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Der Israelit · 1933-10-26 · Heft 43 (26.10.1933) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 43 (26.10.1933)
Date
1933-10-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Heimkehr — und was dann? Von Karl Darmstädker. (Fortsetzung.) Herbert ist noch gekommen. Die Hand hat ganz leise/ kauirr fühlbar», die Regung des Lebens in dem Körper gespürt. Die Lider sind geschlossen. Die Lippen— flüstern sie etwas? Ist das Flüsterwort noch eine Brücke zum Leben» zu ihm» zum Geliebten» zu allen Lieben und Guten» zur Mutter» die so leblos geworden ist» zur Schwester» der die Freude des schwesterlichen Zusammenseins in so spärlichem Maße nur gegönnt war? Rom. Cs ist schon die Brücke zum Letzten» zum Ewigen» zum Unbegreiflichen» zu Dem» dessen 21 am e Friede ist — Frauen» unsagbar traurig» voll endlosen Iammers» tun» was zu tun bleibt. Das Licht ist erloschen. Ein trübes (Oellicht flackert unruhig am Boden. Rora denkt (kann sie noch einen Gedanken fassen?): Jetzt kann ich nicht mehr hierbleiben. Ich muß ihnen doch allen im Weg sein. Warum hassen sie mich nicht? Sie müssen mich hassen» wenn sie mein Gesicht sehen. Warum lebe ich denn und sie nicht? G'tl,'wo hist Du? Langsam» leise verläßt sie das Haus. Cs ist Nacht. Bald wird es Frühling werden. Mild ist das Wehen vom geschützten Hang her. Dort oben '. . . Uebernrorgen . . . iroiu» nein» um des Himmels willen . . . nicht daran denken. Wer kann jetzt noch im Freien gehen. Dort» davorn ist eine Gestalt» dort am Gemarkungsstein» znsammeugekauert. Er ist allein hierhergegangen und hat sie allein gelassen, was soll er denn bei ihr tun. Sie ist ja nicht mehr allein. Sie wachen ja bei ihr» sie haben ihr ja alle Liebe angetan. Nora geht auf ihn zu. Sie nimmt seine Hand» es ist alles so kalt an ihm» so fremd» so fern. Erschaut sie an» es ist dunkel» aber in die Augen kann man sehen. In den Augen ist die Liebe zu Mirjam. In den Augen ist das Mitleid mit den armen Menschenkindern» die stehen und fallen» die sich erheben und sinken» die aufwachen und eiiischlummerrr. Da bricht es hervor aus ihr» der ganze Körper bebt» sie ruft die Tote» sie findet kein Ende des Weinens. Spricht Herbert zu ihr? Sie strengt sich an» als wolle sie horchen» als käme vielleicht aus weiter Ferne ein Wort zu ihr. Er ist stumm» und über ihnen liegt die Dual des Schweigens. So altern die Menschen» bricht Entsetzliches» Nieerahntes über sie herein» in einer Nacht. Als seien viele Jahre über ste hinweggegangen» so langsam sind ihre Schritte. Müde gehen sie über den holprigen Weg. Sie stützen sich» so hilfsbedürftig» aufeinander und suchen» als seien sie noch nie diesen Weg gegangen» im Dunkel den schmalen Pfad» hinab zum Dorf. Dort ist das Haus mit dem kleinen Licht. Durch die Fensterläden dringt ein ganz schwacher Schein. Riesige Tannen werfen ihre düsteren Schatten über die Gräber des alten Friedhofs. Hier sind sie seit Jahrhunderten hingefahren und hingetragen worden .aus den winkligen Gaffen der Dörfer im Umkreis. Vornübergebeugt» eingesunken» keine Schriftzeichen mehr lesbar» moosüberwachsen» so stehen die Steine da und halten die Wacht über die vergangenen Geschlechter. Aus den Sandsteinen ist fast alles von der Wetterseite her abgewaschen. Die grüngrauen Muschelkalksteine haben die Zeichen bester bewahrt. Manche tragen feine» zierliche Schriften» bei anderen sind die Buchstaben tief» wuchtig eingehauen. Der