Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1933)
- Date
- 1933-11-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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2. November 1933 Nr. 44 13. Marcheschwan 5694 Begründet von Dr Lehmann in Mainz- Abonnement ab Juli 1823: Deutschland 1.30 Marl,ntonarttch; Aus Land: Bierteljahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kotten des Streifband-Versandes) Deutsch-Österreich: Schilling ß.-?; Amerika 1.50 Dollar; England 6 sh.: Frankreich 25 Fr.; Belgien Belgab. Holland 2fl.; Italien 18 Lire; Hugoilavien 55 Din.; Litauen 7.50 Sit.; Rumänien 150 Sei; Polen 4 deutsche Gold mark zum Tageskurs oder? Zloty: Schweiz 6 Fr.; Tfchecho-Slowakei 25 Kronen; Ungarn Nenqö 5; Dänemark, Norwegen u. Schweden 5 Kronen. Einzelnummer 30 Pfennige. Im Falle von Streiks und höherer Gewalt keine Verpflichtung zur Rückzahlung von Abonnementsgebühren. Der Israelit erscheint leben Donnerstag. Inserate 80 Goldps. sür die siebengespaltene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Familienanzeigen nur 40 Pf. Die 75 wm breite Reklamezette: letzte Textseite 2.— Mk., vorletzte Textseite 2.50 Mk.; Ehiffregebühr in Höhe eines dopp. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bei laufenden Geschaftsanz Jul. Schmidt. Oflendstratze 83 Tel. 45888 Platzvorschr. ohne Verbindlich Zahlungen direkt an den Verlag aus Postscheckkonto Verlag des Israelit und Hermon G.m.b.H., Frankfurt (Main) Nr. 19803.-Außerdem an: Postsparkasse Wien Nr.79605.—Postsparkasse amt Budapest Nr. 18424.—Postscheckkonto Varschau Nr. 190757. — Pottscheckamt Zürich Nr. V1U 7254. — Postscheckamt Amsterdam Nr.34869 — Postjcheckamt Prag Nr. 79.080 — Rumänisi Kreditbank Bukarest und ihre sämtl. Filialen Der Gerichtsstand für alle aus Abonnements oder aus Inseraten flch ergebenden Zahlungsverpflichtungen ist Frankfurt a. M. enche Rabbi Alelir Schapiro der «Lubliner Raw" wieder hüllt sich das thoratreue Judentum der Welt in tiefe Trauer. Große Lese hält G'tt in feinem Garten und ruft die Besten und Größten zu sich, in einer Zeit, da Israel Her starken Führerhand wie selten wann bedarf, kaum waren die „dreißig Trauertge" für den Senior der Gaonim, den „Chofez Thajim" verstrichen, als die erschütternde Kunde von Lubl i n kommt: Rabbi Meiir Schass i r o , der „Lubliner Raw", der Begründer des Thorawunderwerkes in Lublin, ist feinem Meister gefolgt. Schlag auf Schlag trifft es uns, 12V by nnw iOp> Thofez Thajim halte das Heldenalter um anderthalb Jahrzehnte überschritten. Daß wir ihn noch besaßen, wie ein Wahrzeichen aus alten großen jüdischen Zeiten, war ein unverdientes Gnadengeschenk für uns, das wir zu schätzen wußten. Rabbi Meiir Schapiro geht mit seinen 46 Jahren mitten aus dem lebendigen Leben, dem freudigsten Schaffen von uns. Tin Auge schloß sich, das nach fernen Zielen gerichtet war, ein Herz voll tiefster Empfindungen und großer Initiativen — alle feine Initiativen kamen aus dem Herzen — hörte zu schlagen auf. Ob wir Nun seine Größe an dem oder jenem aus früheren oder späteren Zeiten messen wollen, das Unglück dieser frühen Heimberufung ist f ü r uns, für die Zukunft des Thoralebens, zunächst in Polen und im weiteren Sinne auch im gesamten Osten und in der Welt, unermeßlich groß. ' Freilich könnte das, was dieser wann mit seinen 46 Jahren geschaffen und geleistet hat, viele Menschenleben ausfüllen. Cs war ihm scheinbar von «der Vorsehung aufgegeben, sich zu beeilen, .im Laufschritte von Phase zu Phase zu jagen, alles im Sturm zu nehmen, ohne Ruhe und Rast, ohne Feierabend und Atempause, weil sie, diese Arbeit, für die sonst viele zusammen ganze Menschenalter gebraucht hätten, in wenigen Jahrzehnten getan werden mußte. -Ihia nvr\ ll'inx lyrp na msro wa m sw Das verleiht der Ruhmeskcone dieses Mannes besonderen Glanz, kann aber für uns, in Anbetracht der 'Arbeit, die noch zu leisten ist und der kleinen, sich immer mehr bedenklich lichtenden Schar der Arbeiter, kein Trost