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Der Israelit · 1934-04-12 · Heft 15 (12.4.1934) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 15 (12.4.1934)
Date
1934-04-12
Page
– (sequence 13)
Language
German
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12. April 1934 Der I s r.a.e 1 i t Nr. 15 Seite 13 Sprechsaal. Eine Erklärung. Frankfurt a. M., 9. April. Die Unterzeichneten sehen sich veranlaßt, folgendes zu öffentlicher Kenntnis zu bringen: Die ungemein schweren Probleme, vor die sich gegenwärtig die Weltorthodoxie in der Gola und nanentlich in Erez Jisroel gestellt sieht, hat in uns den Sntschluß reifen lassen, uns über alle Dinge, die in der Vergangenheit trennend zwischen uns standen, iiinwegzusetzen und den entschlossenen Versuch einer treuen und gewissenhaften Zusammenarbeit zu machen. Als äußeres Zeichen dieses Entschlusses wird das soeben erschienene Buch „Der neue Kusari" fürderhin in einer Ausgabe vertrieben werden, die in ihrem die Vergangenheit berührenden Teil unter Wahrung des darin geäußerten sachlichen Standpunktes eine Aenderung erfahren hat. Möchten sich alle Gesinnungsgenossen unserem Vorschlag anschließen und sich die Hand zu gemeinsamer Arbeit reichen. Frankfurt a. M., 14. Nissan 5694. Dr. Isaak Breuer, Jacob Rosenheim. Personalien- Rabbi Reuben Schlomoh Jungreis. Jerusalem, 3. April. J Am Dienstag vor dem Feste verstarb nach längerer | Krankheit Rabbi Reuben Schlomoh J u n g r e i s , des- I sen Name in den letzten Jahren als Kämpfer für die | heilige Sache des Judentums in Erez Israel stets an erster Stelle gestanden hatte. Der Heimgegangene, der vier Jahrzehnte in Jerusalem lebte, war zu einer Persönlichkeit emporgestiegen, die größte Popularität in allen Kreisen. genoß. Er gehörte zu den Menschen, die sich niemals selber, aber immer nur dem Klall angehörten. Schon lange vor dem Kriege, bevor sich noch die religiösen und Gemeindeprobleme in dem heiligen Lande so zuspitzten, stellte er sich mit ganzem Herzen und ganzer Seele in den Dienst des religiösen Lebens und sah manche Gefahren voraus, denen er damals schon mit aller Energie entgegenarbeitete. Eine lange Reihe von Jahren stand er an der Spitze des Kolel nwinn ^»ltf und ließ sich insbesondere die Ausgestaltung der Talmud Thora- Schulen und der Jeschiwoh angelegen sein. Er war ein unbeugsamer Charakter, der keine Rücksicht noch Schonung kannte, wenn es um die heilige Sache ging. Mit einer Aufopferung ohnegleichen führte er auch das Institut „Moschaw Sekenim" durch alle Fährnisse des Krieges und der Nachkriegszeit hindurch, so daß 300 Greise mit allem versorgt waren, zu einer Zet, da in seiner eigenen Familie oft das tägliche Brot fehlte. Erst als die Notjahre vorüber waren und die Unterstützungen aus Amerika wieder kamen, so daß die Beamten wieder ihre Gehälter erhielten, trat er von diesem Posten zurück, um den Schein zu vermeiden, als machte er sich aus dieser. Wohliahrlsarbeit ein Geschäft. Im Kampfe, der gleich nach dem Weltkriege um die Unabhängigkeit der Orthodoxie in Jerusalem einsetzte, war Rabbi Jungreis führend. Er war es, der die Gründung der orthodoxen Gemeinde anregte und ihre Selbständigkeit allen Angriffen gegenüber auch vor den Behörden zu vertreten wußte. Diesem Dienste blieb er treu bis zum letzten Atemzuge. Nur der engste Kreis in Jerusalem weiß es, welche eiserne Energie Rabbi Jungreis bei diesem heiligen Kampfe an den Tag legte, wie er sich von allen Drohbriefen nicht schrecken ließ, auch in nächtlicher Stunde lange Wege im Interesse der orthodoxen Gemeinde oder der Agudas Jisroel, in deren A.