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Der Israelit · 1933-11-23 · Heft 47 (23.11.1933) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 47 (23.11.1933)
Date
1933-11-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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AI feuilltioit. Beilage MM VlV Ohne Protest. Von Maxim Gorki. Deutsch von Grete Neufeld in Wien. Es lebten einmal in einem russischen Lande Juden, — ganz einfache Juden, wie man sie für Pogrome und sonstige Staatsnotwendigkeiten braucht. Der Hergang war folgender: Sobald die angestammte Bevölkerung Unzufriedenheit mit ihrem Dasein an den Tag zu legen begann, erscholl von den um die Ordnung bedachten Stellen ein hoffnungsfroher Ruf: „Volk, vertraue den Behörden!" Das Volk versammelte sich und die Exzellenzen fragten: „Weshalb die Unruhe?" „Exzellenz, wir haben nichts zum Beißen . . „Eure Zähne habt ihr aber noch?" „Gin paar haben wir allerdings noch ..." „Aha, ihr verstehet also noch immer, etwas vor den Augen eurer Obrigkeit zu verbergen!" Und wenn diese Obrigkeit nun der Ansicht war, daß die Unruhe mit bem restlosen Einschlagen der Zähne beizulegen wäre, griff sie unverzüglich zu diesem Wittel; sah sie aber, daß dieses Verfahren nicht verbürgte, die notwendige Harmonie in den gegenseitigen Beziehungen herzustellen, dann versuchte sie die Angelegenheit durch Vernunft aus der Welt zu schaffen. „Was wollt ihr also?" „Grund und Boden könnten wir brauchen." Andere wieder, denen das Verständnis für die Slaatsnotwendigkeiten vollständig abhanden gekommen war, meinten beharrlich: „Irgendwelche Neuerungen wären schon wirklich notwendig . . . damit man wenigstens feine Zähne, Lippen und Eingeweide als sein Eigentum betrachten könne und nicht ohne jeden Grund geschunden werde." Da mengten sich aber sofort die Exzellenzen drein und begannen auf das Volk oinzureöen: „Aber Brüder! Was nützen solche Träumereien? . . . Nicht von Brot allein . . heißt cs in der Heiligen Schrift, und weiters: „Für einen Geschlagenen wird man euch zwei Ungeschlagene geben . . .!" „Und sind die Ungeschlagenen damit einverstanden?" . . „Natürlich! Da hört einmal! vor einiger Zeit baten die Engländer, zu uns kommen zu dürfen. Wir sollten Unser ganzes Volk nach Sibirien verschicken und sie statt dessen ansiedoln lasten. Dafür wollten sie regelmäßig Steuer zahlen und viel Schnaps verbrauchen. Doch wir wiesen sie ab, denn auch unser Volk sei gutmütig, gehorsam und friedlich . . . Uebrigens, wißt ihr was, Kinder? Cs wäre wirklich vernünftiger, wenn ihr, statt euch aufzuregen, lieber die Juden ein wenig verprügeln ginge. Wozu brauchen wir sie?" Das angestammte Volk überlegte hin und her; schließlich sah es aber ein, daß ja doch nichts Klügeres herauskommen würde, als was die Obrigkeit im vorhinein bestimmt hatte, und es beschloß: „Also, Brüder, gehen wir im Namen des heiligen Zweckes an die Arbeit!" Nachdem sie so ein halbes Hundert Häuser zerstört und eine Unmenge Juden verprügelt hatten, waren sie — von der staatserhaltenden Arbeit ermüdet — auf andere Gedanken gekommen. Sie vergaßen allmählich, was sie durchzusetzen beabsichtigten, und die. Ordnung triumphierte! Außer -den Exzellenzen, der angestammten Bevölkerung und den Juden, — letztere zur Abkühlung der Leidenschaften, — gab es in dem Lande aber auch noch gute Menschen, und diese, sechzehn an der Zahl, versammelten sich nach jedem Pogrom und wandten sich mit einem schriftlichen Protest an die Welt: „Obwohl auch die Juden russische Bürger sind, sind wir trotzdem überzeugt, daß es nicht in Ordnung fei, sie vollständig anszurotten, und wir mißbilligen hiermit auf das schärfste das schrankenlose Töten lebendiger Menschen." Hierauf folgten die Unterschriften, darunter auch die Unterschrift des Grifcha Luöustschews, eines siebenjährigen Kindes. Und so war es nach jedem Pogrom, mit dem einen Unterschied, daß Grischa immer älter wurde. Als die Juden die Proteste lasen, wointen sie noch bitterlicher, bis