedenheit mit dem Erdenlose bei den Offenbarungsgläubigern größer ist als bei; ihren „aufgeklärten" Gegnern, solange , wird man uns nicht weismachen, daß bei dem Verlangen nach Rationalisierung nur das interesselose Fragen der Vernunft maßgebend gewesen. ■ : 1 ii, Jahrhunderte echter jüdischer Philosophie liegen hinter uns: das W i e der Offenbarung, das große Geheimnis unsrer Geschichte wurde immer neu zur Diskussion gestellt; Philo, Saadia, Rambam, Gersoriides haben, jeder in originaler Weise, aus dem Rationalismus ihrer Einstellung dem Problem beizukommen versucht. Aber das O b und das Was der Offenbarung, die Absolutheit ihres Inhaltes war ihnen nie ein Zweifel,, ein Gegenstand der Untersuchung. Sie suchten alles Anthropomorphistische, alles mit dem reinen geistigen G'tte Unverträgliche vom Offenbarungsakte abzuwehren, wie schon der Tanna Rabbi Josse sagte: l'olam lo jarda schechina lemata meassära. Aber vor dem Faktum in seiner Einzigartigkeit und Einmaligkeit, vor der heiligen Absolutheit der bindenden Ewigkeitsgeltung der geoffenbarten Gesetzgebung beugten sie wie im Leben so in aller philosophischen Betrachtung demütig das Knie. Anders die Aufklärungsmoderne. Mit der angeblichen Unvorstellbarkeit und Undenkbarkeit der Offenbarung, mit der Anmaßung einer geläuterten G'ttesvorstellung emanzipierte sich das Leben von der Unterwerfung unter das Diktat eines sittlichen Gesetzes, wurde die Macht des Ideals im Alltag kleiner und kleiner. iiAus 613 Geboten als den Garanten! einer;;höhereri;Lebensführung und reinen Lebensgesinnung würde ein einziges: bezwinge das Leben zu selbstherrlichem Gebrauch. Und auch diejenigen Denker, die der Rationalisierung vielleicht aus geistigen Impulsen das Wort redeten, merkten selbst nicht, daß sie dem ewig Blinden des Himmels Feuerfackel liehen. Ergreifend und erschütternd zugleich ist aber das grandiose Schauspiel, wie die jüdische Philosophie der jüngsten Gegenwart nun das Fiasko der Vernunft, der kritischen wie der praktischen hat erleben müssen. Sie hatte in Hermann Cohen ihren Triumph gefeiert. In seinem — man verzeihe — naiven oder messianischen Glauben an die „Normalität des Denkens", an die allgemeine Logik der Menschheit, hatte er die Ethik von der Offenbarung loslösen wollen und seine Ethik des reinen Willens als zeitlose Wissenschaft entworfen. Was antwortete man ihm? Das ist keine Ethik, das ist — jüdische Religionsphilosojphie! Und als er, der Fesseln des Universitätskatheders unfreiwillig entledigt, in seines Alters Tagen noch einmal über den Inhalt der Offenbaruhgsbücher, der Bibel Umschau hielt, da sieht er sich plötzlich von allen „Vernünftigen", von den Genossen zünftiger Weltweisheit — unverstanden. Ihn erfaßt ein Staunen bei dem „Wunder des jüdischen Volkes, seines Geschichtsgangs und seines Offenbarungsbesitzes, Es ist jetzt in Cohens Worten, wenn er hiervon spricht, etwas von jenem Niederstürzen in der Aboda des Jom Kippur an den Stellen, wo erzählt wird, wie über dem im Tempel versammelten Volk der sonst unausgesprochene G'ttesname genannt wurde. Die Vorlesung ist voll von solchen Ausbrüchen. Vom Sabbat: „Das sind alles Wunder!" Von der Nächstenliebe: „Das ist der Entwicklung entzogen; hier hört alle evolutionistische Langmut auf. Das soll s i c h n i c h t entwickelt haben — „a priori" nennen es die Philosophen." Vom Ursprung des prophetischen Gedankens: „Wie? wann? man wird es nie verstehen können, wolle n," Und dann die gewaltige Stunde von der Einheit, diesem „Abstraktesten", „um das wir uns erschlagen lassen jeden Tag . . ." „An diesem Punkte können wir uns mit den Christen nicht verstehen, — ich muß es aussprechen." „Bileams Wort vom Volk, das einsam lagert — der Kulturmensch begreift das nicht. Die ganze Natur, das Modell der Kunst wird irri zweiten Gebot aufgeführt und — verschlossen." Und wieder: „Das aber verzeiht man uns nicht bis zum heutigen Tag," und dann nach einer erschütterten Pause: „Es ist nicht zu verstehen." „Der Monotheismus ist ein psychologisches Mysterium. Wer das nicht anerkennt, der versteht ihn nicht in seiner Tiefe."1} Also das Anochi des Zehnworts ist ein Mysterium, ein Wunder; es ist nicht zu verstehen. Da hören Evolution und Entwicklung zu gelten auf. Hier deutet keine Formel das Wie und Wann. Sehend geworden durch ein dezennienlanges Forscherleben und durch die große Erfahrung jüdischer Denkeinsamkeit fühlt Cohen die Schwingen der. Chajoth rauschen und bekennt gleichstm: ätem reißem ki min haschamajim dibarti imachem. III. Nur dieses eine Mal hat ein ganzes Volk an dem Ereignis Anteil. Es erfuhr die ungeheure Spannung, das Furchtbare, Schreckliche des höchsten Erlebens, zu dem ein Erdenmensch fähig ist: der Begegnung mit G'tt. Obwohl tagelang vorbereitet, erbebt das ganze Vojk im Lager. Der Aufruhr in der Natur ist nur das Abbild des Aufruhrs in der Seele. Die Angst, das Entsetzen, die schauerliche Pein des Gepacktseins von höheren Mächten, der Besessenheit von einer außerirdischen Macht, des Erliegens vor der Allgewalt einer g'ttlichen Stimme, die den schwachen irdi- *) Herrn. Cohen: Gesammelte Schriften B. I. Einleit. von Franz Rosenzweig S. L. und L. I.