-C. er führendes Mitglied war, zu machen. Seit fünf Jahren brach er unter der Last der Arbeit zusammen, aber er ließ die Waffe nicht aus der Hand, bis er vor einigen Wochen von einer entscheidenden Versammlung der Agudas Jisroel kommend, das Bett aufsuchen mußte, das sein Sterbebett wurde. Die Lücke wird in der heiligen Stadt und im heiligen Lande unausgefüllt bleiben. . rrax:n- Dieburg bei Darmstadt, 3. April. Noch kurz vor. den Feiertagen verließ uns Frau Jettchen Loeb, eine würdige Matrone, eine ^NnBr,:i dk in mancherlei Beziehung, im Alter von 85 Jahren. Frau Loeb war die Frau des schon vor mehreren Jahren heimgegangenen Kaufmann Loeb S>*XT der zu den besten Männern der hessischen Judenheit gehörte, und es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, daß die Frau, die ihn um fast zv/ei Jahrzehnte überlebte und in diesen Jahrzehntenden Glanz des Hauses nicht nur erhielt, sondern auch vermehrte, es war, die . die Seele und der gute Geist des Mannes bei seinem sozialen Aufstiege war. Das Loeb'sche Haus blieb bis zuletzt ein Heiligtum der Jüdischkeit und der Wohltätigkeit. Mit ihrem Sohne Abraham Loeb der der erste Führer der Gemeinde Dieburg und eine der prominentesten Persönlichkeiten der Stadt gewesen ist, dem Manne, der früh von dannen gegangen .ist, nachdem es ihm gelungen war, sein Lebenswerk, das herrliche G'tteshaus, in seiner Gemeinde zu errichten, verband sie ein so inniges mütterliches Verhältnis, daß es der Außenstehende gar nicht ahnen konnte, daß er nicht Kind ihres Blutes, sondern Sohn ihres Mannes aus erster Ehe war. Die Liebe, die diese Frau beseelte, strahlte in die Gemeinde und in die Umgebung aus und machte sich auf allen Gebieten der Wohlfahrt und Liebestätigkeit bemerkbar. Sie war Begründerin und auch erste Leiterin der Frauenchewrah, sie, die Greisin, war es, die noch bis zuletzt mit jugendlichem Eifer alle Mitglieder zur Erfüllung der Frauenpflichten und Ausübung der Liebestaten geradezu hinriß. Sie war Muster und Beispie! für alle, für Alt und Jung, ein Wahrzeichen aus alter guter Zeit, an dem sich eine neue Generation emporranken konnte. Zum zweiten Male nach dem Tode von Abraham Loeb steht die Gemeinde an der Bahre ihrer Seniorin verwaist da. Mögen die Töne des Trostes, die uns das Peßachfest brachte, nachhallen und sich zur wahren nnrn für die Familie und für uns alle auswirken. n"32H;v Vermischtes. Berlin, 3. April. Wie uns das Kuratorium des Israelitischen Krankenheims, N 24, Elsasserstr. 85, mitteilt, ist zum dirigierenden Arzt der chirurgischen Abteilung Herr Dr. Alfred H o r w i t z , und zum dirigierenden Arzt der neugegründeten urologisch-chirurgischen Abteilung Herr Dr. Georg O e 1 s n e r gewählt worden. Berlin, 28. März. Das Israelitische Krankenheim in Berlin, N 24, Elsasserstr. 85, teilt mit, daß in allen Abteilungen vollkommen freie Arz t w a h 1 eingeführt ist,, so daß also jeder Patient sich von seinem bisherigen, oder einem beliebigen, von ihm gewünschten Arzt, behandeln lassen kann. Ferner gibt das Kuratorium erneut bekannt, daß eine Geschwulstbe- «atungsstelle, unter Leitung von Herrn Dr. Albert Simons, früherer Priyatdozent an der Universität Berlin, (bisher am Krebsforschungsinstitut der Charite) eingerichtet ist. — Sprechstunden: Montag und Donnerstag von 9—10 Uhr. Berlin, 25. März. Am 11. März fand in Berlin die diesjährige Generalversammlung des gemeinnützigen Vereins Familienschutz statt. Der Geschäftsbericht legte Zeugnis ab, daß der Verein trotz großer Schwierigkeiten auch im Jahre 1933 eine sehr günstige Entwicklung genommen hat. Seine der Hinterbliebenen- und Familien-Versorgung dienenden Einrichtungen sind in weitesten Kreisen der deutschen Judenheit populär. Der Verein umfaßte Ende 1933 rund 12.000 Mitglieder. Er konnte auch in diesem Jahre wieder namhafte Beträge für die jüdische Wohlfahrtspflege zur Verfügung