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Der Israelit · 1933-12-14 · Heft 50 (14.12.1933) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 50 (14.12.1933)
Date
1933-12-14
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Seite 4 Nr. 50 D er Israelit 14. Dezember 1933 Im G l i n a, wo er seine erste Rabbinerstelle hatte, nahm Rabbi Meiir das Söhnchen einer armen Schusterfamilie namens Efrajim, das vielversprechende Fähigkeiten aufwies, ins Haus und lernte mit ihm. Er liebte den Jungen wie ein eigenes Kind und glaubte in ihm einen Schatz für Las jüdische Volk zu -hüten. Der kleine Ephrajim starb aber im Alter von zehn Jahren plötzlich. Die Bestürzung des Rabbi war unbeschreiblich. An der Bahre sprach er schluchzend: d'-ibx •>*? *v>j?’ pn, lieb und teuer wie ein Sohn war mir Ephrajim. o’yiwyp *6* ns, wenn er zur Zeit auch noch ein spielendes Kind war. •a na-7 'in ’a, denn wenn ich von ihm und mit ihm in Liebe sprach, *ny vnars man, so dachte ich doch an die weitere Zukunft und an das, was uns aus ihm hätte erblühen können. Ein amerikanischer Magnat sagte ihm einmal in Anerkennung seines Lubliner Werkes: „Euer Olom Habbo möchte ich haben." „Wißt Ihr was," antwortete Rabbi Meiir prompt, „stellt mir die Gelder zur Vollendung des Baues zur Verfügung und ich trete euch schriftlich meinen ganzen Anteil an Olom Habbo ab." Als die materiellen Sorgen um die Jeschiwa ihn einmal besonders bedrückten, rief er lachend: „Ein Glück, daß ich das K a r t o f f e l s ch ä l e n bei meiner Mutter' nicht gelernt habe. Ich hätte sonst auch das noch für die Jeschiwa machen müssen." Man kritisiere, weise zurecht und klage an, ohne Schonung und ohne Rücksicht, solange es um die Sache geht; der Mensch und das Menschliche bleiben aber stets verschont. Der Hohepriester hatte am Jomkippur im Heiligtums das Sündenregister des jüdischen Volkes vorgetragen, nichts verschont und nichts verschwiegen, irrvn 'vn ivvv iiv Dazu heißt es aber: rroin bnrra "w tm tov alles Menschliche und Persönliche schaltete dabei aus. fahren damit er ihn dann persönlich kennenlerne. Er richtete an den Bilüungsminister in Petersburg die Bitte, den Zensor für hebräische Bücher in Warschau zu beauftragen, Namen und Wohnort des Verfassers des Wer- Jeschiroa „Ez in Heide. kes „Chofez Chajim" festzustellen und ihm bekanntzugeben. Er hatte durch diese Bitte unwillkürlich die Aufmerksamkeit der Regierungskreise auf ein ihnen unbekannt gebliebenes „Judenbuch" gelenkt. Der Bildungs- Tages ein Ende bereitet. Als der Bildnügsminister das Original und did Ueberfetzung des Werkes zu Gesicht bekam, war er völlig enttäuscht. Es stellte -sich nämlich heraus, daß der Verfasser dieses Werkes der Privatgelehrte Israel Meier Kohen aus Radin fei und daß aus seinem Werke kein umstürzender Geist, sondern der warme Hauch edler Gesinnung dringe. Im Zuge der Untersuchung kam man darauf, daß in den letzten Jahren noch andere hebräische Werke anonym erschienen waren, und Israel Meier Kohen wurde befragt, ob er mit dem Verfasser etwas gemein habe. Er, der nie ein unwahres Wort gesprochen hatte, gab zu, auch jene Werke herausgegeben zu haben. Auf.die Frage, warum er seinen Namen verschwiegen habe, erklärte er dem Untersuchungsbeamten gegenüber, er wolle, um nicht in seinen religiösen Diensten gestört zu werden, von her Außenwelt unbehelligt