Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1933)
- Date
- 1933-10-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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26. Oktober 1933 Der Israelit Nr. 43 Seite 11 n V Korrespondenzen * Hacbricbten. Palüfiina. Araber gegen die jüdische Einwanderung. Jerusalem, 11. Ott. Dem stellvertretenden High Commissioner John Hathorn Hall wurde anläßlich eines Besuches in Nablus ein von zehn Notablen unterzeichnetes Memorandum überreicht, in dem gegen die angeblich übermäßige jüdische Einwanderung Beschwerde geführt und behauptet wird, sie schädige die arabischen Interessen. In dem Memorandum heißt es u. <r.: „Wenn die Araber Maßnahmen clrgreifen, um . die Einwanderung von Juden zu verhindern, so betrachten sie dies als einen Mt der Selbst^ Verteidigung; jeder Versuch, sie von solchen Maßnahmen abzuhalten, wird von ihnen als Unterdrückungsversuch empfunden werden. Dies ist die gegenwärtige Stimmung der Araber Palästinas; wir haben versucht, sie klar darzustellen. Es wäre unzweckmäßig, der Regierung nicht auseinanderzusetzen, welch tiefe Besorgnis unter den Arabern infolge der Förderung jüdischer, Einwanderung entstanden ist: diese Förderung hat die Araber veranlaßt, der Frage einer Gegenaktion ernste Aufmerksamkeit zuzuwenden." In jüdischen Kreisen ist man der Ansicht, daß diese verhüllte Drohung nicht unbeachtet bleiben darf. Deutsche Juden in Jerusalem. Jerusalem, 6. Okt. Zur Zeit befinden sich rund 800 deutsche Juden in Jerusalem, von denen wohl die Hälfte sich durch Vermittlung der Vereinigung „Ole Germania" irgendwie in das Arbeits- und Betriebsleben eingeordnet hat, während eine Anzahl sich mit ausreichendem Kapital selbständig machen konnte. So sieht man in letzter Zeit vielfach neue Hotels, kleine Speisehäuser, größere und kleinere Handelsgeschäfte, auch Fabriken, die von deutschen Olim gegründet wurden. Auch die Neigung zur landwirtschaftlichen -Betätigung ist unter den jüngeren Elementen sehr stark, und es sollen demnächst Niederlassungen -auf kollektivistischer Grundlage in der Umgegend von Jerusalem errichtet werden. Etwa 200 junge Mädchen aus Deutschland sind zur Zeit in Jerusalem, die als Schneiderinnen, Beamtinnen, Laborantinnen, Büglerinnen, Hausmädchen und Serviermädchen in Hotels sämtlich untergebracht und beschäftigt sind. Oer islamitische Sabbat. Jerusalem, 19. Okt. Seit längerer Zeit ist unter den Arabern in Palästina eine Bewegung im Gange zugunsten der absoluten Sabbatruhe am Freitag. Der Freitag, der Feiertag der Mohamedaner, ist bekanntlich kein Ruhetag wie der jüdische Sabbat oder auch nur wie der christliche Sonntag. Er wird in der Hauptsache durch einen G'ttesdienst in der Moschee gefeiert, Arbeit und Handel werden aber an diesem Tage nicht beeinträchtigt. -In Jaffa hatte die Bewegung Platz gegriffen und führte dazu, daß viele Mohammedaner am Freitag die Geschäfte schlossen, in manchen Fällen sogar auch einen Druck auf ihre Glaubensgenossen ausübten, das Gleiche zu tun. Nun ziehen die Gelehrten des Koran in der arabischen Presse nacheinander auf, um zu beweisen, daß nach Wortlaut und Sinn das Koran und nach den Anschauungen und Entscheidungen des islamitischen Schrifttums die Arbeitsruhe am Freitag nicht nur nicht geboten sei, sondern sogar einen Verstoß gegen Religio n u nd Tradition darstelle. Der jüdische Sabbat sei im Buche ihrer Offenbarung begründet, dia Christen machten es den Juden in einem gleich und schieden sich auf der anderen Seite von' ihnen, indem sie den Ruhetag auf Sonntag verlegten. Mohammed aber, der alle bisherigen Lehren aufgehoben hätte, ohne deren Heiligkeit zu entkräften, kannte keine Ruhe. Jeder Tag sei nach Vorschrift der islamitischen Lehre ein Tag der Arbeit. Der gehobene Tag zeichne sich lediglich durch gesteigerte und gehobene Gebete aus. Der „Felestin", das führende Blatt der judenfeiudlichen arabischen Nationalisten, packt das Problem von der wirtschaftlichen Seite an. Die Arbeitsruhe und der Ladenschluß am Freitag, schreibt das Blatt, würde nur den Juden zugute kommen, da die ganze arabische Kundschaft, für die ein Kausverbot am Freitag nicht erlassen werden kann, in die jüdischen Geschäfte strömen würde. Die vielen hundert ' arabischer Arbeiter in den Pandessim haben nach altem Brauch am Freitag frei und damit Zeit genug, die jüdischen Geschäfte aufzusuchen oder zu den Vergnügungsstätten im verlockenden Tel Awiw zu strömen. Den Profit von jener aufgezwungenen religiösen Einrichtung würden so oder so die Juden einstecken. Wie es doch das Blatt so vortrefflich versteht, auch eine interne Frage der islamitischen Religion zu einer jüdischen Angelegenheit zu machen. Ehrungen und Anerkennungen für Gberrabbiner Dufchinski. I e r u s a l e m , 20. Okt. Am Rosch Haschonoh stattete der Vizcgouvecneur von Jerusalem Oberrabbiner Duschinski einen Besuch ab, um ihm und seiner Gemeinde die F e st g r ü tz e der Regierung, zu überbringen. Im „Doae Hajonr" veröffentlicht einer der Redakteure ein Interview mit Oberrabbiner Duschinski. Der vom entgegengesetzten Lager kommende Reporter hat Worte höchster Achtung und Anerkennung für den Oberrabbiner, seine imponierende Persönlichkeit, sein sanftes leutseliges Wesen, seine klug überlegten Worte, sein gütiges Verstehen für die Zeit und die Menschen, bei aller Festigkeit und Unerbittlichkeit seiner religiösen Auffassung. Wie er über den renitenten Schofarbläser an der Mauer am letzten Jom Kippur denke, was er von deil übereifrigen Jünglingen, die die Hespedrede von Oberrabbiner Kuck störten, halte, und ähnliche Fragen richtete der Zeitungsmann an ihn. Der Oberrabbiner äußerte sich kurz, man könnte auf all diese Spielereien, woher sic auch kommen, leicht verzichten. Das Schofarblasen nach Reiiloh sei wohl ein alter heiliger Brauch, aber nicht so wichtig, daß inan darüber Gefahren heraufbeschwöre und Menschen opfere. (Diese Musterung deckt sich ganz mit einer ähnlichen Aenßenmg Rabbi Chajim Sonncnfelds über unser Anrecht auf die Mauer.) Was uns an Rechten zusteht, wird uns mit der Zeit von selber zukommen, mit Gewalt wollen und können wir sie uns nicht erzwingen. Sein Streben werde darauf hinausgehen, alle Kreise und Schichten für die jüdische Sache zu gewinnen und auf den Frieden in der Heiligen Stadt und im heiligen Lande hinzuarbciten. Dazu werde eine Fühlungnahme mit den Führern der anderen Kreise unumgänglich notwendig sein. Ans eine Frage des Berichterstatters gibt er zu, daß es zunächst leichter sein we'rde, ganz Außenstehende heranzuziehen, als die eigenen Gesinnungsgenossen, die in anderen, abseits der Aguda stehenden oder gegen sie gerichteten Interessengruppen vereinigt sind. Heber die Entwicklung des thoratrcucn Gedankens in Palästina ist der Oberrabbiner voller Hoffnung. Alles, was er im Lande bis jetzt gefunden hat. weise aus die Zukunft des Thoralebens hin. Nur 7000 Arbeitereinwanderungszertifikate für das Winterhalbjahr? Jerusalem, 22. Okt. Wie die I. T. A. aus zuverlässiger Quelle erfährt, will die Palästina-Regierung für das Halbjahr- Oktober 1933 . bis März 1934 bloß 7000 Arbeitereinwanderungszcrtifikate ausgeben, obwohl die Palästina- Exekutive der Jewish Agency die Ausgabe von rund 24 000 Zertifikaten beantragt hatte. Von diesen 7000 sollen außerdem die 2000 Zertifikate, die der Jewislf Agency für die Einwanderung deutscher Juden, im Voraus zur Verfügung gestellt wurden, in Abzug gebracht werden. Wie der I. T. A.-Dertreter in Jerusalem erfährt, hat High Commissioner Sir Arthur Wauchope anläßlich seiner letzten Unterredung mit den Mitgliedern der Palästina-Exekutive darauf. hingewiesen, daß zwischen den Aufzeichnungen der Exekutive betreffend den Arbeiter- Mangel in den jüdischen Siedlungen und den diesbezüglichen amtlichen Ziffern.eine starke Differenz besteht. Neue Industrie- und Handelsbetriebe in Palästina. Tel 'Awiw, 16. Okt. Die letzte Nummre der „Palestme Gazette" veröffentlicht die amtliche Eintragung von 23 neuen Industrie- und Handelsunternehmungen; von den neuen Betrieben sind zwanzig in jüdischein, drei in arabischcnr Bc,-' sitz. Viele Neugründungen werden von deutschen Juden vörgenommen. In Tel Awiw haben zwei deutsche Juden, Dr. Hugo Sipmann und Dr. Ludwig Klein, ein Dentaldepot und Geschäft für medizinische Artikel unter der Bezeichnung ,,Mcdidenta" eröffnet. Dr. Margen aus Hamburg hat eine Zahupastasabrik gegründet. Diel Interesse findet in Tel Awiw eine Unternehmung von Leo und Else Winz (Berlin), die es sich zur Aufgabe gemacht haben, „die Entwicklung Ober- und Ilntergalilüas durch Kolonisation und andere Mittel zu fördern". Zwei andere Juden aus Deutschland, Herbert Wachsmann und Jfac Düner, haben einen Expreßdienst zur Beförderung von Personen, Waren und Briefen ins Leben gerufen. Tel Awiw, 19. Okt. Der Ausbau des Vororts von Tel Awiw Ramat Gan zu einem modernen Fabriksviertel hat in letzter Zeit bedeutende Fortschritte gemacht. Demnächst wird in Ramat Gan die größte Seidenfabrik des Landes durch den bekannten amerikanischen Seidenfabrikanten Sachs errichtet werden. 24 Zwirnmaschinen und 72 Wcbstühle, sämtlich elektrisch betrieben, werden in dem großen Fabriksge»- bäude ausgestellt werden. Zunächst werden über hundert Arbeiter in der Fabrik, die ununterbrochen Tag und Nacht in Betrieb stehen soll, untergebracht werden. Es ist auch geplant, im Einschluß an die Fabrik eine Seideufärberei zu eröffnen. Die infolge der starken Einwanderung in letzter Zeit außerordentlich verschärfte Wohnungsnot in Tel Awiw hat dazu geführt, daß im Stadtgebiet wieder Zeltlager wie in der ersten Pionierzeit auftauchen. Das erste Zeltlager für Reueinwanderer wurde in der Rühe des Palatinhotels an der Kreuzung der Rachmani- und der 2lchad Haain-Straße errichtet. Die Nachfrage nach Baumaterialien ist infolge der verstärkten Bautätigkeit in Palästina sehr rege. Dio „N e s h e r" Portland Zement-Fabrik kann den Bedarf des Landes an Zement trotz Einführung von drei nchtstündigeu 'Arbeitsschichteil nicht mehr decken. Es muß Zement aus Italien und Jngoslavien cingeführt werden. 'Andererseits hat die Fabrik ..Reiher" ihre Lieferungen nach dem 'Auslände fast vollständig eingestellt, um den inländischen Markt stärker berücksichtigen zu können. Zwei jüdische Ilnternehmer haben von einem Araber eine an den Makkabr-Sportplatz. angrenzende Orangeiiplantage angekaust, um aus ihr eine neue Vorstndtsiedlnng zu errichten. Das Terrain wurde in 60 Parzellen aufgeteilt. In Tel 21wiw fand eine Beratung von Vertretern der Arbeitcrausschüssc verschiedener Städte und Kolonien mit dem Zentralkomitee des Landarbeiterverbandes und der Kolonienabteilung des Merkas Chatlai statt, um über Maßnahinen zur Behebung des starken Mangels an jüdischen Arbeitern iu den Kolonien zu beraten. Es wurde beschlossen, an die Unternehmer mit dem Ersuchen heranzutreten, die Durchführung von Bau- und öffentlichen Arbeiten auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben und die so sroiwerdenden Arbeiter in die Landwirtschaft'überzuführen, damit eine Erschütterung der Stellung der jüdischen 2lrbeit in den Kolonien vermieden werde. Ausdehnung der Citruskultur in Palästina. Haifa, 9. Ott. Die Gesellschaften Hamaschbir, Pnchin und Tenuwnh haben durch ihre gemeinsame Verkaufsorganisation ,,Hi)t" den ersten Transport von Grape Fruits ans dein Jordantal nach England und dem Kontinent gesandt. Infolge der besonderen klimatischen Verhältnisse im Jordairtwk können die Früchte dort früher als in jedem anderen Teil des Landes geerntet werden. Mit dieser Sendung wurde die Citrusexportsaison 1933-34 eröffnet. In der Saison 1932-33 wurden aus Palästina über 250 000 Kisten Grape Fruits exportiert. In der kommenden Saison wird mit einer halben Million Kisten gerechnet. Der Grape Fruit-Erport hat in Palästina erst vor vier Jahren eingesetzt. Dio ersten Erape-Früchte wurden 1912 aus der Plantage des Pjcn-Beamten 'Abraham Brill gezogen. (I. T. 21.)