Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1933)
- Date
- 1933-12-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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21. Dezember 1933 3. üEebet 5694 ~ Nr. 51 Frankfurt a. M., den kl« CentraSorgan für das orthodoxe Judentum & B Jf Dearündek non Sr. Pphmnm* In Main». »«t s Begründet vpn Dr. Lehmann in Mainz. rWWU .«8 Abonnenrent ab Juli 1933: Deutschland IM Mark monatlich; Auslano: Ärerietjahrpreise (en sprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüqlich Konen des Streifband-Versandes) Deutsch-Ssterreich: Schilling 8.—; Amerika 1.80 Dollar; England 8 sh.; Frankreich 35 Fr; Belgien Belga k. Holland 2.^0 fl.; Italien 18 Lire; Ingo lavie» W Din.; .Litauen 7SO Lit.; Rumänien ISO Lei; Polen 4 deutsche Gold nark zum Tageskurs oder 7 Zloty: Schweiz 8 Fr.; Tschecko-Slotoakei LS Kronen; Ungar» Uengö 8; Dänemark, Norwegen u. -,-broeden 6 Kroren. Einzelnummer 30 Pfennige. Im Falle von Streiks und höherer Gewalt keine Verpflichtung zur Rückzahlung von Abonnementsgebühren. Der Israel« erfchernt jeden Donnersrag. Inserate SO Goldvf. für die fiebengesp alten« Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Familienanzeigen nur 40 Pf. Die 7S mm breite Reklaurezeile: letzte Textseite 2.— Mk., vorletzte Tertsette 880 Mk.; Ehisfregebühr in Höhe eines dovv. Fernbriefvortos. Rabatt nach Tarif. Bet laufenden Inserataufträgen tarifm. Preiserhöhung jederz. Vorbehalt. Inferatenannahme durch de» Verlag des Israelit G. m. v. H., Frankfurt a. M., Rechueiarabenstratze 7, Tel. Hansa 31084 sow. durch sämtl. Annonee«-E»ped. d. In» und Auslands. Alleinige Inseratenann. für Franks. Geschältsanz.: Jul. Schmidt, Ostendäratze 83 Tel. 48886. Platzoorschr. ohne Verbindlich!. Zahlungen direkt an den Verlag aus Poflfcyecklonlv Verlag des Israelit und Hermon G>m.k».H., Frankfurt (Mat») Nr. 19803.—Außerdem an: Postsparkasse Wien Nr.«96kö.— Postsrarkassenamt Budapest Nr. 18424.—Postscheckkonko Varlchau Nc. 190757. — PoMcheSamc Zürich Nr. VU173ä1. — Postscheckamr Amsterdam Nr.34869 — Postscheckamt Prag Nr. 79.080 — Rumänische Kreditbank Bukarest und ihre sämtl. Filialen Der Gerichtsstand für alle aus Abonnements oder aus Inseraten stch ergebenden Zahlungsverpflichtungen ist Frankfurt a. M. Wegen der bürgerlichen Feiertage erscheint die nächste Aummer unseres Blattes erst am Freitag, den 29. Dez. Emigranken'Schicksal. Wir haben in der vorigen Hummer den Bericht über die Sitzung des Verwaltungsrates beim Flüchtlingskommissar in Lausanne veröffentlicht, in der eine Reihe von Erklärungen der hauptsächlichen Staaten, in -denen die Auswanderer aus Deutschland eine Zufluchtsstätte fanden, abgegeben worden sind. Unser Korrespondent Hat diese Erklärungen mit Recht als deprimierend bezeichnet, denn sie lassen mit aller Klarheit erkennen, daß weder England, noch Frankreich, Holland oder polen in der -deutschen Einwanderung, bei der es sich, ja zumeist um Inden handelt, einen erwilnschterr Levölkernngsznwachs erblicken, daß vielmehr überall, bei aller menschlichen Sympathie mit den Heimatlosen^ -die dauernde Aufnahme dieser Einwanderer in das Wirtschaftsleben des eigenen Landes mit einer Geste des Bedauerns als unmöglich bezeichnet wird. Gerade diese von den Wirtschaftspolitikern der Aufenthaltsländer festgestellte Unmöglichkeit hat zur Schaffung der Institution des Hochkommissars für das .Flüchtlingsproblem geführt. Es wird als -die eigentliche Aufgabe James Wacdonalös betrachtet, den Strom der Eingewanderten und künftigen deutschen Einwanderer