Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1934)
- Date
- 1934-03-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Frankfurt a. M. 22. März 1934 6. Nissan 5694^ Nummer 12 London, 19. März. Der Jewish Board of Deputies hat in einer öffentlichen Kundgebung die Behauptung, die Judenheit sympatisiere mit kommunistischen und a t he istischen Juden, als Verleumdung gebrandmarkt. In der letzten Sitzung des Board berichtete das Komitee für Presse und Information, daß in den „Catholic News" folgende vom Komitee eingesandte Erklärung erschienen ist: Ii. In einem in Ihrer Nr. vom 6. Januar erschienenen Leitartikel fragen Sie: „Ist esjVerleumdung, der jüdischen Gesamtheit Sympathien für diejenigen Juden zuzuschreiben, die als Atheisten, Kommunisten oder Revolutionäre in offener Verbinbindung mit kommunistischer Tätigkeit und Propaganda stehen?" Die Antwort, die der Board offiziell namens der jüdischen Gemeinschaft des Vereinigten Königreichs auf diese Frage erteilt, lautet bejahend. Diese Behauptung ist eine Verleumdung, weil sie unwahr ist; weil sie darauf abzielt, den Ruf aller Juden zu schädigen; weil es ihre Absicht ist, über die Juden als Gesamtheit den Haß und die Verachtung ihrer Mitbürger zu bringen und weil sie die große Mehrheit ein^s loyalen und friedliebenden Teils der Bevölkerung in unserem Lande und in anderen Ländern schmerzlich trifft. Es mag richtig sein, daß einzelne Juden solche Sympathien empfinden, ebenso wie einzelne Schotten, Engländer, Franzosen, Christen, Mohammedaner und Angehörige irgend einer anderen Rasse oder irgend eines anderen Glaubens; aber es ist unwahr, daß das jüdische Volk solche Sympathien in irgend einem höheren Maße hegt als etwa das französische Volk oder, die christlichen Kirchengemeinschaften. Aus dem Inhalt: Die Juden im deutschen Wirtschaftsleben............ . . Seite 2 Von den national-deutschen Naumannianern ......Seite 2 und 3 Zur Frage der Berufsausbildung der jüdischen Jugend.......Seite 4 Die Lichter unseres Sedertisches . . Seite 4 Die neue polnische Konstitution und die Juden...........Seite 6 Antireligiöse Pesachcampagne in Sowjetrußland.........Seite 7 Arbeitskonflikte in Palästina .... Seite 8 Das deutsch-jüdische Arbeiterdorf in Holland......; . . . Seite 10 Wir rüsten zum Seder.......Seite 4 B || Genau 128 Jahre ist es her, daß auf Napoleons Geheiß über hundert jüdische Notabein in Paris zusammenkamen, um aus ihrer Mitte ein Synhedrion zu schaffen. Die Geburt ging unter so hochmögender Assistenz ohne erhebliche Wehen vor sich, aber es war ein Wechselbalg, der nach kurzem Scheinleben schließlich in einem französischen Konsistorium und einigen ähnlichen jüdischen Kirchengebilden in einem Teile Süddeutschlands sein kaltes Grab gefunden hat. Heute noch einmal darauf einzugehen, ist von geringem historischem. Interesse. Es sei denn nur, um die altbekannte Tatsache noch einmal zu registrieren, daß ein Sanhedrin als oberste Behörde der jüdischen Nation nicht von außen und oben diktiert, noch von unten her, aus der Volksmitte oder aus einer Notabeinversammlung heraus, eingesetzt werden kann. Es ist keine Turmspitze, die man auf einem Dach anbringt, sondern eine Zinne, die organisch aus dem Bau der Nation mnsün "70ntt (vom Fundament bis zu dem Pfosten) heraus und herauf wächst. Die ,.Männer in der Quaderhalle" waren von G ' 11 und dem Volke berufen, Hüter seiner Heiligtümer zu sein, und einzig diese religiöse Berufung, von der sie durchdrungen waren, trug sie in die Höhe, von wo aus sie mit der Kraft und der Autorität der T h o r a lehrten und herrschten. Rom konnte das Sanhedrin gelegentlich heimschicken, nie und nimmer aber ein solches einsetzen. Darum war das, was aus Napoleons Gnaden geschaffen wurde, ein „Synhedrion" und kein Sanhedrin. Seine Konstituierung am Sabbat unter Entweihung des heiligen Sabbats leitete eine kurze Wirksamkeit ein, die ihren Gipfelpunkt in der liebedienerischen Beteuerung des französischen Patriotismus und in der gefälligen Beantwortung der bekannten „zwölf Fragen" fand. Die Treue gegen den Kaiser überwog stark die Treue gegen G'tt und sein Gesetz. An der Frage der M i s c h e he schon zerbrach die aufrechte Haltung der jüdischen Patrioten in der geistlichen Robe und es zeigte sich gleich bei dieser ersten Probe, wie weit entfernt diese „Große Synode" von jener ersten Großen Synode unter Esra war, die gerade in diesem Punkte der Blutvermischung etwas anderer Meinung war. All diese historischen Reminiszenzen wären heute gegenstandslos und kaum noch der Rede wert, riefe sie nicht eine Alarmnachricht aus Jerusalem und London zu neuem gespenstischem Leben wach, so daß einer raschlebigen Generation von kurzem historischem Gedächtnis doch jene Dinge wieder in Erinnerung gebracht werden müssen — als Mahnung zur Vorsicht, Die von der ITA. unter dem Titel „Weltkonferenz für jüdisches Recht in Palästina. Errichtung eines Beth Din Gadol geplant" verbreitete Nachricht hat folgenden Wortlaut: „Der Vorsitzende der Gesellschaft für jüdisches Recht, George Webber, teilt mit, daß am 1. April d. J. in Jerusalem eine Konferenz jüdischer religiöser Rechtsgelehrter aus verschiedenen Ländern zusammentritt, um über die Schaffung einer obersten j ü d i s c h - r e 1 i g i ö s e n Rechtsinstitution zu beraten. Dem Vorbereitenden Komitee gehören u. a. an: der Redakteur der hebräischen Rechtszeitschrift „Hamischpat" Dr. S. Eisenstadt, der Redakteur des „Hamischpat Haiwri" in Tel Awiw, P. Dickstein, der litauische Konsul und Präsident des Berufungsgerichts für die jüdischen Schiedsgerichte (Mischpat vHaschalom Haiwri) Dr. S. Rosenbaum und Dr. J. Weinstock. Die Tagesordnung schließt folgende Themata ein: 1. Neunzehnhuhdert Jahre nach dem Exil des Sanhedrin: Möglichkeit der Errichtung einer Knesseth Gedolah oder eines Beth Din Gadol (Oberstes religiöses Gericht) oder einer anderen gesetzgeberischen und das Gesetz auslegenden Autorität. 2. Einsetzung von rabbinischen Gerichten in Palästina und in der Galuth. 3. Entwicklung des jüdischen Ehe- und Scheidungsrechtes einschließlich der Bestimmungen über Jibbum, Chaliza, Agunoth, sowie Kinderehe und Polygamie unter den Juden des Orients. 4. Entwicklung des jüdischen Rechts in der Diaspora; legale Position der jüdischen Gemeinden. 5. Forderungen und Rechte Palästinas und des jüdischen Nationalheims. 6. Der Status der nationalen Organisation des palästinensischen Judentums „Knesseth Jisrael". 7, Das palästinensische Rechtssystem und die jüdischen Friedensgerichte. 8. Die moderne Bewegung für die Schaffung einer jüdischen Jurisprudenz. 9. Gründung einer Rechtsfakultät in Jerusalem. 10. Schaffung einer permanenten und repräsentativen jüdischen Körperschaft, die sich mit jüdischer Rechtsforschung befassen und alle zwei Jahre Konferenzen abhalten soll. Die Londoner Wochenschrift „Jewish Chronicle" tritt warm für die Idee der Schaffung einer für das Gesamt judentum autoritativen Körperschaft des jüdischen Rechtes ein." Wird diese für den 1. April angekündigte neue Notabeinversammlung zur Bildung eines Synhedrion mehr sein als ein Aprilscherz? Wir fürchten, daß die psychologischen Voraussetzungen für ein solches, die Autorität und die Befugnisse einer religiösen Oberbehörde sich anmaßendes Gebilde heute in höherem Maße gegeben sind als vor 130 Jahren; schon deswegen, weil es unter der Aegide des nationalen Gedankens entsteht. Der,'Liberalismus ist von Haus und Natur aus individuell und für das Ein- (Fortsetzung auf Seite 3.) i