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Der Israelit · 1934-04-12 · Heft 15 (12.4.1934) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 15 (12.4.1934)
Date
1934-04-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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m?m Frankfurt a. 12. April 1934 27- Nissan 5694 Nummer 15 Ansiedlungsmöglichkeiten für deutsche Juden in Syrien und Equador. Die französische Regierung prüft zur Zeit, wie der ITA. mitgeteilt wird, einen ihr unterbreiteten Plan, eine größere jüdische Siedlung in Syrien an der s y r i s c h - p a 1 ä s t i - nensischen Grenze zu schaffen. Die Prosperität Palästinas mit seinen hohen Verwaltungsüberschüssen läßt das Projekt dem Hochkommissar von Syrien besonders verlockend erscheinen, da Frankreich in Syrien heute noch Millionen Franken jährlich für die Mandatverwaltung ausgeben muß. Es handelt sich um große Landstrecken an der palästinensisch-syrischen Grenze, wobei allerdings die Durchführung größerer Trockenlegungsarbeiten zur Entsumpfung des Bodens Voraussetzung ist. Gleichzeitig verhandelt eine private Gruppe deutscher Juden wegen des Ankaufs syrischen Gebiets nach der Irak-Grenze zu im Umfang von 50.000 qm. Hierbei soll es sich um fruchtbaren Boden mit Seen und ausreichender Bewässerungsmöglichkeit handeln. Eine Einwanderungsmöglichkeit für einzelne jüdische Familien bietet sich, wie aus der Hauptstadt des südamerikanischen Equador gemeldet wird, in diesem Peru benachbarten Lande. Namentlich für Kleinindustrien soll ein weiter Spielraum bestehen, Die wirtschaftlichen Bedingungen müßten zunächst von den zuständigen jüdischen Institutionen Europas und insbesondere Deutschlands geprüft werden. Aus dem Inhalt: Mißverständnis ......... . Seite 2 Spannungen im Zionismus .... . Seite 4 Von Aegypten zum Sinai..... . Seite 4 Die Entwicklung in Oesterreich . . Seite 5 Der alte jüdische Kulturbund Von A. Mannheimer...... . Seite 6 Mazzos für jüdische Gefangene in Preußen Seite 7 Tagung des zionistischen Aktionskomitees Seite 7 Die Pilgerfahrten nach Teicha! und der Sabbat ........... . Seite 7 Rabbiner Hirschs Sefer Thora ■ Seite 10 Frankfurter Berichte . Seite 13 und 14 . Seite 4 An der Pforte neuen Lebens. Eine Ansprache. Von Studiendirektor Dr. M. Elias in Frankfurt a. M. Das abgelaufene Jahr läßt sich nicht mit den früheren in eine Reihe stellen. Mit der Entfernung von Raum und Zeit verliert alles an Bedeutung, was in der Schule vor sich geht. Dieses Jahr wird nicht so bald aus den Herzen unserer Schüler und aus der Geschichte unseres Volkes, in die es sich mit unauslöschlichen Lettern eingegraben hat, schwinden können. Aus meiner Erinnerung wird nicht weichen der Tag, an dem ich im vorigen Jahr unter dem Eindruck des 1. April die damaligen Abiturienten entließ. Damals hatten wir alle das Gefühl, als ob der Boden, auf dem wir so sicher zu stehen vermeinten, zu fliehen beginne. G'tt sei es gedankt: nicht alle Befürchtungen, die wir damals gehegt, haben sich als gerechtfertigt erwiesen. Ueber manches haben wir anders und ruhiger denken gelernt, an manches haben wir uns gewöhnt. Aber was bleibt( scheint uns noch immer schwer genug, doppelt schwer für unsere Kinder. ( Wir wollen uns heute nicht der Bangigkeit hingeben und nicht an Schmerzliches rühren. Heute soll ein Tag der Freude sein, ein Tag, den die Mutter ihren Kindern gibt, die mit heiterem Vertrauen und gesammelter Kraft den Weg hinaus nehmen sollen, aus dem behüteten Hause. Wenn wir aber nicht klagen, nicht zittern wollen, so