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Der Israelit · 1934-03-15 · Heft 11 (15.3.1934) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 11 (15.3.1934)
Date
1934-03-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Frankfurt a, M. 15. März 1934 28. Adar 5694 Nummer 11 Regelung des Schulbesuches jüdischer Kinder am Sabbat und an Feiertagen für das Reich. Das Reichsministerium hat für das gesamte Reich die Frage des Schulbesuchs jüdischer und adventistischer Kinder am Sabbat und Feiertagen nunmehr durch folgende Verordnung geregelt: „Die jüdischen Schüler können am Neujahr 2 Tage, am Versöhnungsfest 1 Tag, am Laubhüttenfest 2 Tage, am Beschlußfest 2 Tage, am Passahfest die 2 ersten und die 2 letzten Tage und am Pfingstfest 2 Tage dem Unterricht fernbleiben. An den gewöhnlichen Samstagen können die jüdischen und advent istischen Schüler auf Ansuchen der Erziehungsberechtigten ganz oder für die Stunde des G'ttesdienstes vom Schulbesuch befreit werden. Wer hiervon keinen 'Gebrauch macht, muß am gesamten lehrplanmäßigen Unterricht, auch im Zeichnen, Schreiben, Handarbeit und Werkunterricht teilnehmen. Für die aus derartigen Versäumnissen entstehenden Folgen kann die Schule keine Verantwortung übernehmen." Da.Zeichnen, Schreiben, Handarbeit und Werkunterricht nach den klaren Vorschriften des jüdischen R e 1 igionsgesetzes eine schwere Sabbatentweihung darstellen, so darf erwartet werden, daß nunmehr sämtliche jüdische Erziehungsberechtigte von der hier gewährten Vergünstigung Gebrauch machen und ihre Kinder an Sabbaten und Feiertagen am Schuluntericht nicht teilnehmen lassen. Ans dem Inhalt: Einheitliches Hilfswerk für die deutschen Juden in Amerika . Seite 2 Friede in Munkacz ........Seite 2 Arbeitermangel in Palästina . . . Seite 3 Das polnische Industriegesetz Seite 3 und 9 Elektrische Betäubung und Halacha Seite 5 Gefährdete Heiligtümer Von Rabb. Dr. A. Neuwirth . Seite 6 Auswanderungsbewegung deutscher Juden .......Seite 7 Das Neueste aus London.....Seite 10 Palästina-Nachrichten Seite 10 und 11 Kinderecke ......... . Seite 15 Die Sidrah spricht zu uns ..... Seite 4 Frankfurter Berichte . Seite 11 und 12 este in unserer Zeit? Just um die Purimzeit ist uns von einer gesetzestreuen, im öffentlichen Leben stehenden Persönlichkeit eine Betrachtung, über Festesfeiern und Mummenschanz in dieser Zeit ernster geschichtlicher Wende zugegangen, die wir ihrer ganzen Tendenz nach nicht billigen konnten, die wir aber als Symptom einer immerhin vorhandenen Stimmung der Oeffentlichkeit nicht vorenthalten möchten. Es heißt da: Wer die- Frage aufwerfen würde, ob deutsche Juden heute Feste feiern dürften, bekäme höchstwahrscheinlich von ihnen die Antwort zu hören, i-'men stünde der Kopf nicht danach und sie hätten, weiß G'tt, andere Sorgen. Sie wollten keine Feste feiern, nicht die weltlichen und nicht die jüdischen. Nicht Karneval und nicht Purim. Von dieser Erwägung ließ sich wohl auch der Vorstand einer jüdischen Vereinigung in einer rheinischen Großstadt leiten, als er beschloß, Karneval und Purim im Vereihshause unter keinen Umständen irgendeine. Form karnevalistischen Treibens zu dulden und auch von anderen Vereinen dort vorgesehene karnevalistische Veranstaltungen zu unterbinden. Den Vereinsangehörigen sollte an den Karnevälstagen die einen ruhigen und gemütlichen Aufenthalt bietenden Klubräume offen stehen. In dem Rundschreiben, das an die Mitglieder versandt wurde, hieß es zum Schluß, daß der Vorstand die strengste Innehaltung dieser Beschlüsse durchsetzen und dadurch zu seinem Teile dazu beitragen werde, ein angemessenes Verhalten der jüdischen Bevölkerung in diesem Jahre zu gewährleisten. Man muß zugeben, daß diese Erklärung, deren Wirkung über den Kreis der unmittelbar Beteiligten hinausgreift, da der einzige der jüdischen Gemeinschaft der Stadt zugängliche geräumige Saal im Eigentum des betreffenden Vereins steht, außer daß sie uns aufs Neue an die Fragwürdigkeit unserer persönlichen Existenz erinnert, durch ihre strenge Würde, die nicht nur Zurückhaltung empfiehlt, sondern mehr noch: Enthaltsamkeit gebietet, besticht. In der Tat hätte es auch kein angemesseneres Verhalten geben dürfen, als äußerste Zurückhaltung. Aber wir können, selbst auf die Gefahr hin, karnevalistischer Neigungen verdächtigt zu werden, uns nicht versagen, zu bemerken, daß der angeführte Beschluß, zu wenig Einfühlung in das Gefühlsleben des Menschen verrät, daß er ferner ebenso wie die an den Anfang gestellte hypothetische Antwort des deutschen Juden irgend-, wie unwahr ist und dadurch, daß er über'^nlfeugbar vorhandene Schwierigkeiten leichter Hand hinweggleitet, sogar Schaden stiften kann. Wir sind der Ansicht, daß es vielleicht wünschenswert sein mag, aber daß es sich, nicht auf die Dauer durchführen läßt, eine große Gemeinschaft von Menschen während eines oder mehrerer Tage quasi einzusperren, sie abzusondern von dem jubelnden Gewoge der Straße und ihr Ruhe zu kommandieren. Eine Handvoll Starker und einige von Natur aus anders Geartete werden von selbst die Fenster vor dem brodelnden Lärmen verschließen, sich zu ihren Büchern, an die Staffelei oder zu einsamer Musik flüchten. Die. Mehrzahl aber wird innerlich zwischen Vernunft und Lockung hin und hergerissen, bis daß sie erliegt. Die Ruhe, die ihr noch so gemütliche und einladende Klubräume verheißen, wird sie bestimmt nicht suchen. Und es ist. ja auch nicht so, als ob die Wellen der Freude auf weitabgewandte, in sich gekehrte und auf Heiterkeit verzichten wollende jüdische Menschen treffen würden. Der deutsche Jude, auch wenn er es nicht wahr haben will, sehnt sich nach Entspannung und Ausspannung. Nach einer ungefähr vierteljährlichen Pause im vergangenen Jahre hat er wieder angefangen, Cafes aufzusuchen. Bunte und lustige Abende, wenn sie veranstaltet werden, sind überfüllt, und der Beifall an einem dieser Abende, die auf die Straße gesetzten jüdischen Künstlern wieder zu Brot verhelfen, war nie lauter als bei der Ankündigung einer jüdisch-karnevalistischen Sitzung. Der Vergnügungsanzeiger jüdischer Blätter wächst von Mal zu Mal; mit und ohne Mögen Dowid wird Faschingstrubel in Aussicht gestellt, und jüdische Kabaretts schießen in der Reichshauptstadt wie Pilze aus dem Boden. Warum also den Versuch machen, das nun. einmal mit Recht oder Unrecht bei vielen be-i stehende Bedürfnis nach Zerstreuung, das in den Tagen allgemeiner Freude — und wir denken hierbei auch an die anderen Feste, an denen die Teilnahme von Juden unerwünscht ist, Erntedankfest, Fest der nationalen Arbeit usw. — eine bedeutende Steigerung erfährt, durch Verordnung von Ruhe zu befriedigen? Durch eine harte, seelisch ungesunde und schließlich doch erfolglose Verordnung? Warum statt die Masse im geschlossenen jüdischen Kreise unter indirekte Kontrolle zu stellen, sie zu beeinflussen und zu erziehen, sie in öffentlichen Lokalen, in Varietes und auf Tanzböden den überkritischen Augen nichtjüdischer Beobachter aussetzen? Es müßte, u. E. geradezu zu den Aufgaben jüdischer Vereine, des Kulturbundes oder sogar der Gemeinde gehören, auf derartige Strömungen Rücksicht zu nehmen, (Fortsetzung auf Seite 3.);'|:,i> Ii!;-:?

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