Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1934)
- Date
- 1934-01-11
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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- Haifa 2× ep/1047930
- Safed 1× ep/1046078
- Tiberias 1× ep/1048138
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Seite 2 Nr. 1 Der Israelit Keren H a j i s c h u w - B 1 ä 11 e r 11. Januar 1934 10. Wenn der Aufbau des Jischuw haschlischi das erreichen soll, was er aus der Not der Thora in heutiger Zeit erreichen muß, muß einigermaßen klar sein, wie die Anwendung der Thora durch neu Takanoth im Bezirke des öffentlichen Lebens aussieht, vor allem in Recht und Wirtschaft, hier kann nicht auf die geistige Vorarbeit der Rabbanim verzichtet werden, obwohl es sich natürlich nicht um endgültige Entscheidungen, sondern nur um die Aufzeichnung der Wegrichtung handelt. 11. Das ideale Vorbild des kommenden Volkslebens der Thora auf dem Boden von Erez Jisroel ist der totale Staat der Thora. Zur Weiterbehandlung der Hachschara-Angelegenheiten wurde unter Leitung von Dr. Oppenheimer eine Hachscharakommiss i o n gebildet, ferner eine Spezialkommission zur Beratung der gemeinsamen Arbeiten von Palästina-Zentrale und Noar Agudati unter Leitung von Dr. S. E h r m a n n. Fragen des Erziehungswesens. Die Abendsitzung war ausschließlich den religiös-kulturellen Fragen, darunter vor allem dem Chinnuch-Problem in Erez Jisroel gewidmet. Eröffnet wurde die Sitzung mit einem großangelegten Referat des soeben' von einer Studienreise aus Erez Jisroel zurückgekehrten Herrn Direktor Dr. Elias, der Ausführungen über seine dortigen Wahrnehmungen auf schultechnischem Gebiete macht. Ueber seine Erfahrungen und Aussprachen mit den maßgebenden Führern des alten Jischuw und stark interessierten prominenten Agudisten des neuen und neuesten Jischuw führte der Referent etwa folgendes aus: Das Erziehungsproblem in Erez Jisroel gehört zu den größten Sorgen, mit denen man in der gegenwärtigen und künftigen Entwicklung des Landes rechnen muß. Man trifft hier eine große Anzahl von Schulen an, aber von allen Seiten hört man den Ruf nach einem gesetzestreuen, modern-pädagogischen Schulwerk. Die Erziehung zu auch in religiöser Beziehung bewußten Juden hat mit den zivilisatorischen und kulturellen Fortschritten des Landes nicht Schritt gehalten. Die Anforderung, die unsere heutige Zeit, noch dazu in Erez Jisroel, an ein jüdisches Geschlecht stellen muß, stehen mit der tatsächlichen Religiosität der aus den bestehenden Schulen kommenden Jugend in krassem Widerspruch. Aus inneren und äußeren Gründen war der Misrachi nicht in der Lage, diesen Anforderungen zu genügen. Dies ist kein Geheimnis, Es gibt misrachistische Schulmänner, die sich und andern dies nicht verhehlen. So kommt es, daß in Haifa und Tel- Awiw, an den Brennpunkten der neuen Alija, die Ausbildung der 14—18 jährigen Jugend in die Hand indifferenter oder sogar antireligiöser Erzieher in privaten und zionistischen Schulen liegt. Die misrachistische Mittelschule in Tel- Awiw zählt kaum, weil sie nur 45 Schüler hat. Auch das Volksschulwesen der Gesetzestreuen liegt im Argen. Diesem unheilvollen Zustande muß ein Ende gemacht werden, schon im Interesse des Jischuw Hajaschon, der notgedrungen unter die Räder kommen muß, wenn er nicht schon in der Schule zur Teilnahme am Leben im heutigen Palästina und am Aufbau des neuen vorbereitet wird. Seine Forderungen faßt der Referent in folgende Leitsätze zusammen: 1. Alle einsichtigen Beurteiler der gegenwärtigen Lage in Erez Jisroel sind sich darüber klar, daß der Stand der gegenwärtigen Jugenderziehung in Erez Jisroel nach verschiedenen Seiten hin, vor allem aber in religiöser Beziehung ganz unzulänglich ist und dringend einer Reform bedarf. 2. Das ausgedehnte Netz von öffentlichen und privaten Schulen, die dortselbst sind und den Namen Schule verdienen, ist entweder unreligiös oder parteipolitisch festgelegt, oder beides. 