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Der Israelit · 1933-09-20 · Heft 38 (20.9.1933) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 38 (20.9.1933)
Date
1933-09-20
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
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20. September 1933 Der Israelit Nr. 38 Seite 19 Siesichernsich beste und prompte Erledigung Ihrer Inseratauffräge wenn Sie dem wirklichen Fachmann diese übergeben Außer der Generalvertretung des „ I s r a e 11 f u für Frankf. Geschäftsanzeigen übernehme auch Aufträge für die frankfurter Zeitung und allen anderer) Tages- und Wochenzeitungen zu Öriginalpreisen. ANNOHCEN-BÜRO JULIUS SCHMIDT FRANKFURT-M., OSTENDSTRASSE 83 TELEFON 45866. Triumph durch die Straßen geführt werden wird. Die Andern, die Männer in Schwarz, die Frauen im Feststaat eilen an den Ausgang des Dorfes. Ein großer Garten im prangenden Grün. Zwischen alten Bäumen zwei schlanke Säulen. Darüber gespannt ein Dach. Eine Chuppo, eine richtige Lhuppo. Und während von ferne die Lieder des neuen Reiches herantönen, treten unteir. freiem Himmel zwei junge Menschen zusammen. Ein Chaluz und eine Chaluzah, die mit der ganzen Kraft, der Unbekümmertheit und der Sorglosigkeit ihrer frischen Jugend, sich zusammensinden, um ein jüdisches Haus zu gründen, das sie errichten wollen, drüben aus dem durch den Atem der langen Zeit gesegneten Boden, dem Lande der Väter, der Zukunft, der vielleicht einzigen Zukunft der Jugend. Der Bräutigam in der Tracht des Arbeiters. Der Einzige fast, der keinen Zylinder aufhal. Diese dringlichen Etikettensorgen — August 1933!! — ob ja Zylinder, oder kein Zylinder, war übrigens für die Männer, die Bal-Battim, Anlaß zu hitzigen und stundenlangen Debatten, die schließlich;3U Gunsten des Zylinlindsrs entschieden wurden. Die Braut in Weiß, ein seidenes Tuch turbanartig um das Haar geflochten. Jung, rührend jung. Ein Kind schier. Und doch schon ein Ahnen der künftigen jüdischen Mutter. Aengstlich, verloren, fremd unter all den vielen Menschen. In unsäglicher Verlassenheit. Zwar beide Eltern leben — aber sie können nicht dabei sein. Wohnen noch nicht einmal so weit —. aber selbst das kann nicht erschwungen werden. Zwei jüdische Arbeiter heiraten. Haben sich aus dem frommen Lehrgut kennen gelernt in gemeinsamer Tätigkeit. Beide treibt es ins heilige Land. Heiraten noch schnell, um ein einzige!- Zertifikat benützen zu können. Merkwürdiges Bild. Zwei Welten berühren sich. Die alte Versinkende. Gespenstig fast die Zylinder-Männer, die einen Wohlstand, satte Bürgerlichkeit, Ausgeglichenheit vortäuschen, die bald nicht mehr sein wird. Und herauswachsend aus dieser Mitte die neue jüdische Jugend, die anspruchslos, schlicht, ohne falsches Pathos gewillt ist, mit der Härte der Zeit zu ringen. Die Gemeinde umringt das Paar. Neugierige drängen an den Zaun. Dorfburschen, die eine solch prunklose jüdische Hochzeit noch nie gesehen. Die Zeremonie beginnt. Siebenmal umschreitet die Braut, von einer mütterlichen Freundin geführt, den unbeweglich stehenden Bräutigam magische Kreise um ihn ziehend. Hebräische Lieder werden gesungen. Braut und Bräutigam trinken die vorgeschriebenen Becher Wein. Der Rav findet ergreifende Worte. Jubelnd und trillernd, einer Lerche gleich, steigt das „Lie" empor. Wieder tönen uralte Weisen. Zu glei- Zcher Zeit kommt der Festzug. Sie stören einander nicht. Zaber sie beachten einander auch nicht. Und doch gab es einmal eine Zeit, noch gar nicht so lange ist es her, knapp ein halbes Jahr, da Beides, sowohl die Wahl des christlichen Bürgermeisters, wie auch das Begehen einer jüdischen Hochzeit, mit großer Begeisterung gemeinsam vom gefaulten Dorf unterschiedslos begangen worden wäre. Für die Gemeinde aber ward diese Feier, die den Rahmen eines Familienfestes sprengte, und sich auswuchs zu einem' wahrhaften Gemeindefest, von ganz besonderer Bedeutung. Wie, eine