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Der Israelit · 1934-04-26 · Heft 17 (26.4.1934) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 17 (26.4.1934)
Date
1934-04-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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,15 M Der Israel Ein Centraiorgan für das orthodoxe Judentum / Begründet von Dr. Lehmann in Mainz Frankfurt a, M- 26, April 1934 11. Ijar 5694 Nummer 17 Der Beginn der Verhandlung im Arlosoroff-Prozeß. Jerusalem, 25. April. Die Hauptverhandlung im Prozesse, der beinahe ein Jahr lang ganz Palästina, ja die ganze jüdische Welt, im Atem hielt, begann am Montag, den 23. April, vor dem Schwurgericht in Jerusalem. Es hat vorher lange Auseinandersetzungen darüber gegeben, ob die Verhandlungen in Jaffa, das für den Tatort zuständig ist, oder in Jerusalem stattfinden sollten. Der Vereidiger, Horace Samuel, bestand kategorisch darauf, daß der Prozeß in Jaffa zu Ende geführt werde, und holte sich sogar Gutachten des Bürgermeisters von Tel Awiw ein, daß für Aufrechterhaltung der Ruhe während des Prozesses voll gebürgt werden könne. Es siegte jedoch die Meinung, daß Jerusalem für die geordnete Durchführung des Prozesses geeigneter sei. Ueber den Gang der ersten Verhandlungstage geben wir hier nach Mitteilungen an die „Jüdische Telegraphen-Agentur" in Berlin folgende Darstellung: Die Verhandlung trägt das Gepräge eines Sensationsprozesses erster Ordnung. Der Menschenandrang vor dem Gerichtsgebäude ist gewaltig, doch können nur 50 Personen in den Zuhörerraum gelassen werden, darunter die Angehörigen der Angeklagten und 15 Pressevertreter. Ein großes Polizeiaufgebot zu Fuß und zu Pferde ist am Platze. Angeklagt, den Mord an Dr. Chajim Arlosoroff begangen oder an ihm mitgewirkt zu haben, sind bekanntlich Abraham Stavsky-, Zwi R os e n b 1 a 11 und Abba A c h i m e i e r , alle Angehörige der revisionistischen Partei. Die Angeklagten werden, als sie mit dem Gefangenenwagen vor dem Gerichtsgebäude eintreffen, von ihren Parteigenossen mit aufmunternden Zurufen empfangen. Sie sind ordentlich gekleidet und guter Laune. Seiner im Gerichtssaal anwesenden weinenden Mutter nickt Stavsky zuversichtlich zu, Man sieht auch einen Vertreter des polnischen Konsulates, wohl mit Rücksicht darauf, daß Stavsky polnischer Staatsbürger ist, im Saale. Zum ersten Mal, daß eine Gerichsverhandlung von so gewaltiger Bedeutung und unter so großer Beteiligung in hebräischer Sprach e geführt wird. Freilich wird gleich nach Beginn der Verhandlung vom Verteidiger verlangt, daß anstelle der hebräischen die jiddische Volkssprache trete, da Stavsky und Rosenblatt Hebräisch nicht genügend verständen. Dem Wunsche wird zunächst stattgegeben. Nach Verlesung der Anklageschrift in hebräischer und jiddischer Sprache zieht aber' > der Verteidiger zum Zwecke der Zeitersparnis, seinen Antrag zurück, so daß die weitere Verhandlungssprache Hebräisch bleibt. Der Verteidiger wendet sich gegen einige Punkte der Anklageschrift, die er für unhaltbar erachtet. Sei es nachgewiesen, daß Stavsky derjenige war, der Arlosoroff mit der Laterne ins Gesicht geleuchtet hat, so könne er nicht, wie die Anklageschrift behauptet, zugleich auch den Schuß abgegeben haben. Gegen Achimeier, der der Anstiftung zum Morde beschuldigt wird, ergehe sich die Anklageschrift in allgemeinen Beschuldigungen, ohne zu sagen, wie er im Einzelnen die Anstiftung vollbracht habe. Das Gericht beschließt darauf, den Text der Anklageschrift abzuändern und die von Achimeier gehaltenen Reden und in seinem Blatte „Chasith