3. Der Jischuw hajaschan und die geistig in ihm wurzelnde fromme Bevölkerung muß notwendig unter die Räder kommen, wenn sie keinen Weg findet, auf dem sie, den vollständig geänderten Erfordernissen des Aufbaus entsprechend, bereits in der Schule zur Teilnahme daran befähigt wird. Die Misrachischulen sind ihrer Geschichte nach dafür nicht geeignet. Die vorhandenen Agudaschulen genügen dem Bedürfnis nicht. 4. Alle Schulgründungen, die von unserer Seite ausgehen, dürfen nicht in Gegensatz zu den Führern des alten Jischuw erfolgen, um nicht die großen traditionellen Werte zu schädigen, die in ihm vorhanden und von ihm zu übernehmen sind. 5. Die von Westeuropa, vor allem aber von Deutschland einwandernden Eltern gesetzestreuer Richtung finden dort Schulen vor, in denen ihre Kinder wegen ihrer Sprache, Vorbildung und vielfach auch wegen ihrer religiösen Anschauung als Fremdkörper empfunden werden. Bis dato besteht keine einzige Anstalt im ganzen Lande, in der großzügig und vom Religiösen her der Uebergang in den neuen Heimatboden auch für größere Gruppen erzieherisch in die Wege geleitet würde. 6. Erez Jisroel ist mehr und mehr zur Zufluchts- - und Erziehungsstätte für Kinder von Eltern geworden, die in der Diaspora leben wollen oder müssen. Gerade fromme Juden in allen Ländern der Welt erhoffen sich von Erez Jisroel eine tiefgehende jüdische Beeinflussung. Demgegenüber muß festgestellt werden, daß außer dem auf .nichtreligiöser Grundlage und unter nicht religiöser Leitung stehende Internat der Realschule in Haifa kein einziges Erziehungsinstitut in Palästina existiert, das sich dieser großen Aufgabe der Erziehung zum Judentum Um jüdischen Lande widmet. 7. Nach all dem ist unbedingt notwendig, eine große Bewegung, die Erziehung in Palästina auf religiöser Grundlage von neuem aufzubauen. Dazu ist notwendig 1. Geld, 2. Lehrmittel, 3. ein im Einverständnis mit den Führern des Jischuw hajaschan und in Anlehnung an die von Rabbi Chajim Sonnenfeld seinerzeit gebilligten Erziehungsmaßnahmen ausgearbeiteter Unterrichtsplan. Ob die darnach zu gründenden Anstalten agudistisch oder einfach nur überparteilich sein sollen, muß nach den besonderen Bedingungen der verschiedenen Orte entschieden werden. 8. Es ist a) in Jerusalem, Tiberias und Safed anzustreben, wenigstens eine Knaben- und Mädchenschule, die bei unveränderter Beibehaltung des religiösen Geistes nach methodischen Grundsätzen und pädagogischen Gesichtspunkten erzieht und unterrichtet, ins Leben gerufen werden. b) in den Kolonien eine Reorganisation der Talmud Thora nach denselben Gesichtspunkten vorzunehmen. c) in den Städten Tel-Awiw und Haifa die Gründung von Aufbauschulen in Angriff zu nehmen, deren Unterrichtssprache Hebräisch, und deren praktisches Ziel die Einordnung in die Bedürfnisse des Landes sein soll. Unter 30 Wochenstunden sind mindestens 15 auf die Ausbildung eines jüdischen Weltbildes, die anderen unter besonderer Berücksichtigung der Lebensforderungen auf Englisch, Arabisch, Mathematik und Realien zu verwenden. An den Nachmittagen sollen die technischen Fächer, in den oberen Klassen eine Gabelung nach landwirtschaftlicher, kaufmännischer, handwerklicher und rein geistiger Richtung einsetzen. 9. Es ist ferner die Einrichtung mindestens eines großen ganz positiv eingestellten Internats in Palästina zu ermöglichen, womöglich in Anlehnung an ein Lehrgut. 10. Die Ausbildung und Bereitstellung hochwertiger nach modernen Grundsätzen ausgebildeter, mit Schulreform und Jugendbewegung vertrauter Lehrkräfte, die die hebräische Sprache beherrschen, ist von den bestehenden jüdischen Schulen Deutschlands zu organisieren. 11. Es ist von derselben Stelle her (von den jüdischen Schulen) dafür zu sorgen, daß Kinder (deren Eltern vorläufig noch nicht nach Erez Jisroel über-, siedeln können, aber ihre Kinder vorausschicken möchten), in geschlossenen Gruppen und unter Führung berufener Erzieher, wie sie oben genannt sind, nach Erez Jisroel kommen können. Der Bau einer Baracke für 20 Kinder in der Gegend von Tel-Awiw und Petach Tikwa müßte zunächst ins Auge gefaßt werden. Darin würden die Kinder in zweijährigem Kurs vormittags theoretisch, nachmittags in den umliegenden Betrieben verschiedenster Art für praktische Berufe vorbereitet werden. Herr Dr. Deutschländer, ebenfalls