da» das war ein Koben» ein Prreftersprößling. Noch breiten sich die Hände am oberen Rand des Steines den Besuchern entgegen. Nebenan wird die Kanne der Lewijim sichtbar. Kronen und Löwen» ausgcschlagene Buchseiten und erhaben ausgemeißelle Vögelchen» und über allen» und über allem Busch und Gezweig» Gräs und Baumgeäst» der Himinel und das Land. Einmal im Jahre» ehe ste morgens und abends mit den Schofartönen das herbstliche BlättcrfaUcn begleiten» kommen sie alle zusammen von nah und fern und schreiten sinnend zwischen den alten Gräbern hindurch, wenn sie es einrichten können» fahren sie über das Weltmeer und beten an den Gräbern der Ahnen. Sternchen legen sie hin zum Zeichen» daß sie da waren. Da liegen die Rabbonim und dort die parnossim» da die Kinder und hier am Hang nach dem Tal zu und dort ganz oben in der Walöecke die unzähligen Männer und Frauen. Sie treffen sich und sehen sich wieder an dieser Stätte. Lieber G'tt» wie lang ist das her» seit sie sich nicht mehr gesehen haben. »»Gustav» du bist auch nicht jünger geworden in den zwanzig Jahren." »»Ja» die achtzehn sind vorbei. Aber es gebt immernoch. Hat man wenig» gehts auch. Man schlägt sich so durch." Jeder weiß von seinem Leben» von den Kindern» von alten Erinnerungen zu erzählen. Der eine ist Lehrer» der andere Kaufmann geworden. Der ist Doktor/ und die Pietät treibt ihn her, Jahr um Jahr, was ihin durch den Kopf gebt» kann man nur erraten. Er hat alles über Bord geworfen» was er einst -vor Augen gesehen hat. »»Der alte Thajim dürfte das auch nicht sehen» was sein Junge mit dem Schabbos angefangen hat." Aber doch sind sie alle verbunden durch das Unsichtbare, das Geheimnisvolle der Kette» die ein Geschlecht an das andere schmiedet. And wissen sie auch gar nichts mehr» es steht doch noch alles» in diesen Stunden» vor ihren Augen» das kleine Schulzimmer» der Lehrer und die Männer in der Schul» wie sie Schabbos und Iomtof gefeiert» wie ste ausgelassen waren an pmim und fröhlich an Simchas Thora» wie sie mitgeferert haben» wenn eine Brismiloh» wenn die Kleinen die Wimpel zur Schul tragen durften. und wie sie horchten» wenn einer zum ersten Mal hintrat zum Sefec und stolz als Bacmizwo durch die Bankreihen ging ... Kommt einer aus Amerika» dann erzählen ste ihm von ihren Nöten» von den Sorgen der Gemeinde» und die wehmütige Erinnerung an die Jugend» an die Eltern» die sich plagen mußten» all das ist vor ihm. Er hilft ihnen» wenn er kann und schaut sich um» ob alles in (Ordnung ist auf dem Bes Glom. Well» drüben will er sagen dem Louis und dem Davis und der Theres'» daß sie beruhigt fein können. Die Gräber feien instand gehalten. ».Ich meine," sagt er zum parnes» der ihn begleitet, „ihr solltet dafür sorgen, daß das Gutort bester eingezäunt ist. Ich sehe, die Buben» die klettern da herum. Man sollte da sorgen. Ich werde drüben sehen» was ich tim kann. Man kann nicht wissen» was für Zeiten kommen. Jetzt ist noch Wohlhabenheit. Cs kann auch anders -werden. Und ich höre» ihr habt Rischus. Ich habe gelesen von den Friedhöfen» wo sie Steine umwersen. Wer weiß» was. noch kommt. Ich denke» es wird geben» daß ich d>ie Mittel finde. Dann machen wir eine Mauer ringsum, damit niemand mehr unbefugt hereinkommt." SK danken ihm alle dafür. Die Ausgabe hätten sie selber nicht übernehmen können. Jetzt weiß man wenigstens» daß die K'worim» die Gräber, in (Ordnung bleiben und in Ruhe» wenn vielleicht» über hundert Jahren» von der Gemeinde