Haam" veröffentlichten Artikel heranzuziehen. Es folgt ein Ueberblick über den Gang und die Ergebnisse der Untersuchung durch den Generalstaatsanwalt, der zwei Stunden in Anspruch nimmt. Der Ankläger bespricht dabei ausführlich auch die politische Fehde zwischen Arbeiterpartei und Revisionisten, aus der heraus er den Mord zu erklären sucht. Weitere Berichte über den Fortgang der Verhandlungen siehe Seite 2. Aus dem Inhalt: Beginn der Verhandlungen im Arlosoroff- Prozeß ........Seite 1 und 2 Einberufung des Zentralrates der Agudas Jisroel ...........Seite 2 Gesetz gegen Rassen- und Religionshaß in Kanada ..........Seite 2 Für die religiöse Erneuerung in Oesterreich ........Seite 3 Der Thorahuldigung aus fremdem Munde. Von B, Cohen........Seite 4 Rentenansprüche an Auswanderer. Seite 6 Kapitalanlagemöglichkeiten in Palästina. Seite 6 Gemeindekonflikt und Schiedsspruch der Reichsvertretung .......Seite 6 Aeußerungen James Macdonalds . Seite 7 Ein Märtyrer der roten Inquisition . Seite 7 Die Sidra spricht zu uns.....Seite 4 Beilage; Gola und Geullah. Von Dr. Maximilian Landau. In diesen Tagen wird Nathan Birnbaum siebzig Jahre alt. Als wir vor zehn .Jahren den Sechziger feierten, in einer ruhigeren Zeit und unter freundlicheren Umständen, war es uns damals schon bewußt, daß wir nicht bloß den Jubiläumstäg eines verdienten Mannes festlich begehen, sondern daß der Ehrentag des alten Kämpfers für uns zugleich ein Tag der Besinnung und Rechenschaftslegung ist. Wir haben uns damals Birnbaums Lebenswerk vor Augen geführt und haben gleichzeitig die Bilanz unserer nationalen Arbeit gezogen. Wir haben uns gefragt, wo wir stehen, was wir von unseren jüdischen Idealen verwirklicht haben, und ob wir die richtigen Wege gegangen sind. Viele von uns haben damals begriffen, daß Birnbaum dem jüdischen Volke etwas zu sagen hat. Viele haben in ihm den treuesten Warner und den echtesten Freund erkannt, und viele spürten mit überzeugender Kraft, daß die Judenheit allen Grund hat, aufzuhorchen, wenn Birnbaum spricht. Seither sind zehn Jahre vergangen: zehn Jahre, die unsere jüdische Welt aufs tiefste erschütterten. Umwälzungen von größtem Ausmaß 'fanden statt, scheinbar Ewigfundiertes brach jäh zusammen, Unbeachtetes schoß in überraschender Entfaltung empor. Der geoz-dnete Kosmos überkommener Anschauungen, unverrückbarer Ideale, selbstverständlicher Begriffe geriet in Verwirrung. Und die große Unruhe hat sich noch nicht gelegt, wir stehen noch mitten im Wirbelsturm. Wenn wir heute seine und unsere Bilanz ziehen, tun wirs in ganz anderer Weise als vor zehn Jahren. Damals," in den Zeiten der scheinbaren wirtschaftlichen und geistigen „Stabilisierung", glaubten wir mit einer akademischen Betrachtung unserer Pflicht Genüge zu tun. Heute, in einer großen geschichtlichen Stunde, da die jüdische Problematik in ihrem ganzen Umfang riesengroß vor uns hintritt, muß diese Bilanzziehung zu einem strengen Gericht, zu einer ergreifenden Beichte werden, und in vielen Dingen auch — zu einer -ehrlichen Selbstanklage. Das jüdische Volk hat Birnbaum Abbitte zu tun. Es hat die Warnungen seines ergebensten Freundes achtlos in den Wind geschlagen, den fruchtbaren Losungen eines glühenden Herzens gleichgültig den Rücken gekehrt. Es vertraute blindlings den falschen Propheten und hing sich schwärmerisch an trügerische Ideale. Es trottete gedankenlos auf den ausgetretenen Wegen, die Birnbaum als erster ihm geebnet und, mit den Siebenmeilenstiefeln des ahnenden Geistes vor- (Fortsetzung auf Seite 3.}

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