aus den europäischen Nachbarländern Deutschlands in die noch zu ermittelnden aufnahmebereiten Gebiete irgendwo auf dem Erdball zu lenken. Aber eines steht jedenfalls fest: mit dem E h a - r akt er oder gar mit der Ha ff e der Einwanderer hat diese Haltung unsrer Nachbarländer nichts zu tun; sie ist ausschließlich begründet in der Tatsache der Arbeitslosigkeit, die in diesen Ländern herrscht, und der Enge des Wirtschaftsraumes überhaupt, die — mit Recht oder Unrecht — jeden Zustrom menschlicher Arbeitskraft und Unternehmungslust als bedrohlichen Wettbewerb und nicht als belebenden Wirtschaftsfaktor -empfinden läßt. Das alles ist verständlich. Verwahrung muß aber gerade darum gegen den versuch eingelegt werden, -die negative Haltung der Einwanderungsländer nun zum U a ch t e i I der Cmig r ante n zu deuten; -es so darzustellen, als sei -das tragische Schicksal der -heute faktisch Heimatlosen ein Beweis ihrer menschlichen Älinderw-ertigkeit und nicht vielmehr in den weitaus meisten Fällen ein völlig unverdientes grausames Geschick. Wir brechen keine Lanze für -diejenigen unter den „politischen" Flüchtlingen, die von draußen -gegen ihr Vaterland agitieren und ihren Pazifismus in Boykott- und Kriegshetze umsetzen; wir wissen uns frei von jeglicher Sympathie ntit den paar verantwortungslosen oder -denkunfähigen Emigranten-Poiitikastern, die es über sich gewinnen können, die zarte Pflanze -der deutsch-französischen Verständigung in -ihrer Entwicklung irgendwie zu stören, an deren Gedeihen ja geradezu die Existenz Europas hängt — aber wie wenig fällt die dünne Schicht dieser vorlauten Schreier gegen -die Zehntausende von Namenlosen ins Gewicht, denen in Deutschland durch die nun einmal als staatspolitische Notwendigkeit empfundene Rasfengcsetzgebung und judenfeindliche Wirtschastsgesinnung die Grundlage der Criste n z oder die A u s s i ch t aus die angemessene Erziehung und v e r s o r g u n g i h r e r Kinder geraubt worden ist und die mit schmerzerfttttter Resignation der Heimat schweigend den Rücken kehren m u ß t en! All die Tausende von Professoren, Gelehrten, Rechtsanwälten, Aerzten, Angestellten jeder Art, selbständigen Kausle-uten jeden Grades — denen Gesetz oderungesetzlicher Verruf — trotz aller Erlasse des Reichswirtschaftsministers — jeden wirtschaftlichen Halt zerbrochen haben, die weiteren Tausende, die nicht wissen, was sie mit ihren zu Estern die Schule verlassenden Söhnen und Töchtern anfangen, wo sie angesichts der Haltung mancher Handwerkerkreisc und fast der gesamten Landwirtschaft eine Lehrstelle oder irgendwelche Möglichkeit einer vernünftigen Berufsausbildung in Deutschland für sie-finden können. Auch wenn sie und fünfzig Generationen ihrer Vorfahren in Deutschland geboren sind, wenn sie mit allen Fasern ihres Herzens den Boden lieben, in dem ihre Väter und Mütter schlummern, die Landschaft und die Kultur, die ihre Seele doch nun einmal mindestens anderthalb Jahrhunderte genährt hat — bleibt ihnen in unzähligen Fällen eine andere Wahl als den Wanderstab zu ergreifen, einer ungewissen, w ahrhaft i ß v o n f c i n c m b c q c b v t o n Zukunft entgegen? Daß für diese furchtbare Tragik in der deutschen Tagespreise sich bisher so gar kein Verständnis gezeigt hat, daß man die vom Schicksal schwer genug Getroffenen auch noch glaubt, durch Zeitungsartikel in Lausch und Bogen herabsetzen zu müssen, ist — wir gestehen es offen— so ziemlich das Schmerzlichste und Cnttäuschendste für -den deutschen Juden, der sich bemüht, gerecht zu sein und auch im Sturme revolutionären Geschehens an dem wahrlich guten menschlichen Kern des deutschen Volkscharakters nicht irre zu werden. Um so erfreulicher ist es uns, nun auf eine Aeußerung zum Emigrantenproblem in der Zeitschrift „Die Hilfe" Hinweisen zu können, die sich wohltuend abhebt von der oben charaktensi-erten Haltung der ineisten Tageszeitungen. Es beißt da: .