keiner mehr am Leben und die Schul für immer vecschloffen ist. . s ' s s Cs scheint schon Frühling zu werden. Nichts Bedrückendes» nichts von Trauer ist in der Landschaft. Die Kühe finden schon Gras auf den Wiesen. Am Bach schwirren schon stahlblaue Libellen. Das Leben ist am Erwachen. QCbct über allem ist doch heute der Tod. So viele Menschen» die dem Iudensriedhof zuströmten» hat das Tal noch nicht gesehen» seit es ihnen gedenkt. So viel Weinen gab es in den vier Kriegsjahren nicht» so viel Bilder des Jammers bat keiner nn Gedächtnis. Der junge Raw» der Rabbiner des Bezirks» selber im Glück eben erst vollzogener Hansesgründung» steht am Grab des Menschenkindes» mit deni er vor wenigen Wochen vom jüdischen Leben» von Gegenwart und Zukunft und schönem pläucmacken sprach. Auch in der schwärzesten Finsternis des Leids» auch im 'Angesicht der schwersten Schicksalsschläge» treten die Schwächen» die uns eigen sind, zutage. In vielen» die da stoben» ist es wie eine kindhaftc Neugier. Wie wird er es tragen? wie wird er aussehen? Was wird er tun» wenn die vier Männer an ihre schwere Pflicht Herangehen und das Sterbliche hiuabsenken in die braune, ausgerissene Erde? Unbeweglich» erstarrt — ist auch in ihm der Tod? — steht er die Tiefe» in der sie Platz geschaffen haben für Mirjam. Sieht er es? Geht nicht sein Blick in unendliche Fernen? Vor ihm ist die ausgerissene Erde des Krieges» in der er selber lag» au der Solle der Toten. „Seid doch ruhig, Leute. Es geht vorbei. Warum zittert ihr denn so? Ihr müßt denken» uns treffen sie nicht. Dann steigen wir wieder heraus ans dem Trichter." — Der vierzigjährige Vater weint und spricht von seinem Kinde daheim. Der Dreiundzwanziaiähriae soll ihn beruhigen. „Es ist zum Wahnsinnigwerden. Hören ste denn rückt auf. Jetzt gebts sckon stundenlang. Ick ertraqs nicht mehr. Ich geh' raus." — Mit Gewalt hält er den Landsturnnnann Schwarz zurück. Da-rrcrsckscksck — das nimmt dir den Atem und wirft dich wild zur Seite. Ein Volltreffer. Von dem Landsturmmann Schwarz ist nichts mehr zu sehen» und um sein Kind weint er auch nickt mehr. Erde bricht über sie herein» Schollen stürzen auf ste hinab und decken den Trichter zu. Nichts mehr zu sehen. Es füllt sich mit Erde. Immer höher. Warum sind alle so eilig. Haben sie keine Zeit. Es ist doch noch so frühe. Sie werden schon frühe genug fertig werden. Jetzt ist der Rand erreicht. Die Erde wölbt sich. Es ist keine Grasfläche mehr. Cs ist nickt mehr eben» wie der weite Raum» wie die Miese öaörüben. Es ist etwas Neues geworden. Ein Grab. — Er ist ganz willenlos, wie damals» als sie nach drei Tagen — ha» wenn ihnen damals vorher einer gesagt hätte, das nlüßt ihr drei Tage aushalten! — abgelöst wurden. Cs ist alles so still. Wo bin ich denn? Ganz schwarz wird es ihm vor den Augen. Da fassen sie ihn» er weiß nie» wer es war, liebevoll am Arme und geleiten ihn langsam vorbei» an den vielen Menschen vorbei. * » * „Ja, mein lieber Freund» inan kann viel mehr ertragen» als man es je für möglich halten würde. Und ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß innerlich starke g'ttesfürcküge Menschen verhältnismäßig leichter über das Grübeln» über das unentrinnbare Warum hinwegkommen. Natürlich, es kommt immer wieder. Sagen Sie doch zu den Wellen des Fluffes» ste sollen nicht wieder kommen. Sie kornmen von der unversiegbaren (Quelle. Ihr Leid kommt und wird immer

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