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Der Israelit · 1934-02-22 · Heft 8 (22.2.1934) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 8 (22.2.1934)
Date
1934-02-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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IrDer Israelit E5n Centrajorgan für das orthodoxe Judentum / Begründet von Dr. Lehmann in Mainz ImW^ —■ Frankfurt a. Mfj 22. Februar 1934 7. Adar 5694 Nummer 8 Erklärungendesösterreichischen Bundeskanzlers Dollfuß und des Vizekanzlers Fey. Wien, 19. Februar. Die österreichische Bundesregierung hat durch den Mund des Bundeskanzlers und des Vizekanzlers ihre Stellung zur Judenfrage dahin präzisiert, daß an der . Gleichberechtigung der österreichischen Bürger, ohne Unterschied der Rasse oder des Glaubens nicht gerüttelt werden soll. Bundeskanzler Dr. Dollfuß erklärte, die Autorität und Macht des österreichischen Staates werde in vollem Maße für den Schutz aller Bürger, die sich dem Staat gegenüber loyal verhalten, in Anspruch genommen werden, ohne Rücksicht auf Erwägungen, die sich auf Rasse oder Glauben beziehen. Der Bundeskanzler fügte hinzu, daß die Bundesregierung nicht beabsichtige, diskriminierende Maßnahmen gegen irgend einen Teil der Bevölkerung zu ergreifen. In einer vom Vizekanzler Major Fey, dem Führer der Regierungsaktion anläßlich der letzten Unruhen, abgegebenen Erklärung wird betont, daß eine Verbindung der Regierung mit den Gruppen, die eine spezifisch antijüdische Gesetzgebung programmatisch fordern, nicht beabsichtigt ist. Die Erklärungen der beiden führenden Staatsmänner haben wesentlich dazu beigetragen, die in letzter Zeit angesichts der ungeklärten Lage und des Zögerns der Regierung, ihre Grundsätze betreffend die Rechtsstellung der Judenheit öffentlich bekannt zu geben, in weiten jüdischen Kreisen entstandenen Befürchtungen zu zerstreuen. Aus dem Inhalf: Auswirkung der Einwanderungsbeschränkung in Palästina . - Seite 3 Bürgerkrieg und Bürgerrecht in Oesterreich ........Seite 3 Der Kampf um die Rabbinatsentscheidungen von Oberrabbiner Dr. Carlebach ........Seite 4 Kantstraße 158 von Wolf S. Jacobson ..........Seite 6 Eine Vertretung der unabhängigen Orthodoxie Deutschlands . . Seite 7 Reichsinnenminister Dr. Frick über die Rassengesetzgebung . . . Seite 7 Feuilleton, Purimbeilage und Kinderecke........Seite 9—11 Scheitern des jüdischen Weltkongresses .......Seite 2 Einwanderung nach Argentinien Seite 2 rhsvertretung und unabhängige Orthodoxie. Wir haben in der vorigen Nummer über die Tagung berichtet, die der große, aus etwa fünfzig Mitgliedern bestehende Beirat der „Reichsvertretung der deutschen Juden" abgehalten hat. Kein Mensch wird bestreiten, daß ein Gremium wie diese „Reichsvertretung" an und für sich — nicht grade der einflußlose „Beirat" — den Bedürfnissen aller Richtungen und Gruppen der deutschen Judenheit in ihrer heutigen Läge durchaus entspricht, und demgemäß haben auch die O r g an isationen der Orthodoxie in Deutschland von vornherein-zu dem Gedanken der Reichsvertretung grundsätzlich eine durchaus positive Stellung eingenommen. Sie wollten zum Besten des Ganzen mitarbeiten. Man ging jedoch dabei von der Voraussetzung aus, daß es den an der' Spitze stehenden Persönlichkeiten liberaler Gesinnung in der Tat um die Herbeiführung einer einheitlichen Interessenvertretung nach innen und außen und nicht etwa um kulturpolitische oder religionspolitische Vereinheitlichungstendenzen oder gar um beides zu tun sei. Derartige