einmal einer von ihnen, ein ganz schlauer, folgenden Vorschlag machte: „Wißt ihr was? vor dem nächsten Pogrom verstecken wir alle Tinte, Papiere und Federn, und wir wollen sehen, was diese sechzehn Wann ansangen werden." Gesagt — getan! Die Juden kauften alles Papier auf, verbargen alle Federn, schütteten alle Tinte ins Meer und warteten ... Nun, allzulange brauchten sic fürwahr nicht zu warten: die Erlaubnis wurde cingeholt, der Pogrom * veranstaltet, die Juden füllten die Spitäler . . . Die Menschenfreunde liefen in ganz Petersburg herum und suchten vergeblich Papier und Federn, — es war nirgends etwas zu haben; höchstens in den Kanzleien der Exzellenzen, die es aber nicht hergaben. Grischa, er war da bereits 43 Jahre alt, weinte: „Ich will protestieren!" Doch sie fanden nichts, worauf sie hätten schreiben können. Einer von ihnen meinte düster: „Vielleicht auf den Planken?" Sie fanden einen verfaulten Zaun ganz draußen außerhalb der Stadt. Kaum begann der eine von ihnen mit Kreide den ersten Buchstaben zu schreiben, tauchte auch schon ein Schutzmann auf und fuhr sie an: „Was soll das heißen? Wenn Schuljungen so etwas tun, werden sie bestraft, — und Sie sind doch schon erwachsene Männer! . . . Schämen Sie sich nicht?" Cr hatte ihre Absicht natürlich nicht verstanden, sie aber fühlten sich doch blamiert und gingen nach Hause. Und so gab es diesmal keinen Protest nach dem Pogrom und die Menschenfreunde blieben ohne Genugtuung. Ieschirva — Heide. Eine halbe Stunde Bahnfahrt von Antwerpen entfernt liegt Heide, ein kleiner Ort, der wegen seiner gesunden Luft und seiner schönen und waldreichen Umgebung alljährlich viele Kurgäste herbeilockt. Hier befindet sich seit 1929 die n«n yy nmr, in der im letzten Sommersemester über 40 Schüler gelernt haben. Don diesen waren die meisten aus Belgien und Holland, aber auch aus Deutschland waren im letzten Semester zehn Bachurim gekommen. (Darunter aus Frankfurt a. wt. zwei ehemalige Schüler der Breuer'schen Jeschibah.) Der Leiter der Jeschiwa in Heide ist Raw Schap i r a, der bis zu feinem Herkommen in seiner Heimatstadt Kelm (Litauen) ws» vxi war. Die dortige Lehranstalt, in der besonders stark Mufsar gelernt wird, ist noch von Rabbi Jißroel Galanter gegründet worden, und Raw Schapira versucht nun, die Kelmer Traditionen in Heide sortzusetzen. Alle Bachurim und auch der Leiter wohnen und essen in der Jeschiwa, die bis zum Bau eines eigenen Hauses in einem ehemaligen Hotel untergebracht ist. Durch dieses ständige Zusammensein ist es möglich, daß unter den Schülern, besonders aber zwischen dem einzigen Dozenten, dem Rebben und seinen Jüngern ein Vertrauensverhältnis entstanden ist, wie es inniger und schöner kaum zu denken ist. Weiß doch jeder Bachur, daß er mit dem Rosch Jeschiwa wie mit einem Vater sprechen kann und bei ihm stets Rat und Hilfe findet. Der 111 ist nach litauischer Art geordnet. Die Schüler sind ihrem Wissen nach in drei Gruppen eingeteilt. Die höchste Gruppe lernt fast selbständig und hat nur dreimal in der Woche Die anderen beiden Gruppen hören jedoch täglich je zweimal Lernvorträge beim Leiter. Am Vormittag beginnt das Lernen um 9.30 Uhr. Während nun die zweite Gruppe bis 11.30 Uhr beim nrt? ist, wiederholt die dritte Gruppe das Pensum vom vorigen Tag und bereitet sich zugleich auch weiter vor. Von 11.30 Uhr bis zum Mittagessen hat dann die dritte Gruppe Schiur, und die zweite „chasert" und versucht auch schon vorzulernen. Aehnlich ist auch am Nachmittag von 3 bis 7.30 Uhr das Lernen verteilt. Für die Zeit des Wiederholens und Vorlernens ist jede der beiden unteren Gruppen nochmals in kleinere Gruppen, den sogenannten mno eingeteilt. Eine solche nnv umfaßt 2 bis 4 Bachurim. In allen drei Gruppen wird derselbe Traktat (z. Zt. t’nm’pO gelernt. Die erste Gruppe lernt aber außerdem noch 07013. und auct) die zweite Gruppe lernt für sich noch eine andere v-or-, in der sie regelmäßig vom Rosch Jeschiwa geprüft wird. Nach dem Abendbrot, das wie