bedeutet das nicht, daß wir uns oder die Kinder über die Wirklichkeit hinwegtäuschen dürften, es würde uns wenig nützen, und wir würden ihnen auch keinen Dienst erweisen. Sie sollen ihren Standort in der Gegenwart kennen, wichtige und wertvolle Erkenntnisse aus ihr schöpfen, Lehre Mahnung und Warnung aus ihr ziehen, um die Stunde, die uns so Schweres auferlegt, überwinden, an ihr zu wachsen und über sie hinaus wachsen zu können. Ihre Stellung zur Umwelt, zu ihren Menschen und zu ihrer Kultur ist eine andere, als die unsere es,war. Die Vergangenheit hatte eine unheilvolle Verwischung g'ttgewollter Grenzen herbeigeführt. Aber noch niemals hat eine Epoche eine so schnelle und eine so gründliche Widerlegung erfahren, wie die voraufgegangene. Der Wechsel mußte kommen, wir haben gezittert bei dem Gedanken, aber es war klar, das Judentum wandelte am Rande des Abgrundes.W e 11 a u f g e - schiossenheit hatte z*r Selbstverkümmerung geführt. Unsere Wissenschaft und Wertung, unser Leben und unsere Weltanschauung, unsere Freude und unser Schmerz, alles war weitgehend auf die Umwelt eingestellt und von ihr bestimmt. Unser Innenleben hatte allmählich ganz die Farbe unserer nichtjüdischen Außenwelt angenommen. In einem Winkel unseres Herzens hatte sich wohl noch das Jüdische einen Sonderplatz erhalten, aber der wurde immer enger. Sonst gab es kein Gebiet menschlicher Kultur, das der Jude nicht mit seiner Umwelt zu verstehen, nachzufühlen und zu teilen dürstete, und worin sie nicht herrschend gewesen wäre. Das historische Judentum galt als lebensfremd und antiquiert, und mehr und mehr als eine Angelegenheit für Rabbiner, Kultusbeamte und kleine Kinder. Und wie oft war es auch da nicht mehr zu finden: Assimilation, Taufe und Mischehe bildeten die große Linie, auf der sich eine 3000 Jahre alte Gemeinschaft und Kultur aus der Welt des Lebens und der Geschichte ins Nichts zurückzog. Da, mit einer jener unbegreiflichen Wendungen, in denen wir die Hand G'ttes sehen, kommt die ganze, dem Abgrund zueilende geschichts- und naturwidrige Entwicklung zum Stehen, zum Stehen gebracht von der Welt, der wir das Judentum geopfert hatten. Eine gewaltige Mauer erhebt sich plötzlich auf dem Wege, eine Scheidewand zieht sich zwischen Mensch und Mensch, zwischen Familie und Familie, und sie scheidet nicht nur die Lebenden, sie greift zurück auf die Toten und greift vor auf noch ungeborene Kinder und Enkel. Von da an und weiter ist( dafür gesorgt, daß der Jude sich nicht mehr so bald selbst verleugnen und in nichtjüdische Gewänder stecken kann. Er wird nicht mehr gefragt, ob er Jude sein will, oder nicht. Mit einem dröhnenden: „Ohne Deinen Willen bist Du gebildet und ohne Deinen Willen kommst Du zur Welt, und ohne Deinen Willen hast Du Rechenschaft abzulegen" erinnert ihn die Geschichte, daß Judesein nicht in seiner Hand und an seinem individuellen Willen liegt, sondern berets vor seiner Geburt bestimmt ist und von einer höheren Macht" bestimmt ist, der alle Menschen gleich unfrei und gleich ohnmächtig gegenüberstehen, und vor der sich alle gleich ehrfürchtig beugen müßten: Das ist die Vorsehung. Das möge uns trösten und aufrichten, wenn wir sehen, wie bereits das jüdische Kind, noch nicht geboren, von der Umwelt schon abgelehnt wird. Es mag ja die besten Anlagen zu starker, charaktervoller, geistiger und sittlicher Menschlichkeit in sich tragen, die Umwelt sagt nein zu ihm. Es kann nicht im gleichen Schritt (Fortsetzung auf Seite 3.)

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