„Im Sommer gab uns ein Aufsatz des „Eckart" die Veranlassung, über die Gefahr zu sprechen, das; sich in der Behandlung der Emigrantenfrage hüben und drüben von den Grenzen eine Art von „Pharisäertum" uusbilde. Die Möglichkeit besteht heute noch, ja die Erörterung dieses Problems kann an Schärfe zunehmen, wenn eine bestimmte Emigrantenliteratur deutsches Schicksal beeinflussen will. Nun hat die Welt im Laufe der letzten anderthalb Jahrzehnte eine große russische, eine nicht unbeträchtliche italienische und jugoslawische „Emigration" erlebt, und die politische Führung der Länder hat lernen können, deren sachliches Gewicht richtig abzuschätzen. Wir glauben also, daß viele Redner und Publizisten heute geneigt sind, den Einfluß deutscher Politiker im Auslande auf die Meinung fremder Regierungen viel höher zu veranschlagen, als er tatsächlich ist; die werden sich an bie Berichte ihrer diplomatischen Vertretungen halten. Dabei ist es eine glatte Selbstverständlichkeit, daß die deutsche Reichsregierung — und nicht sie allein — mit Nachdruck und Leidenschaft gegen die Menschen und gegen die Versuche sich zur Wehr setzt, die sie als Störung ihrer Politik empfindet. Aber die Verallgemeinerung, als ob „die Emigranten" nur eben ein sausen sei, der die „Flucht vor dem Staatsanwalt" mit einem politischen Märtyrertum verkleide, tut zahllosen Menschen einfach Unrecht. Wir sprechen das noch einmal ans, nicht aus Sentimentalität —, denn wir wissen, wie diese Zeit es ablehnt, über tragische oder traurige Einzelschicksale sich Gedanken zu machen, sondern einfach, damit nicht ein schiefes Bild entsteht, damit nicht ein Haßgefühl die Dinge verstellt.' Das würde dem deutschen Volk selber wenig nützlich sein. Die Zahl der „politischen Flüchtlinge" mag verhältnismäßig gering sein. Die Tausende, die gegangen sind, haben nicht die „Flucht" ergriffen, sie sind auch nicht „vertrieben" worden — sie sehen mir, daß das Land, das sie Heimat nannten und meist weiter so nennen» ihnen keine berufliche Möglichkeit mehr gibt, ihren Kindern eine harmlose Jugend verwehrt. Wir denken hier an junge Gelehrte, Juden, Halbjuden, Viertelsjuden, an reine „Arier", die „nichtarisch" verheiratet sind, junge Mediziner, Referendare — -was sollen sic machen? Wir kennen einige solcher Schicksale von Menschen, deren Leidenschaft und Liebe der Erforschung und der Deutung deutscher Geschichte galt; es ist nicht so, daß sie sich nun in London, in Paris oder sonstwo eine leicht auswechselbare Heimat beschafft hätten, sie mußten nur erfahren, daß Deutschland für ihren Willen und ihr Wissen — einen gar nicht politischen Willen — keine Verwendung hat und das ruhige Wachstum ihrer Kinder leiden muß. Als sie.Deutschland verließen, hatten sie vor nichts so sehr Angst, als vor der „Emigrantenatmosphnre"; Deutschland darf selber nicht das Unrecht tun, sie hineiuzudrängen." Das sind ehrliche und menschlich mannhafte Worte, die auch die Tagespresse veranlassen sollten, einer in ihrer großen Wehrbeit schwer verkannten Gruppe von Unglücklichen ritterlich zu Hilfe zu kommen — mit dem Worte wahrhaftiger Würdigung wenigstens, wenn schon keine Möglichkeit tatkräftiger Rcttungsarbeit vorhanden ist.