alle Mahlzeiten vom Rebben und Bachurim gemeinsam gegessen wird, beginnt um 9 Uhr wieder das Lernen. In dieser Stunde pflegt der Leiter oft Mussar-Vorträge zu halten, um dadurch die Schüler zu nn» zu erziehen. Neben dem Lernen wird in der Jeschiwa auch auf das Gebet besonderer Wert gelegt, das nach *nao ania vor sich geht. Langsam, laut und deutlich wird jedes Wort mit besonderer Andacht ausgesprochen. Zu einem eindrucksvollen Erlebnis wurde Roschhaschono und Jomkippur das „Dawnen" für alle Bachurim und vor allem auch für die vielen Gäste, die zu den wxiv o»o» zu uns kommen waren. Für die Judenheit Belgiens und Hollands ist diese iu'v von großer Bedeutung und ist am besten wohl daran zu erkennen, daß sie vor noch nicht 3% Jahren mit sieben Schülern eröffnet wurde und heute schon über 40 Jünger zählt. Der Geist, der unter diesen Bachurim herrscht, kann die Leitung der na’r mit großem Stolz erfüllen. Als ein Beispiel für den großen Lerneifer der Schüler sei nur angeführt, daß an jedem Morgen schon lange vor dem Dawnen eine ganze Reihe von Schülern bei der Gmoro sitzen. Daß noch am Abend oft bis spät in die Nacht hinein gelernt wird, gilt fast als Selbstverständlichkeit, und gar manches Mal muß der wn selbst die allzu Eifrigen mit sanfter Gewalt ins Bett schicken.« Die Kosten betragen inkl. Wohnen und Essen nur 400 bfr. (etwa 50 Mk.) monatlich. Bisher ist es der na*»» aber dank hochherziger Spenden möglich gewesen, vielen Schülern Ermäßigung zu gewähren und fast der Hälfte der Schüler die Kosten ganz zu erlassen. Für die Zukunst plant die Jeschiwa, die Bachurim neben dem Lernen duch in einem Handwerk auszubilden. Leider fehlen vorläufig noch die finanziellen Mittel zur Einrichtung der nötigen Werkstätten. M. G. H. werden sich aber auch diese Pläne in Kürze verwirklichen lassen. Anfragen an die „Jeschibah Etz Ehajim" sind an das Sekretariat Antwerpen, Lge. Kievitstr. 6 zu richten. Jakob Stern, Heide-Berlin Tel-Awiwer — Allerlei. Bon Al. L. in Tel-Awiw. An den Feiertagen haben an etwa zehn verschiedenen Stellen G'ttesdienste der hier eingewanderten Deutschen stattgefunden. Die Beteiligung war zwischen 15—150 Personen. Hätte ein gemeinsamer G'ttesüienst stattgefunden, so gäbe dieses eine ganz stattliche Gemeinschaft. Es war jedoch keine Einigung über einen gemeinsamen Minhag zu erzielen. Hamburg, Frankfurt, Berlin, Regensburg. Breslau bestanden aus ihre eigenen Minhagim. Kleinstaaterei in schönster Reinkultur. * 4t * Die deutschen Olim werden hier mit herzlicher brüderlicher Liebe empfangen. Großes Aergernis jedoch — nicht bloß in religiösen, sondern auch in liberalen Kreisen — verursacht das Auftreten vieler deutscher Einwanderer, insbesondere aus dem Berliner Westen, die da glauben, ihr bisheriges Leben hier fortsetzen zu müssen. Die Tanzdielen sind hauptsächlich von diesen braven Glaubensgenossen gefüllt. Die meisten Autos, die jetzt am Sabbat die Straßen durchsausen, tragen die bekannte deutsche I. A.-Marke. Auch am Strand sitzen diese Herrschaften am Sabbat in Gruppen und großer Damengesellschaft beisammen, um ihre Zigarren zu paffen. Leider stehen der „Jria" (Stadtverwaltung) noch keine rechtlichen Mittel zur Seite, um ihnen klar zu machen, daß sie sich in Erez Israel befinden. Wir warten noch immer auf das Sabbatgesetz seitens der Negierung, da anders diesen Sabbatschändern nicht beizukommen ist. * * Es herrscht hier ein großer Mangel an Synagogen Obwohl es in Tel-Awiw ca. 100 Synagogen gibt und in den meisten Synagogen am Sabbat drei G'ttesdienste stattfindeu, ist die Beteiligung so groß, daß Beter in großer Anzahl auf der Straße stehen müssen. Alle diese Besucher halten den Sabbat, da der Mechalel Schabath hier keine Synagoge aufsucht. Es muß immer wieder darauf aufmerksam geinacht werden, daß für Kantoren, Schochtim, Lehrer (insbesondere nicht akademisch ausgebildete), Rabbiner und jede Art Synagogeubeamte — fasern sie nid)t eigenes

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