Chassunah, wenn auch, wie sonst hier nicht ortsüblich, eine unter freiem Himmel, aber schließlich doch nur eine Chassunah, die sollte so etwas wichtiges sein? Weil zum ersten Mal seit jenen schweren Apriltagen, die die Gemeinde scheinbar äußerlich zerfallen ließ und die Einzelnen auseinander riß (um sie allerdings innerlich um so mehr mit einander zu verknüpfen), weil zum ersten Mal die Gemeinde zu einem außerg'ttesdiensblichen Anlaß sich wieder zusammensand. Es war ein Erwachen aus schwerem, dumpfem Traum. Ern verwundertes Augenreiben. Ein fast ungläubiges, seeliges Staunen. Nach allem was geschehen» nach allem. was bevorstehen mag: das jüdische Leben, es geht doch weiter, unbekümmert, nach ehernen Gesehen. Bor einiger Zeit las man es, und es war eine der erschütternsten Nachrichten, daß auf dem blutgetränkten Boden Hebrons eine neue Jefchiwah sich erheben wird. Dort, wo in sinnlosem Zerstöruugstrieb für immer scheinbar jedes jüdische Sein ausgerottet schien. Das fern-nahe Hebron dort, die Chassunah hier. Immer wieder werden jüdische Menschen sich zusammentun, der Wille zu leben, der Wille sich zu behaupten, er wird durchdringen die ewige jüdische Urkraft, sie wird sich durchsetzen. Unversiegbar, unzerstörbar. Eine Chassunah, nur eine Chassuna. Zwei junge Menschen, die nun die Fahrt über die Meere anireten. Eine ganze Gemeinde aber schöpft von neuem Mut. Dr. H. Ainderecke. Oie Geschichte von einem Linde, einem Rabbi» einem Papst und einem Roschhaschonogebek. Die heiligen Tage führen uns all jene G'ttessänger vot Augen, denen wir die wundervollen Festgebete, all jene Hvmnen und Huldigungen unseres Machsor, genannt p i j ui i m , verdanken. Diese Gebetdichter hießen die p a i t a n i m , ihre g'ttesdienstlichen Gedichte pijutim (Poetik). Die ältesten und größten pijutdichter hatten ihren Sitz in Malnz, dem alten Ul a g e n z o. Bekannt ist die Familie klont m u s, die eine ganze Reihe solcher Gebetbücher gestellt hat. Auch Rabbi Gers ch o m , „die Leuchte der Diaspora", der in Mainz residierte, verfaßte mehrere Slichaus und pijutim. Ebenso spielt sich die Geschichte -des Rabbi A m n o n und die Entstehung des „ Unssane totes", die hier nicht wiederholt werden soll, da Ihr sic wohl alle kennt, in Mainz am Rheine ab. Einer der größten paitanim in Mainz um 1000 ii. ii. Ztr. war Rabbi S ch i m e o n , wegen seiner Bedeutung Rabbi S ch i m c o it Hagadol (der Große) genannt, von dem die Gebetperlen zu I o - z c r für den zweiten Rosch-Hascho notag stammen. Auch dieser Rabbi Schimeon hat seine wundersame Geschichte, die in seinen Dichtungen angcdeutet wird. Rabbi Schimeon hatte einen Sohn namens Clchonon, der sich schon als kleines Kind durch erstaunliche Begabung auszeichnete und auf den der Vater die größten Hoffnungen setzte. Dieses Kind wurde im zartesten Alter von einer Dienstmagd entführt und der katholischen Kirche zugetragen. Im Kloster würde der Junge, nachdem ihm die Taufe aufgezwungen war, von Mönchen erzogen, und seine große Begabung führte dazu, daß er tm geistlichen Studium rasch vorwärts kam und von Stufe zu Stufestieg. Schon in jungen Jahren war er zum Bischof ernannt. Bald aber stieg der Bischof zum Kardinal auf und zuletzt wurde der Kardinal auf den päpstl ich c n Thron im Vatikan zu Rom gesetzt. Die Erinnerungen -ans Vaterhaus, an Gemeinde und ans Judentum begleiteten aber das Kind und den Geistlichen bis in seine höchste Stellung hinein. Und da er sich jetzt viel mit den alten jüdischen Lehren befaßte, loderte die Sehnsucht in seinem Herzen immer mehr und mehr auf. Cr verspürte ein unwiderstehliches Heimweh nach seinem Vater, hatte aber nicht den Mut, die Verbindung mit ihm zu suchen, in der Angst, das Geheimnis seiner jüdischen Herkunft damit zu verraten. Da ergab es sich eines Tages, daß der MainzerCrzbischoföie Juden von Mainz beim Papste anklagte und ihnen allerhand Verfehlungen anhängtc. Der Papst, bei dem ein plan reifte, gab