stellen. Der vom Vorstand und Verwaltungsrat vorgelegte Geschäftsbericht und weitere Anträge wurden von der Generaversammlung genehmigt. Berlin, 27. März. Zu den Veröffentlichungen der „Jüdischen Buchvereinigung" sehen sich jüdische Buchhändler Berlins und der Provinz veranlaßt, ihren. Standpunkt wie folgt darzulegen: Die jüdischen Verleger wie die jüdischen Sortimenter haben sich unter größten Schwierigkeiten für die Pflege des jüdischen Buches und der Bücher jüdischer Autoren eingesetzt. Sie müssen die Gründung einer jüdischen Buchvereinigung als eine schwere Schädigung ihrer Existenz sowie als eine Gefahr für das jüdische Buch überhaupt bezeichnen. Träger der Verbreitung des jüdischen Buches können heute lediglich die jüdischen Verleger und Buchhändler sein. Jeder Schaden, der ihnen zugefügt wird, trifft das jüdische Buch, alle Autoren und das Publikum. Das gute jüdische Buch wird stets seinen Verleger finden und damit seinen Weg zur Gesamtheit. Demgegenüber bleibei die Bücher der Vereinigung satzungsgemäß auf einen kleinen Kreis des Publikums beschränkt und dem Gros der Interessenten vorenthalten. Auch die Preisfrage rechtfertigt nicht das Vorhandensein der Vereinigung. Jeder Buchkäufer weiß, daß er auch ohne die Buchvereinigung wertvolle Bücher zum Preise von RM. 3.— und darunter in den Buchhandlungen findet. Die Frankfurter Woche- Professor Dr. Jose! Caro ^"XT» Noch stand Professor Dr. Caro am zweiten Festmorgen mit seiner Gemeinde in der Synagoge der Israelitischen Waisenanstalt im Gebete vereinigt, mit dem Kidduschbecher in der Hand weihte er dann das Festmahl, dann setzte er sich, die Worte der Heiligung und Huldigung noch auf den Lippen, und hauchte seine Seele aus. Ein an Leiden und Prüfungen reiches Gelehrtenleben hat ein schönes Ende gefunden. Als Sproß einer berühmten Rabbiner- und Gelehrtenfamilie in Rawitsch (Posen) geboren, promovierte Josef Caro 1886 in Breslau und wurde 1889 als Neuphilologe an die damals noch junge Realschule der Israelitischen Religionsgemeinschaft von Dir. Mendel Hirsch berufen. Vierzig. Jahre lang entwickelte Prof. Caro hier hervorragende pädagogische Qualitäten, er wurde der Berater sämtlicher späteren Direktoren der Schule. Neben seiner Schultätigkeit ist Prof. Caro aber ständig auch als Sprachforscher hervorgetreten. Zahlreiche jüdische Zeitschriften, so auch der „Israelit" und die „Monatsschrift für die Geschichte des Judentums", veröffentlichten Bücherbesprechungen und Forschungsarbeiten Caros methodischer, pädagogischer und literaturgeschichtlicher Art. Seine besondere Neigung galt allerdings der englischen Literaturgeschichte; Bernard Shaw und anderen englischen Dichtern sind viele seiner Essays, so auch eine Arbeit in der Jubiläumsschrift der S. R. Hirsch-Schule gewidmet. Auch die jüdische Literaturgeschichte verdankt ihm manchen wertvollen Beitrag. Auf dem Gebiete der hebräischen Grammatik galt Prof. Caro als Kapazität. Nach seinem Hinscheiden wird heute bekannt, daß er ein größeres Werk hinterlassen hat, das den Einfluß der Midraschim in einer poetischen mittelenglischen Bearbeitung von Genesis und Exodus (1. und 2. Buch MosisJ zum Gegenstand hat und das jetzt der Veröffentlichung harrt. Bis zuletzt — seit 1929 übte er keine eigentliche Lehrtätigkeit mehr aus — hatte Prof. Caro die Verwaltung der umfangreichen Schulbibliothek inne, deren Erhaltung und Ausbau ihm allein zu danken ist. An der Frankfurter Jeschiwoh unterrichtete er Jahrzehnte lang die ausländischen Hörer in profanen Fächern. In Anstalten und Stiftungen, so als langjähriger Kurator der Israelitischen Waisenanstalt, in der Dr. Weil'schen Stiftung zur Förderung der Schulentlassenen usw. hat er eine umfassende Tätigkeit entfaltet. Auch