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Der Israelit · 1933-11-30 · Heft 48 (30.11.1933) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 48 (30.11.1933)
Date
1933-11-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Man Der Schatz im Ofen. Die Geschichte trug sich erst dieser Tage in einem Städtchen hinter Lodz zu. Da aber Schatzgeschichten iinmer eine gewisse Romantik haben, und diese sogar noch ein bißchen Tragik dazu hat, so sei sie an dieser Stelle wiedererzählt» als hätte sie nicht das lebendige Leben in einem grauen polnischen Städtchen geschaffen, sondern der Autor eines Kitschfilmstückes. Das Städtchen besteht aus einer langen Gaffe, aus beiden Seiten von Häusern und Häuschen flankiert, die zum Teile schon ein ganz respektables Alter aufwoisen. Gebaut wird in solchen Städtchen eigentlich nur nach einer Brandkatastrophe. Auf dem Städtchen ruht aber seit einem Jahrhundert der Segen eines alten heiligen Rabbi» cs ist sozusagen fcuecversichert. So können die Stroh- und Schindeldächer im Sommer in der prallen Sonne trocknen, und die langen Kamine im Winter Rauchschwaden zum Himmel hinauf schicken, ohne das; je die Feuerwehr im Städtchen, die aus einigen Leitern und Aexten, einem halben Dutzend großer Timer, dem Polizisten, dem Rachtwächter und dem Badehüter besteht, jemals in Funktion treten müßte. Zu Eingang des Städtchens wohnten im ältesten Hause unter den alten Häusern die Twerskis, Rebb Roson Twerski heißt der Vater, um den sich eine zahlreiche gesegnete Familie, innerhalb deren immer neue Familien entstehen, schart. Ts ist ein Erbstück, dieses Häuschen seit gut einem Jahrhundert, vom alten Rebb Roson her, der den Truppen des Zaren Nikolaus I. Heu und Getreide geliefert hatte. Der „Erbhof" ging vom Vater auf den Sohn über, und waren es statt Sohn Söhne und Töchter, so hatten sie alle darin Platz. Cs gibt da Winkelchen und Ecken, wo man sich ganz häuslich einrichten konnte. Rebb Rosons Haus, ist ein Eckpfeiler in der langen Straße des Städtchens. Da fiel es den heutigen Twerskis ein, unten im Parterrehause, in einem Zimmer, das seit Menschengedenken als Rumpelkammer diente, mit Rücksicht auf eine Familienerweiterung, eine menschliche Wohnstätte einzurichtcn. Ein Ofen stand im Raume, groß und altmodisch, wie sie eben zur Zeit von Nikolaus l. in den jüdischen Häusern die Menschen warm hielten. Dort konnte inan gelegentlich auch seinen Schmuck und' die guten-Kupfergeräte verstecken, wenn die Polizei kam, um sie aus irgend einem Grunde zu pfänden. Zuweilen aber mußte man — vor hundert Jahren — sein Kind darin verborgen halten, wenn die Häscher kamen, um es von Vater und Mutter wetz für den Militärdienst zu holen. . So ein alter Ofen: in einem alten Haufe eines russisch-polnischen Städtchens hatte viel zu erzählen für nachdenkliche Leute, die vinn und Verständnis für die Sprache toter Dinge haben. So faßen die Twerskis alle voller Pietät um den alten Ofen, als er nach vielen vielen Fahren wieder in Funktion gesetzt werden sollte. Feder gab ein Holzscheit hinzu, als gälte es, ein Freudenfeuer am Grabe eines Heiligen anzuzünden. Alle waren gehoben, erregt. Nur der Ofen selbst wollte nicht ins Feuer kommen. Er machte offensichtlich Obstruktion, mochte wohl nicht die neuen Gesichter um sich herum. Er hatte, — so behauptete man wenigstens, was keineswegs nachgewiesen ist -— schönere Zeiten gesehen und blieb bei all dem Getue kalt bis ans Herz hinan. Er knackte und knisterte, gab gewaltige Rauchwolken von sich» strömte einen Brandgeruch ans, daß die Twerskis in ihrer Pietät zu ersticken drohten und gab kein Feuer noch Flamme von sich. Hier war gewiß etwas nicht in Ordnung. Man holte p a ch a t t i, den einzigen Sachverständigen für Feuer-, Rauch- und Ofenangelegenheiten im Städtchen. Er war Maurer, Hafner und Schornsteinfeger in einem, und kannte sich als solcher, obwohl vollblütiger Pole, in den tiefen Geheimnissen der jüdischen Häuser bestens aus. pachatti schüttelte das graue Haupt, erklärte den widerspenstigen Ofen für altersschwach, ausgedient, ein