bleiben. Seine anderen anonymen Werke, die rein rabbinische, gesetzmäßige Themen behandelten, haben durch ihre scharfsinnige Gestaltung Und lebensvolle Ausführung in der jüdischen Gelehrtenwelt Erstaunen erregt. Ob Tolstoi mit dem „Chofez Chajim" auch zusammengekommen ist, ist so schwer festzustellen, wie die Behauptung, daß Zar Nikolaus durch das Werk „Ehofez Chajim" zu seinem Friedensplmw angeregt -wurde . . . Um die Gestalt des „Chofez Chajim" hat sich schon bei Lebzeiten ein üppiger Sagenkreis gebildet. Er soll schon vor einem halben Jahrhundert den Untergang der Zarenherrjchaft und mit tiefem Bedauern das Entstehen einer g'ttfeindlichen Regierung vorausgesagt und beim Niederbruch des polnischen Aufstandes im Jahre 1863 den Stern für Polen aufgehen gesehen haben. Das eine steht fest, daß er vor dem Kriege bei den russischen wie auch jetzt bei den polnischen Regierungskreisen in großem Ansehe steht und oft für die Juden Erleichterungen erreicht hat. In Wien wurde einmal der Lubliner Naw von einem amerikanischen Reporter stark belästigt. Dieser machte sich eine Freude daraus, alle möglichen Verfehlungen der Orthodoxie an den Kopf zu werfen und wollte die Meinung des Rabbi über diese Dinge hören. Rabbi Meiir fragte plötzlich: „Weiß jemand, wo ein Zeitungsmenfch zum ersten Male in der Thora steht?" Keiner wußte. Sprach er: „Beim Sündenbock, der in die Wüste geschickt wurde, tritt er zum ersten Male aus. Da heißt es nämlich maaan w w- Wozu gab man dem Sündenbock einen Zeitungsmenschen mit? Weil man bei dieser Prozedur alle Sünden des jüdischen Volkes aufzählen muhte. Das konnte natürlich kein anderer so gut wie ein Zeitungsmensch, ein amerikanischer wahrscheinlich. In London wies ihn einmal ein jüdischer Magnat, als er diesen für die Jeschiwa interessieren wollte, kalt ab. Rabbi Meiir sagte: „England ist noch gastfreundlicher als Polen. In Polen habe ich erst als Sejmabgeordneter freie Bahnfahrt genossen. In England bin ich kein Parlamentarier und bin dennoch zu Ihnen umsonst gefahren." Ein Amerikaner fragte ihn, ob er denn wirklich die Absicht hätte, 500 Rabbinen in seiner Jeschiwa alljährlich großzuziehen? „Nein," erwiderte er blitzartig, „zwei werden Rabbiner sein und 498 werden soweit sein, daß sie von einem Rabbiner etwas verstehen und bei einer Rabbinerwahl mitreden können." Woher er schon als Vierziger die grauen Haare im Bart hätte, fragte man ihn einmal. Der Lubliner Raw antwortete witzig: „Grau ist eigentlich meine Grundfarbe. Die paar schwarzen Haare kommen daher, weil ich bei meiner Arbeit für die Jeschiwa „„verschwarzt" (östlicher Ausdruck für verzagt, verdüstert) worden bin." Liberias. «ach einer Studie von Elias Newman in New York. Der Chofez Chajim und Leo Tolstoi.') Jahrelang wußte man nicht, wer her geheimnisvolle Verfasser des Buches „Ehofez Chajim" sei. Durch Zufall wurde im Jahre 1899 Leo Tolstoi von einem Freund auf die seltsame Schrift aufmerksam gemacht. Tolstoi, der den Inhalt ins Russische übertragen ließ, war von den hohen ethischen Ideen des offenbar weltlich ungebildeten Verfassers derart begeistert, daß -er sich vornahm, alles anzuwenden, um den Namen des jüdischen Weisen zu er¬ *) Aus einem Artikel des bekannten Schriftstellers Chajim Bloch in der Wiener „Jüdischen Presse". Der Heimkehrer. Der Begriff des „Baal-Teschuwoh" ist in der