sein. Der weg Rabbi Meiir Schapiros vom I l u i im stillen Winkel des Beth Hamidrasch zum G a o n von Weltbedeutung war Fo rapid und so unvermittelt gemacht, daß die jüdische Welt wie vor einem Wunder, vor einem neuen auftauchenden Stern plötzlich stand. Schon 1926 erschien der erste Teil des voluminösen Responsenwcrkes Tsa.n-TiR' das alle Gebiete der praktischen Halacha umfaßt und auch viele akademische Fragen in Form von Sugjoth, die sich an Schulchan Aruch anlehnen, in ganz souveräner weise behandelt. Cin Meisterwerk, dem andere folg- Rabbi Meiir Schapiro ten. wir aus Deutschland sahen und hörten ihn zuerst bei der ersten K e n e s s i o G e d a u l o in Wien im Jahre 1923. Da saß ein junger Rabbi, der „Sanoker Raw", wie man sagte, im Präsidium am Ehrentische. was war das für ein Auge, .das voll Geist und Güte in den Saal funkelte; was für ein dunkel abgetönter Wortklang, der, wenn er erscholl, sich sofort Gehör verschaffte, in aller Herzen drang und wie Oel auf die wogen der Diskussion und der lärmenden Menschen im Raume sich ergoß! Line neue Sprache, ein neuer Blickpunkt, ein neuer Mensch, und dennoch so altvertraut in wort und Witz, in seiner sicheren Schlagfertigkeit, in seiner bis zur letzten Konsequenz gehenden scharfen Logik, mit seiner Redegewalt, die bei aller Breite und Fülle niemals ins Uferlose ging, mit seinem feinen parlamentarischen Takt bei der Leitung von Sitzungen. Bald beherrschte „der Sauoker" als eine Her markantesten Gestalten der östlichen Teilnehmer den. ganzen Kongreß. Cin junger Rabbi, ein Dreißiger erst, ein Gaon nicht allein der Lehre, sondern auch Gaon der Tat und der L e b e u s k l u g h e i t. was durften wir noch alles von diesem Manne erwarten?! Die Erwartungen waren nicht zu weit gespannt. An allen positiven Institutionen der ersten wie der zweiten K e n e s s i o Gedaulo hatte er tätigsten Anteil, vorab an der Errichtung des Großen Rabbi n i s ch e n Rates, in dem er wie im A. T. seinen Sitz hatte. In gesegneter Stunde warf er das Wort D a f I o m i von der Tribüne herab, es wurde zur Losung aller Lernenden auf dem Erdenrundc. Cr sagte damals, der Talmudtraktat, dessen Mischnah in Crez Iisrocl, dessen Gemoroh in Babylon, dessen Raschi und Tossafoth am Rande in Deutschland und Frankreich entstanden sind, zu dem M a h a r a in und Maharschoo in Polen ihre Randglossen geschrieben haben, der Talmudtraktat sei der j ü d i f dj> c Globus, der Israel in all seinen Zeiten und seinen Teilen vereinige, also sei sie, die Gemoroh, der „Das", das Brett, der rettende Planken in den stürmischen Wellen des Golustages. Seitdem wird, zehn Jahre ist es her, überall, wo Juden auf dem Erdönrund zur mündlichen Lehre halten, Das Jom i gelernt, Menschen grüßen sich mit. einem Worte aus dem „Tageblatte", nehmen eine Stelle aus dem Tagespensum zum Datum ihrer Korrespondenz. Tabellen auf dem vorderblatte der neuen Talmudausgaben regeln die Einteilung, damit sie einheitlich für die gesamte jüdische Welt bleibe. Und der Vater und der Schöpfer dieser grandiosen Idee war der damals 36jährige „Sanoker Raw", Rabbi Meiir Schapiro. vorübergehend trat Rabbi Schapiro auch in den Vordergrund der a u ß e n j ü d i s ch e n Politik in Polen, von 1925 bis 1927 führte er die orthodoxe Fraktion im p o l n i s ch e n S e j m, Bald aber sah er ein, daß anderswo höhere Aufgaben seiner harrten und überließ die Politik und parlamentarische Arbeit anderen bewährten Händen. Kurz nach der ersten Kencssio hatten wir im Westen Gelegenheit, diesen Mann von Angesicht zu Angesicht zu sehen und kennen zu lernen. Man sah mit Staunen einen jüdischen Fürsten aus dem Osten, nicht allein Fürsten des Geistes, sondern auch den Fürsten in seiner Gewandung, in seiner Aufmachung, in seinem Gehaben und Benehmen, dessen souveränes Wort, wenn auch in fremdem Dialekte gesprochen, restlos in die Herzen der Menschen einging — weil es eben die internationale Sprache des jüdischen Herzens war. Eine neue Idee war in sei-