Monstrum, das, mn mit dem großen Dichter zu reden (das Zitat stammt nicht von pachatti) „sich geheimnisvoll am lichten Tage seines Schleiers nicht läßt berauben mit Hebeln und Schrauben." Der Ofen, so lautete sein Edikt, paßt nicht in die neue Zeit hinein, er muß abgerissen werden und ein anderer muß an seine Stelle. Man..entschloß sich nur schwer, den alten Ofen aufzugeben. Die Zeit und ihre Notwendigkeiten behielten aber recht, und der Ofen, der sich in der neuen Zeit nicht warm fühlte noch wärmen wollte, mußte zum Opfer fallen. Am anderen Tage frühmorgens ging pachatti mit Hammer und Mörtel und Meißel frisch an die Arbeit. „Das Alte muß stürzen, das Neue braust mit Macht heran." Aber auch mit dem Stürzen hatte es seine Schwierigkell. An einer Stelle versagten alle wuchtigen Hammerschläge. Hier war der Hund begraben, das heißt: hier saß das Hindernis, das das Feuer nicht auflodern ließ, aber auch dem Hammer der Zerstörung zähen Widerstand leistete. Er schlug wild draus los, daß es dröhnte, aber nichts fiel von dem harten Objekt. Was darin faß, war bei näherem Zusehen ein gewaltiger massiver eiserner Topf mit einem ebenso massiven eisernen Deckel darauf, der noch obendrein mit Stricken verschnürt war. Voller Wut packte pachatti mit beiden Händen den Topf und riß ihn aus dem Ofenloch, so daß er mit aller Wucht auf den bereits aufgetürmten Ziegel- und Trümmerhaufen fiel. Die angefaultcn Stricke gaben nach, der Deckel flog hinunter und heraus kollerten ans dem Topf harte runde Gegenstände, kupferbraune, silbergraue und goldrote. Es wurde dem Maurer, der rin Augenblick allein im Raume war, schwindlig vor Augen. Wie er aber die Gewißheit hatte, daß das, was aus dem geheimnisvollen Topfe mit Rauschen und Brausen'quoll, Geldstücke waren, Silber- und Goldmünzen, erhielt er seine Fassung wieder, legte Handwerkszeug beiseite und fing an, die Münzen haufenweise aufzulesen und in die Taschen zu stecken. Fnzwischcn aber hatte das Gold sich und den Finder verraten. Auf die ominösen Geräusche kamen alle Mitglieder der Familie Twerski herbeigelaufen und trafen den Maurer gerade dabei, wie ec feine Taschen füllte. Kaum hatten sie die Situation erfaßt, als sie ein großes Geschrei anhuben und einen Ringkampf mit dem Polen begannen, zum Zwecke der Entleerung seiner zu Unrecht gefüllten Taschen. Dieser eilte, durch die Last am Laufen gehindert, auf die Straße hinaus; die Twerskis ihm nach, die ganze Straße entlang. Aus allen Häusern kamen noch einige hinzu, liefen und schrieen mit, ohne zu wissen,. um was es ging. Bis ihnen endlich am Ausgang der Straße die hohe Behörde in der Gestalt von pawlow, dem dicken Polizisten, in den Weg trat. Rachdem er alle Außenseiter mit saftigen Worten und sanften Scitenhieben nach Hause geschickt hatte, brachte er die Beteiligten aufs Polizeiamt, wo der Starosta mit einigen Polizisten thront. Dieser hörte sich die Geschichte an, nahin ein.Protokoll auf, leerte die Taschen des Maurers und ließ durch feine Polizisten erst einmal den Topf mit dem gesamten Inhalt herbringen. Und nachdem alles sicher in einem Sacke und versiegelt war, konnten alle nach Haufe geben. Man lachte im Städtchen und suchte das Ganze möglichst zu bagatellisieren. „2llte Hofenknöpfc aus den Zeiten von Rikolans I." lachten die Spottsüchtigen, „und machen so ein Geschrei darüber." 2lber das Lachen hörte auf, als dieser Tage eine Kommission aus Lodz einwandfrei feststellte, daß der Schatz im Cifentopf alte russische Gold- und Silberstücke aus den Fahren l 820 bis 1837 enthält und gut eine h ä l b e M i l l i o n Zlotys im Ganzen -msmacht. Wem wird nun der Schatz gehören? Die Twerskis behaupten mit gutem Rechte, daß es sich um ein von ihren Urvätern augcfammeltes vermögen handele, das nun, um so mehr als der Fund in ihrem Haufe und in ihrem Ofen gemacht worden ist, rechtmäßig ihnen und ihnen allein gehöre. pachatti, der Maurer, verlangt Finderlohn. Ohne fein Zutun, behauptet er mit nicht minder gutem Rechte, wäre der Schatz nie und niuuner an den Tag gekommen. Sagt aber die Polizei: „Recht mag der eine und