als Mensch, hilfreicher Freund und geistvoller Gesellschafter war Caro von seinen Freunden hochgeschätzt. Die gewaltige Beteiligung an der schlichten Bestattung auf dem Friedhof der Israelitischen Religionsgesellschaft legte noch einmal Zeugnis von der großen Wertschätzung und Verehrung ab, deren sich der Verstorbene in allen Kreisen des Frankfurter Judentums erfreute, wenn auch das Fest verbot, der Trauer um den heimgegangenen großen Menschen und Juden gebührenden Ausdruck zu verleihen. n'3S3n. Trauerfeier für Prof. Dr. Josef Caro s. A. Für den am zweiten Tage Peßach plötzlich verschiedenen langjährigen und allbeliebten Lehrer veranstaltet die Samson Raphael Hirsch-Schule am 22. April, vormittags 11 Uhr in ihrer Aula eine Trauerfeier, in der der Leiter der Schule, ein Vertreter des Schulrates, des Waisenhauses und der Jeschiwa- Thoralehranstalt Worte des Gedenkens sprechen werden. Alle Freunde des Verewigten sind zur Feier eingeladen. „ Sitzung der Gemeindevertretung der Israelitischen Gemeinde am 28. März 1934. Der Etat für das Rechnungsjahr vom 1. April 1934 bis 31. März 1935 ist vom Syndikus Dr. Geiger und Bürodirektor Meyer im Entwurf fertiggestellt, vom Vorstand noch nicht durchberaten. Die Einnahmen aus Kultussteuern wurden um 20 Proz. niedriger veranschlagt als im Vorjahr. Man ist, wie R.-A. Geiger bemerkt, geteilter Meinung, ob diese Kürzung genüge. Manche halten sie für ausreichend, manche nach dem Beispiel anderer Großgemeinden für zu gering. Die Kultussteuer, zu deren Erhebung jetzt die Genehmigung des Polizeipräsidiums eingelaufen ist, wurde bekanntlich auf 20 Proz. der Reichseinkommensieuer festgesetzt. Soweit keine Reichseinkommensteuer oder in minderer Höhe gezahlt wird, tritt an deren Stelle eine Vermögenssteuer von 25 Proz. Das allgemeine Kirchgeld ist von Mk. 1.50 bis Mk. 40.— gestaffelt. Angesichts des im Haushaltsplan vorgesehenen Defizits von Mk. 100.000 muß, mindestens für die zweite Hälfte des Jahres, eine Erhöhung der Steuer in ernsthafte Erwägung gezogen werden. — Die Einnahmen aus Synagogenplätzen sind stark zurückgegangen. Auf der Basis eines neuen Tarifs, der augenblicklich den Synagogenvorständen zur Beratung vorliegt, will man versuchen, dem einigermaßen zu begegnen. Das Israelitische Krankenhaus G a - gernstraße sieht in seinem Haushaltsplan einen Zuschuß von RM. 37.000, das Philantropin einen sol- ,chen von RM. 156.000 vor, den man aber auf die frühere Höhe von RM. 140.000 herabsetzen zu können hofft. Notwendig wird es sein, im Allgemeinen neue Einnahmequellen zu erschließen und die Ausgaben weiter zu drosseln, da natürlich ein Fehlbetrag dieses Umfanges nicht tragbar ist. Der Etatentwurf wird der „Gemischten Finanzkommission", die sich aus Mitgliedern des Vorstandes und der Gemeindevertretung zusammensetzt, überwiesen. Zwei Etatzwölftel für die Monate April/Mai 1934 werden auf Antrag des Vorstandes einstweilen genehmigt. Der Vorstand hält Neuwahlen zur Gemeindevertretung gegenwärtig nicht für denkbar und opportun. Er beantragt Verlängerung der Amtsperiode, die am 31. Dezember 1934 endet, um zwei weitere Jahre. Anscheinend aus einem gewissen Rechtsempfinden heraus und mit Rücksicht auf die wesentlich veränderten Zeitströmungen sträubt sich die Jüdische Volkspartei auf den Wunsch ihres Führers, Herrn Gerlich, dagegen. Wenn auch sie sich der Ansicht nicht verschließen könne, daß ein Wahlkampf gegenwärtig vermieden werden müsse, so sei doch auf der anderen Seite eine gewisse Ueberalterung innerhalb der Gemeindevertretung nicht zu verkennen und es müßten ihr junge frische Kräfte zugeführt werden, deren Auswahl ja den einzelnen Fraktionen überlassen bleiben

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