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Der Israelit · 1934-01-18 · Heft 3 (18.1.1934) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 3 (18.1.1934)
Date
1934-01-18
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Die Woche. Der Sinn unseres Schicksals. Das Referat Dr. Merzbachs zur Jahrzeit von S. R. Hirsch. Ein volles Haus lauschte am Samstag abend den geistvollen und überaus einprägsamen Ausführungen des" Herrn Rabb. Dr. Merzbach, Darmstadt, den die Samson Raphael Hirsch-Gesellschaft dieses Jahr zum Dozenten am Hirsch-Gedenktage bestellt hatte. Herr Dr. Merzbach leitet das Referat mit einer Erklärung zur Sidrah an Hand des Hirschkommentares ein.,,. Unser Geschlecht dürfe sich glücklich preisen, gleich dem "man -in Zeuge des Offenbarungserlebnisses unserer Tage zu sein. Daß das uns vor dreieinhalbtausend Jahren in den Verheißungen an die Väter .vorausgesagte Schicksal sich bis auf den heutigen Tag;so wortwörtlich erfüllt, müßte doch auch die Blinden und die Schlafenden aus ihrer Blindheit und ihrem Schlafe reißen. Wie leichter wäre doch, die Erkenntnis" von G'tt und dem wahren Sinne des Judentums heute.; der Welt beizubringen, als vor hundert Jahren, "da S. R. Hirsch mitten durch die Emanzipation und den Liberalismus dem überlieferten Judentum neue Gassen brechen mußte. Der Zusammenhang zwischen •Schuld und Schicksal des jüdischen Volkes dränge sich uns heute geradezu auf. In früheren Zeiten der G'ttesriähe bedeuteten die Leiden nur eine Kraftprobe, bei der die jüdische Gemeinschaft zeigen sollte, wie stark sie ist. Heute, da die Außenwelt den Juden vor kein Entwederoder stellt, müßten sie als Läuterung angesehen werden. Wie hatte S. R. Hirsch, •besonders in seiner Abhandlung über die Emanzipation, diese Entwicklung so klar vorausgesehen! Auch wir im engeren gesetzestreuen Kreise dürften Tuns nicht rein von Schuld und Tadel fühlen. Unsere G'ttesfurcht und unsere Guttaten müßten in Zahl und Qualität so sein, daß sie Basis für die Besserung der Welt abgeben. Mit historischen Zahlen und Daten beweist der Redner, wie sich solche Umwälzungen in der jüdischen Welt periodisch fast mit regelmäßiger Genauigkeit einstellen. Er spricht dann auch vom jüdischen Gesamtheitsbegriff nach der Auffassung von S. R. Hirsch. Wenn heute so viel von Einheit und Einigung der jüdischen Klassen und Parteien um jeden Preis gesprochen wird, so sei dem entgegenzuhalten, daß zum ins "»u das ins 'n gehört. Wenn heute Erez Jisroel in den Mittelpunkt des jüdischen Geschehens tritt, so sei darin wiederum ein .Fingerzeig G'ttes enthalten, vielleicht ein solcher nach der Richtung der letzten Etappe. Wehe aber, wenn wir auch diese Prüfung, wie die der Emanzipation in der 'Golah, nicht bestehen sollten und die neue: Heimat nicht auf der Grundlage von Q^nv rvo^n aufbauten. Nicht an der Führung fehle es, die sei seit .dem Lehrer Moses da, an den Menschen fehle es oft, die dieser Führung Gefplgschaft leisten. Herr Erwin Offenbacher rezitierte mit gutem Einfühlen zwei Stücke aus den Schriften von S. R. Hirschi die Abhandlung über die Emanzipation und die über den Religionsunterricht, worauf Herr Kantor Lazar Fink e. Istein mit einem ergreifenden V»k die Feierstunde abschloß. :.. Herr Dr. S. Ehr mann als Vorsitzender leitete den' Abend mit einer kurzen Ansprache ein und schloß ihn mit einer Danksagung an den Redner und einer Aufforderung, an den Arbeiten, besonders an .den^ejnzurichtenden Lesestunden der S. R. Hirsch- Gesellschaft eifrig teilzunehmen. Meier Nußbaum VSTs; , Eine markante Persönlichkeit unserer Gemeinde ist mit Meier