assimilationslüsternen, indifferenten Judenheit eine Unmöglichkeit. Um „zurückkehren" zu können, mutz man dort, wohin man zurückkehren will, gewesen sein. Wer aber das Judentum nie — weder, in Theorie noch in Praxis kennen gelernt hat, — wie soll der zu ihm zurückkchren? Die wenigen Religionsstunden in der Schule und vielleicht auch einige Erbauungsstunden jährlich in der Synagoge vermögen doch wahrlich nicht die Kunst, in das Judentum einzuführest wenn sonst das ganze Leben sich abseits vom Judentum vollzieht. Die Religionsstunde und die Predigt haben dann nicht mehr Wert wie ein oberflächlicher Leitfaden oder wie ein Feuilleton in der Zeitung, das manchmal gut ist, aber doch in der nächsten halben Stunde schon vergessen wird. In der Judengasse war -es freilich anders. Hier pulsierte ein jüdischer Alltag, dem selbst Ungläubige und Abseitige untertan waren. Wer sich hier vom Judentum entfernte, der konnte zu jeder Zeit zu ihm zurückfinden und ein Baal-Teschuwoh werden. Die Verpflichtung zum Judentum und eine Ahnung von seiner G'ttlichkeit beseelten selbst die jüdisch wenig Interessierten, weil sie sich eben in einem jüdischen Milieu bewegten. Der Unterschied zwischen dem Jetzt und dem Einst charakterisier sich als G a l u t h t r a g i k. minister machte die Bitte des edlen Dichters zum Ge-1 Es ist stets das Eigenartige des Galuth gewesen, daß genstand einer strengen Untersuchung gegen den anony-I durch sein ersehntes Schwächerwerden das Judentum als men Verfasser. Man vermutete in dieesr Schrift irgend, solches leidet. Selbst das Mittelalter bietet Beispiele für diese Erscheinung. So ging der Katastrophe der spanischen Judenheit ein langer Assimilierungsprozetz infolge ihrer politisch günstigen Situation voraus. Auch die heutige politische Katastrophe schließt eine lange Assimilierung ab, eine Assimilierung, die große Massen vom Judentum gelockert und losgelöst hat. Diese Massen, die das Judentum, um das sie jetzt zu leiden glauben, nicht kennen, sind sicherlich zum Teil wenigstens empfänglich für die Lehren des Judentums geworden, obwohl ihnen der Begriff des Baal-Teschuwoh, der Weg -einer nicht nur formalen, sondern wirklichen Rückkehr fremd sein muß. Diesen Massen muß klargemacht werden, daß sie nicht um das Judentum leiden, sondern vielmehr, daß das Judentum, seitdem sie den Weg der Assimilierung beschritten haben, um ihretwillen leidet, und daß die von ihnen verursachten Leiden des, Judentums die Katastrophe herbeisühren mußten, um des Judentums Ewigkeitscharakter zu wahren. Die gesamte jüdische- Geschichte bezeugt diese Wahrheit. Von der jüdischen Geschichte läßt sich aber an die Einzigartigkeit des Judentums herantreten, wie dem Wunder der Befreiung aus ägyptischer Knechtschaft die Verkündung der Thora am Sinai folgte. >. Wie Moscheh einst zu seinen Brüdern hinausging, so sollte jetzt jeder der Thora Dienende zu feinen Brüdern hinausgehen. Die Zeit ist gekommen, daß die Stimme der Thora gehört werde. S. G. Sykomoren bei Tel Rmiro, nach einer Studie von Ellas Neivma» in Nerv Z)ork. eine umstürzende Tendenz und berichtete darüber auch ausführlich dem Zaren. Der Anonymität des nichtsahnenden Verfassers, der bis dahin, unbekümmert um die Ereignisse des Tages, in den kleinen, geruhig-einfamen Städtchen Radin bei Wilna lebte, wurde eines

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