den Befehl nach Mainz, den Juden schwere Kontributionen auszuerlegen und sie an einen bestimmten Termin des Stadtgebietes zu verweisen. Cr hatte den Termin mit Absicht etwas lange hinausgeschoben: in der sicheren Annahnfe, daß die Mainzer Juden es damit nicht bewenden lassen und eine Deputation nach Rom schicken würden. Aus diese Meise hoffte er, nach vielen Jahrzehnten wieder dem Vater Auge in Auge gegenüberzustehen. Seine Erwartung erfüllte sich. Schon nach wenigen Wochen waren die angesehenen Männer der Mainzer Gemeinde mit dem greisen Gberrabbi an der Spitze in Rom und suchte eine Audienz beim Papst nach, die ihnen gleich gewährt wurde. Der Papst erkannte sofort in dem Rabbi, der ihm zu Füßen lag und für seine Gemeinde flehte, seinen Vater wieder, und es kostete ihn viele Mühe, seine Gefühle zu verbergen. Wie er aber seine Widerstandskraft zu Ende sah, machte er es gleich Joseph in der Bibel, schickte alle Anwesenden hinaus, hob seinen Vater hoch und fiel ihm unter heißen Tränen um den Hals. Jetzt erkannte auch der Rabbi an der Stimme seinen geliebten Elchonon, um den er sein Leben lang getrauert hatte. Der Papst konnte dem Vater Nachweisen, daß er stets das Judentum im Herzen getragen hatte und daß er in feinem Marcanentum (geheimes Bekenntnis zum Judentum) nur auf eine Gelegenheit gewartet hatte, kraft seiner hohen Stellung seinem Volke zu dienen. Run war der Moment gekommen. Ein Edikt, oder wie man das richtiger nennt, 'eine Päpstliche Bulle ging sofort nach Mainz, die alle Beschränkungen und alle Maßnahmen gegen die Juden aufbob, die Kirche und die Bevölkerung ermahnte, den Juden in Liebe und Friedfertigkeit entgegenzukommen. „Wer einem Juden etwas zuleide tut, versündigt sich an der Kirche, die ihre Grundlehren ja auch vom Judentum bekommen hat." Eines Tages war der Papst aus Rom verschwunden und nirgendwo mehr zu finden. Die Kirchenfürsten glaubten und sprachen es auch aus, daß der Papst kraft seiner unvergleichlichen Reinheit und Heiligkeit zum Himmel hinaufgcstiogen sei, und es sei fraglich, ob er wieder zur sündigen Welt berabkommen würde. Man fänd sich damit ab und wählte einen anderen Papst. In der alten Schul zu Mainz saß aber ein Fremder, den keiner kannte, von dem keiner wußte, wann und woher er kam, Tag und Rächt über Gebet und Lehre. Wenn ec betete, ging ein solches Feuer und eine solche Andacht von ihm aus, daß alle mitgerissen waren. Erst nach seinem Tode, der kurz nach dem Tode Rabbi Schimeons erfolgte, flüsterte man sich in der Gemeinde einiges über den Zusammenhang zwischen jener päpstlichen Bulle, dem Rabbi und seinem verlorenen Kinde zu. Die Weit erfuhr nichts davon. In feinen aeltn Tagen dichtete Rabbi Schimeon jenes wundervolle Gebet zum zweiten Rosch Haschonoh-Tage, das mit den Worten beginnt mxo •’To'ittr •pTrisn piv und mit der weiteren Fortsetzung den Ramcn pyaw ergibt. In der zweiten Strophe, die mit trania anhobt, ist der Vatersname des Dichters pny enthalten. Die dritte Strophe beginnt aber mit den Worten pn 'X' und damit ist dem Sohne, der in Buße und Liebe ins Vaterhaus und zum Judentum zurückkehrte, nachdem er seine Heimatgemeinde vor dein Rntergange gerettet batte, ein leuchtendes Denkmal gesetzt. Die Worte setzen sich deutlich zu einem C l ch a n a n > — so hieß ja' einst das Kind, — zusammen. Das ist die Geschichte vom großen Rabbi Schimeon und seinem Sohne, die auch als Motiv in einer ganz anders ausgebauten Lehmann'scheu Erzählung dient. Ihr werdet gut tun, nach Lektüre dieser Geschichte, ein Machsor zur Hand zu nehmen und die Dichtung, die gleich nach folgt, nachzulesen und nachzulernen. Wöchevkalender. vom 23. — 30. Sept. 1933 > 3. — 10. Tischri 5694 »av> *p I Samstag |23 3 naw 712V 11'TKfl Sonmag '24 4 D DIS Montag 25 5 KD Dienstag Eop. 26 6 ao Mittwoch 21 7 AD Donnerstag 28 8 ID Freitag 29 9 no nsa di» Dis Samstag 30 10 1103 01'

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