Nußbaum im Alter von 69 Jahren von uns gegangen. Kernig, von gutem, altem Stamme, -eine.iin sich geschlossene Natur, im Besitze hoher •Bildung und einer unermüdlichen Tatkraft, geleitet -von. einem starken. Willen zum positiven Judentum . ,und"; ein glühender, Freund der Hirsch-Kehillah, so stand. Meier Nußbaum im Leben, im Dienste seiner Gemeinde und der Menschen, denen zu dienen, er mit seinem scharfen Verstände und goldreinem Chaj rakter allezeit bestrebt war. Schon als Jüngling in dem angesehenen Bankhause Emanuel Schwarzschild tätig, war er von dem Chef dieses Hauses — dem unvergeßlichen Rosch hakohol der Religionsgesellschaft durch Jahrzehnte hindurch — in die intimsten Feinheiten der Gemeindeverwaltung und Gemeindebuchhaltung eingeführt und zum späteren Gemeindevorsteher geradezu prädestiniert worden. Beinahe drei Jahrzehnte hatte er dann später seinen Sitz und seine gewichtige Stimme im Vorstande der Israelitischen Religionsgesellschaft, und gerade in der Kleinarbeit, in der überaus korrekten und minutiösen Durchführung der technischen Aufgaben, die ein großer Verwaltungsapparat an seine Leiter stellt, zeigte er sich als Meister von unvergleichlicher Sicherheit und Hingabe. Wie viele waren es, die in früheren friedlichen Zeiten bei kleinen Efe Verlag des Israelit und Hermon G. m. b. H. V o r k u r z e m e r s c h i e n Licht aus dem Westen Erzählung aus der Zeit der Ghettodämmerung S. Schachnowitz. Preis broschiert RM. 3.—, in gediegenem Leinwandband RM. 4.—. Die Buchausgabe des bei seinem Erscheinen im „Israelit" mit außergewöhnlichem Interesse begrüßten historischen Meisterromanes des Autors liegt nunmehr vor. Sie sollte in keinem jüdischen Hause, in keiner Jugendvereins- oder Schulbibliothek fehlen, denn sie führt Jung und Alt in eine der wichtigen Epochen der jüdischen Geschichte ein und ist geeignet Verehrung und Bewunderung für die großen Meister der jüdischen Lehre in die Herzen der kommenden Generation zu pflanzen. und großen Schwierigkeiten des Lebens den klugen Rat Meier Nußbaums einholten, wie wertvoll war die Arbeit dieses ruhigen, logisch scharf denkenden Mannes oft in Kommissionen, wenn es galt, zu vermitteln und über Mißverständnisse hinaus menschliche Brükken zu schlagen. Der Israelitischen Volksschule widmete er jahrzehntelang seine besondere Fürsorge. Als er vor etwa zehn Jahren aus Gesundheitsrücksichten sich vom Vorstand und damit von der Oeffentlichkeit zurückzog, da "harrte des Mannes, dem es auch an Enttäuschungen und Schicksalsschlägen nicht fehlte, ein Leben in schöner Geistigkeit und Beschaulichkeit, in dem er seinen Halt und seine Welt fand. Seine geliebten Klassiker pflegte er, und kaum gab es einen wichtigen Schiur innerhalb der Vereine, bei dem nicht Nußbaum seinen Ehrenplatz hatte, ob es dem tieferen Talmudstudium beim Gemorohschiur oder den feingeistigen agadischen Vorträgen galt. Er arbeitete emsig an sich bis in den Lebensabend hinein, dem eine viel zu frühe Nacht gefolgt ist. Mitschaffend nahm er an all jenen Lern- und Feierstunden teil, wobei er noch bis zuletzt Zeit fand, mit seiner meisterhaft vollendeten Schreibkunst sich im Kreise der Seinen und der Freunde nützlich zu machen. Die letzten Jahre des Krankseins führten ihn von den geliebten Stätten der Lehre weg, hielten ihn seinem geliebten G'tteshause fern, aber auch da konnte er, so oft und so lange es die Kräfte erlaubten, umhegt von der Liebe der Seinen, in der geistigen Betätigung Trost und Linderung finden. Er ging als unserer Besten einer von uns und wird uns in ewiger, lieber Erinnerung bleiben. n"aX2n Die