auch der andere haben. Aber wer bürgt dafür, daß nicht ehrmal während der vielen polnischen Ausstände gegen Rußland in damaliger Zeit ein polnischer Staatsschatz in einem jüdischen Ofen versteckt wurde? So lauge die Unmöglichkeit dieser 2lnnahme nicht nachgcwiesen ist, bleibe der Schatz versiegelt in Obhut der Polizei." Me sollen aber die Twerskis etwas Nachweisen, was vor hundert Fahren nicht geschehen ist? Inzwischen, und das ist das Tragische an der Sache, kann der Ofen im Hause Twerskis nicht in Funktion kommen und die neue Zweiglinic aus der Familie, die unten die Wohnung bezogen hat, muß in Erwartung des Schatzanteils zunächst erbärmlich frieren. Die Eröffnung des Jüdischen Museums in Vreslau. Der Verein Jüdisches Museum in Breslau konnte am 19. Nov. nach langen Vorbereitungen für seine einzigartig dastehenden Sammlungen in der Israelitischen Waisenverpflegungsanstalt ein dauerndes Heim eröffnen. Der genannte Verein war im Jahre 1929 mit seiner vielbeachteten Ausstellung „Das Judentum in der Geschichte Schlesiens" das erste Mal vor eine breitere Oeffentlichkeit getreten. Seitdem ist in der Stille weiter fleißig gearbeitet worden. Wenn es Menschen gibt, die vielleicht meinen, daß das Judentum nicht museumsreif ist, sondern lebendige Gegenwart, so würden sie bei dem Besuch dieser Ausstellung darüber belehrt werden, daß darin kein Gegensatz liegt. Von diesen Räumen strahlt eine solche jüdische Wärme und tiefe Religiosität aus, daß jeder gepackt werden muß. Darüber aber kann kein Zweifel sein, daß ohne die Tätigkeit der jüdischen Museen so mancher jüdische Kultgegenstand irgendwo aus vergessenen Böden einem langsamen Untergang entgegengehen würde. So ist es u. a. dein Breslauer Museumsverein geglückt, eine Reihe von .heute selten gewordenen Beschneiöungsbänken in seine Obhut zu nehmen und zur Aufstellung zu bringen. Das gleiche gilt für herrliche Thoravorhänge, die bei dem Untergang so mancher heiliger Gemeinde sicherlich nicht bewahrt worden wären. Der Hauptraum der Sammlung, in dem die Eröffnungsfeier stattfand, ist gleichzeitig auch als Betraum gedacht und es grüßen uns von den Wänden in der heiligen Sprache die Worte aus der Thora: „Dies ist nichts anderes als ein G'tteshaus und hier ist die Pforte zum Himmel." ' Bei der Eröffnung sprach der Vorsitzende, Max Silbe r b e r g , der sich in gleicher Weise wie Felix Perle unvergleichliche Verdienste um die Entstehung dieses Museums erworben hat. Prof. Isaak H e i n e m a u n ging von dem Gedanken aus, welche Bedeutung eine derartige Stätte für unser gegenwärtiges jüdisches Leben hat. Bei der Ausgestaltung der Räume wirkten in architektonischer Beziehung Regierungsbaumeister a. D. E h r l i ch, in künstlerischer Beziehung Maler A s ch h e i m hervorragend mit. Für die jüdische Jugend, die sich jetzt in zunehmendem Maße in unseren Schulen sammelt, ist eine Stätte lebendiger Anschauung geschaffen worden, die Manchem den Weg zum Judentum wieder weisen wird. Das Museum gibt einen geschlossenen Uebcrblick über viele 199 Jahre jüdisch-schlesischer Geschichte. Bei der engen Verbundenheit Schlesiens mit der ehemaligen Provinz Posen hat auch mancher Kultgegenstand aus dieser seine bleibende Stätte hier gesundem Unter den Bildnissen hervorragender Juden, die uns von den Wänden grüßen, möchten wir ganz besonders das Bildnis des großen Thorner Rabbiners Hirsch Kalischer hervorheben, der der Ahnherr hervorragender Menschen geworden ist. Das Bild des Grabsteines des Leutnants Meyer-Hilsbach, der in den Freiheitskriegen 1813 gefallen ist — die Ruhestätte ist noch heute auf dem von Friedrich dom Großen angelegten Friedhof auf der Elaassenstr. erhalten — erinnert an die selbstverständliche Pflichterfüllung unserer Ahnen. Mit ehrfürchtiger Andacht stehen wir vor einem Machsor, der vor etwa 199 Jahren in Glogau geschrieben worden ist, einer Stadt, in der die Juden neben dem oberschlesischen Zülz durch viele Jahrhunderte ansässig waren. Von diesen handgeschriebenen Zeilen strömt seine Kraft

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