Vereinheitlichungstendenzen brauchen durchaus nicht böse gemeint zu sein und administrativem Machtstreben zu entstammen. Sie liegen vielmehr grade heute in der Luft und werden am begeistertsten von den sympathischen Menschen begrüßt, die sich, erschüttert durch die geschichtlichen Stürme der Gegenwart, in den geistigen Hafen des alten traditionsgebundenen Judentums flüchten, dabei aber diesen Hafen ganz nach ihren eigenen seelischen Bedürfnissen umgestalten und ausbauen möchten. Martin B u b e r ist heute der prominenteste Vertreter dieser Einheitsparole — ihm schwebt ein über Orthodoxie und Liberalismus hinaus alle histo-1 risch gegebenen jüdischen Kulturelemente verschmelzendes „erfülltes Judesein" vor, das von der Vergangenheit scheinbar alles ohne Abzug, sogar ihren ganzen 'Begriffsapparat vom G'ttesbegriff an mit dem Zubehör unbedingter „Gläubigkeit", über die Bibel und das Gesetz, bis herab zum letzten „Minhag Isroel" übernimmt und dennoch — die elementare Grundvoraussetzung dieses ganzen Apparates, die schlichte nJlQK an die Wahrhaftigkeit desHTI nwa 'H in Dunst und Rauch auf- 1 ö s t. Diese Grundvoraussetzung: die ewige, unmittelbar verpflichtende Ansprache durch das G'tteswort, schlechtweg anzuerkennen, würde für viele aus den Hallen der akademischen Wissenschaft oder der journalistischen Feuilleton-Kultur vertriebenen jüdischen „Heimkehrer" nicht nur ein äschwer zuzumutendes sacrificium intellectus bedeuten, sondern auch willensmäßige Konsequenzen für Lebensform und Lebensauf bau in der Gola wie in Palästina nach '. sich ziehen, die diesem Geschlechte — wer; wollte den Stab über diese Schwäche brechen? — vielfach unvollziehbar dünken. So ist diesen jüdischen Menschen das dem echten, geschichtlichen Judentum zum Verwechseln ähnliche Buber'sche P s e u d o- J u d e s e i n , weil eine ungewöhnliche terminologische Virtuosität in die alten Begriffs-Schläuche einen aus Mystik und ratio gekelterten Wein allerjüngsten bibelkritischen Jahrgangs gefüllt hat, geradezu auf den Leib geschrieben. Man glaubt zu glauben und bleibt frei von allen unbequemen geistigen und willensmäßigen Bindungen. Wer im Jahre 1933 Bub er und die, die seiner Schule angehören, gehört hat, meint, wenn er unkritisch ist, orthodoxe Rabbiner sprechen zu hören und empfindet die Existenz gesonderter Organisationsformen für orthodoxes oder liberales Judentum geradezu als einen- Anachronismus, dem keine geistige Wirklichkeit mehr entspricht. So konnte denn im Schöße und aus dem Schöße dieser von Buber und Baeck geistig bestimmten „Reichsvertretung" der monströse Gedanke der jüdischen „Einheitsschule" konzipiert und geboren werden,*} dem gleich *) Im „Morgen" (Heft 8, Febr. 1934) begrüßt Adolf Leschnitzer die im „Israelit" bereits gewürdigten „Richtlinien für jüdische Volksschulen" begeistert als Ausdruck der Tatsache, daß man zu einheitlicher Willensbildung auf einem Gebiete fähig war, das sich auf „Glaubensüberzeugungen sittlicher, religiöser und allgemein weltanschaulicher Art" gründet! Er will auch keine gesetzestreuen und liberalen Lehrerbildungsanstalten mehr: „Lehrerbildungsanstalten entgegengesetzter Richtungen — das hieße der grundsätzlichen Einheitlichkeit unsres Schulwerks das Grab schaufeln." Der ganze Begriff der religiösen Wahrhaftigkeit ist Pädagogen solchen Schlages offenbar vollkommen verloren gegangen. Man glaubt es jedem überlassen zu dürfen, ob er seine Zöglinge zu (Fortsetzung auf Seite 3.)

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