psychologische Ursache des Antisemitismus. Mit einem Festakt in der Frankfurt-Loge wurde am 14. Januar das Wintertrimester des Jüdischen Lehrhauses in Frankfurt a. M. eröffnet. Nachdem ein Kammerchor unter Leitung von Dr. N. Ehrenreich zwei hebräische Kompositionen von Baruch Schorr (Klagelieder 5, 21 und Psalm 24, 7—10) zu Gehör gebracht hatte, nahm der Leiter des Lehrhauses, Prof. Dr. Martin Buber, das Wort zu einer großangelegten Programmrede über das Grundthema des zweiten Trimesters „Der Jude in der Welt". Die Vorstellung des Juden in der Welt, so legte Martin Buber dar, beginne nicht mit der Zerstörung Jerusalems durch Titus, sondern mit dem Fall der letzten jüdischen Feste Bethar, mit dem Zusammenbruch de.s Bar Kochba-Aufstandes und dem Aufhören der Existenz Jerusalems als Stadt Israels. Seitdem stehe der damals in den Weltabgrund geschleuderte Jude als der ungesicherte Mensch schlechthin innerhalb der an sich ungesicherten Menschentums da. In dieser Ungesichertheit, dieser Labilität im geschichtlichen Sinne sehe die Welt den Juden; das sei vielleicht auch die letzte psychologische Ursache des Antisemitismus.? Die jüdische Gemeinschaft, fuhr Buber fort, könne niemals unter allgemeine Begriffe eingereiht werden; sie sei weder in den Begriff der Nation, noch in den der Religion allein einfa n g bar. Hier bleibe wesenhaft Unfaßbares übrig. Das Uneinreihbare wirke aber immer unheimlich. Der Antisemitismus könne vielleicht in gewisser Hinsicht als „Gespensterfurcht" definiert werden, denn alles nicht Kategorisierbare habe etwas Gespenstiges an sich, wenn wir Juden selbst auch wissen, daß in unserer Seele nichts Gespenstiges ist. Die jüdische Uneinreihbarkeit müsse von uns, als gläubigen Menschen, vom Glauben her erfaßt werden, sonst werde sie unerträglich und absurd, weil sie widergeschichtlich sei. Diesen Glauben bringe allein das Begreifen der Einzigkeit Israels in Berufung, Wesen und Geschichte. Israel widerstehe der Kategorie Nation ebenso wie der Kategorie Glaubensgemeinschaft. Beides müsse geeint sein. In der jüdischen Geschichte zeige sich immer wieder ein doppeltes Streben, das nach Sicherung und das nach Einreihung. Das rechtmäßige Streben des Einzelnen, Ungesicherten nach Sicherung nehme aber oft fehlerhafte Formen an. So sei auch die Botschaft der Propheten eine einzige Warnung vor der falschen Sicherung; es gibt keine politisch-historische Sicherung allein, die Lehre fordere die Sicherung in G'tt, d. h. in der Verwirklichung des Gemeinschaftslebens im Bunde mit der g'ttlichen Lehre. Das Streben nach Einreihung habe in der Diaspora die geschichtliche Form der Emanzipation angenommen. Auch hier tauche wieder die Fragestellung „Nation oder Religion?" auf. Die Völker hätten später dann das spezifische Judentum immer mehr atomisiert, und die nach Emanzipation strebenden Juden hätten ihnen dabei in die Hände gearbeitet. Die Einzigartigkeit des jüdischen Menschen äußere sich aber schon darin, daß kein Gesetz aller Weltvölker wie das jüdische in seinen Mittelpunkt die Fürsorge um den materiell und sozial Schwachen gestellt hat. Das jüdische Gesetz habe stets gleiches Recht und gleiches Gesetz für alle, den „Gastsassen" und .den Eingeborenen, gefordert. Ursprünglich zum Juden allein, sei diese Thora später durch die Diaspora zur ganzen Welt und zu allen Völkern gesprochen worden. Für den Juden könne es nur eine vollkommene Sicherheit in der positiven Aufnahme der Einzigartigkeit seines Wesens und seines Bundes geben, das bleibe seine einzige und ewige Chance,

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