erst vor ganz kurzer Zeit aus Erez Jisroel zurückgekehrt, entwarf hierauf ein packendes Bild von der gegenwärtigen Lage in Erez Jisroel, von der auch von agudistischer Seite vielfach verkannten Leistung des alten Jischuw, und gab der tiefen Ueberzeugung Ausdruck, daß nur Unkenntnis oder Uebelwollen die jetzigen Leistungen der Aguda auf schultechnischem Gebiet bagatellisieren oder gar als minderwertig hinstellen kann. Er verlangte, daß die Palästina-Zentrale eine historische Zusammenfassung dessen gebe,, was die Agudas Jisroel und ihre Gesinnungsgenossen besonders in Erez Jisroel geleistet haben. Es würde sich dann herausstellen, daß nicht nur auf kulturellem Gebiet, — erfolgreiche und mit Herzblut erkämpfte Bewahrung der Tradition — sondern auch auf wirtschaftlichem Gebiet unendlich viel geleistet worden sei. Gewiß müssen wir den Ansprüchen der agudistischen Einwanderer aus Deutschland auf schultechnischem Gebiet Rechnung tragen, aber es darf nichts geschehen, was nicht den Namen der Aguda als .Stempel trage, es darf nichts unversucht bleiben, um die Position auch des alten Jischuw zu stärken und nur in organischer evolutionärer Weise im Anschluß an den alten Jischuw sei Neues zu schaffen, (Das Referat von Herrn Dr. Deutschländer wird noch im Wortlaut veröffentlicht werden.) Herr Dr. M. Auerbach, Berlin,( begann sein Referat mit einem historischen Rückblick auf die Erez Jisroel-Bewegung seit 100 Jahren. In überwältigender Schilderung der Persönlichkeit eines Rabbi Chaim Sonnenfeld und anderer überragender Thoragrößen des alten Jischuw zeichnete der Referent den Jischuw, wie er zu jener Zeit war, da er selber das palästinensische Schulwerk der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums leitete, und wies auf die entsetzliche Tatsache hin, daß heute von etwa 40 000 Kindern in Erez Jisroel höchstens 8000 im Geiste der Thora erzogen werden. Eine Tatsache, die jeden Agudisten aufrütteln muß in seinem eigenen Interesse, im Interesse seiner Kinder aber auch des alten Jischuw, der nicht übergangen werden darf, sondern mit dem zusammen heroische Anstrengungen gemacht werden müssen, um nicht nur den jetzigen Besitzstand zu bewahren, sondern ihn zu erweitern. Klarheit des Geistes, Reinheit des Herzens, äußerste Energie des Willens wären die Vorbedingungen, die heute an die agudistischen und nicht agudistischen Massen gestellt werden müssen, um eine der wichtigsten Klallarbeiten, die des Chinuch befriedigend lösen zu können. Im Einvernehmen mit dem Rabbinischen Rat der Agudas Jisroel und mit den jeweiligen ortsansässigen Führern in den einzelnen Orten ist der Chinuch zu gestalten, über welchen der Referent im einzelnen folgende Leitsätze der Konferenz vorlegte: Aufgabe der thoratreuen Gesamtjudenheit ist es^ Erez Jisroel zum Kulturzentrum des jüdischen Volkes zu machen. Hierzu ist nötig: Für das Geistesleben: t* 1. Bildungsanstalten in Erez Jisroel, in welchen die jüdische Jugend zu zielbewußten thoratreuen Juden erzogen werden sollen, welche umfassende Thorakenntnisse mit bester Berufsausbildung vereinigen. Hierzu ist notwendig: a) Kindergärten, b) Elementarschulen für Knaben (Talmud-Thora- Anstalten) und Mädchen, c) höhere Schulen für Knaben und Mädchen, d) Haushaltungsschulen für Mädchen, e) landwirtschaftliche, technische und Handelsschulen, f) Bildungsanstalten für Lehrer, Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen, g) Talmud-Hochschulen (Jeschiwaus), h) Hochschulen aller Geisteswissenschaften sub specie der G'tteslehre. .2. Eine Akademie des Thorawissens „Methiwto gedaulo". 3. Eine das ganze Land umfassende Organisation zur Sicherung aller Bedürfnisse des religiösen Lebens sowie zum moralischen und materiellen Schutz der religiösen Funktionäre und zur Schaffung einer den Thorageist fördernden Literatur. 4. Heilighaltung des Religionsgesetzes, insbesondere die Sabbatheiligung im öffentlichen Leben. 5. Die Anwendung der dem Heiligkeits-Charakter Palästinas entsprechenden landwirtschaftlichen Vorschriften. 6. Durchführung des jüdischen Ehe- und Zivilrechtes. 7. Enger Zusammenhang zwischen Erez Jisroel und der Diaspora: